Das Zocker Manifest

Wir sind keine Freaks, zumindest nicht mehr wie ihr auch. Wir sind überall. Wir sind Lehrer und Schüler, Punks und Katy Perry Fans. Manche von uns spielen alle Jubeljahre, andere haben noch gar nicht rausgefunden, dass sie mit ihrem Fernseher auch fernsehen können. Es gibt zockende Richter und spielende Junkies.

Wir sind männlich, weiblich, transgender oder manche haben sich noch gar nicht festgelegt (und wollen das vielleicht auch gar nicht). Wir sind Menschen, die davon träumen, vom Fifa spielen leben zu können. Wir freuen uns unsere Sims aufwachsen zu sehen oder im großen Clan gemeinsam zu spielen. Und dennoch wissen wir, dass es ein Spiel ist. Wir verwechseln die Spiele nicht mit dem Leben. Unser Hamlet heißt Batman. Wir erleben Abenteuer mit Francis Drakes Nachfahren Nathan. Und Jahre nach dem ersten Lara Croft Abenteuer haben wir noch viel zu wenig Heldinnen, aber wir wissen das und wir sagen das und man hört uns zu.

Wir gucken einen Film nicht nur, wir gestalten ihn mit. Wir lesen eine Geschichte nicht nur, sie würde ohne unsere Hilfe gar nicht weitergehen. Unsere Helden sind schon unzählige Male gefallen und wieder aufgestanden. Unsere Autos haben wir schon so oft gecrasht, dass wir es nicht mehr zählen können, aber wir sind wieder eingestiegen und weiter gefahren, bis wir diese eine Haarnadelkurve in Ideallinie geschafft haben. Wir singen mit unseren Freunden die größten Hits und kriegen dafür Rekordpunktzahlen (und wenn nicht, dann haben wir trotzdem rekordverdächtigen Spaß – vielleicht sogar noch mehr). Wir sind Junggesellen oder Teil einer großen Familie, in der jeder sein Lieblingsspiel hat.

Es kann gar keinen Klischeespieler geben, weil es nicht den Spieler gibt. Wir sind grundlegend verschieden. Wir sind so bunt wie die Welt. Wir sind auf allen Kontinenten zu Hause. Wir sind über den ganzen Planeten vernetzt. Ein Mädchen aus Neuseeland teilt ihr selbstgebautes Little Big Planet Level mit einem Profizocker aus Schweden. Ein Cosplayer aus der Schweiz tauscht Final Fantasy Fanart mit Online-Freunden aus Japan. Ein deutscher Rentner holt sich bei einem brasilanischen Clan Tipps für Call of Duty.

Bei uns ist Alter, Geschlecht, Aussehen und Herkunft egal. Wir lieben unsere Konsole als ein Fenster in andere, großartige Welten. Egal ob echt oder virtuell. Wir hassen cheaten und machen es doch selber manchmal. Wir hassen Komplettlösungen und googlen sie doch selbst manchmal, wenn wir nicht weiterkommen. Aber wir schämen uns dann dafür. Und das ist okay. Wir haben nie behauptet, nicht widersprüchlich zu sein.

Wir sind Videospieler. Wir sind wie ihr, die Nicht-Videospieler. Wir haben nur eine zusätzliche Erlebnisebene. Und zu der laden wir euch gerne ein. Hier, nehmt den Controller in die Hand, drückt das X und folgt uns. Tut auch gar nicht weh. Und wenn ihr glaubt, das sei nichts für euch, dann hört auf unsere Worte, denn wenn uns jahrelanges spielen etwas gelehrt hat, dann:

Es gibt für jeden das passende Spiel.

Ich hab diesen Text für die CONSOUL geschrieben, einem Umsonst-Spiele-Magazin von Sony, aber ich wollte ihn auch nochmal auf mein Blog packen, damit er auch online verfügbar ist - wo er ja irgendwie auch hingehört.



Wenn, dann so: Die Höchste Eisenbahn “Schau in den Lauf Hase”

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Ich will nicht lange rumdrucksen: Das ist die Platte des Jahres. Jetzt, wo es raus ist, kann ich mich entspannen, muss keinen künstlichen Spannungsbogen aufrecht erhalten, sondern kann versuchen in ganz klaren Worten die perfekte Schönheit dieses Debuts zu beschreiben und zu loben. Kann ruhig auch so Dinge sagen wie: „Mehr als dieses Album braucht von 2013 nicht übrig bleiben.“ Oder: „Wenn ich mich für drei Dinge für die berüchtigte einsame Insel entscheiden müsste, wären es wohl Die, dann Höchste und Eisenbahn.“

Und dann würden die Leute beim lesen aber unruhig werden. Die Augen würden weiterwandern, den Text verlassen und bei irgendeinem Quatsch hängenbleiben. Weil es nur flache Platitüden wären. Und ich müsste aufpassen. Solche Sätze wohl dosiert einsetzen, wenn überhaupt. Das Letzte was ich will, wenn ich beschreibe warum „Schau in Den Lauf Hase(Amazon-Partnerlink) für mich eine der großartigsten Pop-Platten seit langer Zeit ist (neben „Drei ist ne Party“ von Fettes Brot – die in keinerlei Konkurrenz zueinander stehen), ist den Eindruck zu erwecken, Zeilen schinden zu wollen. Ich will einfach ein Gefühl aufmachen, das vielleicht ansatzweise das erreicht, das diese (bei mir) Platte auslöst.

Aber eine Platte besprechen, von schnoddrigem Gesang sprechen, diese Art Pop historisch einordnen, andere Bands in diesen Kompositionen hören und das alles in elaborierte Worte fassen, das kann ich eigentlich nicht, vor allem nicht wenn ich Begeistert bin. Dann will ich BRÜLLEN! Ich will mich auf den Marktplatz stellen, auf eine Kiste mit einer Flüstertüte und rufen: Menschen, kauft diese Platte, hört sie, Tag und Nacht! Ich verspreche, diese Welt wird ein besserer Ort! Versuchen kann ich es ja trotzdem mal:

Die Lieder von Die Höchste Eisenbahn entwickeln alle einen so seltsamen Sog, wie ich ihn das letzte Mal vielleicht bei der „Siamese Dream“ der Smashing Pumpkins erlebt habe und doch ist es musikalisch nicht zu vergleichen. Verzerrte Rock-E-Gitarren finden hier nicht statt. Hier hört man 80er Jahre Synthesizer, entfernte Saxofone, Kinderchöre, Drummachines und zärtliches Schlagzeug, weiche, anschmiegsame Gitarren, ein ehrliches Piano, zurückhaltende Streichersätze. Wie kann ich meine Begeisterung ausdrücken, ohne für esoterisch gehalten zu werden? Wie kann ich den Ausdruck „sphärisch“ umschiffen? Ich spüre eine gute Dosis Hall & Oates. Ich schmecke Spandau Ballet, einen ordentlichen Schuß Cure, Paul Simon und Hamburger Schule. Und natürlich ein sehr, sehr eigenes Verständnis von Musik, von Kompositionen, die so eine schöne Trauer haben, dass man sie am liebsten auf ein Bier einladen würde, aber nicht um sie glücklicher zu machen, sondern um ein bisschen was von dieser wundervollen Traurigkeit abzukriegen, die einen nachts mit Tränen in den Augen durch die verregneten Straßen spazieren und lachen lässt, weil einem so viel bewusst wird, wenn alles drum herum stimmt.

Die Texte handeln oberflächlich größtenteils vom scheitern. Aber wer immer scheitert, der sieht das anders. Der scheitert nicht. Und die Situationen in denen die Texte spielen, können nicht im klassischen Sinne gut ausgehen. Es sind keine Happy End-Situationen. Es sind eher die Momente kurz vor der Klimax, die, in denen dem Held bewusst wird, was er alles falsch gemacht hat. Und nach denen er damit anfangen wird, alles besser zu machen. Man kann auch sagen: Die wahrhaftigsten Momente im Leben.

Im Lied „Pullover“ zum Beispiel, meines Erachtens nach der Überhit dieser Hitplatte, wird mit einer textlichen Auf-den-Punktheit eine Liebe beschrieben, die für immer ist, aber scheitern muss. Weil im Leben so vieles ist, das es so schwer macht, für-immerigkeit zu leben. Aber vielleicht ist das ja toll, vielleicht ist das ja gerade schön. Vielleicht ist es ein toller Moment, das zu begreifen. Vielleicht ist es ja „für immer“, nur eben in diesem Moment. Die letzte Zeile des Refrains heisst dann auch: „Ohne Kopf ist er endlich das was er ist.“ Dazu pumpen die Rhodes in schönsten Sehnsuchtsfarben.

Oder „Mira“: Die Akkustikgitarre pickt sanft, aber bestimmt. Und wir hören die Geschichte eines Paares, das sich ein Haus anguckt und dort wohl seine Zukunft plant. Aber der Mann, der Sänger, dessen Perspektive wir hier erzählt bekommen, kann sich nicht dazu durchringen. Kann sich nicht verbindlich auf eine Zukunft einlassen. Weil er sich nicht traut. Weil er Angst hat, dass dieses Idyll die Endstation sei. Das man sich so einen Klotz ans Bein bindet, mit so einem Haus, den man nie wieder los wird. Man läuft durch so eine Gegend und alles ist schön. Ausser sich alt werden zu sehen. Zumindest nicht für den Helden dieses Lieds. Und die Frau hat keine Alternative: Sie muss Schluss machen, wenn sie keine Lust auf so eine Unsicherheit hat. Sie erwartet anderes vom Leben. Das Ganze erzählt in bittersüßen vier Minuten sechsunddreissig. Wahnsinn.

Die Höchste Eisenbahn macht mit ihrem ersten Album keine große Hoffnung, dass am Ende alles gut würde. Aber sie schenken trotzdem ein gutes, ein wunderbares Gefühl. Weil vielleicht gar nicht alles gut werden muss oder kann. Ein bisschen wäre ja auch schon gut. Eine Platte wie ein Sonnenuntergang, der alles wegwischt und resetet. Die Höchste Eisenbahn kennt die Problemchen, mit denen wir uns rumplagen und die uns oft zu peinlich sind, um sie zu teilen. Und sie finden sehr präzise und genaue Worte, uns diese eigenen Doofheiten vor Augen zu führen. Aber diese Formulierungen, diese Worte sind so präzise, dass sie auch noch genug Platz und Raum lassen, sie absichtlich mißzuverstehen. Denn wer uns so genau kennt, der weiß auch was für uns am wichtigsten ist: Selbstbetrug. Und dafür ist immer Platz.

Die Platte endet mit den (ja, italienischen) Worten: „Sono io che afferra quello che non vuole.“ Was ich jetzt mit meinem zusammengeklaubten Italienisch als: „Ich habs nicht gerafft…“ übersetzen würde. Fänd ich irgendwie ein gutes Fazit. Auf eine seltsame Art.



Franziskusweg, Finale

Zum vorigen Tag 4 geht es hier.

Ich wachte auf. Es war Montag. An diesem Tag musste ich nach Assisi. Ich freute mich total, da wollte ich unbedingt mal wieder hin, nachdem ich zum ersten und letzten Mal dort war. Assisi ist ein sehr seltsamer Ort, das wusste ich noch. Ich wollte mich nur vergewissern, dass ich das auch richtig in Erinnerung hatte.

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Ich freute mich aber auch noch aus einem anderen Grund: Ich hatte meinen Frieden mit dem Weg geschlossen. Mein Zeitplan sah vor, an diesem Tag in Assisi anzukommen. Das wäre nur mit laufen nicht möglich gewesen, weil ich ja unbedingt diese Etappen mitnehmen wollte, auf der man die Grenze zwischen der Toskana und Umbrien überschreitet. Deswegen musste ich sowieso Etappen ausfallen lassen. Da es mir aber vollkommen albern vorkam, mit Bus und Bahn quer durchs Land zu fahren, um dann noch mal einen Kilometer zu laufen, hatte ich beschlossen, dass der Franziskusweg und ich miteinander fertig seien. Wir haben uns bekriegt, wir haben uns auch wieder vertragen, aber zu diesem Zeitpunkt, an dieser Stelle, konnten wir auch aufeinander verzichten. Mit größtmöglichem, gegenseitigen Respekt.

Ich fragte, wann der Bus die Stadt verlässt. Erst am späten Mittag, erfuhr ich in der Bar, der Erste fuhr sehr früh und den hatte ich verpasst. Ich freute mich den halben Tag auf der Piazza meines selbstgewählten Lazarettortes zu verbringen. Ich sass da mit meinem Rucksack, hatte mir in dem Tante Emma-Laden, aus dem ich Tags zuvor auch den Schinken hatte, ein bisschen Brot, Pecorino und eine selbstgemachte Geflügelpastete gekauft und tippte auf meinem iPad rum. Die Piazza hat ein eigenes, freies WLan. Also eigentlich sogar besser als im Hotel. Als der Mittag nahte, setzte ich mich ins Restaurant an der Piazza und ass leckere Pasta. Ich stellte mich in die Sonne und wartete, von der Dorfjugend aus der “Spacebar” beobachtet, auf den Bus, dessen Ankunft preussisch präzise mit “zwischen 13 und 14 Uhr” angegeben wurde.

Irgendwann in diesem Zeitraum ist er dann auch tatsächlich angekommen. Ich stieg ein, sagte wo ich hin muss, aber der Fahrer war eher daran interessiert, sein faszinierendes Gespräch weiterzuführen, weswegen er mich nach hinten durchwinkte. Kein Ticket für mich. Na gut. Ich wollte mich da jetzt auch nicht so aufdrängen.

Der Bus flog geradewegs durch die Serpentinen. An einer Station gab ein Opa seine zwei Enkel ab, die sich dann direkt hinter den Busfahrer setzen mussten und der sie immer nach der Schule fragte und wie es bei ihrem Opa war und so. Der fragte immer so streng und fordernd, während er den Wagen locker durch die engen Bergstrassen lenkte. Und die Kinder haben lachend geantwortet. Ein einstudiertes Spiel. Das war sehr rührend.

kleinbahn

In einem größeren Ort musste ich dann in die Bahn umsteigen. Nachdem ich mein Ticket dafür gekauft hatte, ging ich aufs Gleis und wartete. Die Bahn, mit der ich fahren musste, sah von aussen total super aus. Wie ein einzelner Wagon, der von alleine fährt. So was hab ich noch nie gesehen. Von innen war es aber eher ungeil. Halt so eine runtergerockte Regionalbahn.

Nach einer halben Stunde Fahrt, musste ich an einem anderen Bahnhof erneut umsteigen, hatte aber ungefähr zwanzig Minuten Zeit. Ich wollte mir in einer Bar einen kleinen Snack holen, wenigstens etwas zu trinken (was ich natürlich nicht mehr hatte, aber verdammt: Ich war jetzt in der Zivilisation!). Vor mir an der Kasse stand jemand, der sein Kleingeld gegen Scheine an der Kasse tauschte. Wie auch immer diese seltsame Konstellation zu Stande gekommen war. Der Mann stand da und zählte sehr langsam und sehr genau seine Münzstapel ab, bevor er sie dem Kassierer rüberschob. Ein ebenso faszinierendes, wie seltsames, wie hypnotisierend einschläferndes Schauspiel. Wenn ich mal nicht schlafen können sollte, werde ich mit Sicherheit an diese Begebenheit zurückdenken.

Ich aß mein Brot mit den ultrasuperen Geflügel-Spread und dann kam auch meine Bahn. Direkt nach Assisi.

Der Bahnhof von Assisi ist ein wundervolles, altes Gebäude. Ich stieg aus dem Zug und atmete tief ein. Ich war am Ziel. Hier wollte ich hin. Und meine Erinnerung, dass Assisi eine Art „Katholiken Wunderland“ war, wurde schon am Bahnhof bestätigt, denn in den Räumen roch es volle Kanne nach Weihrauch. Ich kaufte mir ein Busticket und stellte mich an die Station, zusammen mit ein paar anderen Touristen. Auch Nonnen warteten mit uns.

Das Zischen der Busbremsen weckte mich auf. Ich stieg ein. Ergatterte einen schönen Fensterplatz. Ich war damit beschäftigt, mir die ganzen Mitreisenden im Linienbus anzusehen. Was trieb all diese Leute hier her? Warum waren die hier? Warum Assisi? Man tendiert dazu, jedem irgendwelche persönlichen, christlichen Motive zu unterstellen, nicht nur ein rein touristisches Interesse. Wobei es vermutlich genau das sein wird. Ich war ja auch nicht dort, um zu beten.

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Das aufgeregte Kamera-richtung-Fenster-halten eines japanischen Touristen lenkte meine Aufmerksamkeit auf den Blick nach draussen. Und da war er: Der Berg, mit dem eingebauten Kloster. Schon wenn man hoch fuhr ein ehrwürdiger, ein erhabener Anblick. Die Stadt wurde mit dem exakt richtigen Hang zur Dramatik angelegt. Und wie ich da so sass und hochfuhr, da dachte ich bei mir:

„Ärgerlich. Hier hättest du hoch laufen können. Auf eigenen Füßen. Wenn du durchgehalten hättest.“

Und bin ganz lange auf diesem Gedanken hängengeblieben. Bis er abgelöst wurde. Von einem ganz anderen Gedanken.

„Du bist angekommen. Das war das Ziel und jetzt bist du da. Du hast es geschafft, Nilz.“

Ich bin um die 65 Kilometer durch Italien gelaufen und vermutlich noch mal genauso viel durch Italien gefahren. Ich hab in einem Dorf gewohnt, das ich nicht kannte und in dem ich vermutlich nie wieder landen werde. Ich hab mich zum ersten Mal wirklich in Lebensgefahr gefühlt und dann gelernt, was ich noch für Reserven habe. Ich habe eine andere Pilgerin kennengelernt. Ich habe gelernt, wie gut Wasser schmecken kann. Ich habe überhaupt viel über den Wert von Wasser gelernt. Ich hab mich einem Abenteuer ausgesetzt und ich habe ein Abenteuer bekommen. Ich habe festgestellt, wie gut ich italienisch sprechen kann. Ich habe meinen Fußabdruck an Stellen hinterlassen, an denen so schnell bestimmt niemand vorbei kommt. Und ich hab so ein Springbockding vor meiner Nase gehabt.

Ich stieg aus dem Bus und ging durchs mittelalterliche Stadttor nach Assisi rein. Der Weg zum Dom war gesäumt von Souvernirläden. Der Drachenfels des Glaubens. Ich musste meiner Tochter unbedingt so eine One-Direction-Tasche mitbringen. Im Dom zündete ich eine Kerze an, weil mein bester Freund mich um diesen Gefallen gebeten hatte. Ich fotografierte die digitale Kerze (man kann dort nur noch Kerzen „anzünden“ indem man Geld in eine Box wirft und dann auf einem Ständer irgendeine elektrische Kerze aufleuchtet). Da am Eingang stand, dass fotografieren im Dom verboten sei, nutze ich dazu allergrößte Geheimagenten-Akkuratesse. Wenn ich darauf angesprochen würde, von einem dieser Kuttenträger, die dort rumliefen, würde ich alles erklären. Kein Christ dieser Welt hätte mich dann nicht gewähren lassen.

Für Uschi

Dann habe ich auch noch die Gebeine von Franziskus in den Katakomben des Doms besucht, der meiner Meinung nach beeindruckendste Raum, weil sich dort die Gläubigen versammeln, für die es essentiell ist, in Assisi zu sein. Eine ältere Frau trug eine selbstgebastelte Franziskus-Uniform, die ein wenig wie eine Pfadfinderinnen-Uniform aussah, aber alles aus Pappe, das dick mit transparentem Tesafilm umwickelt war. Damit man die Bilder von Franz sah und die Aufschrift auf der Pappschärpe, die sie trug: „Pace.“ Dabei kniete sie auf dem Boden, die Handflächen nach oben, die Augen geschlossen und der ganze Körper in Richtung der sterblichen Überreste ihres offensichtlich großen Mentors gerichtet. Das hat mich sehr gerührt. Obwohl es natürlich auch ein bisschen verrückt war, aber auf so eine Teeniefan-Art. Ich fand sie in ihrem Glauben sehr überzeugend.

Ich ging zur Kirche der heiligen Chiara. Weil meine beste Freundin nach ihr benannt ist. Ich beschloss dort eine Kerze für jemand ganz Besonderes anzuzünden. In der sehr schlichten Kirche hängt das Original Kreuz, vor dem der heilige Franziskus wohl zum ersten Mal Gottes Stimme vernommen hat. Aber, oh je, in der ganzen Kirche gab es keine anzündbaren Kerzen, nicht einmal elektrische. Ausserdem lief ein Gottesdienst, als ich dort war. Das Abendmahl wurde gereicht. Ein trainierter, braungebrannter Mittvierziger kniete sich auf den Boden. Begleitet von drei Jungs um die 12 Jahre, die mit dieser Demutsgeste nicht so wahnsinnig viel anfangen konnten. Der Mann versuchte es ihnen später wohl noch genauer zu erklären, aber sie fanden es hauptsächlich peinlich. Und auch wenn man das nicht sagen und vielleicht auch gar nicht denken soll: Das war auch ein bisschen peinlich. Das war irgendwie so ein bisschen Show-mässig, auch wenn es vielleicht nicht so gemeint war. Aber das der sich da so eine leere Stelle für sein hinknien ausgesucht hat…naja.

chiara

Ich hab dann einfach etwas Geld in die Kollekte gepackt, statt der Kerze. Der zufällig daneben stehende Priester/Abt/Gottesdienstmoderator fragte mich direkt, woher ich käme. Ich meinte Deutschland. Woraufhin er nur meinte: „Ah! Si! Si! Barcelona!“. Unter Gott gibt es ja wahrscheinlich keine Grenzen oder so, dachte ich da nur.

Ich nahm mir ein Hotel, ging okay essen, schlenderte durch das Städtchen. Die letzten Busse hatten den Ort verlassen, der Dom war geschlossen (noch mal: Geschlossene Kirchen! Pfff!), nun waren nur noch Hardcore-Touristen hier. Selbst für Gläubige war es uninteressant. Und ich bog ab in eine kleine Gasse. Dort waren keine Geschäfte, keine Bars, keine Hotels oder Museen. Nur Wohnungen und Wohnhäuser. Im Türrahmen seiner Wohnung sass ein alter Mann. Das linke Bein locker angewinkelt gegen den Rahmen gestützt, das andere auf die Strasse gelegt. Er lehnte im Rahmen der geschlossenen Tür und blickte aufs Tal und die untergehende Sonne. Ich wünschte einen schönen Abend, er mir auch. Und das war der perfekteste Moment, meiner Reise.

ausblick

In mein Notizbuch schrieb ich zum ersten Mal nach dem ersten Tag, wieder am letzten Tag, im Zug Richtung nach Hause. In dem Versuch, ein Fazit zu ziehen. Ich schrieb:

Dinge, die ich gelernt hab:

- Ich bin kein Naturtyp. Der Jakobsweg ging immer durch Zivilisation, der Franziskusweg ist mehr auf Trekking angelegt.

- Nicht senden tut gut, aber nicht empfangen nicht so sehr. Ich möchte nicht von den Menschen abgeschnitten sein. Wenn, dann nur so ein bisschen.

- Umbrier! Baut nicht! Ich glaub ich hab noch nie so viele Ruinen gesehen, wie hier.

- Ich muss mehr Wasser trinken. Ich hab ein Problem mit meinem Getränkehaushalt.

- Ich bin zäh. Nicht sehr zäh, aber ein bisschen zäh. Vielleicht zäher als ich dachte.

- Nächster Plan: Eine Bahnreise quer durch Italien. Dann stimmt alles.

Ich hab das Notizheft dann zugeklappt und im Rucksack verstaut. Ich hab mich ein bisschen für mich selbst fremdgeschämt, weil ich meine Notizen als viel zu pathetisch empfand. Und ich guckte aus dem Fenster und sah die Landschaften vorbeiziehen. Und genau in diesem Moment kam mir dieser eine, klare Gedanke:

“Scheisse. Ich hab meinen Hut im letzten Hotel liegen lassen.”



Franziskusweg, Tag 4

Tag 3 findet du hier.

Mit letzten Kräften schritt ich auf den Supermarkt zu. Drinnen: Alles herrlich klimatisiert und temperiert. Ich hatte keine Ahnung, wann ich überhaupt zum letzten Mal in einem klimatisierten Raum war. Die Hotelzimmer, in denen ich bislang schlief, hatten höchstens einen Ventilator rum stehen. Der kühlt leider nur partiell, weht ansonsten warme Luft herum und schlafen kann man auch nicht, wenn die scheiß lauten Dinger laufen. Alles in Allem irgendwie doof.

Oh, was war dieser Supermarkt aber für ein wundervolles Wunderland. Ich hätte am liebsten alles gekauft, aber es war natürlich nicht zu erwarten, dass mein nächstes Hotel eine Kochstelle haben würde. Deswegen war mein Einkauf absolut Vernunft-driven:

- Eine Flasche Fanta (die schmeckt in Italien einfach so super)
- Eine Packung Piadina (eine Art Pfannkuchenbrot, etwas fester)
- Eine Packung rohen Schinken, geschnitten, aus der Region
- Eine Packung „Pan di Stelle“-Kuchen (kleine Kuchen basierend auf einem superleckeren Keks)
- Ein Überraschungsei
- Eine Flasche Wasser
- Eine Orange
- Handwaschmittel, denn diese Hose musste irgendwie sauber gemacht werden.

Man sieht: Eine ausgewogene Wanderermahlzeit. Im Ernst, mir war das Warenangebot zu anstrengend. Ich wollte außerdem so schnell wie möglich im Hotel ankommen. Ich hab also alles einfach gegriffen, was mir im ersten Moment in den Sinn und ins Sichtfeld kam. Außer die Orange, die war von langer Hand geplant. Weil ich nämlich beim wandern immer an zwei Dinge zu Essen denken musste: Ein Brathähnchen und eine Orange. Wenigstens die bekam ich hier.

Das Hotel war dann auch sogar ausgeschildert und gar nicht mehr so weit weg. Nur noch eine Treppe hoch und dann stand ich davor. In der Bar im Haus war gleichzeitig die Rezeption. Ich ging rein und meinte, ich hätte reserviert. Der Wirt musterte mich etwas traurig von oben bis unten, schnappte sich aber dann energisch den Zimmerschlüssel und bedeutete mir mitzukommen. Um in mein Zimmer zu gelangen, mussten wir mit dem Aufzug fahren. Ein Aufzug! Wie froh ich war. Während sich der Lift in die zweite Etage kämpfte, hielten der Gastwirt und ich ein kleines Pläuschchen. „Franziskusweg?“, fragte mich der Wirt. „Ja.“, antwortete ich resigniert. „Ist aber ziemlich heiß gerade, ne?“, fragte er. Ich bejahte zähneknirschend. „Ach, ist doch gut! Hierfür!“, sagt er lachend und reibt sich den Bauch. Da fass ich mir an meine Plauze und muss mitlachen. Endlich wieder Humor um mich herum.

Das Zimmer ist wunderbar. Sehr hoch, Klimaanlage (Mehr Anlage als Klima), schön Dunkel, gemütliches Bett. Als der Wirt mir den Schlüssel gibt und ich alleine bin, lasse ich mich aufs Bett fallen, werfe alles von mir und stürze mich als Erstes auf meine Piadina, die ich mit dem Schinken belege. Mein Gott, wann hat Essen zum letzten Mal so unglaublich gut geschmeckt? Ich hatte seit dem Stück Pizza, bei meiner Mittagsrast am Vortag, nichts mehr gegessen. Umso mehr schlang ich das jetzt in mich rein. Das war superlecker.

hemdkragenhandtuchfaltung

Mit vollem Bauch lag ich dann auf dem Bett. Der Fernseher lief nicht. Ich wollte schlafen. Aber ich konnte nicht. Denn meine Beine taten unendlich weh und wollten sich nicht entspannen. Plötzlich fingen meine Hände an sich ganz seltsam zu verkrampfen. Meine Finger drückten sich aneinander und wollten nicht mehr auseinandergehen. Okay. Wunderwerk Körper. Ich bin also jetzt mittlerweile ca. 65 km in drei Tagen durch die Gegend gelaufen und jetzt, wo ich entspannen kann und will, versucht mein Körper sich zu einer kleinen Schrumpelhülle zusammenzukrampfen, oder wie? Ich war beunruhigend wenig beunruhigt. Eher fasziniert, was da so alles in und an mir passiert.

Dann habe ich mit meiner besten Freundin telefoniert, die sich schon Sorgen gemacht hat, weil ich zwischendurch immer mal wieder SMSe geschickt hab, mit denen ich meine Wanderung erzählte, die aber vermutlich für den Empfänger manchmal echt beunruhigend wirken konnten („Ich hatte heute wirklich zweimal kurz Todesangst. Horror. Furchtbarer Tag. Ich bin erst vor 20 Minuten angekommen“, SMS am Abend von Tag Zwei). Nach dem Telefonat wollte ich nur noch schlafen, aber keine Chance. Die Beinschmerzen pochten auf wach bleiben. Ich hörte ein von Bastian Pastewka wirklich meisterhaft vorgelesenes Hörbuch auf spotify und das war so schön lang und hat mich so abgelenkt und entspannt, dass ich irgendwann dann doch endlich eingeschlafen bin.

Der nächste Morgen, Tag 4. Bei meiner Reiseroute und dem Zeitplan, den ich mir vorher ausgedacht habe, war es nicht anders möglich, als einen Tag zu überspringen und eine Etappe mit dem Bus abzukürzen um zu dem Zeitpunkt, den ich mir ausgemalt habe, in Assisi anzukommen. Ich hatte schon am Vorabend überlegt, ob der nächste Tag dieser Tag sein sollte. Ich wachte gegen 9 Uhr auf. Die Fensterläden waren zu, aber ein bisschen Licht schien doch ins Zimmer.

Nachdem ich mich aufraffte und merkte, wie viel diesmal weh tat (Alles), schleppte ich mich ins Bad und ließ das Waschbecken vollaufen. Dann noch eine Kappe vom Waschmittel dazu und dann weichte ich meine Hose komplett ein. Ich drückte sie, wrang sie, knüddelte sie, rieb sie, schlug sie, zerrte sie (wobei mir eine Naht aufriss), bis ich den Eindruck hatte, nichts weiter machen zu können und den gröbsten Schmutz beseitigt zu haben. Dann ließ ich das Wasser ab. Da die Hose nun so schnell wie möglich einsatzbereit sein musste, guckte ich wie ich sie am besten trocknen würde. Ich wollte sie ursprünglich aus dem Fenster hängen, aber um die Zeit lag das, natürlich, im Schatten, auf der sonnenabgewandten Seite. Ich durchsuchte die Schublade des Schreibtischs und da fand ich ihn: Einen Fön. (Was macht der bitte im Schreibtisch?)

Das war ein kleiner und schwacher Reisefön. Diese Trockensession würde ewig dauern. Was sie auch tat, weil der Fön auch gerne mal in die Knie gegangen ist und seine Sicherung rausflitschte, wenn es ihm zu heiß wurde. Da musste man den dann fünf Minuten ruhen lassen. Ich hab schätzungsweise eine Stunde an meiner Hose rumgefönt, bis sie zwar noch klamm, aber wieder anziehbar war. Dann hab ich ein frisches Shirt angezogen und bin runter zur Rezeption/Bar gegangen.

„Ist das Zimmer diese Nacht auch noch frei?“
„Ja.“
„Okay, dann nehm ichs.“

Ich hatte nicht im Ansatz Lust, auch nur einen weiteren Schritt weiter gehen zu müssen. Ich hatte keine Lust nach der Hälfte des Tages auf einem Weg festzustecken, von dem es, ausser weiterzugehen, kein entkommen gab. Ich hatte keine Lust auf „Strada Biancha“ und Berge. Ich wollte keine Bauernhofruine im Wald sehen, keinen kleinen Bach, keine Schmetterlingsfamilien. Ich wollte meine tollen Multifunktionsschuhe an diesem Tag um keinen Preis anziehen. Ich wollte so viel Zeit wie möglich ohne meine Hose an den Beinen verbringen. Ich wollte rum liegen und gar nix machen. Außerdem war Sonntag und der Katholik in mir Protestant verbat es mir, an diesem Tag zu laufen. So einfach war das. Dolce far niente.

gute strasse

Nachdem ich das Zimmer verlängert habe, hab ich mir in der Bar noch ein paar kalte Getränke gekauft und bin wieder hoch auf mein Zimmer gegangen, welches ich an diesem Tag nur noch zweimal verließ: Gegen Mittag, um mir in einem kleinen Lädchen, welches auf hatte, frischen, lokalen Schinken zu kaufen und am Abend ging ich noch einmal über die Piazza, schaute kurz dem Zirkus zu, der da gerade auftrat und ging dann wieder in mein Zimmer. Die Leute aus dem Dorf drehten sich immer nach mir um. In italienischen Dörfern spricht sich ja alles schnell rum. Ich stellte mir vor, wie sie mich den „Bekloppten, der im Sommer wandert“ nannten und hinter meinem Rücken lachten. Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Und schmunzelte insgeheim mit.

Auf meinem iPad hab ich „Didi auf vollen Touren“ geguckt, ein bisschen geschrieben und viel gegammelt und geschlafen.

Aber, so sehr man es auch drehte und wendete, auch der Sonntag ging irgendwann vorbei. Der Montag erschien am Horizont und mit ihm würde ich meine Herberge verlassen müssen, Richtung Assisi. Mir graute ein wenig, schon vor dem packen. Aber es ging nicht anders.

In dieser Nacht träumte ich von Wildschweinen. Und Brathähnchen. Und dem heiligen Franz, Freund der Tiere, der mit beiden sprach, den Wildschweinen und den gebratenen Hähnchen. Nur mit mir sprach er nicht.

Zum letzten Tag geht es hier.



Franziskusweg, Tag 3

Tag 2 findest du hier.

Im feinsten Italienisch begrüßte ich die Frau, die mir die Tür geöffnet hat, nachdem wir uns aber erstmal eine unfassbar lange dauernde Minute stumm lächelnd angeguckt haben. Sie sah aus wie Lisa, eine Kommilitonin aus meinem Regiestudium, die auch damals mit auf dem Jakobsweg war. Ich hab aber seit dem Studium nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht hatte sie zur exakt gleichen Zeit exakt die gleiche Idee wie ich und war nun deswegen hier? Das wäre doch einfach zu verrückt!

Sie antwortete mir auf Italienisch, schwang dann aber ins Englische. Ich meinte auf Englisch nur, dass ich hier gerne schlafen würde. Sie zögerte lächelnd und fragte dann: „Oder Deutsch?“. „Gerne!“, antwortete ich lachend, hatte aber die ganze Zeit ein „Lisa? Bist du es?“ auf den Lippen, vor allem jetzt, wo sie auch noch Deutsch sprach.

„Ich bin auch nur Pilgerin, ich schlafe hier. Wie schön dass noch einer gekommen ist!“ meinte sie und damit war alles klar: Der glasklare (und sehr schöne) österreichische Akzent, den sie hatte, bewies das es sich hierbei definitiv nicht um Lisa handelte. Ich war gleichzeitig erlöst und enttäuscht. Das wäre doch wunderbar bekloppt gewesen – einerseits. Andererseits lernte ich jetzt eine fremde Person kennen und das war ja auch spannend.

Sie hieß Katrin und wanderte schon seit Tagen, weil sie von Florenz aus losgegangen ist. Also die ganze Route. Sie war sich noch nicht sicher, ob sie in Assisi (mein Ziel) aufhört oder weitergeht bis Rom.

Ein kurzer Einwurf: Der Franziskusweg führt, wenn man den deutschsprachigen „Outdoor“-Führer als Grundlage nimmt (was fast jeder tut), von Florenz über Assisi nach Rom. Das hat mich schon die ganze Wanderung über extrem genervt und geärgert. Assisi! Das Heim von Franziskus. Der Geburtstort. Der Ort des Klosters. Der Ort der heiligen Chiara. Wo sollte der Franziskusweg enden, wenn nicht dort? Ich hab schon verstanden, dass der so angelegt wurde, dass es sich eher um einen Umbrien-Weg oder einen Mittelitalien-Weg handelt, aber dann soll man ihn doch nicht Franziskusweg nennen, wenn der nur so Alibimässig an ein paar Franziskusstatuen vorbeiführt. Das fand ich irgendwie Kacke. Der Jakobsweg geht ja auch nicht über Santiago de Compostela (wo die Gebeine vom heiligen Jakob rum liegen) nach, zum Beispiel, Barcelona, weil da so eine tolle Jakobsstatue steht. Das wäre Quatsch. Warum macht man diesen Fehler (und ein paar andere) beim Franziskusweg? Einwurf Ende.

Ich habe ihr erschöpft von meinem Horrortag erzählt. Sie war ja so etwas wie meine mich rettende Madonna, weil sie die Tür für mich geöffnet hat. Mit großen, staunenden Augen hörte sie mir zu. „Ich hätte an deiner Stelle die ganze Zeit an die Wölfe gedacht, die hier rumlaufen. Das sind nicht wenige!“, meinte sie am Ende aufgeregt. Und hatte vollkommen Recht. An die hab ich überhaupt nicht gedacht. Zum Glück vermutlich. Sonst hätte ich noch weitaus mehr Panik bekommen.

Sie hatte noch mehr Gepäck als ich, weil sie eine komplette Campingausrüstung noch dabei hatte und auf ihrer Tour schon ein paar Mal wild gecampt hatte, wenn sie nicht bis in irgendein Dorf gekommen war oder ihr die Hotels zu teuer oder doof waren. Wow. Die machte echt ernst. Ich kam mir etwas bescheuert vor, weil ich hier nach zwei Tagen jammernd rumsass, während sie schon seit Wochen einen Rucksack, der fast so groß war wie sie, durch die Gegend trug und dabei aber den Eindruck machte, gerade von einer Wellness-Farm zu kommen. Superfit, supergut gelaunt, sehr positiv eingestellt. Eine bewundernswerte Person. In der Mischung mit ihrem Heiligenstatus für mich, hab ich mich natürlich auch ein bisschen in sie verliebt. An diesem Abend. Nach dem Gespräch ging jeder von uns in seinem Zimmer schlafen. Sie meinte noch, sie würde versuchen am nächsten Tag gegen halb Sieben abzuhauen, weil es dann noch nicht so heiß sei. Halb Sieben! Ich beschloss erstmal auszuschlafen nach meinem Tag. Wir verabredeten uns lose in Assisi. Und dann ging das Licht aus und die Türen zu. Ich wunderte mich noch, wie zappenduster es in meinem Zimmer war. Und dann war ich weg.

Ausschlafen bedeutet in meinem Fall: Hallo wach um kurz vor Sechs! Ich war wach und konnte nicht mehr einschlafen. Mir taten die Beine weh und ich dachte sofort daran, dass ich ja heute weitergehen muss. Erstens weil ich in einer Jugendherberge mitten im Nichts war und keine Ahnung hatte, wie ich hier sonst hätte wegkommen sollen und zweitens wollte ich mir und meinem Willen beweisen: Du, gestern war einfach der schlimmste Tag, ab heute wird wieder alles gut!

gudnmoagn

So lag ich im Bett, krampfhaft versuchend jeden Muskel zu entspannen (was so ja besonders gut funktioniert…NOT). Im Nebenzimmer hörte ich einen Wecker klingeln. Die machte wirklich ernst, dachte ich. Aber nach dem Wecker war ganz lange gar nix zu hören. Sie hatte sich wohl spontan umentschieden und noch mal umgedreht. Ich konnte und wollte mich nach wie vor nicht bewegen.

So lag ich ziemlich lange da und starrte abwechselnd Decke und Wand an. Ich überlegte, ob ich vielleicht doch Wölfe gesehen hab. Oder gehört. Aber ich hatte keine Ahnung. Vielleicht ja, vielleicht nein. Vielleicht waren das gar keine Glühwürmchen, die ich da im Dunkeln gesehen hab, sondern Wolfsaugen. Gut, so wie die rumgeschwirrt sind muss das arme Tier auf Ecstasy gewesen sein oder so, aber wer weiß das schon? Halt so Gedanken, die man sich so macht.

Irgendwann hörte ich Katrin nebenan doch aufstehen und alles fertig machen. Ich wollte jetzt nicht so awkward „Ach, du bist auch schon wach!“-mässig wirken, deswegen blieb ich in Ruhe liegen. Irgendwann schien sie fertig zu sein und verließ ihr Zimmer. Ich lauschte noch ein bisschen in die Herberge, aber es war nichts mehr zu hören. Ich drehte mich noch mal um, um sicher zu gehen, aber ganz offensichtlich konnte und wollte ich nicht mehr schlafen. Deswegen stand ich langsam humpelnd auf. Ich hatte schon ganz gute Blasen an den Füßen, was normal war. Die waren nicht so riesig wie damals am Jakobsweg, als ich mit den nicht von mir eingelaufenen Wanderschuhen meines Mitbewohners losgelaufen bin. Da hatte ich nach dem ersten Tag bereist Fünf-Markstück große Blasen an den Hacken. Aber hier und jetzt, mit meinen professionellen Multifunktionsdingern auf dem Franziskusweg: Nur eine an der Ferse und am Ballen, aber keine richtig schlimmen Blasen. Ich verarztete sie mit Blasenpflastern und alles war gut. Mann, war ich ein Wanderprofi!

In Shirt und Boxershorts schlurfte ich in die Küche. Oh: Katrin war doch noch da. „Gudnmoagn“ murmelte ich und sie, schon abspülend weil sie schon gefrühstückt und Kaffee gekocht und getrunken hatte, erwiderte fröhlich „Guten Morgen!“. Ich fand das sehr unangenehm hier quasi in meiner Unterhose zu stehen und schlurfte zurück ins Zimmer. Ich machte mich schnell unter der Dusche etwas frisch und zog mich an. Jetzt machte sich auch meine Theorie des „Ach, in Italien ist doch immer irgendwo Markt, da werd ich mir noch eine Hose holen“ bemerkbar. Wo sollte denn bitte im verkackten Wald irgendwo Markt sein? Ich durfte meine Hose wieder anziehen. Die hatte schon deutliche Salzränder und war einfach nur noch unbequem speckig und die letzte Etappe konnte man gut an dem Sand sehen, der sich quer über das ganze Beinkleid verteilt hatte. Das war ein dreckiges, verschwitztes Teil. Aber ich hatte ja keine andere dabei. Ich überlegte wirklich in Boxershorts loszugehen. Wenn man damit baden gehen konnte, dann konnte man damit doch auch wandern gehen. Aber ich dachte an die hohen Gräser, eventuelle Zecken und natürlich an das Bild für die paar Leute, denen man vielleicht doch begegnet, wenn man da in Unterhose rum läuft und verwarf meinen Plan wieder. Es ging einfach nicht anders.

Katrin klopfte an meiner Zimmertür und verabschiedete sich. Sie ging los. Ich drückte sie noch mal und liess sie gehen. Wie schlimm das gewesen wäre, wenn ich mit ihr gegangen wäre. Ich hätte kein Ballast sein wollen und versucht, Schritt zu halten. Ich wäre vermutlich schon am ersten Berg gescheitert. Wir betonten noch mal unsere lose Verabredung, vielleicht schon im nächsten Dorf. Dann war sie weg.

Ich füllte meine Flaschen auf. Checkte mein Gepäck. Dann fiel mir ein: ich musste doch noch irgendetwas zahlen. Aber hier stand nirgendwo, was das kostete und Katrin zu fragen, hatte ich vergessen. Ich legte einen Betrag, der mir fair und pilgerig erschien auf den Küchentisch, schulterte meinen Rucksack und ungefähr eine Dreiviertelstunde, nachdem sie losgegangen war, zog ich auch los. Es war viertel vor Acht. Franziskusweg – here i come.

Franziskus

Der Tag ging gut los. Ich hatte Schmerzen, ja und ich merkte auch, dass ich an diesem Tag viele Pausen würde einlegen müssen. Aber ich war wieder unterwegs. Ich war wieder auf den Beinen und in allerfeinster Rocky-Manier hatte ich das Gefühl, dass der Weg mich nicht bezwingen kann. Ich lief den Berg hoch und hoch und hoch. Der ganze Weg war hier eine Strasse, gut planiert, keine Spinnennetze, keine schmalen Pfade. Schön viel Platz und sogar ein paar Autos kamen vorbei und überholten mich. Und meistens wurde man auch noch freundlich gegrüßt. Ich kam an einer kleinen Kapelle vorbei, an der ein Mann gerade die Blumen goss, die davor standen und mich freundlich grüßte. Pilger waren hier eben fast so etwas wie Heilige, redete ich mir ein.

Ich kam an einem Weiher vorbei, der für Sportfischer reserviert war und an einer niedlichen, kleinen Kreuzung machte ich meine erste wirkliche Rast, mit einem Blick über eine große Wiese an einem Bach, auf der gerade ein Schäfer mit seiner Herde unterwegs war. Die Wiese lag deutlich tiefer als mein Standpunkt und die wolligen Schafe sahen aus wie langsam umhertitschende Filzbälle, um die zwei wild hüpfende Flummis, die Hunde, schwirrten. Was für ein entspannendes Bild. Allerdings war der Platz, den ich mir ausgesucht hatte, für die Rast ein bisschen ungemütlich. Deswegen ging ich irgendwann doch weiter, obwohl ich lieber noch ein bisschen liegen geblieben wäre. Der ganze Weg ging immer über „Strada Bianchas“, nie kleine Wege. Ich genoss es richtig, nirgendwo durchklettern zu müssen. Ich ging einen Bach entlang, passierte einzelne kleine Kirchlein und machte es mir auf einer Brücke gemütlich. Aber auch hier: „Gemütlich“ war trotzdem irgendwie anders, die vollkommene Entspannung wollte sich nicht einstellen. Also war weitergehen die Devise.

Ich passierte Gehöfte, kam an einer kleinen Kirche vorbei – heute fühlte ich mich auf dem Weg wirklich nicht einsam. Auch Autos passierten mich immer wieder. Irgendwann hab ich mir sogar eingebildet, dass der immer gleiche Mann in seinem Panda an mir vorbeifährt. Aber das war nur gemutmasst. Ich hatte gar keine Ahnung, ob das immer ein und dieselbe Person in ein und demselben Auto war.

Nachdem ich eine weitere Ruine passierte (wirklich, Umbrier, ich mag euch, aber lasst das mit dem bauen…), ging der Weg über ein großes Feld. Einmal quer drüber. Am Ende dieses Feldes war ein Hof zu sehen. Es war mittlerweile Mittag. Die Sonne stand hoch und brannte. Auf dem Feldweg war Schatten sehr spärlich gesät, wie man sehen konnte. Einzelne Bäume am Wegesrand konnten rettende Schattenspender sein, aber die lagen weit auseinander. Das schien ein hartes Stück zu werden. Zu Beginn des Weges war eine Wiese am Rand. An der Kante zum Tal stand ein riesiger Baum auf dieser Wiese. Und in dessen Schatten beschloss ich noch eine Rast zu machen, bevor ich mich auf den heißen Sonnenweg begab. Und wie ich da so unter dem wunderschönen Baum lag, die Schuhe ausgezogen und ins frische Gras gebohrt, schlief ich einfach ein.

pause

Ich hab da ungefähr eine Stunde gelegen und geschlafen, bevor die Sonne es schaffte, hinter dem Baum hervorzukommen und mir direkt ins Gesicht zu scheinen. Die Hitze weckte mich auf. Aber die Tatsache, dass ich überhaupt eingeschlafen bin, bewies mir: Oh, wohl doch etwas sehr früh aufgestanden.

Nach dem wohl erholsamten und schönsten und naturverbundenstem Nickerchen aller Zeiten ging ich frohen Mutes weiter. Ich passierte einen Bauernhof, bei dem laut Wanderführer eine Wasserquelle direkt am Wanderweg liegt und man dort trinken darf, wenn man fragt. Aber es war nicht nur niemand da oder zu sehen, den ich hätte fragen können, sondern auch nichts, wonach ich hätte fragen können. Ich hab mir dann gedacht, dass die den Wasserhahn bestimmt wieder weggemacht haben, weil die, seit der Wanderführer raus war, nur noch damit beschäftigt waren Nordic Walking Stick ausgerüsteten Mittsechzigern zu erlauben, ihre Flaschen aufzufüllen und gar nicht mehr zu ihrer Bauernarbeit kamen. Voller Empathie (wenn auch aus anderen Gründen) stellte ich mir vor, wie sie die Autoren des Buchs verfluchten. Aber ich hatte auch noch genug Wasser, dass würde noch einige Zeit reichen. Keine Gefahr, alles gut.

Der Weg war zwar angenehm zu gehen, aber ehrlich gesagt war der diesmal auch stinklangweilig. Das Konzept der hiesigen Flora und Fauna hatte ich mittlerweile erfasst und hätte mich nun wieder über ein paar Überraschungen gefreut. Aber abgesehen von einem kleinen Stückchen reinem Pinienwald kam da nichts mehr, was mich aus den Latschen gehauen hätte. Ich kam an einer kleinen, sehr niedlichen Kapelle vorbei und überlegte mir, mich kurz reinzusetzen. Aber da griff wieder die größte Unlogik der Religionskultur: Es war abgeschlossen. Warum werden Kirchen abgeschlossen? Warum kann ich da nicht immer Trost finden, sondern nur zu festgelegten Öffnungszeiten? Wie widersinnig ist das? Gut, ich hatte mich an diesem Tag sowieso nicht sonderlich katholisch gefühlt, aber die Fragestellung war auch eher allgemeiner Natur. Außerdem bin ich ja evangelisch. Die schließen aber auch ab. Dabei will in deren hässlichen Betonkirchen mit Sicherheit keiner was klauen.

heiß

Nach langem und immer öderem Rumlaufen, kam ich erneut an eine sogenannte „T-Kreuzung“. Der Weg vor mir ging bergauf. Rechts ging eine Strasse ab mit einem Straßenschild, auf dem der Name des Kaffs stand, dass ich an diesem Tag erreichen wollte und musste. Der Wanderweg ging aber geradeaus, den Berg hoch. Jetzt war guter Rat teuer. Den offiziellen Weg weitergehen oder den Wegweisern folgen? Ich erwartete nichts besonderes mehr vom Weg, deswegen war eigentlich nur noch „ankommen“ mein oberstes Ziel. Ich entschied mich, dem Straßenschild zu folgen. Schon allein um dem Wanderführer ein „Fick dich!“ entgegenzuschleudern. Ich lief die Strasse hinunter. Machte Rast unter einem Apfelbaum. Kam an einem Bauernhof vorbei. Am Ende des Hofs waren die zwei wirklich sehr dicken Kinder der Bauern damit beschäftigt, Wasser in ihren neuen Plastikpool laufen zu lassen. Hätte ich doch nur besser italienisch gekonnt. Ich hätte ihnen erklärt, dass sie vorsichtiger mit dieser wertvollen Ressource umgehen sollen. Nein. Ich hätte sie angemotzt dass sie sich glücklich schätzen können, ihre bequemen und fetten Ärsche in so etwas tolles wie Wasser halten zu dürfen und dass sie da gerade nur Wasser verschwenden. Es war auf jeden Fall grotesk: Da die überernährten Blagen, die im Barbiebikini den Schlauch in ein Plastikbecken halten und ungeduldig warten, das es sich füllt und daneben läuft ein Typ, der nur noch ein paar Schlucke Wasser in seiner Flasche hat und aussieht, als wäre er schon Wochen unterwegs.

Ja, man, ich hab nix dazu gelernt. Das Wasser ging schon wieder zur Neige. Aber: Am Ende der Strasse war ein richtig kleines Dorf. Da muss es doch irgendwo eine Wasserquelle geben. Verdammt, das hier was Italien. Da sind Wasserquellen doch an jeder Ecke. Das wusste ich immer aus dem Urlaub und so. Überall Wasserquellen, wo die Leute ihre Flaschen auffüllten. Nur an meinem Wanderweg war natürlich keine Einzige. Aber jetzt war ich ja vom Weg abgewichen, jetzt musste doch eine kommen.

Stattdessen kam etwas anderes: Eine Kreuzung, an der nicht mehr ausgeschildert war, wo ich lang musste. Das war lustig. Was sollte ich jetzt tun? Ich hatte keine Karte, mein Handy ging nicht, nirgendwo stand wo ich lang musste und mein Wanderführer konnte mir auch nicht mehr helfen, weil ich ja jetzt auf eigene Faust unterwegs war. An dieser Kreuzung schien ich aber auf eine wichtige Strasse zu stoßen. Immer wieder kamen Autos vorbei. Ich überlegte zu trampen. Ich hab aber nur einmal in meinem Leben getrampt, mit Sechzehn, und das war auch irgendwie ungeil damals, weil die Fahrer sich einen Spaß daraus machten, mir ein bisschen Angst einzujagen („Bist du Punk? Wir finden ja ganz richtig, was die Republikaner und so, so fordern…höhöhö!“). Ich überlegte die ganze Zeit. Daumen raus oder nicht? Ich wollte erst sehen, wer in den jeweiligen Autos saß und dann den Daumen rausstrecken. Das erwies sich als wenig praktikabel, weil dann in der Regel das Auto schon an einem vorbei gefahren war. Also weiterlaufen. Ich beschloss, dass der Ort, zu dem ich wollte, ein etwas größerer in der Region sein musste, deswegen wählte ich den Weg, in dessen Richtung die meisten fuhren. Vermutlich hat das überhaupt keinen Sinn gemacht, aber es fühlte sich richtig an. Die Strasse ging supersteil bergauf. Mal ehrlich: Wie bescheuert ist es eigentlich als Wanderer einem Straßenschild zu folgen? Das ist natürlich ein Wegweiser für Autofahrer, nicht für Fußgänger. Klar, dass da steile Steigungen und so was keine Rolle spielen. Das war mir dann auch aufgefallen.

lamborghini

Ich ging, ganz langsam, ganz bewusst, Schritt für Schritt die Straße hoch. Kaum Platz am Rand. Ich hoffte, dass hier nicht noch irgendein Unfall passierte, zwei Autos die ineinander stiessen, weil eines davon mir ein bisschen ausweichen musste. Ich stieg und stieg. Schritt. Für. Schritt. Ich hielt an. Sollte ich mich nicht einfach doch überwinden? Daumen raus und gut ist?

Da. Was war das? Plätschern? Plätschern. Ich blickte durch das Gebüsch an der anderen Straßenseite. Zwischen den Bäumen stand ein kleines Häuschen und da plätscherte es. Ich ging rüber, schlug mich durch einen kleinen Pfad. Aus dem Häuschen ragte ein halb verrostet aussehendes Rohr und aus dem Rohr sprudelte kaltes, klares Wasser. Ich versuchte zu lesen, was aussen an dem Haus stand, aber ich konnte das nicht entziffern, bzw. lesen. Ich liess etwas Wasser in meine hohle Hand laufen und probierte. Schmeckte okay, nicht giftig. Was für ein wissenschaftlicher Test. Ich ging aufs Ganze, füllte beide Flaschen auf. Was solls, dachte ich. Wäre das hier giftig, würde schon ein deutliches Schild darauf hinweisen. Ich trank das kalte Wasser. Und wieder dieser „Kraft breitet sich im Körper aus“-Zaubertrank Effekt. Es ging weiter, ich war wieder im Rennen.

Naja, Rennen? Schlurfen vielleicht eher. Aber ich ging weiter. Die Steigung hörte nicht auf. Auch wenn man um die Kurve kam, ging es immer noch hoch. Und hoch. Und hoch. Nach einer weiteren Kurve war ein besonders steiles Stück Strasse vor mir. Ein holländisches Wohnmobil kam mir entgegen. Holländer. Hier musste irgendwo etwas touristisches in der Nähe sein. Ich schien Richtig zu sein. Nach einem Kriechkampf erreichte ich die Kuppe und da sah ich es vor mir: Das Örtchen zu dem ich wollte, war in nicht allzu weiter Ferne zu erkennen und direkt vor mir, abseits der befahrenen Strasse, war auch wieder mein Wanderweg zu sehen, zu erkennen an den Wegmarkierungen. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Die Etappe war besiegt. Ich hab mich nicht unterkriegen lassen. Weder vom Weg, noch vom Wanderführer, noch vom Wasser oder meinem Körper. Ich lachte laut (fast hysterisch, aber nur fast!), pinkelte an einen Zaun am Wegesrand (das hielt ich für ein Weltwunder, weil ich bis dahin dachte wirklich jeden Tropfen Flüssigkeit in meinem Körper ausgeschwitzt zu haben) und lief bergab auf das Dorf zu. Das einzige Problem, dass ich jetzt hatte war folgendes: Das Panorama verschob sich wie in einer japanischen Zeichentrickfilmserie. Heidi oder so. Je weiter ich nach unten, auf das Dorf zuging, desto mehr wuchs es in die Höhe. Nach meinem Marsch, die Strasse hinab, durch ein paar erste Wohnhäuserschluchten hindurch, sah ich das ganze Elend vor mir: Der Dorfkern, da wo mein Hotel sein sollte, da wo ich hinwollte, war auf der Spitze eines Bergs. Die Strassen dort hinauf waren so steil, das man, wenn man aufstieg, quasi nicht hinfallen konnte, weil man eh die Strasse vor der Nase hatte. Ich hab also diesen ganzen Weg hinter mich gebracht um am Ende des Tages noch mal die steilestmögliche Steigung vorgesetzt zu bekommen. Jetzt lachte ich hysterisch. Und rief im Hotel des Ortes an. „Kann ich bei ihnen ein Zimmer reservieren? Ja? Super, dann mach ich das. Ich bin gleich da. Vermutlich in einer halben Stunde.“ Am Dorfeingang ein Hotel reservieren, das in der Dorfmitte ist. Hab ich auch noch nie gemacht. Dann hiess es, den Berg zu bezwingen. Vielleicht war ja Katrin in dem Hotel? Vielleicht wartete sie dort schon auf mich? Vielleicht würden wir ein glückliches Pilgerpaar?

Die Steigung war so krass, dass ich alle fünf Meter pausieren musste. Vielleicht würde ich das Hotel niemals erreichen, dachte ich. Immerhin konnte ich sichergehen, das hier keine Wölfe sind. Und dann sah ich das Schönste, was ich (mindestens!) in den letzten 48 Stunden gesehen habe:

Einen Supermarkt.

Weiter zu Tag 4.



Franziskusweg, Tag 2

Tag 1 liest du hier.

Ich war wieder viel zu früh wach. Aber das war okay. Die Hitze ließ einen sowieso nicht schlafen. Ich beschloss, noch ein bisschen im Bett zu liegen und den Morgen zu genießen, bevor ich aufstehen und weiterziehen würde. Aber wenn man weiß, dass man sich auf eine zwanzig Kilometer weite Wanderung begibt, dann lässt es sich besonders schlecht gammeln. Das Gewissen nagt an einem. Außerdem: So früh ist es doch mit Sicherheit noch nicht ganz so heiß. Und die Füße tun vom ersten Tag auch noch weh. Mein Gedanke war nämlich der, dass ich nun den schwersten Tag vor mir haben würde, den ich einfach hinter mich würde bringen müssen und ab dem dritten Tag wäre dann alles gut. Ich hatte sozusagen den Schweinehundtag vor mir. In meiner Fantasie. In Wirklichkeit würde ich einen absolut schlimmen Tag vor mir haben. Viel schlimmer, als ich jemals geahnt hätte.

chillen

Guten Mutes ging ich los. Der Wanderführer hat wieder seine innerörtliche Schwäche bewiesen, indem ich erst nicht so richtig aus dem Ort, in dem ich war, herausfand. Als ich aber dann auf der richtigen Route war, ging alles gut. Die Meterangaben in dem Wanderbuch schienen mir seltsam. Zumindest war da diese eine Stelle, bei der ich 170 Meter gehen sollte, das Ziel aber schon nach zwanzig, höchstens fünfzig Metern von mir erreicht war. Aber nicht so wild. Ich ging weiter und der Weg führte an einem Bach entlang. Das fand ich eigentlich am coolsten, wenn ich die ganze Zeit so ein plätschern neben mir hatte. Da konnte man wahnsinnig gut entspannen und gleichzeitig über alles nachdenken. Plätschern, Wasser ist ja immer auch irgendwie Erfrischung, schon das nur zu hören. Deswegen war ich gut gelaunt. Naja, bis es wieder steil bergauf ging, weg vom Bach. Da war ich irgendwie wieder schlechter drauf.

Natürlich tat mir alles weh, vom ersten Tag und ich merkte, dass ich nun öfters Pause machen musste. Weil alles so viel mühsamer war. Aber damit habe ich ja gerechnet. Das war cool. Ich ging über eine „Strada Biancha“, die mich an Feldern vorbeiführte. Da parkte sogar irgendwo ein Auto, aber ich sah niemanden. Eine extrem seltsame Eigenart von mir ist es, hinter jedem in einem Waldstück parkenden Auto einen privaten Pornodreh zu vermuten. Ich habe keine Ahnung woher das kommt, ich habe so etwas auch noch nie in echt gesehen, aber vermute das jedes Mal. So viele Pornos, die im Wald aufgenommen wurden, kann es gar nicht geben, wie ich schon vermutet habe. Oder sagen wir so: Hätte sich mein Verdacht jedes Mal bestätigt, gäbe es mit hundert prozentiger Sicherheit die Kategorie „Wood Porn“ bei den Onanie-Video-Portalen dieser Welt. Hab ich da aber noch nie gesehen. Also, ähm, ein Bekannter, der da manchmal hinsurft, berichtete mir so etwas dort noch nie gesehen zu haben. Es wird sich in den meisten Fällen also um Spaziergänger handeln, in meinem Fall waren das bestimmt Bauern, die auf einem naheliegenden Feld irgendetwas zu tun hatten.

Der Weg ging nun, strikt dem Wanderführer folgend, einen komischen Gang. Nachdem ich wieder einen Berg aufsteigen durfte, in dessen Verlauf der Weg immer weniger Weg und mehr „zufällige, ausgetrocknete Lehmansammlung“ wurde, kam mal wieder eine der berüchtigten kniffligen Stellen, die aber wieder mehr Spaß gemacht hat, weil sie detektivischer war: Man musste um einen Acker laufen und auf einen Pfad gelangen. Das hab ich auch ganz gut geschafft. Aber dann hat der Franziskusweg zum ersten Mal gezeigt, warum seine Unerschlossenheit auch so ein bisschen ungeil ist: Ich lief durch hüfthohe Gräser, eine kleine Furche entlang, die tatsächlich der Weg war. Dabei stiess ich auch immer wieder auf Spinnennetze, die quer über den „Weg“ zwischen zwei Ästen gesponnen waren. Die hab ich dann immer, eine Entschuldigung an die Spinne laut aussprechend, mit einem Ast weggemacht, damit ich da nicht durchlaufe. Das hat, ehrlich gesagt, ein wenig genervt. Auch für jemanden wie mich, der eine latente Zeckenparanoia hat, ist das nicht die ideale Wandergegend. Aber egal, denn: Irgendwann war dieser Dschungel natürlich auch wieder vorbei und die Freiheit, DANN wieder auf eine Strasse zu kommen, die fühlt sich ehrlicherweise schon wieder ganz gut an. Beim ersten Mal zumindest.

Nach dem anstrengenden Aufstieg auf einen der vielen umbrischen Berge, ging es auf einer richtigen Serpentine wieder bergab. Es waren bestellte Felder zu erkennen und nachdem der Weg anfing, wieder zu nerven und anscheinend unendlich zu werden, erschien auf einmal Zivilisation. Eine Straße mit drei Häusern nebeneinander. Ein Hund bellte. Ein paar Menschen saßen draussen. Bevor ich den Hügel ganz hinab stieg, setzte ich mich auf einen Stein und beschloss Mittagspause zu machen. Ich hatte nämlich nicht nur schlauerweise ganze zwei große Flaschen Wasser an diesem Vormittag im Supermarkt gekauft, sondern auch noch ein Stück Pizza von meinem Abendessen aufbewahrt und im Rucksack verstaut. Und zwar exakt für diesen Moment. Ich sass da im Schatten, mümmelte an der leckeren Pizza vom Vortag und trank mein Wasser, während ich leise Gespräche und lautes Gebell hörte. La dolce vita. So hab ich mir hier eine Mittagspause vorgestellt.

bling meal

Guten Mutes wischte ich meinen Mund mit den Euroschein Servietten ab (ich musste auch noch ein bisschen kichern). Liebe Pizzabäckerinnen, i salute you. Dann den Rucksack geschultert und weiter ging es. Naja. Ein bisschen weiter.

Denn am Ende des Weges, kurz vor den Häusern, hatte ich ein Problem. Hier trafen auf einmal fünf Wege aufeinander. Mein Wanderführer war, wie immer an so kniffligen Nadelöhren, eher keine große Hilfe. Ich entschied mich, die Strasse runterzugehen. Das deckte sich ungefähr mit dem, was in dem Führer stand, außerdem ging es bergab. Da war auch sehr viel Wunsch der Vater des Gedanken. Kurz bevor die Strasse richtig losging, stand ich vor einem Brunnen mit einem Gartenschlauch. Ich begrüßte die Familie, die auf der anderen Seite vor ihrem Haus sass und mich anstarrte. Meine Begrüßung hat sie automatisch aus ihrer Starre gelöst (ich habe magische Kräfte!) und sie deuteten auf ihre Wasserquelle. Ich solle mich bedienen. Da hab ich erstmal meine beiden Flaschen aufgefüllt und bin dann weitergegangen. Fröhlich zum Abschied winkend. Nach ca. 20 Minuten bin ich dann auch endlich an einem richtigen Wegweiser angekommen. Wie toll! Ein Wanderwegwegweiser! Das war immer eine Freude.

Keine Freude war allerdings, dass er mein Ziel in die Richtung zeigte, aus der ich gerade gekommen war. Also wieder zurück. Nun natürlich bergauf. Und wieder an dem Haus vorbei, vor dem immer noch die Familie rumsass. Zu ihrer kichernden Freude meinte ich, dann jetzt auch mal den richtigen Weg zu gehen. Und die haben mir lachend hinterher gewunken, eine gute Reise gewünscht und weiter auf ihrer Terrasse entspannt. Hach. Entspannen. Muss das schön sein.

Ich ging die Strasse eine ziemliche Zeit lang und irgendwann hab ich dann gedacht: Alles klar. Ich bin schon wieder falsch gelaufen. Aber jetzt zurück, damit würde ich ohne Ende zeit verlieren. Dazu war es mir unangenehm, schon wieder vor dieser Familie aufzutauchen. Und ich wusste, dass ich irgendwie auf jeden Fall in die richtige Richtung lief. Grob gepeilt. Ich hielt im Schatten eines einzigen Baums an um zu verschnaufen und eine Entscheidung zu treffen. Und da, wie ein Zeichen aus heiterem Himmel, war exakt an diesem Baum das Erkennungszeichen des Wanderwegs (Rot und Weiß) zu sehen. Ich war also doch richtig! Ha! Wie super!

Ich will es nicht in die Länge ziehen: Ich war natürlich nicht richtig. Keine Ahnung wofür das Zeichen auf den Baum gepinselt war, aber mit Sicherheit markierte es nicht den Weg, den ich gesucht habe. Und dennoch, Glück im Unglück, war ich auf dem Weg in die richtige Richtung, denn als die Strasse plötzlich aufhörte, entdeckte ich einen Wegweiser zu einer Ferienunterkunft und genau die, wurde auch in meinem Wanderführer als Wegmarke der Etappe erwähnt. So einen Dusel muss man haben! Ich bin mit Sicherheit einen Umweg von zwei oder drei Kilometern gelaufen, aber ich war back on track! Nach einer längeren Pause unter einem wundervollen Baum, bei der ich überlegte, ob es eine Möglichkeit gäbe, einfach liegen zu bleiben, raffte ich mich auf und ging weiter. Allerdings: Im Wanderführer stand ein gewisser Bauernhof, an dem man gerne seine Wasserflaschen würde auffüllen können. Den bin ich nun umgangen. Aber ich hatte ja noch eine volle Flasche, die ich eben aufgefüllt hatte und für die andere Flasche würde sich dann sicher auf dem Weg eine erneute Möglichkeit bieten.

baumbreak

Wieder durch ein ganz interessantes Gebiet, mit mehreren Ruinen. Dann las ich etwas von einem kleinen See. Nun hat dieser Wanderführer ja schon mal eine Strasse Dorf genannt, die Meterangaben waren zum Teil verwirrend. Unter einem „kleinen See“ war also von Pfütze bis Baggerloch alles denkbar. Und als er kommen sollte, sah ich die ganze Zeit nichts, gar nichts deutete hier einen See an. War ich wieder falsch? Oder sollte ich das Buch einfach wegwerfen? Ins Altpapier?

Zwei Kurven weiter stand ich aber davor: Ein grün strahlender See, mitten zwischen den Bergen! Ich war total baff. Das sah einfach zu super aus. Und ich würde da jetzt einfach reinspringen, hier war ja eh keiner. Das musste die ultimative Erfrischung sein. Ich lief zum Wasser, den Rucksack schon abgeworfen, die Schuhe und Wandersocken ausgezogen – doch beim Blick ins Wasser, an der einzig auszumachenden Stelle, an der man ins Wasser gelangen konnte, sah ich einen dicken Fisch und eine richtige Wasserschlange vorbeischwimmen. Sofort hielt mich alles davon ab, in dieses Wasser zu steigen. Aber ich wollte mich doch unbedingt erfrischen! Da wurde es Zeit für eine weitere, geniale Idee: Ich nahm meinen Sonnenhut, liess ihn mit kaltem Seewasser vollaufen und setzte ihn wieder auf. Man kennt das aus Filmen, aus Comics, aus Abenteuerbüchern. Allerdings kommt das da irgendwie cooler rüber. In Echt ist das ziemlich unspektakulär. Man wird eigentlich hauptsächlich nass. Aber ich verbuchte das unter „Erfrischung“ und ging weiter des Weges.

platsch

Es war heiß, heiß, heiß. Meine Klamotten würden im Nullkommanichts wieder getrocknet sein. Ich lief eine Straße hinunter, vorbei an einem Haus, aus dem sogar Stimmen drangen. Hier lebten Menschen! Das Schönste, was es gibt. Die Gäste oder Söhne des Hauses kamen gerade auf ihren Motorrollern zurück. Den Berg hoch. Mir entgegen. Ich laufe den ganzen Tag mutterseelenallein durch die Gegend. Und in dem Moment, als ich einen riesigen Wasserfleck an der Hose an einer Stelle habe, bei der man solche Feuchtigkeit durchaus missinterpretieren könnte, kommen mir Menschen entgegen, die mich, der ich sie freundlich grüße, dann auch noch mit einem mitleidigen Blick a la „der arme und etwas ekelige Penner“ ansehen. Das war natürlich ein ziemlicher Volltreffer. Schnell weg.

Wobei „schnell“ hier sehr relativ ist, aber das ist ja auch so gewollt und okay. Mir tut verdammt noch mal alles weh, vor allem der komplette Bewegungsapparat. Überall Schmerzen, selbst an Stellen, von deren Existenz man bisher noch nicht mal wusste. Zumindest ich nicht. Zwangsentschleunigung. Meine Freunde sagen mir nämlich sonst immer, wenn wir irgendwo lang laufen: „Ey, geh doch nicht so schnell!“.

Ich kam durch einen Hof, der mal eine kleine Kirche oder Kapelle war. Sehr schön, sehr niedlich. Überall Tiere. Ich höre Menschen reden und gehe gemütlich weiter. Der Weg wird sehr breit und überall Kies. Durch diesen Kies läuft ein Bächlein. Und das nutze ich als ganz besondere Chance. Rucksack aus, Schuhe aus, Socken aus. Das kalte Wasser erfrischt meine Füße nicht nur, es scheint die Schmerzen mit wegzuspülen. Es fühlt sich an wie in der Szene aus dem dritten Indiana Jones, als sie das Wasser aus dem heiligen Gral über die Wunde kippen und diese sich zischend schließt und verschwindet. Exakt das gleiche Gefühl hab ich, als ich meine überstrapazierten Füße in den Rinnsal halte. Hier könnte ich ewig liegen bleiben.

aaaaaaaaaah

Aber nein, das ist kein Platz für die Ewigkeit. Ich muss weiter.

Ich grüße Arbeiter, die gerade Holz sägen (und sorge mich, dass sie einen Moment lang unaufmerksam sind, wenn sie mich grüßen und dabei aus Versehen ein paar Finger oder ihre Hand unter der Säge verlieren, was aber zum Glück nicht passiert). Und mitten auf dem, selbstverständlich bergauf gehenden, Weg, werde ich dann von einem Traktor überholt. Der Bauer fährt, die Bäuerin steht im Anhäger und hält sich die Äste aus dem Gesicht. Wir grüßen uns, die überholen mich. Aber nun laufe ich wie an ein unsichtbares Tau gebunden, dem Traktor hinterher. Ich will ihn nicht aus den Augen verlieren. Das ist unwegsames Gelände, schnell fahren kann der sowieso nicht. Deswegen schaffe ich es ganz gut, mit dem Gefährt Schritt zu halten.

An einer orangen Riesenhütte hat er angehalten. Als ich dort ankomme, habe ich nur noch einen guten Schluck Wasser in einer Flasche, die andere ist eh leer. Es ist Nachmittag. Laut Wanderführer würde ich schon noch ein gutes Stück Weg vor mir haben. Ich gehe zum Traktor, zum Bauern und frage, ob er hier, in der orangen Scheune irgendwo Wasser für mich hätte. Hat er nicht. Dafür erklärt er mir aber den Weg. Ich muss den Berg hoch. Auf dem sehr steilen Weg. Nun gut, denk ich mir, gleich muss ich ja, im wahrsten Sinne des Wortes, übern Berg sein und dann sollte es auch wieder Möglichkeiten Wasser zu trinken geben.

Ich steige auf. Immer nur nach oben. Ich hab Angst auf den glatten Steinen auszurutschen. Das fehlte mir gerade noch. Irgendwann muss ich wieder eine Pause machen, als es etwas flacher wird. Ich lege mich in den Schatten eines Strauchs. Ich hab Durst. Durst. Durst. Verdammt. Warum hab ich kein Wasser mehr? Warum gibt es hier keins? Andererseits: Was bin ich eigentlich für eine Lusche? Ich werd ja wohl hier weitergehen können. Ich raffe mich auf. Schleppe mich circa fünfzig Meter weit. Und muss mich wieder hinlegen. Ich kann nicht mehr. Bin total am Ende. Fertig. Mein Wasser ist alle. Kein Tropfen mehr drin. In der anderen Flasche auch nicht. Mein Handy hat keinen Empfang, aber der Akku ist eh gleich alle. Der Ort war wunderschön. Und gleichzeitig eine totale Hölle. Ganz langsam steigt eine leichte Panik in mir auf. Die Sonne brennt. Ich habe Durst. Kann nur noch an Getränke denken. Und ein seltsames Gefühl macht sich in mir breit. Bleib liegen, sagt es, es ist gerade so gemütlich. Bleib liegen. Aber wenn ich jetzt liegen bleibe, komme ich nie an. Und laut Wanderführer hab ich noch ein gutes Stück Weg vor mir. Aber meine Beine wollen mir nicht mehr gehorchen. Streiken. Nichts in mir will weitergehen, ausser der Vernunft.

fertig

Jetzt im Nachhinein klingt das lächerlich und grotesk pathetisch, aber ich lag da und dachte darüber nach, wie einfach es wäre, in diesem Moment zu sterben. Niemand würde mich finden, tagelang nicht. Ich würde hier nirgendwo Wasser kriegen und was hier Nachts, wenn es dunkel würde, so kreucht und fleucht, wusste ich auch nicht. Ich habe mich dem Tod nie so nahe gefühlt. Ich dachte, mein Körper hat gleich keine Flüssigkeit mehr in sich.

Eine kurzzeitige Empfangssituation lässt mein Handy piepsen. Ich habe eine Nachricht bekommen. Meine Tochter schreibt, aus dem Nichts: „Ich hoffe es geht dir gut, hab dich lieb Papi!“ Das drückt mich auf die Beine, scheucht mich hoch. Es ist klar, ich habe nur eine Chance: Ich muss den ganzen Weg zurück zu dem Bauernhof mit der Ex-Kapelle und dort nach Wasser fragen. Vielleicht gibt es dort in der Nähe auch ein Dorf, in das ich gehen kann. Dort würde ich dann eine Nacht bleiben. Ausserplanmässig. Ja, das hörte sich nach einem guten Plan an und so schwer es mir fiel (zurücklaufen!), ich wanderte zurück. Sehr schnell. Ich hab da offensichtlich irgendwelche Energiereserven aktiviert. Im Rekordtempo war ich am Bauernhof. Ich rief zur Tür hinauf, ob jemand da wäre. Der Bauer vom Traktor trat aus der Tür. Ich fragte nach Wasser. Er stieg hinab und ging mit mir zu seiner Wasserquelle. So richtig für voll nahm er mich nicht. Kicherte. Ich war vermutlich der unfähigste Wanderer, der ihm jemals begegnet ist. Ich fragte nach einem Dorf in der Nähe. Ja, meinte er, da gab es eine Stadt. Aber die sei zwölf Kilometer entfernt. Zwölf! Hahahah, viel zu weit. Ich würde auf der planmässigen Route bleiben müssen. Am Wasserhahn drehte er auf und überliess mir das Wasser. Ich trank und trank und trank. Das kühle Wasser lief langsam meine Kehle runter, verbreitete sich in meinem Körper. Ich wuchs während ich trank. Nachdem ich meine Flaschen auch aufgefüllt hatte, bedankte ich mich überschwänglich tausend Mal. Der alte Bauer lächelte nur und meinte abwehrend, es sei ja nur Wasser. Ich verneinte und sagte, dass das nicht nur Wasser, sondern das Leben sei. Da lachte er nur. Jetzt wird der unfähige Wanderer auch noch Kalenderphilosoph, muss der gedacht haben.

Nach einem erneuten, kurzen Fussbad im Bach, ging ich entschlossenen Schrittes weiter. Also wieder den ganzen Weg zurück und wieder den steilen Berg hoch. Diesmal pausierte ich oben nicht, sondern lief weiter. Es ging nach oben, nach oben, nach oben. Egal. Immer weiter. Denn ich hatte ein neues Problem: Als der Bauer beim Wasser hörte, wo ich noch hinmüsste, sagte er nur: „Wann wollen sie ankommen? Mitternacht?“. Ich lief nun gegen die Sonne. Es war später Nachmittag, früher Abend. Die Sonne machte sich langsam dran, sich zu verabschieden. Der Berg, auf dem ich gerade lief, war auch noch auf der sonnenabgewandten Seite. Viel Schatten. Dazu noch ein Wanderweg, der sich nun wieder komplett vom Wegsein verabschiedete. Wieder die Furche im Gebüsch. Noch verwachsener als am Vormittag. Noch schwerer zu laufen. Ich hatte keine Zeit mehr auf Spinnennetze zu achten, ich lief einfach die ganze Zeit durch. Ich spürte die hauchdünnen Fäden immer in meinem Gesicht, schüttelte mich und lief weiter. Keine Zeit, keine Zeit. Wie der Hase bei Alice im Wunderland.

ausblick

Ich schlug mich lange durchs Gebüsch auf dem ausschliesslich nach oben führenden Weg und landete plötzlich wieder auf einer Strasse. Strasse war gut, Strasse bedeutete Menschenhand. Und, wie in so einer doofen Traumszene in einem doofen Film, kam aus der Ferne plötzlich ein Auto ganz langsam angetuckert. Das wollte ich anhalten. Die sollten mich mitnehmen. Mir war jetzt alles egal.

Der Wagen war ein kleiner, alter Panda. Die vorderen Sitze waren vom Fahrer und Beifahrer komplett besetzt und ausgefüllt. Eine Rückbank gab es nicht mehr. Da wo die ursprünglich war, trennte nun ein Gitter Fahrerbereich und hinteren Bereich in dem fünf Hunde wild durcheinander liefen und kläfften. Ein Jäger vermutlich. Was hatte ich nur für ein seltsames Glück. In diesem Auto würde ich nicht mitfahren können. Als die Insassen des Wagens hörten, wo ich an diesem Tag noch hinwollte, zogen sie die Augenbrauen hoch. Oh, DA hin?

Aber sie kannten eine kleine Abkürzung und erklärten sie mir. Ich musste die Strasse runterlaufen, bis zu einer kleinen Madonnenfigur und dort würde ich in den Weg genau gegenüber gehen sollen. Das würde mich automatisch zu meinem Ziel bringen. Mit einem mich etwas beunruhigenden, sorgenvollen Blick fuhren sie davon. Ich war aber guter Dinge. Mein Wasservorrat war endlich mal okay, ich hatte von einer Abkürzung erfahren und, nicht unwichtig: Es ging nun erstmal bergab. Auf einer richtigen Straße. Viele Pluspunkte. Überschattet von dem einen, sehr doofen und sehr großen Minuspunkt: Dem Schatten, beziehungsweise der kaum noch am Himmel zu sehenden Sonne.

Ich lief mit schnellem Schritt und nach guten fünfundvierzig Minuten stand ich vor der Madonna, die da blau angeleuchtet am Straßenrand stand. Ich bin ja nicht mal katholisch, aber das war dennoch ein sehr, sagen wir mal, spiritueller Moment. Die Madonna war ja meine Wegmarke, mein Wegweiser, meine Rettung. Da projiziert man schon mal ordentlich drauf. Ich sprach mit ihr, bedankte mich und bat um Schutz auf dem weiteren weg und ein schnelles ankommen. Ihr gegenüber sah ich den Weg, der zu meinem Ziel, der Pilgerherberge führen sollte. Ich trat an den Weg heran. An den Lichtungen, den Stellen ohne Bäume: Ganz wunderbar der Weg zu sehen, dank dem restlichen Tageslicht. Aber an den Ecken, an denen Bäume standen, dichte Sträucher: Schwarz. Nichts zu sehen, schwarze Löcher. Und da kam ich wirklich ins grübeln. Wenn die kurzen Wegstücke schon so düster waren, würde bald der ganze Weg so aussehen. Die Alternative wäre gewesen, der Strasse weiter zu folgen. Ich hörte weiter unten dort immer wieder Autos vorbeifahren. Aber wo hätte mich das hingeführt? Wär das nicht länger gewesen? Hätte da wirklich jemand für mich angehalten? Oder wäre das nicht eher eine Art Selbstmordkommando?

Ich hatte an diesem Tag schon einen Horror Umweg hinter mir, habe eine Verdurstung knapp überstanden, ich würde wohl, wenn ich ein bisschen flotter ging, auch durch einen dunklen Wald kommen. Der Weg wäre ja wenigstens richtig gewesen. Also gab ich mir einen Ruck und los gings.

Die dunklen Abschnitte waren wirklich dunkel. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Umgebung. Das Licht am Himmel schwand. Ich lief ewig. Die Waldstücke wurden immer länger, Lichtungen wurden zum seltenen Luxus. Da, ein Knacken im Gehölz. In der Nacht, in der Dunkelheit gehört so ein Wald den Tieren. Ich rechnete vor allem mit Wildschweinen und wusste, dass die Viecher verdammt aggro werden konnten. Aber so lange ich keine sah, machte ich mir keine Sorgen, zumindest keine konkreten. Die diffusen Ängste waren ja sowieso schon den ganzen Nachmittag meine Begleiter. Ich lief und lief. Die Sonne war weg. Der Mond schien relativ hell und versuchte so gut wie möglich, mir Licht zu schenken. Nach einer guten halben Stunde lief ich eine Behelfsstrasse bergab und hoffte nur noch, hinter jeder nächsten Kurve auf Zivilisation zu stossen. Das nahm hier alles kein Ende. Und wenn doch, dann vermutlich kein gutes.

Ich merkte wie Frust, Angst und Panik in mir aufstiegen. Aus dem Arsch, durch den Bauch, den Hals, in den Kopf. Alle Alarmknöpfe wurden gedrückt. Das hier war der Moment für das weinende Zusammenbrechen. Ich schluchzte. Rief „Scheisse!“ in die Dunkelheit. Aber ein Widerstand in mir regte sich. Etwas in mir wollte fighten, wollte den Scheiss hier durchziehen und wusste: Heulen kostet zu viel Kraft. Haben wir nicht. Aufhören damit. Und sofort verstummte ich und eilte weiter.

Die Strasse, der Boden war bei diesem „Licht“ nicht mehr zu sehen oder zu erkennen. Ich stolperte. Flog voll auf die Fresse. Aber auch hier: Schmerzen, sich wehgetan zu haben, das kostet Kraft und Zeit. Haben wir nicht. Weitergehen. Und ich rollte mich mit der letzten Energie des Falls ab, zurück in den Stand und lief einfach weiter. Ich konnte mir keine Verschnaufpause leisten.

Ich sah echte Glühwürmchen am Wegesrand. Wenigstens etwas Schönes. Dann diese seltsamen Geräusche. Was war das für ein Tier? Welches seltsame Wesen stößt einen Ruf aus, der auf eine seltsame Art an Jubel erinnert? Ich konnte das nicht zuordnen. Ich hatte aber auch keine Angst mehr, die habe ich für diesen Tag überwunden. Was jetzt geschehen sollte, würde halt einfach geschehen. Ich bog um die nächste Kurve und da war der Ursprung des rätselhaften Klangs vor mir: Eine Jugendherberge! Genauer: Meine Jugendherberge! Ich hatte mein Ziel erreicht! Glücklich sprang ich die letzten Meter die Strasse hinunter bis ich an dem großen Gebäude angekommen war, vor dem gerade eine Jugendgruppe grillte und spielte und tanzte und feierte und dadurch, eher unbewusst, jede Menge seltsamer Geräusche fabrizierte. Ich suchte irgendeinen Erwachsenen – ein Gruppenleiter - und sie verwiesen mich ans Nebenhaus, dort sei die Pilgerherberge. Ausserdem luden sie mich noch zu ihrem Lagerfeuergrillen ein. Menschen. Ich war gerettet. Gute Menschen. Ich war noch geretteter.

An der abgeschlossenen Tür der Pilgerherberge hing ein Zettel mit einer Telefonnummer, die man als Pilger anrufen sollte. Ich legte erstmal meinen Rucksack ab. Dann mich. Auf die Stufe vor die dunkle Herberge. Über den Platz konnte ich das locker gelöste Grill- und Lagerfeuerfest der Jugendlichen beobachten. Es war zappenduster. Viertel vor Zehn Uhr Nachts. Alles war egal. Alle Schmerzen, alle Ängste, aller Horror. Es zählte nur eins. Ich war angekommen. Und hab zwei Situtationen hinter mich gebracht, die ich für lebensbedrohlich hielt, ob sie das nun waren oder nicht.

Ich drückte den Lichtschalter, aber das war gar kein Lichtschalter. Das war die Klingel der Herberge. Nach dem ersten kurzen Schreck musste ich kichern. Kein Licht, aber eine Klingel. Ich würde meine nächste nächtliche Waldwanderung auch mit einer Klingel begehen. Was für ein wundervoll absurder und bescheuerter Gedanke. Als plötzlich meine Lehne wegbrach. Denn die Tür wurde geöffnet und ich starrte einer Frau in meinem Alter ins Gesicht. War das…das konnte doch nicht sein…Lisa? War ich jetzt total übergeschnappt?

Weiter zu Tag 3.



Franziskusweg, Tag 1

Sich maßlos überschätzen. Kann man ruhig auch mal wieder erleben. Mir ist es so ergangen. Ich ging wandern, auf dem sogenannten Franziskusweg. Der hat, als Weg, viel weniger Historie, als man annehmen mag. Der wurde halt sehr spät angelegt, mit dem Gedanken, dass der Franz von Assisi dort hätte langgegangen sein können. Man weiß es nicht so genau. Es ist quasi der Weg des Konjunktivs. Und da ich mal vor zehn Jahren ein paar Tage auf dem Jakobsweg gegangen bin, hab ich gedacht, ich mach so was noch mal.

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Wie blöd kann man eigentlich sein? Vor allem: Wie wenig kann man die eklatanten Unterschiede beachten? Der Jakobsweg ist seit hunderten, wenn nicht gar tausenden von Jahren erschlossen. Der Franziskusweg nicht. Ich bin damals in einer Gruppe gegangen, wo man sich auffängt, anfeuert, antreibt - das fehlt einem, wenn man alleine läuft. Damals wurde unser Gepäck von Hotel zu Hotel gebracht, diesmal hab ich alles selber geschleppt. Und ich bin nicht der Fitteste unter der Sonne. Ach ja, Sonne: Im Hochsommer durch Umbriens Berge laufen, wie kommt man denn auf das schmale Brett?

Okay, die ganze Geschichte war nicht sonderlich durchdacht, das geb ich zu. Aber ich war die ganze Zeit guter Dinge. Hab mir extra ein Wandermagazin geholt, einen Wanderführer, einen Trekkingrucksack und sogenannte Multifunktionsschuhe, die zufälligerweise in meinem Wandermagazin auch noch Testsieger waren. Ich war also vorbereitet. Ich hatte noch überlegt mir eine kurze Hose zu kaufen, aber dann dachte ich: Ach was, die kauf ich mir in Italien auf einem Wochenmarkt. Da ist doch überall andauernd Wochenmarkt, da werd ich eine schöne Hose finden. So eine Imitation für drei Euro. Ich hatte ja keine Ahnung.

Hätte ich aber haben können, wenn ich mir den Wanderführer nur mal genauer durchgelesen hätte. Da steht nämlich schon im Vorwort:

“Die Wanderung führt durch Täler und über Berge, durch mittelalterliche Städte und an jahrhundertealten Klöstern vorbei. Sie wandern meist auf stillen Pfaden und ruhigen Landwegen. Manchmal auch auf alten römischen Straßen, deren Reste hier und da noch erhalten sind. Ab und an ist ein Stück Asphalt unvermeidlich.”

Das hab ich aber geflissentlich überlesen. Ich hab mir das wie den Jakobsweg vorgestellt. Mal durch ein Dörfchen, dann auf andere Pilger treffen, ein bisschen Natur und dann wieder ein bisschen Zivilisation. Als ich angereist bin, hab ich noch in mein Notizbüchlein geschrieben:

“Ein Mini-Abenteuer, das mir schon zu kurz ist, bevor es angefangen hat.”

Und dann, zur Sicherheit, obwohl ich nicht wusste, wie Recht ich haben würde:

“Für diesen Satz werde ich mich sicher noch verfluchen (hoffentlich nicht).”

Die Anreise war total super. Ich musste mit Bus und Bahn fahren, bis ich endlich in dem Ort war, von dem aus ich mein Abenteuer starten wollte. Diese Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit, die ist schon super. Hat mich total gekribbelt. Außerdem hab ich natürlich gedacht, dass mich diese Reise so sehr ändern würde, dass sich mein ganzes Leben dadurch ändert. Ich bin nicht unzufrieden, aber wie bei jedem halbwegs reflektierten Menschen, könnten ein paar Sachen natürlich deutlich besser sein. Und den Schlüssel dazu, vermutete ich auf dem Weg und vor allem beim allein sein. Der Mensch denkt ja immer, besonders viel lösen zu können, wenn er allein ist. Und ich wollte auch wieder so ein lustiges Musikvideo von mir drehen, wie ich es ja schon in Rom und Paris gemacht hatte. Also, sehr viel vorgenommen für fünf Tage rumlaufen. Volles Programm. Langweilig würde mir sicher nicht werden.

Meine Notizen des Anreisetages enden mit den Worten:

“Ich seh aus wie so ein richtiger Wandertrottel. Das find ich gut.”

Oje.

Am nächsten Morgen. Ich stehe relativ früh auf. Einerseits war es nämlich total heiß in meinem Zimmer, andererseits war ich natürlich auch so derbe aufgeregt. Das Hotel war niedlich, in dem ich war. Das Frühstück war zwar ein Witz, aber mei: Italienisches Frühstück. Wer da Überraschungen erwartet, der kann mir nur leid tun. Ich trank ein Glas H-Milch und checkte aus.

Nun noch den richtigen Weg finden und schon konnte es losgehen. Ich war so weit. Hab mir noch eine große Flasche Wasser gekauft und in der Seitentasche des Rucksacks verstaut. In der Hand eine kleine Flasche Sprite. Und dann ging es raus aus der Stadt…direkt auf einen Berg. Der Tag fing mit einer richtig steilen Steigung an. Also gut. Ich hab es nicht eilig, ich muss mir keinen Druck machen. Langsam schlich ich den asphaltierten Berg hoch. Die Geschichte fing wirklich schon superanstrengend an. Die Sprite hab ich halb voll in eine Mülltonne geschmissen. Irgendwie war ein so süßes Getränk gerade total falsch. Und ich trink solche Sachen wirklich IMMER.

Ich musste um ein Haus und schon kam die erste Prüfung. Der Wanderführer schrieb irgendwas von einem “abfallenden Graspfad”, gegenüber eines Hauses. Nun stand ich an dem Haus, hab aber keinen Graspfad gesehen. Die zwei Hunde, die ohrenbetäubend laut und ohne Unterbrechung nur wenige Zentimeter von mir entfernt hinter dem Zaun des Hauses klar machten, dass sie mich gesehen haben, trugen jetzt auch nicht unbedingt dazu bei, dass ich mir in Ruhe und konzentriert ein genaues Bild der Lage machen konnte. Nachdem ich, permanent bewacht, einige Male um das Haus rumgestakst bin, hab ich den Weg dann doch noch gefunden. Der ging jetzt durch einen Wald, über ein kleines Bächlein, mal musste man ein paar Äste zur Seite drücken…irgendwie cool. So ähnlich hatte ich mir das vorgestellt.

Ich kam an einem Hof vorbei und alle grüssten mich freundlich. Ach, war das schön. Dann ging es schon wieder bergauf. Sehr steil bergauf. Aber durch eine verwunschene Kulisse, mit einem wilden Bach und so einer Art Naturplateaus, auf denen man mal rasten konnte. Das war okay. Ich wusste ausserdem, dass am Ende des Weges ein Kloster sein würde. Wenn man also auf dem Weg hin zu Zivilisation war, war alles halb so wild.

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Das Kloster war wirklich pitoresk und hier konnte ich auch meine Flasche auffüllen, mit frischem, gesegnetem Bergwasser, quasi direkt aus der Quelle. Das war so kalt, so lecker, so gut und rein. Ich glaube, ich hab noch nie besseres Wasser getrunken. Nach einer kleinen Pause ging ich weiter. Die Leute, die ums Kloster herum arbeiteten grüßten mich fröhlich und ich bedankte mich für die guten Reisewünsche. Jetzt ging es wieder bergauf. Seltsam. Wieso geht es immer weiter nach oben? Wie hoch kann das gehen? Es muss doch irgendwann auch wieder runter gehen.

Tatsächlich ging es nun eher auf und ab und ich lief auf einer Art Panzerspur. So trockene, lehmige Erde, mit so einem ganz krassen Profil. Wahrscheinlich von einem Bagger oder Traktor, aber in meiner Fantasie haben hier die Routenplaner mit dem Panzer einen Weg gebahnt. Hätten sie sich mal darauf konzentriert, den Weg zu beschreiben, denn ich war schon wieder ratlos. Mehrere Wege kreuzten sich und es war nicht so richtig klar, wo es nun langgehen soll. Ich ging einfach ein paar Schritte weiter. Da knackte es und einen knappen Meter vor mir lief auf einmal so ein Springbockrehhirschjunge los und hüpfte supercool in den Wald, wobei er immer mit den Vorder- und Hinterbeinen gleichzeitig sprang. Das sah Hammer aus. Ich hab ihm noch hinterher gerufen, aber er kam nicht mehr zurück. Jetzt war ich mega geflasht. Was für eine coole Begegnung!

Fröhlich lief ich weiter. Bergauf natürlich. Und kam dann über die Grenze zwischen Toskana und Umbrien! Yeah! Nicht, dass da jemand irgendwie ein Schild für aufgestellt hätte oder so. Man muss sich da auf Karte und Wanderführer verlassen.

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Ich staunte über die Vielfalt der hiesigen Schmetterlingspopulation und freute mich noch mehr, dass mir sogar der Name eines zweiten Schmetterlings wieder eingefallen ist. Zitronenfalter kann ja jeder, aber ich erinnerte ich plötzlich wieder an das Tigerauge. Super Name.

Ich kam an einem verfallenen Bauernhof vorbei. Schade eigentlich, dachte ich, cooles Haus. Aber lag halt mitten im nix. Da wollte dann irgendwann einfach niemand mehr hin. Ich kam durch einen kleinen Bach an eine Stelle, an der Holz gelagert wurde. Anscheinend für den Winter. Da war auch ein Riesenhaufen mit Stöcken, die so den Durchmesser eines Fünf Mark Stücks hatten. Perfekt. Ich hab sofort meinen Wanderstab gefunden. Hatte ich auf dem Jakobsweg auch und hat mir da super Dienste geleistet. So ging ich meines Weges. Vorbei an einer weiteren Bauernhofruine. Eine ältere Dame mit Nordic Walking Stöcken kam mir entgegen. Ich grüßte, sie grüßte. Man war vertraut, wir kamen quasi aus dem gleichen “Club”. Bei so wenigen Begegnungen mit anderen Wanderern, wurde alles schnell konspirativ.

Ich machte erneut ein kleines Päuschen. Mensch, der Rucksack wurde aber auch nicht leichter. Und es könnte auch mal wieder so eine Wasserquelle kommen, mein Trinkvorrat ging nämlich langsam zur Neige. Und der Stock nervte vielleicht. Das war eine schlechte Idee. Come on, als Wanderer darf man an keinen schlechten Ideen hängen. Und wie einen Speer warf ich den Stock ins Unterholz. Nicht besonders weit, ehrlich gesagt. Die Kraft in meinen Armen hat wohl etwas gelitten. Wurst. Weiter ging’s.

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Nachdem ich quer durch irgendein Feld laufen musste, an einem Straßenwachthäuschen vorbei auf einem Stück Straße, auf dem mich nur ein LKW laut tosend überholte, kam ich wieder auf so eine unbefestigte Straße, eine sogenannte “Strada Biancha”, weil der Schutt und getrocknete Lehm, aus denen diese Wege bestehen, immer so weißlich aussehen. Und mit dem Blick nach vorne wurde klar: Ich würde noch sehr lange auf dieser Straße sein, noch SEHR lange. Es war zwar Nachmittag, aber immer noch unfassbar heiss. Und meine Wasserflasche war fast leer. Kein Haus, geschweige denn ein Ort in Sicht. Und da wurde ich zum ersten Mal auf dieser Tour ein bisschen verrückt. Ich sang laut irgendeinen Stuss vor mich hin, der mir gerade einfiel. Dann redete ich laut italienisch mit mir, um in Übung zu bleiben und gut sprechen zu können, wenn ich in diesem Leben jemals noch mal auf Menschen, womöglich sogar Italiener treffen sollte.

Der Weg ging ewig nach oben, klar, wohin auch sonst. Als es auf der anderen Seite des Hügels wieder runter ging, kamen erste Häuser. Aber mehr so zu Villen umgebaute, alte Bauernhäuser. Mit kleinen Zierhecken. Hier konnte man nicht nach Wasser fragen, da würde man sicher direkt eine Ladung Salzkörner aus der Schrotflinte in den Hintern geschossen bekommen. Ich ging weiter. In der Ferne sah ich auf einem Feld einen riesigen Wassersprenger das Feld beregnen. Was hätte ich darum gegeben, auf diesem Feld zu stehen. In diesem Moment. Unter diesem verschwenderischen Wassersprenger. Aber das war zu weit weg und auf gar keinen Fall auf meiner Route. Und Umwege sind die Pest und auf jeden Fall zu vermeiden.

Dann aber kam ich durch das erste Dorf, welches im Wanderführer benannt wurde. Da musste es doch Wasser geben, oder? Gab es nicht. Es war auch kein Dorf, sondern eine Strasse mit vier Häusern und einem Fussballplatz. Aber: Am Ende der Strasse, die aus dem angeblichen „Dorf“ raus führte, sah man schon das nächste, viel größere Dorf. Mein Ziel. Gleich wäre ich da.

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Meine Schritte wurden schneller, obwohl ich nicht mehr konnte. Ich lief zum Dorf hinein. Die vor der Bar abhängende Dorfjugend begrüßte mich mit einem von mir schwach erwiderten “Salve.”. Ich fand ein kleines Lädchen. Eine kleine Flasche Fanta und eine große Flasche Wasser. Beides nicht gekühlt, aber wie egal mir das gerade war. Mit der Kassiererin einen kurzen Plausch über die Hitze und das Wandern auf dem Franziskusweg. Dann raus aus dem Laden. Unter den Blicken des Frisörs und ein paar seiner Kunden, habe ich mich sofort auf der Bank vor dem Laden des Figaros hingesetzt und die Fanta in einem großen Schluck weggezischt. Tat das gut. Trinken! Und wenn es Eselspisse gewesen wäre (manche meinen ja sogar, da wäre der Unterschied gar nicht so groß…). Das hier war eine richtige Erlösung.

Ich checkte im erstbesten Hotel ein, das auch ganz nett war. Dann holte ich mir in einem Imbiss, der von zwei irrsinnig netten und aufmerksamen Damen betrieben wurde, noch ein paar Stücke Pizza. Sie sagten, ich solle Servietten mitnehmen. Ich zog ein paar aus dem Spender. Dann riefen sie mich noch mal zur Kasse und legten mir zwei Servietten hin, als wenn sie sie abzählen würden. Auf der einen war ein 50 Euro Schein gedruckt, auf der anderen ein Hunderter. Mit diebischer Freude gaben sie mir diese beiden Spezialservietten, die wohl nur für besondere Kunden waren. Ich hab mich ehrlich total gefreut und die beiden sich auch. Win-win.

Lustigerweise war an genau diesem Abend im Ort noch ein “Oktoberfest” mit Grill und deutschem Bier und so. Und so sehr ich solch skurrile Augenblicke ungern an mir vorbeigehen lasse: Ich konnte nicht mehr. Also bin ich zurück ins Hotel, aß meine Pizza und guckte im italienischen Fernsehen “Rocky 2″, der glücklicherweise im Zweikanalton ausgestrahlt wurde, weswegen ich ihn in Englisch gucken konnte. Aus dem zwar mit Fensterläden verschlossenen, aber dennoch geöffneten Fenster drangen Alphörner von der örtlichen Sommerwiesn an mein Ohr. Dann schlief ich endlich ein.

Hier gehts weiter mit Tag 2.



18 Jahre Domian

Domian hat 18-jähriges Jubiläum und das bedeutet, mehr oder weniger, dass ich seit 18 Jahren jede Nacht zwischen 1 und 2 Uhr WDR gucke. Das ist die Hälfte meines Lebens! Grund genug also, dieser Sendung mal ein paar Zeilen zu widmen:

Domian und ich, wir haben ungefähr zur gleichen Zeit beim Fernsehen angefangen. Er ein Jahr später als ich, aber dafür auch deutlich konstanter on Air. Dabei hat er viele andere Call-in-Formate kommen und gehen sehen. Aber Domian blieb. Bis heute. Warum?

Domian hat Meinung, der sitzt da nicht so neutral wie möglich, sondern der macht auch mal Ansage, wenn ihm etwas gehörig gegen den Strich geht. Das Angenehme dabei ist, das er nicht psychologisch oder juristisch korrekt argumentiert, sondern nur nach gesundem Menschenverstand. Dass er dabei in den vergangenen 18 Jahren schon eine Menge gehört hat, ist klar. Manchmal tut er heutzutage noch so, als würde ihn ein Anrufer mit irgendeiner seltsamen Neigung schocken. Das kann man ihm nicht mehr so richtig abnehmen. Der hat doch schon alles gehört. Legendär dabei ist sicherlich der Hackfleischbeischläfer - wobei ich mir bis heute unsicher bin, ob der sich nicht einen Spaß gemacht hat. Aber vielleicht ist das auch der Witz von Domian oder das Geheimnis: Alles sofort Ernst zu nehmen, auch wenn es zum lachen ist. Dann lachen und trotzdem ernst nehmen.

Unvergessen auch dieser FC-Fan-Depp, der die Anti-Pezzoni-FB-Seite initiiert hat und dann auch noch bei Domian anruft. Oh Lord.


[YouTubeDirektFandepp]

Ich hab aber noch einen persönlichen Bezug zu Domian:

07.09.1996

Ich sitze in meiner ersten eigenen Wohnung (WG) in Köln und hab das Telefon bereitliegen. Der Fernseher läuft. Die Leute erzählen Domian ihre Probleme. Dabei steht ein Foto von mir in die Kamera gerichtet neben ihm auf dem Schreibtisch. Das Bild musste ich ihm selber einwerfen gehen, bei irgendeiner Adresse in der Stadt. Da hab ich mir noch gedacht: “Guck mal, ich soll das einwerfen, weil der bestimmt so einen komischen Schlafrhythmus hat und ein reiner Nachtmensch ist. Wie so einer, der von der Schicht kommt.” Das fand ich sehr interessant.

In der Sendung hat er dann von seinen Anrufern Fragen an mich gesammelt und mich zehn Minuten vor Ende angerufen, um die mit mir abzuarbeiten. Leider kam irgendwie keine wirklich interessante Frage, was ein bisschen schade war, aber cool fand ich es trotzdem, so Teil der Sendung zu sein. Als ich einige Zeit später (für mich) überraschend Proband eines Piloten einer KHM-Sendung war, ist er in der Sendung noch mal aufgetaucht, ich glaube als Bühnenhelfer zusammen mit Biolek. Was für eine Ehre (Einer Sendung übrigens, in der Wolfgang Lippert als Zauberer für mich aufgetreten ist.). Mehr hab ich mit dem leider nie zu tun gehabt. Aber ich mag den.

Domian ist einfach superrreal. Ich find es schade, dass die Talkshow-Versuche von dem nie so hingehauen haben, ich fand die nämlich immer extrem gut. Wie der da einmal diesen Nazi bei sich in der Sendung hatte und dem die Meinung gegeigt hat, dass war toll. Domian ist sozusagen in den Medien das personifizierte Rückgrat.

Und natürlich liebe ich, wie alle Anderen auch, die ganzen Spinner, die da immer anrufen und so herrlich skurril sind. Ich erinner mich an einen Anrufer, der meinte Unglücke im Traum vorhergesehen zu haben. Dann erzählte er von einem Flugzeugabsturz, an den sich aber Domian nicht erinnern konnte und der Anrufer kam total ins stottern, weil seine Konstruktion plötzlich im Eimer war. Ich hab mich kaputt gelacht. Ich glaube, das war einer der lustigsten Anrufer ever. Domian ist aber ganz ernst geblieben (ich meine abe gesehen zu haben, wie er ein Schmunzeln unterdrückte…). Für solche Anrufer liebe ich die Sendung.

Deswegen, Domian, alles Gute und Beste zum Jubiläum! Du bist ein wichtiger Anker des deutschen Fernsehens! Echt jetzt mal (Und halb Twitter würde ohne dich nachts zu Grunde gehen…). Deswegen: Alles so weitermachen wie bisher. Auf die nächsten 18 Jahre!



Liebe EM, wo sind die Fans?!?!?!

Hui, also hier ist ja was los! Also eigentlich nicht! Es ist also los, das viel zu wenig los ist!

Habt ihr auch dieses diffuse Gefühl, dass der/die/das Fandom irgendwie so wenig, so unausgeprägt ist? Vielleicht liegt das daran, das die EM kleiner ist als eine WM, aber das reicht mir nicht als Grund. Deswegen war ich für euch ermitteln, auf der Fanmeile. Meine liebste Brause Coca-Cola hat mich eingeladen, mir das Geschehen einmal dort am Brandenburger Tor anzusehen und mich als “Fanreporter” zu versuchen. Und weil ich so einen Quatsch gerne mache und mir wenigstens ein Spiel auch mal dort, auf der Fanmeile, ansehen wollte und weil auch eine meiner liebsten Freundinnen mitgekommen ist und weil der Hermi auch da war - aus all diesen Gründen hab ich das dann einfach mal gemacht. Ich hab fürs bessere reportieren dann auch ein iPad in die Hand gedrückt bekommen. Und durfte das mit nach Hause nehmen. So. Nun ist alles offen gelegt. Wer glaubt, das ich jetzt nicht mehr frei schreiben kann, der möge bitte nicht weiterlesen. Alle anderen: Viel Spass.

So stand ich also da, beim Klassiker Deutschland - Niederlande und hab mir mal angeguckt, was die Menschen immer auf die Strasse hinterm Brandenburger Tor zieht. Das ist, ehrlich gesagt, nicht viel. Also ja, die Stimmung dort ist exorbitant gut. Ich hab eigentlich keine Hauereien sehen können, das ist für so eine Menschenmenge überraschend friedlich abgelaufen alles. Schon mal dufte.

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Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt und so mit hab ich auch die Schattenseite einer solchen Grossveranstaltung miterleben dürfen: Lokalradiomoderatoren, die die Menge anfeuern. Abgesehen davon, dass die mir mit dem Vorschlaghammer der Wiederholung, ihren Sendernamen inklusive Frequenz ins Hirn gezimmert haben, waren die sich auch nicht zu blöd, jeden noch so abgedroschenen Fangesang anzustimmen, die wiederum von der Masse sofort aufgenommen und weitergesungen wurden. Ja, das funktioniert zwar, aber ist es deswegen auch gut? Die Spiele, die die zwischendurch gespielt haben, waren so ein bisschen okay (Zwei treten Fitness-mässig gegeneinander an für ein Ticket zum Finale) und so ein bisschen schmerzhaft (Zweier-Teams treten in Fangesängen gegeneinander an). Aber um mich herum wurden die eher nervig gefunden. Naja. Meine Art des moderierens ist dieses “HEY! WIR SIND JETZT ALLE SUPERGUT DRAUF!!!!” eh nicht. Ich bewundere immer Typen, die das können. Ist nicht leicht. Vor allem nicht vor so einer Masse. Dennoch: 2 Gramm mehr Hirn wären auch hier möglich.

Aber alles nicht so wild, ich bin ja nicht da gewesen, um das literarische Quartett zu sehen. Erstmal hab ich sowieso einen alten Freund dort, in diesem VIP-Bereich, wiedergetroffen. Lang haben wir uns nicht mehr gesehen. Ihn zieht es auch immer wieder aus Köln weg, so wie jetzt auch. Da haben wir ein wenig sinniert und über die ganze Welt nachgedacht. Das kann man hier ganz gut sehen:

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Nachdem Lukas und ich uns voneinander verabschiedet haben, war auch schon die erste Halbzeit vorbei. Und wir steuerten direkt auf das absolute Highlight der Veranstaltung zu, das noch niemand ahnen konnte. Das Showprogramm auf der Bühne startete etwas lahm mit dem Spruch: “WIR MACHEN JETZT 15 MINUTEN PARTYYYYY!!!!”. Das hab ich schon aufregender gehört. Aber gut. Wir, das heisst unsere kleine Reisegruppe, unterhielten uns und analysierten die erste Halbzeit, wenn wir schon die TV-Analyse nicht sehen durften.

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Und da fiel er mir auf. Ein versierter Tänzer, der ein wenig betrunken wirkte, aber dennoch offensichtlich absolut sicher stand. Warum er mir auffiel? Nun ja, er tanzte an einer etwas exponierten Stelle:

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Ich bewundere ja immer Leute, die so hammergut klettern können und scheinbar problemlos in so luftige Höhen steigen. Schon alleine dafür hat der Kollege meinen Respect. Das sind richtige Fans, die das machen. Nun, nach einem wilden Tänzchen wurde es ihm ein wenig langweilig und er setzte sich hin.

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Da sass er nun und verfolgte das Geschehen. Das Ding war nur: Das Geschehen war plötzlich er selbst. Auf der Bühne sollte gerade Oceana ihren offiziellen EM-Song singen. Nach nur ca. 20 Sekunden wurde jedoch das Playback abgebrochen. Große Verwunderung allenthalben. Sollte die FIFA eingelenkt haben? Nein, das war nicht der Grund für den abrupten Stop der Musik. Nach ca. 10 Minuten hat man auch auf der Bühne den Ampelmann entdeckt (oder ist von den Sicherheitskräften darauf hingewiesen worden) und das musste unterbunden werden. Deswegen plötzlich der dringende Appell des Moderators mit dem vergeblichen Versuch, die Masse gegen den Hochlufttänzer aufzuhetzen:

Zwei Sachen sieht man nicht:

1.) Auf der Leinwand über der Bühne steht groß geschrieben “runter!!!”. Hihihihi!
2.) Auf den Kletterer hat sich direkt eine Fußballmannschaft Securitys gestürzt. Ich glaub nicht, das der nochmal auf die Fanmeile darf. Maike hat das übrigens alles tausendmal besser als ich beschrieben. Und zwar hier.

Auf jeden Fall war die Halbzeitpause dadurch sehr spannend. Das Spiel wurde gegen Ende auch noch mal nägelkauend aufregend und dann war es auch schon plötzlich vorbei. Deutschland hat, nicht schön aber wirksam, sein zweites Spiel 2:1 gewonnen und, vielleicht ein erster Indikator für ausbleibende Superextase im Land, war trotzdem noch nicht sicher weiter. Das ist doch auch bescheuert. Die Leute wollen sich freuen, haben zwei von drei Spielen gewonnen und man muss ihnen als erstes sagen: Du, ihr seid aber noch nicht weiter. Ich glaube dieser Dämpfer, hat die gesamte Stimmung und Euphorie im Land gedämpft. Und die muss man jetzt mühsam wieder hochziehen. Nun ja. Meine bescheidene Psychoanalyse eines gesamten Landes. Gestatten: Bokelberg, Länderpsychologe. Klingt gut!

Nachdem das Spiel gelaufen war, feierten die Menschen noch ein wenig und verschwanden dann peu a peu, bis die Fanmeile wieder leer war und die Musik aus. Ruhe und Müllmänner. Ich mag die Romantik verlassener Feste.

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Die große Frage aber blieb und bleibt: Was bleibt von diesem Abend? Lustige “Wir albern rum im VIP-Fotoautomaten”-Bilder? Ja, die auch:

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Aber das reicht doch nicht. Wenn ich an die Songs denke, die zwischendurch gespielt wurden, dann wird es mir wieder klar: Deutschland hat keinen EM-Song, vor allem die Fans haben keinen Song! Das ist doch schlimm, das geht doch nicht! Ich, als Komponist und Autor des großen WM-Hymne und Ballade “Instrument der Liebe” muss eingreifen! Sofort wird das redaktionelle iPad mit Garageband angeworfen, um Abhilfe zu schaffen.

Mal überlegen: Worum geht es beim Fansein? Mal überlegen. Wir haben ja so Fanklatschen bekommen, so Pappfächer mit denen man laut klatschen kann. DIE dürfen laut sein. Meine Vuvuzela musste ich aber am Eingang der Fanmeile abgeben, weil, wie mir gesagt wurde, der Veranstalter die nicht da haben wolle. Ich war empört. Zensur ausgerechnet am Brandenburger Tor! Aber gut, was ist denn noch laut? GENAU! Und schon hatte ich den ersten Song parat. Das geklatsche, das man die ganze Zeit im Lied hört, hab ich übrigens mit den original Fanklatschen vom Brandenburger Tor eingespielt. Wahnsinn.

Aber, ach, ich weiss auch nicht. Das ist es noch nicht. Da wollte ich irgendwie nicht hin, das ist so negativ, so anti. Ausserdem der Sound, der klingt so ein bisschen outdated. Wer will denn heute noch Akkustikgitarren mit Orgelsolo hören und leicht übersteuertem Gesang mit aufgesetztem Rio Reiser-Akzent? Also, ich war nicht überzeugt. Deswegen musste ich nochmal ran.

Wenn man sich die Modeblogs ansieht (und ich sehe mir GERNE Modeblogs an - wenn auch nicht wegen der Mode, sondern wegen der hübschen Mädchen), so scheint das 80er-Revival doch immernoch im vollen Gange zu sein. Gut, ausser vielleicht bei Robyn, die sich entschieden hat, das schlimmste aus den 90ern zu tragen und zu verkörpern, aber okay. So sind sie, die Paradiesvögel. Ich hab mich also an der Kühle und Monotonie der 80er orientiert und geguckt, ob sich das mit dem Fansein verbinden liess:

Okay, ganz ehrlich: Das kann man doch nicht gröhlen! Das ist doch ausserdem total unemotional. Nein, nein, nein. So geht es auch nicht.

Ich brauche Emotionen, ich brauche Udo Jürgens Gefühl, ich brauche Fans, am Besten jeglicher Richtung. Ich brauche ein Lied, das alle mitnimmt. Eine Ballade, eine Powerballade! Das ist es! So muss es klappen! Fünf Minuten und sechsunddreissig Sekunden echte Gefühle! (Der eventuell etwas müde wirkende Gesang sei der frühen Stunde der Aufnahme entschuldigt - und der Tatsache das ich kein Studio hab. Aber das ist ja auch nur ein Demo…) Für mich ganz klar der Nachfolger des großen “Instruments der Liebe”:

EM gerettet.
Heute bitte gegen Griechenland gewinnen.

Und hier noch ein frisch gemachtes Poster meines Fanmeilenhelden:

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Der Babybekommflüsterer

Eine liebe Freundin von mir ist schwanger. Und seitdem ich das weiß und wir uns sprechen, hau ich die ganze Zeit Tipps raus. So wie: “Na, schon Geburtstvorbereitungskurs ausgesucht?”. Natürlich gefolgt von einem: “Naja, so wichtig ist das auch nicht, aber schon interessant.”. Und dann seine geballte Erfahrung (”Nach sechs Monaten kannst du ja dann auch endlich wieder Alkohol trinken, denn dann müsstest du ja abstillen…”) immer so en passant ins Gespräch einfliessen lassen (”Ja, ne, scharf essen ist nicht so gut…!”).

Und das ist so lustig, weil ich mich automatisch als “Experte” geriere, nur weil ich vorn ziemlich genau 11 Jahren meiner damaligen Freundin und heutigen wichtigsten Vertrauten und bester Freundin dabei geholfen habe, unsere Tochter auf die Welt zu bringen, so weit man da als Mann neben dem Bett eben helfen kann, bei so einer 20 stündigen Dauerbelastung. Ja, ich hab mich auch vorher informiert und so, aber eigentlich: Kinder haben zum Glück auch schon viele andere Leute vor mir und nach mir auf die Welt gebracht. Von denen haben aber mit Sicherheit die Wenigsten das Gefühl, sobald sich in ihrer Nähe ein Damenbauch wölbt, gleich Ernährungstipps geben zu müssen. Ich weiß auch nicht, woher das kommt. Ich bin irgendwie immer noch so fasziniert von der ganzen Thematik, dass ich sofort ins erzählen und beratschlagen komme, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wobei hier “erzählen und beratschlagen” wohl zu großen Teilen als Euphemismus für “klugscheißen” gelesen werden kann.

Im Nachhinein fiel mir das auch auf und ich entschuldigte mich dann. Sie fand das aber gar nicht so schlimm, wie es mir vorkam. Im Gegenteil, sie freue sich über meine Tipps, liess sie mich wissen.

Oh oh.

Ich bereite dann jetzt mal mein 12-seitiges Referat über Beckenbodenübungen, Rückbildungsgymnatik und Dammrisse vor.