HERRRMS AAAAARFZ

Mein geheimer Bruder Herm, mit dem ich zusammen ein Wrestling Team habe (ruht derzeit, Probleme mit der Liga), hat ein Buch geschrieben. Das fand ich schon sensationell genug. Nun habe ich mir die ganze Zeit überlegt, was der wohl für ein Buch schreibt. Ich hatte keine Vorstellung. Ich weiß wohl, dass er mal in einen “Kreativurlaub” gefahren ist, aber das war wohl erst auf der Rückfahrt ergiebig.

Würde es eine Abhandlung über Cola im Wandel der Zeit werden? Ein Wrestling-Kompendium? Eine Mariah Carey-Biographie aus der Sicht von Turtle Raphael? Alles war drin. Aber was ist es geworden?

AAARFZ (Amazon-Partnerlink) ist es geworden, der vielleicht hier-igste Liebesroman, den ich seit langem gelesen habe.

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Die Stadt, Berlin, ist nicht im Nebel, die Gefühle sind nicht hoffnungslos und nicht mal das Kaff im Osten ist trist. Eigentlich ist bei Herms Buch alles anders, als in den ganzen jungen Büchern der letzten Jahre. Weil er nun mal Herm ist. Der kann gar nicht anders. Er bzw. seine Figur Tobias (ich behaupte jetzt mal, das die Übergänge da sehr fliessend sind) macht sich Gedanken über seinen alten Nachbarn, er beschreibt das Geheimnis der Ehe seiner Eltern, in dem er Vaters Verhalten beschreibt und er ist beseelt von dem Traum, ins All zu fliegen. Vielleicht um endlich mal Distanz zum eigenen Leben zu kriegen, zur eigenen Herkunft, zum eigenen Ich. Vielleicht aber auch viel eher, weil es so cool wäre, mal Cola zu trinken, wenn sie quer durch den Raum fliegt.

Tobias ist freier Musikjournalist und rätselt sich so durch den Tag. Er überlegt Astronaut zu werden, ohne den Hauch einer Ahnung davon zu haben. Bei ihm ist alles immer so ungefähr durchdacht. Aber dann trifft er eines Tages ein tolles Mädchen und plötzlich scheinen ganz andere Sachen wichtig zu sein. Vielleicht. Vielleicht ist das aber auch wieder nur so ungefähr durchdacht. Das ist im Grunde genommen die Handlung.

In einer Episode traut er sich in einen Army Shop und kauft sich Astronautennahrung (und ein sinnloses Täschchen, damit sein Einkauf nicht so jämmerlich wirkt). Dabei stößt er auf Schokolade der schweizer Armee und der Verkäufer, Military Meik, erklärt ihm lachend, dass er drei Tage nicht mehr “mockern” müsste, wenn er die essen würde. Natürlich isst er sie und natürlich setzt Meiks Vorhersage nicht ein. Aber diese kleinen Episoden und ihre ausufernden Erklärungen, bis er endlich so einen doofen Keks isst (der dann auch noch unspektakulär schmeckt und ganz schnell abgehandelt ist), die machen Aaarfz so lesenswert. Keine Sorge: Das Ausufern ist nie Selbstzweck, sondern immer dramaturgisch begründet.

Ausserdem hat das Buch wirklich eine der unpeinlichsten Sexszenen, die ich jemals irgendwo gelesen habe. Keine “schwitzigen Körper”, kein “reines Verlangen”, keine Pimmel oder Mösen. Sondern: “Wie ein Römertopf der Lust verschmelzen wir zu einem vollkommenen Gesamtbild.” Römertopf der Lust! Jetzt bin ich geil UND hungrig! Warum ist vorher niemand auf dieses klare, sofort nachvollziehbare Bild gekommen? Weil es dazu eben einen Herm braucht, der sich - wie man in Köln so schön sagt - für nix fies ist. Hermis Welt ist eine Gute. Eine Weltfriedenwelt. Klar, ab und zu gestört durch das aufflackern einer Hässlichkeit, die er auch wahr nimmt und kommentiert, aber ansonsten: Großes Staunen über Alles. Alles auf dieser Welt ist bewundernswert. Und Herm erinnert mal wieder daran. Danach können ja alle wieder ihren Deprisound von James Blake hören, aber “Aaarfz” ist “Friday, i´m in love“.

Das Buch ist toll, das Artwork ist toll (sieht also auch gut aus, wenn es einfach nur rumliegt) und Herm ist toll. Drei sehr gute Gründe, sich das Teil direkt mal zu besorgen. Mir hätte das Buch definitiv auch gefallen, wenn ich Herm nicht kennen würde. Als Beweis noch ein kurzer, fiktiver Dialog aus dem Buch, anhand dessen uns “Tobias” erklärt, warum das Kino einfach kein guter “First Date” Ort ist:

“Ein kleines Popcorn und eine mittlere Cola, bitte.”
“Das macht dann so ungefähr dreihundertneunundfünfzig Euro.”
“Okay, null Problemo.”

Perfekt.



“Nett” ist die Schwester von “Yps”

Heute, einen Tag vor meinem Geburtstag, ist es also so weit: Der groß angekündigte Relaunch der wichtigsten Zeitschrift meiner Jugend stand an: Die Yps liegt wieder am Kiosk.

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Dabei ist die Idee dahinter so simpel wie clever: Da man wohl kaum eine Wurst von Teller ziehen würde, wenn man versucht mit gefühlten 1.000.000.000 anderen Kindertiteln, die alle mittlerweile auch Gimmicks haben, zu konkurrieren, geht man einfach auf die alte Leserschaft zu. Die neue Yps will für die alten Leser sein, sprich: MItgewachsen. Eine coole Coffetable-Zeitschrift. Oh! Welch Idee! Wirklich, ganz unironisch, das macht total Sinn. So Ottos wie ich haben doch voll Bock, sich wieder eine Yps am Kiosk holen zu können, um wieder so ein Yps-am-Kiosk-hol-Gefühl zu haben und sei es auch nur ein kurzer Kick. Dazu würden mir auch auf Anhieb eine Menge Texte oder Autoren und Autorinnen einfallen, die ich dazu im Heft haben wollen würde. Zum Beispiel coole Ideen, was man mit seinen Kindern für bekloppte Experimente machen kann (die auch alleine Spaß machen). Comics für Groß und Klein, auch ein paar Klassiker, allen voran natürlich Pif und Herkules oder noch besser: Piffi! “Nix-Glop-Glop!”

Man könnte in den Comics, die übrigens mindestens die Hälfte des Hefts einnehmen sollten, der Nostalgie frönen, gleichzeitig einfach Spass an den Geschichten haben und sie, falls vorhanden, mit seinen Kindern teilen. Das könnte ein Heft sein, an dem Familien Spaß haben, ohne diesen nervigen Familiencharakter im Vordergrund oder Singles, die gerne zurückblicken. Fresh und Old School zugleich! Wie cool ist das denn, bitte schön?

Nun: All das ist es nicht.

Stattdessen ist es ein Heft über die 80er Jahre, mit ein bisschen Comic-Promotion von Ehapa für einen, schon auf 4 Test-Seiten zum einschlafen lähmenden, Zombie-Comic. Werde Spion, werde Zauberer, werde Dinosaurierforscher. Die Seiten ballern einen zu mit Testosteron. Dazu noch ein paar superlustige Comicstrips, bei denen einer nur aus einem Panel eines Ausschnitts einer Kellnerin besteht (”Höh Höh Höh!”), Zaubertricks mit Bierflaschen und Zigaretten und einer Bilderstrecke mit Autos von damals und heute. Ey, boah, ey (Die “Modestrecke” in der Yps und seine Freunde irgendwelche Klamotten präsentieren, lasse ich mal höflich unter den Tisch fallen…ähem).

Am Anfang gibt es eine mehrseitige Story über die Entstehung und den Werdegang der Yps. Das ist ein schöner Artikel und sehr guter Opener. Dann kommen schon die Facebook-Fans der Yps zu Wort und es wird schlagartig belanglos. Gefolgt von einer Doppelseite “Extrablatt”, was einerseits cool ist, weil die genauso gelayoutet ist, wie damals in der Yps. Aber dann ist alles so ironisch gemeint, aber die Leute kann man wohl trotzdem auf Facebook finden, so heisst es. Ich verstehe gar nicht, warum ich davon jemanden anschreiben sollte. Und, ach, liebe Leute: Das Extrablatt in der Yps waren damals schon die uninteressantesten Seiten.

Und so geht das die ganze Zeit weiter: Promis erzählen in einem kleinen Statement von ihrer Yps-Zeit. Gefolgt von den unvermeidbaren Gadgetery-Seiten, in denen allen ernstes immer noch ein USB-Tassenwärmer als verrücktes, nie gesehenes, neues, crazy Gadget vorgestellt wird. Oh, ich merke schon die Arthritis in meinen Armen. Hoffentlich werde ich das Heft bis zur letzten Seite noch halten können.

Die zweite, halbweg interessante Seite taucht auf: Ein Interview mit Heinz Körner, dem damaligen Zeichner von “Yinni und Yan”, ebenfalls einer exklusiven Yps-Serie über ein Reporter-Team. War auch ein bisschen langweilig immer, aber okay. Dann kommen die Comics. Naja, eigentlich nur ein paar Comicstrips, bei Ruthe (”Shit Happens”) und Josha Sauer (”Nicht lustig”) sogar nur (wenigstens exklusive) Cartoons auf eine Seite aufgeblasen. Dazwischen Strips von Øverli namens “Pondus”, angeblich eine der “erfolgreichsten skandinavischen Comic-Reihen aller Zeiten” und ungefähr so lustig wie “Tom”, falls den einer kennt. So plätschert das Heft vor sich hin. Alte Coladosen werden neben neuen fotografiert. MIchael Groß, der Schwimmer, wird als “Held von damals” interviewed und dann kommt ein alter Comic von, na klar: Yinni und Yan.

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Das ist kein Heft von Fans für Fans. Das ist ein Heft, das komplett unter Marketing-Gesichtspunkten gestaltet und dann am Schluss mit einem Yps-Gefühl überzogen wurde. Dieser andauernde Nostalgie-Scheiss mag ganz lustig sein, aber muss man den wirklich so breit treten? Ich weiß, das ich morgen 36 werde, daran muss mich kein Heft erinnern. Immer ist alles “kultig” und “retro” und auf dem Heft und dem Heftrücken steht in grellem Pink: “Eigentlich sind wir doch schon erwachsen!”

Oh, wir sind so erwachsen und lesen trotzdem Comics. Hihihi. Oh, wir sind so erwachsen und probieren trotzdem nochmal die Urzeit-Krebse aus. Hohoho. Oh, wir sind ja so erwachsen und kaufen uns heute trotzdem einen USB-Tassenwärmer. Dieses andauernde rumspiessen auf Erwachsenen-Bildern und Männlichkeits-Bildern ist so penetrant und nervig und unvisionär und engstirnig und lahmarschig, das ich mich fast schäme, damals die Yps überhaupt gelesen zu haben, wenn das hier jetzt ihres Geistes Kind sein soll.

Die neue Yps will keine Frauen als Leser. Die neue Yps will keine Comic-Leser als Leser. Die neue Yps will keine Familien als Leser. Die neue Yps will männliche Singles als Leser, die sich das Heft aus Gag aufs Klo legen. Oder wie ich auf Facebook in einem Kommentar schrieb: “Diese Yps fühlt sich an wie ein Comicheft, das von so Armani-Managern mit spitzen Fingern in der Umkleide ihres Spas rumgereicht wird.”

Das reicht mir nicht. Aber vielleicht bin ich da auch nicht repräsentativ. Ich empfehle nur allen alten Yps-Fans, die ein altes Yps-Gefühl wiederhaben wollen, lieber auf dem Flohmarkt oder bei ebay nach alten Yps-Heften zu suchen, als sich diesen halbgaren, ideenlosen Neuanfang anzutun und das Heft, das einem damals die Nachmittage versüßt hat, so lieblos zerfasert mit ansehen zu müssen. Guckt weg. Das ist ein okayes Heft, aber das ist nicht Yps. Sorry.

P.S. : Das erinnert mich an “Donald”, ein Heft mit dem ähnliches versucht wurde: Ein Männer-Lifestyle-Magazin aufgehangen an einer kollektiven Kindheitserinnerung, in diesem Falle Donald Duck. Da frag ich mich doch: Kennt man bei Ehapa nur chauvinistische Single-Männer ohne Ideen und mit zu viel Zeit und Geld als Zielgruppe? Und kommt keiner drauf, das die alles, was mit “Kindheit” zu tun hat, eher doof finden und nich zu Hause rumliegen haben wollen? Ich würd mir an Ehapas Stelle mal eine neue MaFo suchen gehen…



Ein Hurenbock privat

Keine Angst (oder “Tut mir leid”, je nachdem), in diesem Text wird es nicht um mich gehen. Zumindest die Überschrift bezieht sich nicht auf mich. Aber von vorne:

Ich überlege die ganze Zeit, was ich jemals 13 Jahre am Stück gemacht habe. Also, ausser vielleicht besonders charmant zu sein, oder so. 13 Jahre verheiratet sein heisst bestimmt pferdeapfelne Hochzeit, oder so. Aber ich bin ja gar nicht verheiratet. Ah, ich habs! Ich kenne meine allerbeste Freundin, meine Verbündete, meine Soulmate nun seit 13 Jahren. Mit allen Aufs und Abs. Aber gibst noch irgendwas Anderes? Gibt es etwas Anderes, was ich seit 13 Jahren mache? Mein Beruf ist es irgendwie nicht, dafür war mein Lebensweg zu durcheinander. Nun sind 13 Jahre ja auch nicht die Welt, in einem Beruf. Einige Leute haben ja irgendwann ihr 40 jähriges Berufsjubiläum. Ich glaube für 13 Jahre im gleichen Job gibt es gar keine Glückwunschkarte zu kaufen, oder? Vermutlich nicht. Sollte es aber geben! Für einen jungen Typen, der gerade mal am Anfang der 30er ist, sind 13 Jahre ja schon eine Menge Holz. Und für eine Katze (Durchschnittsalter 15 Jahre) ja noch viel mehr! Quitzi, die beste Internetkatze aller Zeiten, feiert ihr 13 jähriges Jubiläum als Comicfachhändler im “Grober Unfug“, meinem schon viel zu oft erwähnten Lieblingscomicladen. Und er nimmt das zum Anlass, seine Expertise auszuspielen: Verschiedene Blogger bekamen von Quitzi einen Comic geschickt, der sie seiner Meinung nach begeistern könnte. Nun mag er sich mit kleinen bunten Bildchen auskennen, mit Menschen aber anscheinend nicht so sehr. Zumindest die ersten beiden Probanden dieses Feldversuchs waren von den Büchern, die sie bekamen, wenig begeistert.

Und da komme ich ins Spiel. Quitzi und mich, uns verbindet eine Vorliebe für seltsamen Humor, der bisweilen auch recht pubertär daher kommen darf. Wenn er, so wie beispielsweise in den Johnny Ryan Comics, dennoch irgendeine Komponente hat, die ihn zu etwas Besonderem macht. Also, ich weiß gar nicht ob wir beide diesen Humor haben, oder er immer nur so tut, wenn ich bei ihm im Laden stehe und er eigentlich lieber Hägar oder so was liest. Aber ich denke nicht. Er hat auch eine große Leidenschaft für das Archie-Universum, das mich zum Beispiel so gar nicht kickt. Das ist ja vielleicht ganz beruhigend zu wissen.

Nun bekam ich meinen Comic für die Aktion mit dem Titel: “Megaquitzchenmittwoch” (weil das Jubiläum an einem Mittwoch war). Und damit kommen wir auch endlich zur titelgebenden Figur dieses Textes. Das Buch heisst “Pascin”, ist von Joann Sfar und im Avant-Verlag schon 2006 erschienen. Quitzi meinte, es würde ihn wundern, das dieses Buch nicht viel erfolgreicher wäre. Nun gut. Gucken wir uns das ganze mal genauer an:

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Das Buch fängt erstmal mit einem Trick an: Über den ersten vier Illustrationen von Pascin steht: “Der Autor möchte betonen, dass die Ereignisse in diesem Buch allesamt seiner Imagination entspringen. Hierbei handelt es sich nicht um eine Biographie des Zeichners und Malers Julius Pinkas, genannt Pascin (1885-1930).” Das ist die erste Information, die man bekommt, bevor man irgendwas gelesen hat. Und dann geht es los, dieses Buch über den Maler Pascin, den sein Aktmodell schon im dritten Bild “Julius Mordecai Pincas” nennt. Die Relativierung also direkt wieder aufgehoben. Pascin ist ein Maler im Paris der Jahrhundertwende. Und er lebt ein Leben, wie man es sich genau da, von genau so einer Person vorstellt. Er zeichnet den ganzen Tag, wo er geht und steht, geht in Cafés, hat schöne Freundinnen, die sich gerne von ihm malen lassen. Ihn umweht ein Hauch von Lust, von Sex und von einer gewissen Ernsthaftigkeit. Er ist ein loyaler Freund, der sich die Menschen um ihn herum immer mit einem staunen ansieht. Er ist ein wenig in seine Muse verliebt, aber sie ist verheiratet. Vielleicht ist er auch eher in dieses Spannungsverhältnis verliebt. Überhaupt Liebe! Er macht sich nicht viel aus Körperlichkeit, aus Nähe. Ihn interessiert die Schönheit des Körpers. Lust ist für ihn, der sich als kleiner Junge gerne in einem Bordell aufgehalten hat, wohl eher Geschäft. Klare Verabredung. Notwendiges Übel. Spaß, ja, auch. Aber seine Inspiration ist woanders. Und Liebe ist für Pascin etwas ganz anderes.

So begleitet man ihn als Leser durch sein buntes Leben. Lernt seine ganzen Frauen kennen, erlebt ihn verzweifelt, erlebt ihn glücklich. Später erlebt man seine Potenzprobleme mit, seine verzweifelten Liebesversuche oder wie er sich, wohl um sich wenigstens wieder zu spüren, völlig grundlos lachend zusammenschlagen lässt. Nur um kurz danach in einer Kneipe ein Loblied auf die Liebe zu halten. Ja, Pascin ist wohl genau das, was man einen “Lebenmann” nennt, einen Bonvivant. Und ganz ehrlich, er ist der Typ, mit dem man um die Häuser ziehen möchte. Ein gütiger Zuhörer und faszinierender Erzähler. Ein Hafen für die ganzen Gestrandeten. Der am liebsten auch noch selber immer die Zeche zahlt. Guter Typ.

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Pascin liebt die Huren seiner Stadt. Er begehrt sie nicht körperlich, er fühlt sich mit ihnen verbunden. Sie ziehen ihn an, er liebt sie schon seitdem er als kleiner Junge seinem Vater Geld geklaut hat und zu ihnen ging - bevor er überhaupt geschlechtsreif war. Huren zogen und ziehen ihn an. Diese seltsame Atmosphäre in den Puffs, diese Mischung aus Abgeklärtheit und Verletzbarkeit, die die Nutten ausstrahlen. Dieses überhöhte Zurschaustellen weiblicher Attribute, das einerseits Geschäft ist, andererseits Lust am Spiel. Und die Macht, die die Nutten über ihre Freier haben, über die Männer. Das fasziniert ihn, zieht ihn immer wieder ins Rotlicht.

So wie sein bester Freund, eine Rotlichtgröße aus Marseille. Durch ihn lernen wir, wie und warum Pascin malt und zeichnet. So absurd das sein mag, der Verbrecher ist stellvertretend für den Leser. Versucht genauso sehr zu begreifen, was einen Künstler antreibt. Wie tickt Pascin? Niemand kommt einer Antwort darauf näher als Toussaint, der vermeintlich gröbste, ungehobelste und gefährlichste Freund des Malers.

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Das mag wirr klingen. Das mag wie ein Durcheinander klingen. Aber das ist kein Vergleich zu den Zeichnugen. Ich hab wirklich schon viele Comics gelesen. Von den unterschiedlichsten Zeichnern mit den unterschiedlichsten Stilen. Aber ich habe noch niemals jemand gesehen, der so viele verschiedene Stile gleichzeitig malt, wie Sfar in diesem Comic. Die Stile wechseln nicht nur von Kapitel zu Kapitel (was vielleicht noch dadurch zu erklären wäre, dass das Ganze ursprünglich eine sechsteilige Heftserie war), manchmal wechselt er auch mitten im Erzählfluss. Das ist absolut verrückt und kann in seiner craziness nur noch davon getoppt werden, das einem das beim lesen ü b e r h a u p t nichts ausmacht. Wirklich, so was seltsames hab ich noch nicht erlebt. Normalerweise, wenn ich das Buch nur mal eben so durchblätterte, würde ich sagen: Nö, nervt mich. Unruhig, kein durchgehender Stil, scheinbar willkürliche Wechsel des Strichs, will ich nicht lesen. Aber wie furchtbar falsch ich doch läge!

Die Stilwechsel sind so ziemlich eines der dynamischsten Stilmittel, die ich beim lesen je erlebt habe. Der Focus wird plötzlich total verschoben, egal was erzählt wird. Die Stimmung im Raum ist spürbar, die Stimmung der Protagonisten sowieso. Man macht eine Pause, der Strich wird ungenauer, Details unwichtiger. Der Schritt der Geschichte wird schneller. Dann wieder innehalten. Pascin entdeckt eine wunderschöne Frau. Der Strich wird ultradetailliert. Als wenn es jemand anders gemalt hätte - und doch ganz klar im Stil des Rests der Geschichte. Ich habe ehrlich gesagt gar keine Ahnung, wie Sfar das geschafft hat. Aber er ist der einzige, mir bekannte Zeichner, der so radikal so viele Stile in sich vereint. Und, na klar, diese Unterschiedlichkeit passt natürlich am hervorragendsten zu einer Künstlerbiographie. Die ja keine ist. Angeblich.

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Die Biographie des “echten” Pascin ist beherrscht von seinem Selbstmord, 1930. Sfar zeichnet ein ganz anderes Bild des Malers. Die Depression, die sich vor allem in den letzten Lebensjahren ihren Weg gebahnt hat, interessiert ihn höchstens am Rande. Hier und da blitzen solche Momente auf, aber sie bestimmen noch lange nicht den Alltag. Es geht um Pascins Leben, nicht sein sterben.

Ich weiß nicht, was von Sfars Geschichte wahr ist und was er sich ausgedacht hat. Das spielt auch wirklich gar keine Rolle. Er hat eine Geschichte gemalt, über einen Künstler der ihn fasziniert, offensichtlich auch inspiriert (die Zeichnungen des echten Pascin würden auch alle in den Comic passen), jemand dem er sich so versucht hat zu nähern. Indem er sich sein Leben vorstellt, vielleicht anhand von ein paar Eckdaten und Informationen. Ich halte solche Arbeiten für aufrichtige Biographien. Vielleicht erfährt man über den Autor der Biografie auch vieles, vielleicht spiegelt sich der Autor in dem Leben des Objekts seiner Faszination. Ähnlich wie in Couplands McLuhan-Biografie (hier die Weltfrieden-Review).

Ich habe vor vielen Jahren mal das Script für ein Hörspiel über Daniil Charms geschrieben, mein Lieblingsschriftsteller. Und da ging ich ebenso vor: Informationen waren spärlich gesät, eine Charms-Expertin hatte wohl Angst, das ihr irgendwas weggenommen würde und verbat sich jegliche Mithilfe und schrieb noch dazu: “Aber hüten sie sich vor Legendenbildung!” und hat mir damit die Augen geöffnet: Natürlich musste ich Charms zu einer Legende schreiben! Selbstverständlich musste ich ein paar kleine Anekdoten über ihn erfinden und zwischen die Fakten betten. Denn genauso hätte er sich das gewünscht! Kunst und Leben müssen verschwimmen, zu einer Einheit werden. Auch lange nach dem Tod. Na klar!

Und genauso eine Biographie, wie sie Sfar gezeichnet hat, hätte sich Pascin gewünscht. Um dann danach einen trinken zu gehen. Am besten im Puff um die Ecke.

(Die Bilder aus dem Comic, die hier abgebildet sind, sind natürlich und offensichtlich aus der französischen Version - ich hab die deutsche Übersetzung gelesen und die war super - mir kam zumindest nichts sprachlich komisch vor…)



Neulich in Lübeck

“Butter, so fest.
Doch in der Hitze,
gibt sie nach.
Schwach.
Schmelzend.
Heißes Fett.

Weiße Unschuld.
Zu jung zum leben.
Alt genug, um zu ernähren.
Das Ei, der Mensch.

Sie fließt als ein Symbol des Lebens.
Die Mutter.
Die Mütter.
Im Kaffee!”

“Günther, verdammt noch mal, kannst du den Einkaufszettel nicht so schreiben, wie alle anderen Menschen auch?”



Angezogen einschlafen

Für den “Literaturwettbewerb Prenzlauer Berg” hab ich eine Kurzgeschichte geschrieben (Vorgabe war “Wildnis in der Stadt”). Da ich es damit nicht unter die 10 Nominierten geschafft habe, pack ich sie nun hier rein, denn ich mag die ganz gerne und das wär irgendwie doof, wenn die nie jemand zu Gesicht bekäme. Viel Spaß!

Angezogen einschlafen

Das erste Mal ist er mir begegnet, als ich auf den Winter gewartet habe: Nachts stieg ich aus der Tram und da lief er vor mir über die zweispurige Hauptverkehrsader, auf der gerade nicht viel los war. Ein echter Fuchs. Mitten in der Stadt. Eigentlich hab ich mir die immer röter vorgestellt. Der hier sah fast weiß aus. Oder grau. Auf jeden Fall nicht rot. Kein Bisschen. Er rannte vor mir in die Seitenstrasse und ich sah ihn nicht mehr. Ich war ganz euphorisiert. Ein Fuchs! Sofort überlegte ich, wo und wie der wohl lebt und ob den schon viele andere gesehen haben.

Ich malte mir aus, dass er in dem kleinen Mini-Park wohnt, gleich gegenüber. Zwischen Hauptstrasse und Plattenbausiedlung. Wie der da im Gebüsch sein Basislager hat. Ich hab überhaupt keine Ahnung, wie ein Fuchs so lebt. Bauen die vielleicht Nester? Ich lach mich selber aus. Nester! Was kommt als nächstes? Stell ich mir jetzt noch vor, wie der Fuchs Eier legt? Er wird da schon irgendwie leben. Fuchsbau! Ja, bei dem Wort klingelts. Das hab ich schon mal gehört. Ist wahrscheinlich so eine Mulde in der Erde, wie eigentlich immer bei Tieren. Ich hab als Kind bei uns im Naherholungsgebiet immer Maulwurfshügel umgegraben und zerwühlt, aber nicht ein einziges Mal einen Gang unter dem Erdhaufen entdeckt. Zumindest keinen, den man direkt als solchen erkennen konnte. Diese Enttäuschung, das Tiere dann in freier Wildbahn eben doch nicht so leben, wie man sich das mit Hilfe von Büchern und Zeichentrickserien zusammengereimt hat, sitzt immer noch tief. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, das der Fuchsbau was tolles ist.

Aber der Fuchs war toll. Ich stellte mir vor, wie der durch die Strassen zieht, immer auf der Suche nach etwas essbarem. Was fressen Füchse denn so? Mäuse bestimmt, oder? Vielleicht auch Vögel? Das kann ja wirklich alles mögliche sein. Ich stelle mir vor, wie er zwischen den parkenden Autos entlangschleicht und überrascht wird von einem Anwohner, der gerade mit seinem Hund Gassi geht. Das find ich auch so toll an einem Fuchs, das er ja so etwas wie ein „freier Hund“ ist. Der Anwohner aber würde sich tierisch aufregen über den Fuchs. Er hielte das Tier für gefährlich. Weil er es nicht einschätzen könnte. Und weil es frei ist. Es könnte Tollwut haben und seinen Hund beißen und anstecken. Tollwut. Auch so ein Mysterium meiner Kindheit. Ich erinnere mich, das in einem kleinen Park regelmäßig Schilder mit „Achtung, Tollwut!“ aufgehängt waren, aber ich habe das nie verstanden. War das jetzt für Menschen gefährlich? Oder nur für Tiere? Und was war das eigentlich genau? Das klang gleichermaßen bedrohlich, aber auch irgendwie cool. Der hatte direkt so eine Kraft, der Begriff.

Der Mann würde Angst vor dem Fuchs haben. Angst um sein Haustier. Er würde seinen Hund fest an der Leine ziehen und schnell mit ihm weggehen. Weit weg von dem wilden und freien Tier. Dann würde er eine wütende Email an die Bezirksverwaltung schreiben, wie es denn möglich sei, das hier solche Tiere frei herumlaufen. Und die Bezirksverwaltung würde die Stirn runzeln und überlegen, was zu tun sei. Dann schickte sie einen Tierfänger los, der mehrere Abende erfolglos auf der Lauer liegen würde. Bevor sie dann zu drastischeren Maßnahmen greifen müsste und Fallen aufstellte. Und dann nach zwei Wochen feierlich verkündete, das der Fuchs nun gefangen und die Strassen wieder sicher seien.

Der Mann würde sich freuen. Er wäre glücklich sein Recht durchgesetzt zu haben und wieder in Ruhe mit seinem Hund seine nächtliche Runde drehen zu können, ohne Angst haben zu müssen, das aus irgendeiner Parklücke irgendein Tier schießt und ihn oder sein Haustier überfällt. Der Fuchs aber würde in einem Wald, irgendwo vor den Toren der Stadt ausgesetzt. Die neue Umgebung wäre für ihn fremd und gefährlich. Gestresst würde er Tag und Nacht durch das Unterholz rennen. Um dann eines diesigen Morgens auf einer Bundesstrasse, die er hektisch passierte, von einem Lastwagen erfasst zu werden. Der Fuchs wäre auf der Stelle tot. Und der Fahrer hätte es gar nicht mitbekommen.

Ich merkte, wie ich wahnsinnig wütend wurde. Auf den Igel, auf den Gassigeher, auf das Bezirksamt, auf den Lastwagenfahrer. Und auf mich. Weil ich mir so eine Geschichte so gut vorstellen konnte, das ich sie mir am Ende sogar selber glaubte.

Ein paar Tage später. Es war spät am Abend. Und noch lange nicht so kalt, wie es eigentlich sein sollte. Ich zog mich extra warm an und schwitzte ab dem Moment, in dem ich vor die Tür ging. Dieses Zwiebelprinzip war noch nie was für mich, weil ich gar nicht weiß, ab welchem Moment ich das einsetzen muss. So kommt es, das ich es im Vorwinter immer viel zu warm hab. Ich ließ die Jacke einfach auf und die kühle Luft an mich ziehen. Ich freute mich auf die bevorstehende Party. Seitdem ich hier lebte, ging ich viel zu selten aus. Dieser Abend sollte eine dieser Ausnahmen sein. Und ich wusste: Es würde lang werden. Und feucht. Und fröhlich. Ich würde nicht gehen wollen, ehe ich nicht sturzbetrunken wäre.

Nachdem ich in einem etwas ekeligen Imbiss eine Stärkung zu mir genommen hatte, ging ich die Strasse hinunter. Ein kleiner Verdauungsspaziergang. Wenn ich gleich abbiegen würde, wäre ich vor dem Lokal, in dem die Feier stattfindet. Und da schoss er auf den Bürgersteig, drehte sich ein paar mal vor meinen Füssen und war ebenso schnell wieder verschwunden. Über die Strasse, über die Gleise der Straßenbahn, in eine Seitenstrasse hinein und weg war er.

Ich kann bis heute Glenn Close und Meryl Streep nicht auseinanderhalten, aber ich bin mir sicher: Das war derselbe Fuchs. Und ich hatte so das Gefühl, das er mich auch wiedererkannt hat oder mir etwas sagen wollte. Das klang wahnsinnig esoterisch und ich wollte mich gerne selber ohrfeigen, für diesen Gedanken, aber ich wurde ihn nicht los. Irgendwas war da zwischen uns. Ich konnte auch seine Fellfarbe immer noch nicht definieren. Sie sah einfach nicht nach Fuchs aus. Aber angenommen, er wollte mir etwas sagen: Dann was? Was versuchte mir ein wildes Tier, mitten in der Großstadt mitzuteilen? Ich würde unbedingt googlen müssen, was es nun mit dieser Tollwut auf sich hat. Vielleicht ist die ja doch gefährlich für die Menschen.

Ich verstand immer noch nicht, woher meine Faszination für das Tier kam. Tief wühlte ich in meinen Erinnerungen. Fuchs. Meine Mutter heißt so mit Mädchennamen. Deswegen musste ich das Tier ja noch nicht gut finden. Aber die hat mir meistens zum einschlafen vorgelesen. Unter anderem auch den „kleinen Prinz“. Und hat der da nicht auch so eine Begegnung mit einem verführerisch-bösen Fuchs? Mir kamen kleine Bröckchen Kotze hoch, denn das Buch ist für mich eines der schlimmsten, das es gibt. Ich habe sogar schon damit geliebäugelt einen Verein namens „Das Wesentliche IST sichtbar“ zu gründen. Überall Tassen, Postkarten, Memory-Spiele mit dieser Grützfigur. Die ist die Diddelmaus des Bildungsbürgertums. Und dann noch erwachsene Menschen die „Man sieht nur mit dem Herzen gut…“-Zitate für eine gute und clevere Lebensphilosophie halten. Schlimm. Die kann man doch nicht ernst nehmen.

Ich war wahnsinnig wütend auf den kleinen Prinz. Und auf Antoine de Saint-Exupéry. Und auf mich, weil ich wusste, wie der geschrieben wird, ohne nachgucken zu müssen.

Dezember. Der Stressmonat. Von nun an sollte sich alles nur noch um Geschenke drehen. Zum 1. mussten diverse Adventskalender fertig sein. Dann war Nikolaus und schließlich Weihnachten. Meine Familie kam in die Stadt, wir wollten ein großes Familienfest feiern. Das bedeutete aber auch: Noch mehr Geschenke als sonst besorgen. Ich wusste wirklich nicht, wann ich diesen Monat besonders zur Ruhe kommen würde. Vermutlich gar nicht. Dazu kamen ja auch noch die ganzen Weihnachtsfeiern, zu denen man eingeladen war. Die machten zwar total Spaß, aber danach fiel man auch erstmal wieder einen ganzen Tag aus.

Daran dachte ich nicht mehr, als ich nach Hause wankte. Wir haben unsere erfolgreiche Zusammenarbeit in einem Restaurant gefeiert, in dem es fantastisches Fleisch gab. Und ganz wunderbaren Rotwein. Wir saßen an einer langen Tafel und nach dem Essen, haben manche angefangen, sich umzusetzen. Andere gingen zum rauchen vor die Tür. Man saß in Grüppchen um den Tisch verteilt, tauschte Neuigkeiten aus, trank noch einen Espresso, noch einen Wein, noch ein Wasser, vielleicht noch einen Wein. Es wurde gelacht, es wurde diskutiert. Und irgendwann, als die Kellner durch demonstratives Gähnen andeuteten, das sie gerne schließen würden, war eine weitere Weihnachtsfeier beendet. Und ich lief nach Hause, mit einem letzten, vollen Weinglas in der Hand, das ich seltsam geschickt aus dem Laden geschmuggelt hatte. Ich mag es durch die nächtlichen, kalten und vorweihnachtlichen Strassen zu laufen. Tief durchzuatmen, auch wenn ich ein wenig Schlagseite habe. Meine Schritte waren das einzige Geräusch, das ich in dem Moment hörte. Ich musste ein wenig über mich selbst kichern, weil mich die weinselige Albernheit erwischt hat. Das liebe ich am Meisten. Wenn man grundlos kichert. Kurz blieb ich stehen um durchzuatmen und meinen Weg in Ruhe fortzusetzen. Und da stand er vor mir. Einfach so. Aus dem Nichts.

„Was willst du eigentlich von mir?“, fragte ich ihn, ein wenig lallend. Er guckte mich an, mit diesem komischen Blick, den Tiere haben. Dieser Blick, bei dem man immer versucht ist, dem Tier gewisse Gedanken zuzutrauen. Gedanken, die vielleicht eher das eigene Empfinden spiegeln.
„Jetzt sag schon! Warum verfolgst du mich?“ Der Fuchs zuckte kurz mit dem Kopf. Ich hatte jetzt immerhin genug Zeit, mir sein Fell genau anzugucken. Das war Grau. Silbergrau. Und total dreckig. Gefiel mir nicht, gefiel mir überhaupt nicht.
„Sag! Du nervst mich langsam. Hau ab!“, sagte ich. Wenig überzeugend. Komisch eigentlich, das mich das Tier so aggressiv gemacht hat. Ich rief Sachen wie „Kusch!“ oder machte Geräusche von denen ich glaubte, das Tiere sie unheimlich finden könnten. Aber der Fuchs rührte sich nicht. Er blieb einfach stehen und sah mich an. Vielleicht sollte ich die Straßenseite wechseln. Das Tier ließ mich offensichtlich nicht vorbei.

Ich wurde wahnsinnig wütend auf den Fuchs und warf mein Weinglas nach ihm. Es zersprang auf dem Boden, spritzte den Fuchs mit Rotwein voll. Das Tier rannte weg. „Höret her, Bürger! Hier läuft ab heute ein rot gesprenkelter Fuchs durch die Strassen.“, hörte ich mich hochoffiziell sagen. Aus meinem Kichern wurde ein Lachen und glücklich ging ich nach Hause und ließ mich auf mein Bett fallen, wo ich noch angezogen sofort einschlief.



Eine Geschichte mit einem schlechten Ende

Vor längerer Zeit hat sich ein Mädchen, das ich sehr gut fand, von mir zwei Geschichten gewünscht. Eine mit einem guten Ende und eine mit einem schlechten Ende. Dazu gab sie mir zu jeder Geschichte zwei, drei Begriffe, die drin vorkommen bzw. eine Rolle spielen sollten. Ich mag die Geschichten immernoch (das Mädchen hab ich lang nicht mehr gesehen). Deswegen schenk ich die euch jetzt weiter. Hier die Geschichte mit dem schlechten Ende. Das einzige Stichwort war: Kaffetasse.

Voll, leer, Spülmaschine. Voll, leer, Spülmaschine. Voll, leer Spülmaschine. Sie war ihr langweiliges, eintöniges Leben so satt. Es gab wirklich wenig unerfüllendere Daseinsformen, als ein Leben als Kaffeetasse zu führen, fand sie. Damals, als sie noch roher Ton in der Erde war, da ging es ihr gut, da war immer was los. Und auch danach, als sie zu Tage gefördert wurde, da gab es so unheimlich viel zu entdecken. Die Sonne, die menschlichen Hände, die sie anfassten, die Drehscheibe auf der sie landete, das trocknen, das brennen, das glasieren. Hach ja, das war ein spannendes und aufregendes Leben. Und dann stand sie auf dem Markt und war davon überzeugt die tollste und schönste Kaffeetasse zwischen ihren ganzen Freunden zu sein. Und so war es auch: Sie wurde als erstes ausgesucht, als erstes gekauft. Voller Stolz liess sie sich einpacken und zu ihrem neuen Besitzer mit nach Hause nehmen. Sie war jetzt eine Tasse von Welt, eine Grand Tass, oder wie auch immer das auf französich hiess.

Aber hätte sie doch nur jemand gewarnt. Hätte ihr doch nur jemand gesagt wie schrecklich das ist, die Tasse von jemandem zu sein. Es trank eigentlich immer der gleiche aus ihr, der Mann der Familie. Jeden Morgen am Frühstückstisch. Dann trank er seinen Kaffee aus ihr. Sie hasste dieses bittere, ekelige Zeug. Aber es half nichts. Manchmal, vor allem wenn der Mann nicht da war, dann trank auch schon mal die Frau aus ihr. Das war immer ein Freudenfest: Weiche, zarte Lippen, geschmeidige Hände die sie ganz umfassten und vor allem: Tee! Leckerer, süßer, angenehmer Tee! Leider waren diese Tage viel zu selten, der Mann war eigentlich immer zu Hause, zumindest morgens.

Und dann wurde sie nach dem Frühstück immer in die Spülmaschine geräumt. Den halben Tag in einem kleinen, dunklen Raum und dann auch noch heiß und nass abgespritzt werden, nein, das war nichts für sie. Das war wirklich unangenehm. Abends wurde sie dann wieder rausgenommen, und direkt in den dunklen Schrank gestellt. Da stand sie dann neben dem ganzen Anderen Geschirr, mit dem nun wirklich keine vernünftige Konversation zu führen war. Die tiefen Teller, die immer nur sangen (und zwar ausschliesslich Shanti-Chöre, also so Seemannslieder wie „Alle die mit uns auf Karperfahrt fahren“ oder „Ik hev in Hamburg nen Veermaster sehn“), die Sektgläser, die immer nur mit ihren hohen Fistelstimmchen über den neuesten Klatsch und Tratsch aufgeregt redeten oder die kleinen Espressotassen, die die ganze Zeit damit beschäftigt waren, die Untertassen mit ihrem italienischen Akzent anzubaggern. Die Tasse des Vaters war nicht arrogant oder so, sie hatte wirklich sehr oft versucht mit dem anderen Geschirr in Kontakt zu treten oder sich anzufreunden, aber die Wellenlängen waren einfach zu unterschiedlich. Mit ihr wollte keiner was zu tun haben.

So ging es viele lange Jahre. Die Tasse unterhielt sich hier und da mal mit anderem Geschirr. Auch wenn neues dazu kam, hatte sie immer die Hoffnung, doch jetzt endlich mal einen Freund gefunden zu haben. Aber es hat kein einziges Mal wirklich funktioniert. Es interessierte sich niemand für die Tasse. Vielleicht war sie mittlerweile auch einfach zu depressiv. Wer weiss? Und dann, plötzlich, nach den ganzen Jahren Frust, kam auf einmal ein grosser Tag. Ein Tag, mit dem die Tasse schon gar nicht mehr gerechnet hat:

Der Schrank wurde wirklich immer voller. Grund genug für die Hausherrin, einmal auszumisten. Sie nahm nacheinander die Geschirrstücke aus dem Schrank, begutachtete sie und entschied dann ob sie bleiben konnten, oder nicht. Ihrem Mann hatte sie schon bei seinem letzten Geburtstag eine neue Tasse geschenkt, seitdem wurde die Ältere eigentlich gar nicht mehr benutzt. Die Frau nahm sie aus dem Schrank, betrachtete sie ein wenig melancholisch, sagte dann zu ihr: „So, was machen wir mit dir?“, überlegt kurz und packte die Tasse dann erst in Zeitungspapier und dann in eine Kiste. Was war hier los? Was würde nun passieren? Oh, war das aufregend! Jippieh!

Nachdem die Kiste quälend endlos lang im Keller rumgestanden hat (zumindest kam es der Tasse so vor, in Wirklichkeit stand die Kiste da nur vier Tage…), wurde sie wieder bewegt. Der Mann trug sie aus dem Haus! Ins Auto! Es war einfach unvorstellbar für die Tasse, was nun noch alles passieren würde. Nach längerer Fahrt hielt das Auto an. Der Kofferraum wurde kurz geöffnet, dann wieder geschlossen. Und dann hiess es wieder warten.

Die Gedanken und Vorstellungen der Tasse überschlugen sich. Sie würde in ein Museum kommen! Nein, sie sind umgezogen! Nein, sie würde den Tanten geschenkt! Sie malte sich die unterschiedlichsten Szenarien aus. Aber sie erschienen ihr alle unrealistisch, sie meinte das jede ihrer Vorstellungen Quatsch wäre. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, was als Nächstes mit ihr passieren würde. Sie konnte es nicht.

Mit einem schnellen Ruck wurde der Kofferraum geöffnet. Die Kiste wurde rausgehoben. Es war auf jeden Fall ein heller Tag, die Sonne musste wahrscheinlich scheinen. So viel konnte man auch durch das Zeitungspapier hindurch mitbekommen. Viele Stimmen redeten, riefen sich Sachen zu. Es quietschte an allen Ecken und Enden. Autos fuhren langsam, parkten, fuhren wieder weg. Dann wurde sie endlich aus der Kiste gehoben. Das Zeitungspapier wurde entfernt. Nachdem sie sich an das Licht gewöhnt hatte, sah sie endlich wo sie war. Der Mann sagte stolz: „Du kriegst natürlich einen Ehrenplatz, mein Prachtstück..“ und stellte sie auf einen Tisch. Das war kein massiver, schwerer Tisch, das war eher so ein Provisorium. Wie an den vielen anderen Tischen auch, die sie jetzt sah. Ein ganzer Parkplatz voller Tische und Menschen, die allerlei Plunder auf den Tischen ausbreiteteten. Davon hatte die Tasse schon mal gehört, ein älteres Geschirrteil, das plötzlich neu in den Sharnk kam, hatte einmal davon erzählt: Das hier war ein sogenannter Trödelmarkt. Die Tasse blickte sich staunend um. Es war so wundervoll, so schön! All diese Dinge, die eine zweite Chance bekamen! Diese alten Sachen, die sich noch einmal stolz auf einem Markt präsentieren durften! Wie glücklich sie alle waren! Und wie glücklich die Menschen waren, die sie kauften! Alles war entspannt, alles war voller Glück. Sie wusste nicht wann sie das letzte Mal so aufgeregt und glücklich zu gleich war. Und dann bekam sie auch noch einen Ehrenplatz auf dem Tisch! Dies war der beste Tag in ihrem Leben, da war sie sich sicher.

„Oh, das ist aber ein schönes Stück!“, sagte die Frau, die an dem Tisch stand. Sie hob die Tasse hoch und betrachtete sie von allen Seiten. Sie hatte schöne Hände und sie fasste die Tasse ganz behutsam an. Wie einen kleinen Schatz. In diesen Händen würde die Tasse gerne wohnen, dachte sie sich. Der kleine Sohn der Frau rannte herum. Ihm war langweilig, vor allem weil seine Mutter sich eine blöde Tasse ansah. Er wollte weitergehen, er hatte am Ende des Ganges einen Stand mit Playmobil gesehen. Ungeduldig zerrte er am Arm seiner Mutter. Weil sie nicht reagierte, zog er jetzt noch fester. Da passierte es. Seine Mutter erschrak von dem Zieher. Da sie die Tasse nur vorsichtig gehalten hatte, fiel sie ihr nun aus der Hand. Die Tasse stürzte zu Boden. Das wird es dann wohl gewesen sein. Gerade noch so glücklich, so einen wundervollen Moment erlebt und jetzt fiel sie und würde gleich in Tausend kleine Teile zerspringen. Da geschah das unglaubliche: Die Tasse fiel nicht zu Boden, sondern dem kleinen Jungen auf den Kopf, dann weiter Richtung Boden, aber aus Reflex hielt der Junge die Hände auf und fing die Tasse somit, woraughin er sie staunend ansah. Wieviel Glück kann man haben? Die zweite „Wiedergeburt“ an einem Tag! Nun war die Tasse hundertprozentig sicher, bei den richtigen Menschen zu sein und das diese sie jetzt auch kaufen und mit nach Hause nehmen würden, wo sie, die Tasse, ein neues Leben beginnen würde. Einen Neuanfang. Alles noch mal, aber alles anders. Sie fühlte sich wie eine nigel-nagel-neue Tasse.

„Blödes Scheissding, jetzt hab ich ne Beule wegen dir!“ sagte der Junge, nachdem er sich gefasst hatte und warf die Tasse mit voller Wucht auf den Boden, wo sie in tausend Teile zersprang. Die Scherben wurden schnell mit dem Fuss in den Rinnstein gekehrt, wo der Wagen der Stadtreinigung sie später aufsog und zur Müllkippe brachte.

„Hoffentlich werde ich in 1000 Jahren bei Ausgrabungen entdeckt und wieder zusammengesetzt.“, dachte sich die grösste Scherbe. Wohlwissend das ausser ihr alles andere um sie herum früher oder später verrotten würde.



Eine Geschichte mit einem guten Ende

Vor längerer Zeit hat sich ein Mädchen, das ich sehr gut fand, von mir zwei Geschichten gewünscht. Eine mit einem guten Ende und eine mit einem schlechten Ende. Dazu gab sie mir zu jeder Geschichte zwei, drei Begriffe, die drin vorkommen bzw. eine Rolle spielen sollten. Ich mag die Geschichten immernoch (das Mädchen hab ich lang nicht mehr gesehen). Deswegen schenk ich die euch jetzt weiter. Hier die Geschichte mit dem guten Ende. Die Stichworte waren: Verlieren, Reise, wiederfinden.

Wo, verdammt noch mal, waren denn jetzt schon wieder seine Schlüssel? So ging es ihm immer: Seine Schlüssel verschwanden jedes Mal auf mysteriöse Art und Weise, sobald er seine Wohnung betrat und wollten auch jedes Mal erst nach einer mehrstündigen Suche wieder auftauchen. Jetzt hat er sie aber gefunden, zum Glück, denn er hatte es sehr eilig. Deswegen fragte er sich auch nicht, wie das Schlüsselbund ausgerechnet in der Butter in seinem Kühlschrank landen konnte. Er wischte sie schnell ab, steckte sie in seine Jackett-Tasche und stürmte aus der Wohnung.

Gehetzt raste er die Strasse hinunter. Auf seiner Uhr sah er, das er noch einen Gang würde drauflegen müssen. Er hatte noch 8 Minuten. 8 Minuten bis zu seinem ersten Date seit gefühlten Ewigkeiten. Und wenn es etwas gab, das er schrecklich fand, dann war es sich zu verspäten. Bei anderen war ihm das egal, er fand es sogar ganz niedlich. Nur mit sich selber war er in puncto Pünktlichkeit sehr streng und gnadenlos: Er hatte gefälligst pünktlich zu sein. Alles andere war nicht akzeptabel.

Da sah er, wie sich vor ihm das Café langsam manifestierte. Man konnte sein Schild sehen, langsam konnte man auch erkennen wer drin sass. Sie war anscheinend noch nicht da und er eine Minute zu früh. Zum Glück. Erschöpft liess er sich in einen viel zu tiefen Sessel fallen und bestellte ein Wasser. Er war zwar pünktlich, aber: verschwitzt. So konnte er ihr unmöglich unter die Augen treten. Also noch schnell ins Bad und frisch gemacht.

Man mag das etwas unorthodox finden, vor allem in einem öffentlichen Bad eines Cafés, aber er hatte jetzt keine andere Wahl: Er zog sein Shirt aus und machte eine Katzenwäsche über dem Waschbecken. Ein Gast kam rein, machte auf dem Absatz aber wieder kehrt. Hoffentlich sagt der jetzt nicht im Laden Bescheid, dachte der sich waschende. Als er in den Hauptraum des Lokals zurückkehrte beachtete ihn niemand, keine vorwurfsvollen Blicke. Gut, der Fremde hatte also nichts gesagt. Glück gehabt.

Ein letztes prüfen des Outfits: Er war erfrischt, das Sakko sass gut, die Hose war schick, das Hemd betonte perfekt die guten Stellen an seinem Körper. Er war gewappnet für sein Blind Date. Seine Hand fuhr zu dem Knopfloch, das dem Kragen am nächsten war. Er wollte noch die orange Nelke richten, die er mit der Unbekannten als Erkennungszeichen verabredet hatte. Und da fiel es ihm auf: Sie war weg! Er muss sie auf seinem Weg hierhin verloren haben! Dabei wollte er sie noch gar nicht anstecken, aber in der Tasche wäre sie ja zerdrückt worden, deswegen schien es ihm praktischer, sie direkt ans Revers zu heften. Und nun hatte er den Salat. Was tun? Hier warten, auf eine Frau mit oranger Nelke? Aber wenn sie die ihre auch verloren hatte dann würden die beiden sich nie erkennen! Und einfach irgendeine verloren aussehende Dame ansprechen, das konnte er nicht. Dafür war er zu schüchtern. Sollte es das gewesen sein?

Nein!, dachte er, das darf nicht sein. Entschlossen stand er auf und ging aus dem Café. Er würde den Weg zurückgehen und die Blume finden und wieder ins Café eilen und seinem Date die ganze Geschichte erklären und sie würden drüber lachen und sich dann lieben lernen und immerwieder über diese Geschichte lachen und sie auf allen Familienfesten immerwieder erzählen, auch wenn sie alt und grau wären und die Enkel würden schon die Augen verdrehen, wenn die Grosseltern schon wieder diese langweilige „orange-Nelke“-Geschichte erzählen würden, aber für die beiden hätte sie immer noch diesen ganz besonderen Stellenwert. Ja, genauso würde es sein. Und deswegen würde er jetzt diese verdammte Blume wiederfinden. BITTE!

Er suche wirklich den ganzen Weg ab, den er gekommen war. Aber er fand nichts. Keine Blume, keinen Hinweis. Es war nichts zu entdecken. Er stand wieder vor seiner Tür. Aber heute war nicht der Tag und nicht die Zeit zum aufgeben. Er machte auf dem Absatz kehrt und ging den Weg zurück. Diesmal versuchten seine Augen noch weitläufiger das Gebiet abzusuchen. Da entdeckte er auf der anderen Strassenseite den Spielplatz. Ein kleines Mädchen sass auf der Schaukel und genoss die Frühlingssonne. Sie jauchzte umso mehr, je höher sie mit der Schaukel kam. Hinter ihrem Ohr steckte: Eine orangene Nelke.

Er näherte sich dem Spielplatz und sprach das Kind vorsichtig an. Sie hörte ihn nicht, nahm ihn gar nicht wahr. Sie war nur damit beschäftigt immer höher zu schaukeln. Sie kiekste laut vor Glück, er trat näher heran um sie zu fragen, ob das nicht zufällig seine Blume sein könnte, die sie da in ihrem Haar trug. Sie konnte ihn immer noch nicht hören Entschlossen trat er noch näher heran, setzte an, sie kam gerade von ihrem Schwung zurück und da passierte es. Es ging so schnell, er hat das gar nicht richtig mitbekommen. Plötzlich lag er am anderen Ende des Zauns. Ein brennender Schmerz an seinem Kinn. Das Mädchen von der Schaukel kiekste nicht mehr, es weinte nun laut hörbar. Die Eltern von den umliegenden Bänken kamen hektisch angerannt, nahmen das Mädchen in den Arm, fragten sie, was denn los sei. Trösteten sie. Redeten ihr gut zu. Das Mädchen zeigte nur auf den Nelkenlosen, der auf em Boden lag, sich das Kinn rieb und offensichtlich gerade mit seiner Zunge in seinem Mund überprüfte, ob noch alle Zähne an ihrem Platz seien. Einige der Eltern schüttelten nur verständnislos den Kopf und sahen ihn verurteilend an. Zwei Väter gingen mit hochgekrempelten Ärmeln auf ihn zu. Dachte er im ersten Moment noch, das sie ihm aufhelfen würden, so kam er nun zu einem anderen Schluss. Insbesondere auf Grund der Tatsache, das die Männer riefen: „So du Schwein, jetzt machen wir dich fertig! Kleine Kinder erschrecken, was?!?!“

Es fiel ihm schwer sich aufzurichten. Er zog sich am Zaun hoch. Als er stand und wieder bei sich war, erkannte er die Brenzligkeit der Situation und verzichtete auf eine erklärende Diskussion. Er sprang über den Zaun und lief davon. Die Männer riefen ihm noch lange nach, aber es folgte ihm niemand. An der Strasse angekommen, atmete er ersteinmal tief durch, um wieder zu Luft zu kommen. Warum, fragte er sich, würde er nicht einfach zu einem Blumenladen gehen und sich eine neue Nelke holen? Erschüttert über diese unglaublich simple Idee, auf die er vorher nicht gekommen war, begann er ein klein wenig hysterisch zu lachen. Also gut, ein Blumenladen musste her.

Wenn man mit Hunger durch die Strassen streift, dann kommt ganz sicher kein Restaurant. Wenn man etwas lesen möchte, dann sind auf der Strasse plötzlich nur noch Bekleidungsgeschäfte. Wenn man was zum anziehen braucht, ist man auf der Fressmeile gelandet. Undsoweiter. So erging es ihm auch: Kein Blumenladen weit und breit auszumachen. Er hatte seine erste Nelke auch gar nicht hier in der Nähe seines Hauses gekauft, sondern in der Nähe seines Büros. Das war aber mehrere Bahnstationen entfernt. Also keine Chance. Er hat eigentlich noch nie einen Blumenladen gesucht, fiel ihm während seiner Suche auf. Sonst wäre ihm schon früher aufgefallen, das hier keiner ist. Oh! „Keiner“ stimmt doch nicht! Da vorne ist einer! Schnellen Schrittes eilte er hinein.

Nein, sie habe keine orange Nelke mehr, erklärte die Verkäuferin. Sie habe die letzte vor ungefähr 15 Minuten an eine junge Dame verkauft. Vor einer Viertelstunde? An eine junge Dame? Das musste sein Date sein! Sie hatte ihre Blume und würde nun nach ihm suchen, im Café, wenn sie nicht schon längst wieder entnervt gegangen ist!

Jetzt hiess es keine Zeit verlieren: Er machte sich schnurstracks auf den Weg zum Café. Es war seine letzte Chance. Er würde sie einfach ansprechen, wenn er sie sah. Egal ob er eine Blume dabei hatte, oder nicht. Nichts und niemand würde sich ihm in den Weg stellen. Und wieder baute sich das Café am Horizont auf. Ein weiteres Mal kommt er heute abgehetzt zu dem Gebäude. Im inneren des Lokals würde man ihn vermutlich schon für verrückt halten. Aber das war ihm nun egal. Er würde auch diesesmal auf seine Katzenwäsche im Café-Bad verzichten müssen, denn sie würde schon lange vor Ort sein. Aber auch das spielte keine Rolle für ihn. Er wusste was er ihr sagen würde. Jedes. Einzelne. Wort.

Er stand vor dem großen Fenster der Gaststätte. Sein Blick lief über die Gäste. Da sah er sie. Sie sah ganz anders aus, als er sie sich vorgestellt hatte. Sie war schön, kein Zweifel, sogar wunderschön. Und sie wusste das. Die Art wie sie sich kleidete, wie sie sich durchs Haar fuhr, alles an ihr zeugte von ihrer Selbstsicherheit. Die orange Nelke in dem Knopfloch ihres Kostüms wirkte etwas deplatziert, aber selbst dieser Stilbruch schien ihr bewusst und gewollt zu sein. Elegant hatte sie die Beine übereinander geschlagen und rauchte sehr langsam. Und da fiel es ihm auf: Sie sass mit einem Mann am Tisch. Mit einem Mann, mit dem sie sich geradezu königlich zu amüsieren schien. Sie lachte einige Male auf und legte ihre Hand auf seine. Dabei schenkte sie ihm ein bezauberndes, wissendes Lächeln, das der fremde Mann charmant erwiderte.

Er war zu spät. Definitiv. Jemand anders hat seinen Platz eingenommen. Egal was er sagen würde, er würde sie nun nicht mehr für sich gewinnen können. Paralysiert betrachtete er die beiden im Café. Er konnte seinen Blick nicht mehr lösen, obwohl er durch die beiden hindurch sah. Die Wolken zogen sich zusammen. Und mit der Plötzlichkeit eines platzenden Luftballons, setzte ein Regenguss ein, der die ganze Stadt wegzuspülen scheinen wollte. Er stand am Fenster und wurde durchnässt. Bis auf die Knochen. Doch er schien es nicht zu merken, nicht wahrzunehmen.

„Schön, oder? Ich mag es wenn sich Menschen finden.“ Er hörte zwar die Stimme hinter sich, aber die Worte kamen, wenn überhaupt, nur sehr langsam bei ihm an. Er reagierte nicht. „Sie sah so toll und elegant aus und sie schien so nett, da hab ich ihr meine Nelke geschenkt.“ Das Mädchen, das diese Dinge sagte, war sehr unaufällig gekleidet. Ihr langer, schwarzer Mantel verbarg alles, was sie drunter trug. Ihre schwarzen Haare klebten an ihrem Kopf, sie hatte ebenfalls keinen Schutz vor dem Regen. Sie hat ihn aber offensichtlich auch nicht gesucht. Sein Hirn schien langsam aus seiner Starre zu erwachen. Ihre Worte hallten in seinem Kopf nach…“…da hab ich ihr meine Nelke geschenkt….geschenkt…Nelke…geschenkt..“

Blitzschnell drehte er sich zu ihr um. Nun hat er alles verstanden! Und vor ihm stand das nasseste, schönste, selbstloseste und süsseste Mädchen, das er je in seinem Leben gesehen hat. Und sie lächelte ihn an.

Noch heute sind ihre Enkel genervt, wenn die Grosseltern schon wieder die Geschichte mit dem Café und den orangen Nelken erzählen.

Ende.



Gelesen: “So viel Hitler war selten” von Daniel Erk

Ich kenne den Autor. Früher auf Raves gab es ja die eine GROßE Lüge, die einem jeder halb druff ins Ohr geschrieen hat und die lautete: “Isch kenn den Sven!”. Normalerweise liegt es mit nicht so, mit Bekanntschaften anzugeben, aber da ich jetzt das Buch von Daniel Erk bespreche, den ich aber persönlich kenne und sehr schätze als elaborierten Gesprächspartner, denke ich, sollte das hier nicht unerwöhnt bleiben. Wer mir dennoch zutraut, eine halbwegs objektive Kritik zu seinem Buch verfassen zu können, der sei herzlich eingeladen nun weiterzulesen.

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So viel Hitler war selten” handelt von Erks momentaner Kernkompetenz: Hitler-Pop. Schon seit Jahren betreut er auf den Seiten der taz das Hitlerblog, in dem er kuriose Hitler-Erscheinungen im Pop aller Kulturen dokumentiert und ggf. einordnet. Das war eine mehr oder weniger skurile Sammlung, der aber irgendwie der Kommentar gefehlt hat. Dieser liegt nun vor in Form des Buches.

Daniel Erk behandelt in mehreren Kapiteln Teilaspekte der Pop-Werdung Hitlers. Mal geht es nur um Filmdarstellungen, mal um die Figur Hitler in der bildenden Kunst, mal in der Satire. Ein stets kritischer Blick fragt die ganze Zeit, ob das okay sei. Ob es okay sei, Hitler in der Werbung zu nutzen. Ob es okay sei, Hitler losgelöst von der Figur Hitler zu sehen, hin zum Symbol des ultimativ Bösen. Ist das schon glorifizierung oder nur simplifizierung. Diesen Fragen geht Erk in seinem Buch nach und er findet keine rechte (HöHö) Antwort darauf. Na klar, Hitler als Werbefigur ist Geschmacklos. Andererseits: Wann scherte sich Werbung jemals um Stilsicherheit?

Das gute am Stil von Daniel Erks Aufzählung ist zweierlei:

1.) Er hat eine klare Meinung zur Materie und tappt nicht in die Falle, möglichst objektiv berichten zu wollen. Das ist bei so einem Thema auch schwer möglich. Deswegen positioniert er sich schon im Vorwort und macht es so dem Leser leichter, sich in Ruhe mit den geschilderten Fällen auseinanderzusetzen. Denn nur der leiseste Verdacht der Hitler-Faszination würde das vorbehaltlose Lesen eines solchen Buchs schon sehr zum kippen bringen können.

2.) Er scheut keine Vergleiche. Sämtliche Fälle, die er beschreibt, werden erstmal auf ihre Intention hin abgeklopft und es wird interpretiert, ob es sich nun in erster Linie um Hitlers Ikonografie oder tatsächlich um die unter ihm ausgeführten Verbrechen handelt. Durch den direkten zeitlichen Bezug, zeigt er unverblümt Ungeheuerlichkeiten auf, ohne anzudeuten. Klares zeigen, klares deuten. Damit nicht der Hauch eines Missverständnisses entsteht.

Ich mag das Buch. Ich finde die Materie sehr interessant. An manchen Stellen hätte ich mir einen etwas detaillierteren Einstieg gewünscht, aber das ist wohl der Länge und der Kompaktheit des Buches geschuldet, das man oft nur an der Oberfläche bleibt. Als Startpunkt eines genaueren Diskurses ist es allerdings erste Wahl. Und davon abgesehen, fun to read. Es gibt aber auch die bescheuertsten Sachen.

Ein kleiner Minuspunkt: Im Filmkapitel wird “Onkel Addi” nicht erwähnt. Das war ein unglaublich seltsamer Hitler-Film mit Adriano Celentano und einer extra für den deutschen Markt gedrehten Ansage eines Mitglieds des Kabaretts “Wühlmäuse” aus Berlin, der eigens für den Film erklärte, das die Italiener auch über Hitler lachen würden. Vermutlich hatte man Angst, diesen Film unkommentiert zu verleihen. Eine Kuriosität! Aber vielleicht sollte man da ein extra Buch drüber machen. Auf dem Hitler-Blog kam der Film jedenfalls vor (meine ich mich zu erinnern, ich finds da gerade nicht…).

Dennoch: Ein gutes und empfehlenswertes Sachbuch. Und ein interessantes Thema sowieso. Fernab jeglicher Knopp-Romantik. Kaufen!



DC New 52 - Die letzten 13, das grosse Finale!

Die letzten 13 Hefte sind schon lange raus, vermutlich bekommt ihr überall schon die zweiten oder vielleicht sogar dritten Hefte. Durch eine Verkettung mehrerer Umstände, von denen die meisten gut waren, kam ich nicht früher dazu, diesen Post zu machen. Zuerst hatte ich vor zu jedem Heft ein einzelnes Videoreview aufzunehmen, aber dann hatte ich die viel bessere Idee für diesen letzten Post über die 52 neuen Comics des DC-Universums: Ein COMIC!

Auch wenn man es ihm nicht ansieht, da stecken ein paar Tage Arbeit drin. In erster Linie möchte ich aber dem weltbesten Comicladen danken, die dieses Experiment gewagt haben, Blogger mit Comics auszustatten und damit machen zu lassen, was sie wollen. Die haben sich das alles sicher etwas pünktlicher vorgestellt, aber besser spät als nie. Danke lieber GROBER UNFUG.

Für alle, die nicht wissen um was es geht, hier der Einleitungstext:
DC rebootet gerade sein Universum und bringt jede Serie neu mit der Nummer 1 raus. Mein Lieblings- und Stammcomicladen “Grober Unfug” hat mich gefragt, ob ich Lust hätte all diese Erstnummern zu lesen und für euch zu reviewen. Das lass ich mich natürlich nicht zweimal fragen. Für diesesmal habe ich mich für die Comicform als Review entschieden. Viel Spass!

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Es läuft! Es bewegt sich! (DC New 52, Week 4)

DC rebootet gerade sein Universum und bringt jede Serie neu mit der Nummer 1 raus. Mein Lieblings- und Stammcomicladen “Grober Unfug” hat mich gefragt, ob ich Lust hätte all diese Erstnummern zu lesen und für euch zu reviewen. Das lass ich mich natürlich nicht zweimal fragen. Da ich diese (und die folgende auch noch) Woche gleich 13 Comics auf einmal zu reviewen hab, hab ich mich für den jetztigen Trick entschieden. Aber seht selbst:

Mit etwas Verspätung (fragt nicht), hier nun die neuen 12 Hefte. Diesmal als VIDEO! WOW! Jetzt muss ich mir für nächste Woche NOCH eine Steigerung einfallen lassen….:)

Nilzenburger reviews: DC New 52, Week 4