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Unverfilmte Soundtracks (”Endlich gute Musik”- Outtake)

Ich habe ein Buch geschrieben. Das heisst “Endlich gute Musik”
und ist im Buchhandel erhältlich (wessen Buchladen um die Ecke unfreundliche Verkäufer hat, der kann es natürlich auch bei zum Beispiel Amazon bestellen, wenn er oder sie dem obigen (Partner-)Link folgt). In dem Buch geht es um Popmusik im weitesten Sinne und wie ich sie sehe, verstehe und wie sie mich geprägt hat. Dabei kommen die unterschiedlichsten Bands und Einflüsse vor, von Abba über Pantera bis Cure und N.W.A., um nur einige zu nennen. Nicht alle Texte, die ich für das Buch geschrieben hab, haben es auch in das Buch geschafft. Deswegen jetzt und hier sozusagen die Outtakes. Damit man ein leichtes Gefühl für das Buch bekommt und für die, die das Buch schon haben, als schönes Bonusmaterial. Wie gesagt: Der astreine Stoff ist nur im Buch selbst zu finden. Viel Spaß!


[YouTubeDirektBuchtrailer]

Manche Lieder entwickeln einen recht seltsamen Sog, wenn ich sie höre. Ich weiß nicht ob das nur an meinem Regie-Studium und meiner damit verbundenen, ständigen Suche nach Inspiration lag, aber wenn ich diese Songs höre, habe ich direkt konkrete Filmszenen vor meinem inneren Auge und die sind dann auch für immer mit diesen Szenen verknüpft. Szenen aus Filmen wohlgemerkt, die es gar nicht gibt (und vermutlich auch nie geben wird). Manchmal ist das nur ein Ausschnitt, manchmal entsteht in meinem Kopf eine komplexere Geschichte. Was manche Lieder eben so auslösen können. Ich beschreibe mal ein paar dieser Szenen, vielleicht kann man sich dann auch den Song vorstellen:

My cruel Joke – Soulwax
Der frustrierte Typ, Mitte Zwanzig, geht die nächtlichen und regennassen Strassen hinunter. Sie hat ihn verlassen, für einen anderen Typen. Und er hat noch an die große Liebe geglaubt, hat gedacht, das mit ihnen, das wäre etwas Besonderes. Er geht an die Orte zurück, an denen sie gemeinsam Sachen erlebt haben. Das Restaurant ihres ersten Dates, der Club in dem sie zum ersten Mal miteinander getanzt haben. Aber die Magie der Orte ist nicht nur weg, im Gegenteil: Alles dort ist hässlich geworden. Monster sitzen an den Tischen und lachen ihn aus. Menschen knutschen ekelig. Alles ist dunkel und schwarz und ungemütlich. Die Romantik ist weg und die Orte sind mit Hass aufgeladen. Der Typ kauft sich ein Bier und trinkt es auf seinem Weg durch die Stadt. Überall sieht er sie. Sie, die Sonne, das weiche Licht. Aber jetzt ist sie weg und mit ihr alles, was gut war.
Er bleibt stehen, atmet ein, atmet aus. Jetzt nur nicht die Kontrolle verlieren. Tief ein- und ausatmen. Sein Blick schweift über die spärlich beleuchtete Strasse. Und da sieht er sie. Sie mit ihrem Neuen, lachend in seinem Arm. Sie schlendern die Strasse hinunter. Sein Blick wird entschlossen. Seine Hand greift die Bierflasche noch fester. Schnellen Schrittes geht er über die Strasse, hinter den Beiden her. Ohne irgendetwas zu sagen zieht er dem Neuen mit voller Wucht die Bierflasche über den Kopf.
Sie fängt an zu schreien. Ein Kampf entsteht. Sofort ist überall Blut. Der Angegriffene schlägt zurück, tritt gezielt auf den Frustrierten. High Kick. Fast Martial Arts. Der Gefrustete fliegt rückwärts zu Boden, richtet sich wieder auf – und bekommt wieder einen Punch, gezielt ins Gesicht. Er hat keine Chance, er muss hier weg. Der Angegriffene verfolgt ihn. Auf seiner Flucht rutscht er auf dem glatten und nassen Kopfsteinpflaster aus, steht aber schnell wieder auf und läuft weiter. Sein vermeintliches Opfer immer hinter ihm her. Wo ist hier Sicherheit? Stress! Nachdem er Ewigkeiten gelaufen ist, sieht er sich vorsichtig um. Er wird anscheinend nicht mehr verfolgt. Erschöpft lässt er sich in einem Hauseingang auf den Boden gleiten und atmet durch.

Spanish Bombs – The Clash
Buddy Komödie. Der smartere hat das Mädchen bekommen, aber das macht dem Anderen nix. Sie haben gegen alle Widerstände geschafft, was sie schaffen wollten. Jetzt sind sie an der Strandpromenade, mit den vielen kleinen Geschäften. Die spätnachmittägliche Sonne wird sicher bald untergehen. Die Jungs schlagen ein, die Frau in der Mitte. So gehen sie die Promenade hinunter, die Kamera fährt leicht nach oben, bleibt aber stehen. Die drei Protagonisten entfernen sich immer weiter von der Kamera. Passanten laufen herum. Der Abspann läuft über die rechte Hälfte vom Bild. Mit dem Ende des Songs wird auch das Bild langsam schwarzgeblendet.

Jesse James – Brazzaville
Der hübsche Mann führt das Mädchen aus. Sie unterhalten sich angeregt im Restaurant. Sie sitzen zusammen im Kino und lachen sich kaputt. Dann zieht sie ihn in einen Fotoautomat, er will erst nicht. Die schwarz-weiß Bilder sind lustig, weil er nur Grimassen zieht. Sie balanciert auf einem Geländer, er hält ihre Hand. Sie sind auf dem Flohmarkt, er guckt ihr verliebt beim feilschen zu. Sie hat ihm ein rotes Halstuch gekauft. Er wirft es sich um den Hals, lässt es im Wind flattern und macht Revolutionsposen. Sie rennen durch den Park. Im Schutz eines Baumes eingeholt haben sie einen Moment. Kurz vor dem ersten Kuss. Sie gucken sich an, kommen sich näher, küssen sich fast. Dann löst sie sich los und rennt wieder weg. Er lachend und augenrollend hinterher.

Lost on the sea – Amari
Superheisse Sexszene. Vielleicht was mit Matsch oder mit zwei Frauen. Oder beides.

Someone for everyone – Nikka Costa
Drängt sich natürlich auf, aber würde auch unglaublich gut funktionieren. Ensemble-Film. Sämtliche Beziehungen sind an einem Wendepunkt, die einen dramatischer, die anderen vielleicht sogar glücklicher. Kamera bleibt bei den Hauptprotagonisten. Zeitlupige Zufahrten auf die Gesichter. Mal traurig, mal in freudiger Erwartung. Alle in anderen Situationen. Mit dem Gitarrensolo geht die Sonne auf und taucht die Gesichter noch mal in ein anderes Licht. Kitschig? Ja, vielleicht. Effektiv? Mit Sicherheit.

Hustle – Jamelia
Anfang des Films. Wir lernen die Hauptfiguren kennen. Wie sie cool in ihr Auto einsteigen, wie sie zur Arbeit gehen, wie sie essen, küssen, tanzen, lachen. Alle Leben scheinen noch in Ordnung (später wird natürlich was passieren, ich weiß aber nicht was). Bei den Hauptcharakteren das Bild in cooler Pose einfrieren und den Namen drunter schreiben. Action, Style, Sexyness. Ich sehe Cabrios. Charlies Angels. Alle sind guter Dinge. Autos fahren mit quietschenden Reifen von der Kamera weg. Der Filmtitel wird übergroß im Bild eingeblendet.

Young until i die – Muff Potter
Auch Filmanfang. Buddykomödie. Man sieht die beiden Leben parallel geschnitten. Der eine steht auf, wohnt in chaotischer Wohnung. Stolpert nach dem aufstehen über Pizzakartons. Sucht in Wäschehaufen mit Geruchstest nach Klamotten, die er noch anziehen kann. Der Andere hat ein spartanisch eingerichtetes Schlafzimmer. Stylisch reduziert. Steht auf, geht sofort ins Bad wo seine Klamotten ordentlich über dem Stuhl hängen. Der Chaot rasiert und putzt sich die Zähne unter der Dusche. Der Aufgeräumte macht alles ordentlich nacheinander. Dabei achtet er genauestens darauf, das keine Zahnpasta im Waschbecken landet. Der Chaot schmiert sich ein Toastbrot, das sofort auf den Boden fällt. Er hebt es auf, pustet einmal sinnloserweise drauf und steckt es sich in den Mund. Beim verlassen der Wohnung zieht er noch das Sakko an, stopft das Hemd in die Hose, hat den Toast im Mund und schließt hektisch ab. Der Andere hat sich bereits angezogen, entfernt letzte Fussel von seinem Jackett mit einer extra Fusselbürste. Sein Frühstück hat er korrekt in einer Tupperdose verstaut. Alles in einen Rucksack eingepackt verlässt er seine Wohnung und per Knopfdruck verriegelt die Tür.
Eine verranzte, zugetaggte Haustür. Der Chaot kommt raus, Toastbrot schon fast aufgegessen, Hemd noch aus der Hose hängend und wirft sein Skateboard auf den Boden, springt drauf und skatet die Strasse runter. An einem vorbeifahrenden Polizeiauto duckt er sich und hängt sich hinten dran. Eine Andere, schöne und neue Haustür. Die Kamera schwenkt zur Seite. Ein Garagentor geht auf. Heraus kommt der Aufgeräumte auf einem teuren Rennrad. Seine Hose hat er mit Fahrradklammern zur Seite gemacht. Schnurstracks fährt er los. Gleichzeitig im Bild zu sehen, wie beide zur Arbeit fahren. Der Skater springt vom Board, tritt hinten drauf und fängt es. Rennt durch eine Glashalle in einen Aufzug. Der Korrekte steht schon drin. Beide im Fahrstuhl, geben sich High Five. Die Fahrstuhltür schließt sich, der Vorspann ist beendet.

Musik zum Text:

„My cruel Joke“ aus „Much against everyones Advice“ – Soulwax
„Spanish Bombs“ aus „London calling“ – The Clash
„Jesse James“ aus „…in Istanbul“ – Brazzaville
„Lost on the Sea“ aus „Poweri“ – Amari
„Someone for everyone“ aus „Pebble to a Pearl“ – Nikka Costa
„Hustle“ aus „Walk with me“ – Jamelia
„Young until i Die“ aus „Heute wird gewonnen, bitte.“ – Muff Potter



Stirb, Medium, stirb!

Alles fängt an mit einem Tweet:

Erstmal zum Tweet-Autor: Ich mag Jens Best. Best geht vielen Leuten auf den Sack, weil er zu allem gerne seinen Senf abgibt. Ich bin auch oft uneins mit ihm, aber ich finde seine vehemente Auf-den-Sack-Gehigkeit wirklich aufrichtig bewundernswert. Er taucht nie ab, bleibt immer sichtbar und steht zu 100% für sich und seine Meinung. Find ich stark.

Aber hier irrt er und da er nicht der Einzige ist, der diese Annahme teilt, muss ich mal einen Text drüber schreiben. Keinen Text, der sich mit den grotesken Forderungen der Verlage (a.k.a. Leistungsschutzrecht) beschäftigt, da sind andere deutlich bessere Quellen mit fundierteren Meinungen. Ich finde das einfach nur Gaga.

Mir geht es um das im Netz sehr weit verbreitete Herbeisehnen des Todes von Medien, die älter sind als das Internet, also allen ausser dem Internet.

- Zeitungen
Zugegeben, die Verleger haben sich jüngst mit ihren Kampagnen keinen Gefallen getan und nicht unbedingt Freunde gemacht. Sie faseln von “Qualitätsjournalismus”, sind aber selber oftmals nicht im Stande, Grundqualität abzuliefern. Im Sinne von: Durchdachte Inhalte. Oder vernetzte Inhalte. Dazu noch die einseitige Berichterstattung über das Leistungsschutzrecht, das tut schon ein bisschen weh. Aber ich möchte trotzdem nicht drauf verzichten. Und viele Andere möchten auch nicht drauf verzichten.

Meine Eltern
Lesen jeden Morgen den KStA. Mein Vater regt sich immer auf, das die scheiße recherchieren, was ihm natürlich bei den Sachen auffällt, bei denen er sich auskennt. Und die Beispiele, die er mir genannt hat, die haben ja auch gestimmt. Dumme Redaktionsfehler, vielleicht Flüchtigkeitsfehler, vielleicht “Der Leser ist doch eh egal”-Fehler, aber definitiv unnötige Fehler. Und trotzdem hat er ihn noch abonniert und liest ihn jeden Morgen zum Frühstück. Um ein Grundbedürfnis nach Information zu decken. Das er nicht durchs Fernsehen decken lassen will, sowieso nicht durchs Internet, sondern durch die Zeitung beim Frühstück. Und wenn ich da zu Besuch bin, mach ich es genauso. Auch wenn ich iPad und Rechner und Kindle und Handy dabei hab: Ich finde das super beim Frühstück ein Holländerbrötchen zu essen und dabei in der Zeitung etwas ausführlicher als durch SpOn über die Geschehnisse von gestern informiert zu werden. Das ist fast meditativ.

Anderes Beispiel: Meine beste Freundin
Hat alles zu Hause und nutzt es auch ausgiebig. Computer, Handy, Fernsehen, alles da. Aber hat immer das Gefühl, uninformiert zu sein. Eine zeitlang gab es mal diese Zeitung zum selber zusammenstellen, ich glaube die hiess niuu oder so, da hab ich ihr mal (auch weil ich selber neugierig war) ein Probeabo zusammengestellt und schicken lassen. Und sie fühlte sich rundum informiert. Hat sich morgens mit einer Tasse Tee in die Küche gesetzt, wenn unser Kind in der Schule war, und gelesen. Oder die Zeitung in die Tasche gestopft und im Café gelesen. Die würde niemals einen Rechner mitnehmen oder im Café auf SpOn irgendwelche Neuigkeiten lesen. Da würde sie dann eher eine der herumliegenden Zeitungen nehmen.

(Nachtrag: Als ich eben mit ihr telefonierte, meinte sie, das sie mittlerweile doch Nachrichten auf dem Handy lesen würde, wenn sie irgendwo rumsitzt…na gut. Sie hat aber nochmal betont, wie sehr ihr die niuu gefallen hat!)

Zeitungen haben einen Sinn. Das Medium “bedrucktes Papier” hat einen Sinn. Ist robust, ist leicht, ist easy anwendbar. Das ist nicht zu ersetzen. Ja, seine Inhalte bedürfen einer Nachjustierung. Aber deswegen erkläre ich doch kein Medium für Tod.

“Ja, aber die FTD!”

Wenn man es nicht schafft, Leser von seiner Einzigartigkeit am Markt zu überzeugen, dann macht man vermutlich etwas falsch, vor allem wenn man als Letzter kommt. Es tut mir ja leid, aber da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man auch wieder als Erster geht. Und wenn man sich so arrogant verabschiedet, wie die FTD das getan hat, dann war das vielleicht auch alles nicht so falsch.

“Ja, aber die FR!”

Ja, die FR bedauer ich auch, wobei ich die auch nur online gelesen hab. Aber hier gilt das natürlich auch: Wer liest die noch, wo ist der Leser. Und damit meine ich eben kein blindes hinterherrennen irgendwelcher Marktforschungs-Ergebnisse, sondern Intuition. Gespür für den Leser, für den Markt. Das war wohl nicht gegeben. Ich hätte ehrlich gesagt gedacht, das es zuerst die Berliner Zeitung erwischt, aber nun ja. Wenn man am Leser vorbeischreibt, dann kann man nicht bestehen, so leid mir das auch tut.

“Ja, aber die PRINZ!”

Hahahahahahahahahaha. Das letzte Mal, dass ich in die PRINZ geguckt hab, war das ein Gutscheinkatalog mit Partybildchen. Nichts mehr an Originalität, keine Meinung mehr, nur noch MaFo, MaFo, MaFo und dem Anzeigekunden in den Arsch kriechen. Sorry, aber warum gab es die überhaupt noch so lange?

Das sind eure Argumente für den Tod der Zeitung, für das Ende von Print? Da müsst ihr aber noch eine gehörige Schippe drauflegen, um mich zu überzeugen. Und viele Andere auch. Ich weiß natürlich auch ehrlich gesagt nicht, warum so viele im Internet sich wünschen, das gedrucktes stirbt. Es nimmt dem Netz nichts weg. Und so viele Baumschützer gibt es nicht mal online. Aber, liebe Leute: Get over it. Print bedient etwas, was das Netz nicht bedienen kann. Ja, es werden noch andere Zeitungen und Zeitschriften sterben. Es geht vielen schlecht. Und das große Auflagenwunder vergangener Jahrzehnte ist vorbei. Der Markt wird dünner. Aber er wird niemals verschwinden. Was eine Zeitung (in der analogen Welt) kann, kann nur eine Zeitung. Ich werde zumindest niemals eine Ecke meines Handys abreissen, um einen Kaugummi reinzupacken. Eine Telefonnummer auf meinen kindle kritzeln. Einen Tag später ausführliche Texte im Netz suchen zu Nachrichten, die ich da einen Tag vorher gelesen habe (wenn ich nicht drauf hingewiesen werde). Oder am Frühstückstisch meiner Eltern mit einem iPad sitzen.

- Fernsehen

Auch hier: Totaler, seltsamer Hass von Menschen, die sich stolz damit brüsten, gar keinen Fernseher mehr zu haben. Und die rufen es in die Welt hinaus: Fernsehen ist tot, braucht keiner mehr, Volksverdummung, blablabla. Regen sich aber dann über jeden TV-Beitrag über das Internet auf, der tendenziell negativ ausfällt. Wald? Hineinruft? Herausschallt?

Wenn man sich das Netz ansieht, hat man es beim Fernsehen immer noch mit dem Leitmedium Nummer 1 zu tun. Auf Twitter wird gemeinsam Tatort oder “Bauer sucht Frau” geguckt, bei Facebook versammelt man sich auf Fanpages über das Dschungelcamp und auf vielen Blogs lese ich Artikel über Dexter, Game of Thrones, Misfits oder die Big Bang Theory. Alles Fernsehen. Die Mediatheken der Sender laufen heiss, wenn eine neue Folge “Roche und Böhmermann” online geht und Zattoo dürfte zu internationalen Fussballturnieren einen deutlichen Download-Anstieg verzeichnen. Alles Fernsehen. Piraten lassen sich regelmässig zu Lanz oder anderen Talkern einladen. Bei Protesten vor dem Brandenburger Tor werden ZDF-Journalisten via Twitter beschimpft, weil sie zu wenig oder gar nicht berichterstatten, was so vielen berichterstattungswürdig erscheint. Und auf SpOn wird jede Talkshow am nächsten Tag besprochen. Alles Fernsehen.

Sieht so ein totes Medium aus?

Was ich nie kapiere ist: Das Wirkprinzip von Fernsehen ist ein komplett anderes, als das vom Netz. Die einzige Gemeinsamkeit sind laufende Bilder. Beim einen Medium als Default, beim anderen als Option. Das war es aber auch. Fernsehen ist eines der passivsten Medien, die es gibt, was gleichzeitig auch die Erklärung für seinen großen Erfolg ist. Ich muss nichts anderes tun ausser umschalten. Immer läuft irgendwo, irgendwas. Etwas läuft, was ich immer weiter laufen lassen könnte. Ich muss nichts tun. Nun mag es auch im Netz Seiten geben, die mir unendlich viele Videos hintereinander vorspielen, aber die sind eher selten. Und da ist das “umschalten” auch nicht so einfach, erfordert einen Mausklick, der sich aber vorher genauer mit dem Inhalt beschäftigen muss, damit ich überhaupt weiss, wo der Klick hingehört, wo der Link ist. Alles schon wieder viel zu viel Aktion. Ja, Fernsehen ist ein faules Medium. But guess what: Das ist sein Erfolg.

Warum also den Tod des Fernsehens herbeisehnen? Welchen Teil des Internets stört das Fernsehen? Ja, Fernsehen ist ein Medium, das primär “von oben herab” sendet. Die lassen sich die Inhalte nicht so leicht diktieren, wie irgendwelche Blogger oder im Zweifelsfall noch News-Seiten, das pisst viele an. Na und? Noch kein Grund zur Abschaffung oder kein Anzeichen des Untergangs. Diese ganzen schlauen Medienpropheten, die dem TV seine baldige Abwesenheit prophezeihen, vernachlässigen alle Umstände und stellen ihre eigene Sichtweise als Vision auf. Fernsehen muss auch nicht allen gefallen, das ist in Ordnung. Niemand kann gezwungnen werden, einen Fernseher zu besitzen. Auch okay. Aber einen gesunden Patienten, der hier und da ein paar Zipperlein hat, deswegen gleich für Tod zu erklären? Das ist wie bei “Ritter der Kokosnuss”, als der den Alten auf seiner Schulter zum Wagen rausbringt, auf dem die Toten gesammelt werden und der Alte ruft: “Lass mich runter, ich bin gar nicht tot, ich will spazieren gehen!”.

Das Fernsehen ist durchaus kritikwürdig. Heutzutage läuft da sehr viel Scheisse. Und das müsste nicht sein. Auch hier wieder: Marktforschungsoptimierte Programme sind ein Graus. Und die Verarschung und Vorführung von Leuten im Privatfernsehen in Formaten wie “Bauer sucht Frau” oder “Schwer verliebt” ist zum kotzen und soll allen Verantwortlichen ein fieses und fettes, haariges Furunkel am Arsch wachsen lassen. Aber Fernsehen darauf zu reduzieren, ist wie zu sagen: Das Internet ist vor allem Kinderpornographie. Reine, alberne Demagogie.

Ich freu mich schon, wenn irgendein Shoppingsender schliesst und dann online zu lesen ist: “Das große Fernsehsterben beginnt!”

- Radio

Warum lese ich eigentlich so wenige Rants gegen das Radio? Weil viele “Wortführer” im Netz von da kommen? Weil man das im Auto zur Arbeit noch braucht? Weil Podcasts nichts anderes sind?

Das finde ich erstaunlich. Die große Kritik am Medium Radio, die Rufe über ein “totes Medium” oder für “Kein Grundrecht auf Rundfunk” sind doch eher seltener Natur. Ich muss ehrlich gestehen, das mir das von allen Medien eigentlich am egalsten ist. Ja, ich höre gerne Domian, aber den kann ich ja auch gucken. Ich freu mich auch wenn ich mal einen guten, mir unbekannten Song im Radio höre - verfluche aber auch die Radiomacher dafür, es mir extra schwer zu machen, herauszufinden was ich da genau gehört habe. Ja, ich kann das online nachgucken, aber wie schön wäre es, wenn ich keinen Mediensprung machen müsste und mir einfach geSAGT würde, was ich gerade gehört hab? Max Goldt schrieb mal sehr schön sinngemäss über Radio, dass er niemand bräuchte, der ihm sagt, was für eine gute Stimmung er nun haben müsse, dass er seine Laune ganz gut selber im Griff hätte, er aber bei guter Musik immer gerne wissen würde, was er denn da nun gehört habe.

Radio ist das vielleicht schlimmste Opfer des Marktes, weil man hier (meine ich mich zu erinnern) irgendwie nicht so richtig “Quoten” messen kann und sich deswegen nur auf Zahlen gestützt wird, die irgendein Unternehmen im Quartal produziert, basierend auf Umfragen etc. Da wirds dann ganz abenteuerlich. Und alle Sender halten sich sklavisch an diese Zahlen, so wie es auch alle Werbekunden tun. Deswegen hat man beim Gros der Sender heute nur noch Jingle-Geballer und “Das Beste von Früher, Heute, Morgen und Niemals” oder so am Start.

Wie gesagt: Ich brauche Radio nicht unbedingt als Medium, zu selten sind unsere Berührungspunkte. Aber es gibt viele Menschen, die gerne Radio hören. Die jeden Morgen im Stau auf dem Weg zur Arbeit stehen und da gerne David Guetta hören, oder irgendwas Anderes, was sie vielleicht nicht selber auf CD haben. Oder die hören wollen, wo Stau ist. Oder auch Menschen, die dann zu Hause klassische Musik hören oder Hörspiele oder Reportagen. Es gibt Radiohörer und es soll sie geben. Radio nimmt meinem Medienkonsum nichts weg, gar nichts. Warum sollte ich also dagegen sein, warum sollte ich permanent rufen “Radio stirbt” und wenn dann nach fünf Jahren wirklich mal ein Lokalsender zu macht direkt rufen: “Seht ihr! Ich habs gesagt: Radio stirbt! Und das war erst der Anfang! Alle Anderen werden folgen! Radio stirbt, weil es unmodern ist!”

Warum rufen Menschen so was? Warum diese Verbitterung, diese Unentspanntheit?

Es gibt Tage, an denen kotzt mich das Internet an. Da bleibt man in irgendwelchen Kommentarspalten großer Zeitungen stecken oder liest dämliche Verschwörungstheorien oder klickt aus Versehen auf einen Broder-Artikel oder wundert sich über all den unreflektierten Hass und die Grabenkämpfe allerorten. Wundert sich, wie man dem Menschenbild, das im Netz konstruiert wird, jemals entsprechen soll. Wundert sich über das plötzliche aufpoppen eines Fettnäpfchens, das man nie als solches wahrgenommen hat, man aber gleich abgewatscht wird mit der Haltung, das man es schon immer hätte kennen müssen - denn es steht ja im Netz. Diese Tage frustrieren mich. Mich, der ich das Netz immer als tolles, fantastisches Medium propagiere. Als spannende Welt, als Meinungskanal, als vollkommen neue Möglichkeit des publizierens. Als spannenden Pool verschiedener Sichtweisen. Der leider oftmals dann aufhört, wenn die Meinung eine Andere ist.

Und dann klapp ich den Computer zu. Und mach den Fernseher an. Oder lese ein Videospielmagazin wie die “M!” oder das Rapfachblatt “Juice”. Oder ein Buch. Und denke:

Hach. Auch schön.