Cablegategate

Ich bin ja jemand, der, was Journalismus betrifft, entgegen besseren Wissens erstmal sehr naiv ist. Wenn ein Journalist im “richtigen” Umfeld veröffentlicht, dann unterstelle ich dem eine gewisse Grundrecherchefähigkeit und kann dann dem Artikel, sollte es nicht zu abstrus werden, folgen. Nehmen wir zum Beispiel einmal an, ein Journalist würde für die Zeit ein Blog schreiben, dann ginge ich erstmal davon aus, trotz der Form “Blogeintrag”, das er das, was er schreibt auch wenigstens minimalst überprüft hat. Vor allem wenn er schreibt, was er gelesen hat und einen Link setzt zu dem, was er gelesen hat. Somit hat die “Zeit”, das gebe ich zu, bei mir einen größeren Vertrauensvorschuss als beispielsweise die “Coupé”.

Nun habe ich auf dem Blog “Kulturkampf” der Zeit eben den Artikel “Cablegate: “Spiegel” löst Hexenjagd aus” (mittlerweile Offline) gelesen. Und mir erstmal nicht soo viel dabei gedacht, weil der ehrlich gesagt auch nicht so spektakulär war. Es ging darum, das der Spiegel wohl seine Cablegate-Berichterstattung mit einer gewissen fantasievollen Note gewürzt hat, obwohl die nicht aus den Kabeln ersichtlich war. Konkret ging es um den, laut Artikle, angeblich “jungen” FDP-Mann, der die Botschafter informiert haben soll und es wurde gezeigt, das der Spiegel sich das mit dem “jung” auf irgendeine bizarre Art und Weise zu Recht geglaubt haben muss. Siehe Screenshot hier:

jung

So weit, so unspektakulär. Man könnte meinen da hat jemand was gegen den Spiegel und sucht jetzt das Spielverderbernädelchen im Heuhaufen. Dann hab ich aber die Kommentare unter dem Artikel gelesen und wurde kurz stutzig (Screenshot):

jungcomment

Hä? Nicht wirklich, oder? Also habe ich den Link im Text geklickt, der zu dem Original-Kabel-Text führt und siehe da: Der Kommentator hat Recht! Das steht da wirklich EIN SATZ VORHER:

kabelshotzeigen

Hahahahahahahahahahahahahahahaha. Oder ne, moment, warte, ah doch: Hahahahahahahahahahahahaha!
Ich meine: Wie beknackt ist das denn bitte schön? Wie schafft man es denn DAS zu überlesen? Ich will ja gar nix böses unterstellen, weil wenn die Autorin des Artikels was Böses gewollt hätte, dann hätte sie sich ja wohl etwas geschickter angestellt. Und hey: Ich bin kein Journalist. Die Artikel in DIESEM Blog hier bestehen komplett fast nur aus eigener Hirn-Recherche, und das ist KEINE zuverlässige Quelle. Aber das erwartet von mir wohl auch niemand. An eine professionelle Journalistin in einem professionellen Umfeld kann ich da sicher andere Massstäbe anlegen. Seis drum: Fehler passieren, ist kein Problem. Ich fands nur einfach so unglaublich lustig, wie sehr man daneben hauen kann. Und btw: Man hätte sich keinen Ast abgebrochen, da ein transparentes Update a la “Sorry, scheisse gebaut, stimmt gar nicht was hier steht….” hinzusetzen, anstatt den Artikel gleich komplett zu löschen. So wirkt es ein ganz klitzekleines Bisschen ertappt. Aber ich möchte ja nicht spekulieren. Nur mein kleiner Tipp: Nächstes mal GANZEN Absatz lesen…gnihihihihi.

P.S.: Ja, ich finde diese dramatische Überschrift tatsächlich lustig…:)



Wähl deine Mudder (Update!)

Bäh. Politik ist gerade wirklich ein absolutes Brechmittel. Auf allem Ebenen:
Da wird gemütlich dem JMStV (wenn du nicht weißt, was das ist - lies bitte hier, aber stell dir einen Eimer bereit) zugestimmt, weil es ja eh nur um so ein bisschen Internet geht und man die Kinder schützen und retten will, bevor man sich da womöglich einen Haufen mündiger Bürger entwicklen sehen muss, die sich sogar die Fähigkeit aneigenen, sich eine eigene Meinung zu bilden und so ihre Wahl entscheiden! Nein, da muss man einen schnellen Riegel vorschieben: Und deswegen haben wir ab Januar ein unmögliches Internet, in dem man nur noch mit Altersbeschränkung veröffentlichen darf. Und wenn man die nicht möchte und unsicher ist, dann publiziert man gleich “ab 18″, womit klar ist welche Seiten für alle unter 18 übrig bleiben: Jugendseiten der Bundesregierung (”Hey! Crazy Kids! Wir sind so superduperfreaky wie ihr!”) und natürlich die Seiten von Coca Cola, McDonalds und co. Für die Insudtrie ein Segen: Endlich wird die Zielgruppe nicht mehr durch störenden Content von der Werbung abgelenkt.

Politik in Deutschland hat vom Internet wirklich überhaupt nichts kapiert. Gar nichts. Und das hat einen einfachen Grund: Es interessiert sie auch nicht. Die haben da Angst vor, das ist diffus und diese Wikileaks, die sind doch auch im Internet! Da sieht man mal wieder: Von da kommt nichts Gutes. So oder so ähnlich muss es wohl in den greisen und frühvergreisten Hirnen der Menschen ablaufen, die unser Land…ähem…lenken.

Nun kann man mit Fug und Recht behaupten: Politik, das ist ja nicht nur das Internet, da gibt es ja auch noch ein paar andere, nicht unwesentliche Themengebiete. Das ist absolut Richtig. Nehmen wir mal den Themenkomplex “innere Sicherheit”. Oder, ne, nehmen wir den lieber nicht. Ich fühle mich durch die Präsenz von MGs auf Weihnachtsmärkten und Bahnhöfen nämlich kein bisschen sicherer, im Gegenteil. Ich habe das Gefühl ein Stück Freiheit ungefragt aufgegeben haben zu müssen. Ach, ich wollt ja nichts drüber sagen.

So kann man sich munter weiter durch die aktuelle Politik schlagen und damit meine ich durchaus nicht nur die Regierung, sondern auch die Opposition: Die SPD kriegt irgendwie gar nichts mehr gebacken. Die haben kein Personal mehr, das sie nach vorne schicken können und die finden vor allem keine Themen mehr. Gerade versuchen sie durch Barcamps und ähnlichem Netzgebimmel wieder moderner rüberzukommen, aber da ist das Netz schon einmal drauf reingefallen und im Zweifelsfall wird halt immer “auf Nummer sicher” entschieden, als nach logischen oder gar auf gesundem Menschenverstand basierenden Gesichtspunkten. Warum sich mit Themen beschäftigen, wenn man die einfach so wegentscheiden kann? Eben.

“Meine” bisherige politische Heimat, die Grünen, haben mir in den letzten paar Tagen so dermassen zugesetzt (und ich hab schon viel Scheisse gefressen) das ich nicht mehr ernsthaft eine Wahl von denen in Erwägung ziehen kann. Da können die noch so sehr auf Trennung von Partei und Fraktion und Bla und Blub rufen: Das ist alles eine Partei. Die Landesverbände müssen ebenso der Bundespartei zuarbeiten, wie umgekehrt. Man sollte an einem Strang ziehen. Meine Güte, warum schreibe ich hier eigentlich Selbstverständlichkeiten hin? Vermutlich weil ich das Gefühl habe, das sie mal jemand den Grünen sagen muss. Ich kann es nicht verstehen, wie eine Partei, die zum größten Teil sehr wichtige Themen besetzt und dabei fast nur meiner Meinung nach richtige Positionen einnimmt, wie so eine Partei einfach IMMER wenn es auf sie ankommt falsch entscheiden kann. Falsch in einem absolut moralischen Sinne. Denn machtpolitisch entscheiden sie immer richtig, auch wenn es selten aufgeht. Aber da einen Kausalzusammenhang herzustellen, das ist anscheinend zu viel verlangt, von den Arschlöchern, die ihre Ideale über Bord werfen um an ihrem scheiss Stuhl kleben zu bleiben. Sorry. Musste mal raus. Ich weiss, Beschimpfungen sind sehr unsachlich, aber mir fällt langsam keine Sprache mehr ein, die die noch verstehen sollen. (Erklärung: Sowohl die Hamburger GAL hat kurz vor ihrer Verabschiedung noch schnell dem JMStV zugestimmt, wie auch die NRW-Grünen, laut eigener Aussage aus Fraktionszwang…und alle haben entgegen der Bundespartei gehandelt, die immerwieder betont, wie sehr sie gegen den Staatsvertrag sei - anscheinend sogar für die eigene Basis wenig überzeugend…)

Durchatmen.

Nun gibt es verschiedene Ansätze damit umzugehen. Thomas Knüwer empfiehlt in seinem Rant einen Wahlboykott und ich hab ja auch schonmal irgendwo an anderer Stelle (die ich jetzt natürlich nicht finde) gesagt, das ich es niemandem verdenken kann, nicht zur Wahl zu gehen, so “volksfremd” wie Politik mittlerweile ist (und auch sein will!). Knüwer spekuliert wohl auf eine rekordartige Niedrigbeteiligung und das die Herren und Damen Politiker dann mal merken, das sie keiner will. Das wird meiner Meinung nach nicht gehen. Ich denke das kein einziger dieser Machtmenschen jemals auf die Wahlbeteiligung geguckt hat. Nur auf das Ergebnis. Und wenn nur 50 Leute wählen würden, davon aber 25 CDU, dann würde Merkel von einem sensationellen Vertrauensbeweis von “50% der Wähler” sprechen (womit sie ja im Prinzip auch nicht unrecht hätte). Das wird nicht funktionieren. Allerdings müssen Lösungen her. Da gibt es eine einfache und eine Anstrengende.

Die Einfache:
Zur Wahl gehen, aber “Micky Maus” oder eben “Deine Mudder” (um mal die Überschrift zu erklären) oder noch besser “Nilzenburger” auf den Wahlzettel schreiben. Dann sind die zwar ungültig, werden aber gezählt! Das ist wichtig für die Sitzeverteilung. Weil wenn 50% ungültig sind, dann ist DAS eine politische Kraft bzw. ein Statement, das “die da oben” auch verstehen. Plus dem Vorteil, das die weniger Kohle kriegen, weil die Ungültigen von dem Veteilungsschlüssel irgendiwe abgezogen werden. Also: Ich weiß, man kann niemand wirklich wählen gerade, deswegen ungültig wählen!

Anscheinend bin ich da einer alten Legende aufgesessen. Für mich schien das immer logisch, das ungültige Stimmen (im Gegensatz zu nicht abgegebenen Stimmen) nicht gezählt würden. Offensichtlich war das aber nur für mich logisch, nicht für die Autoren des Wahlrechts. Es gab anscheinend einen Präzendezfall in den 50ern im Saarland, wo ein grosser Teil ungültig gewählt hat und deswegen als Statement wahrgenommen wurde, aber das hatte mit dem Verbot einer Partei einen sehr konkreten Grund und es war in den 50ern und, come on, es war im Saarland…;)
Das bedeutet aber im Umkehrschluss, das es keinen einfachen Weg gibt. Man muss eine Partei wählen (was man auch als Art Erpressung des Wahlrechts empfinden könnte resp. als undemokratisches Element der Demokratie) um die eigene Stimme nicht wegzuwerfen. Der Witz ist aber natürlich, das man eine Partei wählen muss, die keine Chance hat. Also die Stimme doch wegwerfen, denn ich stimme irgendeiner sinnlosen Partei zu, als das ich anerkennen lassen kann, das ich Parteipolitik (zumindest im Moment) absolut falsch finde. Die nächste Wahl könnte also ein Fest für die Regenbogenpartei werden. Und sorry liebe Piraten, bei aller Sympathie: Ich kann einfach nicht empfehlen euch zu wählen. Ich halte euch noch für sehr weit davon entfernt, wirklich Verantwortung übernehmen zu können. Desweiteren spricht meiner Meinung nach nichts dagegen, das BGE auch BGE zu nennen.

Vielleicht, und das mag verwunderlich wirken, gibt es ja eines Tages sogar wieder die Möglichkeit SPD zu wählen. Mathias Richel hat auf jeden Fall die richtigen Fragen und Aufforderungen in einem bemerkenswerten Artikel Richtung Willy-Brandt-Haus geschickt. Nicht das ich ernsthaft dächte, das sie da ankommen werden, aber: Apotheke, Pferde, kotzen. Ihr wisst schon.

Die Anstrengende:
Warum sollte man die machen? Nun, sie ist etwas nachhaltiger als die Einfache. Das Hauptproblem von Politik ist doch das man von Ahnungslosen regiert wird. Warum wird man von denen regiert? Weil Parteipolitik nicht aus dem Austausch von Kompetenzen, sondern auf dem Austausch von Nettigkeiten basiert. In jeder Partei muss man sich hochdienen, wieviel Zeit soll da noch bleiben sich mit Themen ernsthaft zu beschäftigen? Wenn man wirklich an die Macht will? So ziemlich gar keine. Wer immer Hände schütteln, Babys küssen, sich bei Parteikollegen einschleimen und Wähler pampern muss, der lässt sich doch nur noch Infohäppchen aufbereiten, als sich selbstständig und tiefgehend über irgendwas zu informieren. Was dagegen tun? Die Langweilier von ihren Plätzen drängen! Sind nicht mal vor ein paar Jahren Studenten zu Massen in die FDP eingetreten? Was das für ein Movement sein könnte! Eine Partei von innen aufräumen! Massenbeitritte! Ja, eine Utopie, eine Vision. Aber wäre das nicht schön wenn plötzlich eine riesen Gruppe an denkenden Menschen in eine Partei einträte und somit das Gehirn und Aufrichtigkeit dort wieder nach vorne bringen würde?

Wie man sich auch entscheidet: Lets bring some Realness back!

P.S.: Die Nicht-Erwähnung von der Linken oder den Piraten oder der Regenbogen Partei bedeutet keine Wahlempfehlung. Aber so ein Artikel muss irgedwann auch mal zu Ende sein.



Wikileaks enthüllt: So denkt Nilz Bokelberg über Deutschland

Es ist einer der größten Coups der jüngeren Mediengeschichte: Geheime Quallen haben uns, vom Weltfrieden-Investigativ-Team, Papiere zugespielt, auf denen Nilz “Nilzenburger” Bokelberg seine Gedanken zur Regierung aufgeschrieben hat. Bislang wusste man ein wenig über diese Gedanken, anhand seiner Aussagen und man konnte sich so einiges denken. Aber wie er wirklich über Merkel und Co denkt, das war nie in Gänze bekannt. Diese Papiere nun beschreiben in detaillierter Form, wie er die Regierungskoalition sieht. Amüsant bis schockierend (für diejenigen, die so etwas schockiert), haben wir die wichtigsten Erkenntnisse aus den geheimen Papieren einmal für sie zusammengetragen und in mühsamer Recherche gelesen, analysiert und auf ihren Informationsgehalt hin gefiltert (das Originalmaterial betrug bis zu 3 vollgeschriebene DIN A4-Seiten):

- Angela Merkel
Kommt bei ihm nicht gut weg. Er findet ihren Regierungsstil zu passiv, hat den Eindruck das sie ihre eigene Koalition nicht wirklich im Griff hat. Desweiteren hat er Angela Merkel nicht gewählt! Ein Auszug belegt diese Vermutung. Dort steht: “Ich habe Angela Merkel nicht gewählt.” Im Bundeskanzleramt hüllt man sich zu dieser Information in Schweigen. Aber interne Quallen meinen, bei Frau Dr. Merkel Bestürzung ausgemacht zu haben. Es kann nicht ausgeschlossen werden, das Bokelbergs Ablehnung der Grund für ihren Gemütszustand ist.

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- Guido Westerwelle
Wird von Bokelberg abgelehnt. Zitat: “Not my Aussenminister!”. Er hält Westerwelle für überfordert im Amt, kann seinen Stil Politik zu machen nicht nur nicht nachvollziehen, sondern hält ihn auch noch für sonderbar und ulkig. Schämt sich aber gleichzeitig ein wenig, ausgerechnet von jemandem mit solch einer bizarren Gewichtung zwischen Selbstdarstellung (100%) und “Aussenpolitik machen” (0%) im Ausland vertreten zu werden.

- Karl Theodor von und zu Guttenberg
Wird für sehr frisiert gehalten. So wie seine Frau übrigens auch. Nur weniger kompetent.

- Dirk Niebel
Bitte wer?

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- Deutschland
Irrsinnig gutes Land zum drin leben. Muss man, seiner Meinung nach, auch mal so sagen. Auch wenn ihm das “drin leben” immerwieder von Spacken vergällt wird, die Ausländer hassen, oder mehr Sicherheit blind fordern, oder die sämtliche hier lebende Türken unter Generalverdacht stellen, oder die anderen ihren Willen/ihre Meinung aufzwingen wollen, oder die einfach immer und den ganzen Tag unfreundlich sind, oder die nicht nach links und rechts gucken, oder oder oder. Dafür gibt es hier aber auch tolle Sachen, eine ziemliche Freiheit, auch gute Politiker, bemerkenswerte Diskussionen, tolle Autoren, schöne Musik und tolle Freunde. Und jeden Tag neue Menschen zu entdecken und kennenzulernen. Das gibt es zwar woanders auch, aber hier ist es eben nochmal speziell. Ausserdem ist hier der Sitz seines Wrestling-Teams (”GTT 4LIFE!!!”) und den Kölner Karneval gibt es so auch nur in Köln. Wenn man mit der Bahn quer durchs Land fährt, sieht man sehr viele unterschiedliche Regionen. Und die haben alle was für sich. Nein, nur schlecht kann er es hier nun wirklich nicht finden. Wenn es auch, seiner Meinung nach, im Moment immer schlechter wird. So Grundstimmungsmässig. Aber dann kommen ja immer so Hoffnungsschimmer wie die S21-Proteste zum Beispiel, die er bemerkenswert findet und fand.

Es sind wirklich spektakuläre Enthüllungen, mit denen so wohl niemand gerechnet hätte. Hoffen wir das die Beziehung zwischen Bokelberg und der Politik nicht allzu sehr darunter leiden und danken wir das es solch Plattformen wie Wikileaks gibt, die uns nicht vor solch unbequemen Wahrheiten verschonen. Dank geht auch an dern Weltfrieden, für die schonungslose Offenlegung dieser Tagebucheinträge. Unglaublich.

(Und um ganz zum Schluss nochmal aus dem Ironie-Modus rauszukommen: Selten war das geflügelte Wort “Stating the obvious” so passend, wie zum aktuell um den Weihnachtsbaum gestrickten Skandal des Spiegels. Ich mein: Gehts noch? Ich empfinde die ganze Geschichte ungefähr genau so, wie diesen Titel hier….)



Demokratie ist, das alle auch mal MIR zuhören müssen - Piratenparteitag Bingen

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Fangen wir mal von Vorne an: Eine Wahl der Piraten käme für mich erstmal nicht in Frage. Das hat ganz einfache Gründe, denn ich finde ein freies Netz auch wichtig, aber viele Dinge dann eben doch wichtiger. Ich könnte zum Beispiel wieder mit AOL leben, wenn ich wüsste das dafür alle AKWs vom Netz gehen. Mal zugespitzt formuliert. Natürlich möchte ich das nicht. Natürlich möchte ich ein freies Netz für alle UND die Abschaltung der Atomkraftwerke, aber vor die Wahl gestellt, fänd ich die Stromdinger doch wichtiger.

Das soll aber nicht heissen, das ich nicht mit den Piraten sympathisieren würde, im Gegenteil: Das ist schon eine ganz lustige Truppe und ich mag deren Ehrgeiz und Elan und Motivation endlich mal Politik zu machen. Find ich grossartig. Auch, wenn ich mich dann zwischendurch immermal wieder für die schämen muss (ja, ihr seht richtig: Der sitzt da beim Gespräch mit ner Fahne als Umhang…), aber meh: So sans halt, de junge Leit! :) Ist ja alles noch im Rahmen.

Faszinierend war es im PiratenWiki mitzulesen, als eine Berliner Piratin, Lena, vorgeschlagen hatte, einen eigenen, virtuellen “Raum” nur für weibliche Piratenmitglieder zu gründen, in dem man sich austauschen kann und der eben den Frauen vorbehalten ist. Nun ist ja genug Platz da, im Internet und auch sonst macht das ja auf den ersten Blick hin Sinn, denkt man sich. Warum nicht? Schadet niemandem und bestimmt haben Frauen Themen, die sie lieber unter sich besprechen. Voll in Ordnung. Also, war jetzt so mein erster Reflex, als ich das mitbekommen habe.

Oh oh….das sehen viele Piraten aber anders. Dieser Vorstoss von Lena (den sie, zugegebenermassen mit einer unglücklichen bis doofen Pressemitteilung verlautbarte - und sich danach noch ungeschickter mit einem “das war eine private Pressemitteilung und keine offizielle von der Partei..” rauszureden versuchte..) kam eher so semi-gut an. Was wurde die beschimpfz als Emanze und was sie sich einbilde und wie sehr diese Idee der hochgelobten Transparenz der PP entgegen stünde und wieso Frauen denn eigentlich ihre eigene Mailingliste bräuchten, das wäre doch eigentlich sexistisch, weil Piraten nicht nach Geschlechtern unterscheiden würden, sondern nur Menschen sähen.

Ähm…ja.

Die Diskussion war für jeden einsehbar und ich las ein paar Tage mit, bevor ich die Lust verlor, weil da so verbittert auf Lena rumgehauen wurde, die sich zu einem frühen Zeitpunkt aber schon längst aus der Diskussion verabschiedet hatte, weil sie, mit Verlaub, einfach zu bescheuert war. Argumente gleich Null. Auch wenn weibliche Piraten (die ausdrücklich nicht Piratinnen genannt werden wollen) sich gegen Lena stellten. Mehr als die Jungs Argumente konnten sie auch nicht nachbeten. Ich hab die Piraten dann wieder eher aus den Augen verloren. Hier und da tauchten sie noch in meiner Timeline auf, durch eine Handvoll Piraten denen ich folge und die ich alle schätze, aber ansonsten waren sie mir ein bisschen Egal. Auch zur NRW-Wahl, da haben die ja quasi kaum stattgefunden (ausser dieses “Nazis haben Leitern”-PLakat, das hat mir gut gefallen). Damit lässt sich wohl auch das bescheidenere Ergebnis im Gegensatz zur BTW leztztes Jahr erklären.

Nun hatten die Jungs und Mädels Parteitag in Bingen, mit einem exzellent funktionierendem und aussehenden Stream und deswegen habe ich mir die letzten zwei Tage die Parteiarbeit live angeguckt. Und was ich da gesehen habe…also, warum machen die es mir immer so schwer sie zu mögen? Und wenn ich sie wieder ein bisschen mehr mag, dann machen sie es mir noch schwerer..

Dieser Parteitag war eine Veranstaltung des absoluten Stillstands. Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat. Die 1000 Mitglieder, die man wohl zum harten Kern zählen kann, weil sie ja wohl sonst nicht den Weg nach ausgerechnet Bingen auf sich genommen hätten, die da vor Ort waren, haben ein seltsames Demokratieverständnis, das vermutlich irgendwie so ausgedrückt wird:

“Demokratie ist, das alle auch mal MIR zuören müssen!”

Anders ist es kaum zu erklären, was da abging. 1000 mehr oder weniger erwachsene Menschen in einer Halle, die sich alle gegenseitig davon abhalten, produktiv zu sein. Der Zeitplan, der aufgestellt wurde, konnte nicht im Ansatz eingehalten werden. Man brauchte zwei ganze Tage um einen Vorstand zu wählen. Weil diejenigen, die sich zur Wahl stellten, auch befragt werden durften, zog es sich noch und nöcher - allerdings ohne dabei einen höheren Informationswert zu generieren. Eher im Gegenteil. Die Fragen und Vorwürfe an die Kandidaten wiederholten sich und wenn die “Versammlungsleitung” mal versuchte die ganze Veranstaltung ein wenig zu pushen und voranzutreiben, wurde sie sofort durch sinnlose Anträge a la “Ich möchte das die Redner 45 Sekunden Redezeit haben” ausgebremst. Und solche Anträge kamen im Stakkato-Modus. Jeder wollte mal irgendeinen Antrag stellen oder irgendeine Frage um auch ja gehört zu werden. Eine Handvoll Speuzialisten stellte sich immerwieder am Mikrofon an um auch immerwieder die gleichen Fragen zu stellen (die entweder die Versammlungsleitung schon vorweg hätte nehmen können, oder die Kandidaten in ihren Vorstellungsreden auch…). Das war schon die Redundanz von Redundanz. Alle beschwerten sich, das alles so lange dauert, aber niemand war bereit wirklich etwas dagegen zu tun. Na klar, nachher nannte man das “eben echte Demokratie” die natürlich “auch anstrengend sei”, weil alle alles abstimmen. Aber genau das wäre eben das tolle an der Partei.

Moment: DAS ist ein Vorzug? Das sich alle gegenseitig lähmen und nie auf einen grünen Punkt kommen? Dann habe ich tatsächlich ein anscheinend weniger demokratisches Verständnis von Politik, oder, um es mal anders zu sagen liebe Piraten: Das war absolute Scheisse, was ihr da veranstaltet habt. Echt jetzt mal, das war gar nix. Schrott. Und einige von euch sollten sich mal fragen, warum es so war. Ich meine das weder böse, noch hämisch oder so. Das war Murks. Und ich will jetzt nix hören von Wegen “junge Partei, erst seit 3 Jahren” oder so. Hallo? Man kann schon im ersten Jahr feststellen was geht und was nicht. Und ich erinner mich auch in den Stream des letzten Parteitags reingeguckt zu haben. Und da waren weniger Leute. Und DA waren diese ewigen “Anträge” schon das Problem numero Uno. Also please: Sehr mal zu das ihr Handlungsfähig werdet. Sonst war das Ergebnis in NRW noch gut, wenn ihr versteht was ich meine.

Und das war ja nicht alles an Elend, was ich im Stream gesehen habe (neben, nur um das nochmal deutlich zu machen, supervielen sehr motivierten Leuten, die Spass an der politischen Arbeit hatten, was mich ja auch so am Stream hielt..): Die oben bereits erwähnte Lena stellte sich spontan zur Wahl zur stellvertretenden Vorsitzeden der Piratenpartei. Das war ein Signal. Ein Signal zum Wechsel. Und als sie sich vorstellte, sagte sie viele richtige und wichtige Sachen (auch das sie dafür sorgen möchte, das sich die PP deutlich von Nazis distanziert zum Beispiel), die nur zum Teil mit Gender Themen zu tun hatten. Die aber natürlich auch ihr Thema waren. Und dann kam die Fragestunde. Und dann wurde sie gegrillt. Mit Häme und totaler Scheisselaberei übergossen von Parteimitgliedern, die offensichtlich gar nicht zugehört hatten, was sie da auf der Bühne kurz zuvor gesagt hatte. Die einfach nur ihren Satz des Hasses an sie loswerden wollten, mit vermutet geschickt platzierten Spitzen (”Willst du als Stellvertreterin auch direkt eine Pressemeldung rausgeben?”) , die ebenso lächerlich waren, wie 95% der Fragen, die ihr gestellt wurden. Und die sich ALLE nur ums Thema “Gender” drehte, wohingegen Lena eigentlich über viel mehr gesprochen hatte. Es liegt also die Frage nahe, wer jetzt eigentlich ein Problem mit dem Thema hat? Lena kann weitergehen und sehen und weitermachen. Aber verbissene Piraten können das eben nicht. Das war wirklich gruselig zu hören, was da für eine totale Kacke gefragt wurde. Und peinlich war es auch. So sehr zu zeigen, wie wenig man zu politischem Denken in der Lage ist…uiuiui…das als Basis einer Partei halte ich dann doch schon für bedenklich.

Natürlich wurde Lena nicht gewählt. Sie bekam stramme 28 Prozent, was viele schon für ein gutes Zeichen halten. Ich aber sage: Ein gutes Zeichen ist es, wenn sie gewählt wird, denn ganz offensichtlich ist sie politisch durchaus kompetent und weiss was sie sagt und warum sie es sagt. Aber die Piraten sind dann eben doch mehr Bild-Leser als sie wahrhaben wollen: Es soll sich nichts ändern in unserem Schrebergarten. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter wurden beide wiedergewählt. Zwei Leute, die durchaus fähig sind. Aber eben auch sehr unsichtbar (Der Vorsitzende Siepenbusch meinte auch auf die Frage, warum man so wenig von ihm gesehen hätte bei der NRW-Wahl, das er zur Verfügung gestanden hätte, ihn aber niemand gefragt hätte…i mean: come on!).

Überhaupt: Was mich vermutlich am meisten erschrocken hat, war der Aggro-Ton auf dem Parteitag, den man wohl anschlagen muss, damit einem überhaupt irgendwer zuhört. Die Sprecher auf der Bühne mussten regelmässig das Plenum zur Ruhe mahnen. Aber wenn etwas entschieden wurde, was irgendwem nicht gefiel, da wurde dann auch schonmal in der Halle rumgeschrieen. Nicht reingerufen, so wie ein Protest, sondern wirklich reingebrüllt so wie in: “Oh, da hat aber jemand ein Problem für das er mal professionelle HIlfe in Anpruch nehmen sollte:”. Und davon gab es ein paar Kandidaten in der Halle, das fand ich schon erschreckend. Zu Beginn des zweiten Tages übrigens auch der Wahlleiter, aber der hat sich später dafür entschuldigt.

Machen wir uns nix vor: Die Piratenpartei ist eine Jungspartei. Und ich kann jede Frau verstehen, die einen riesen Bogen um die macht. Da wird sich auf ziemlich tiefem Niveau beschimpft und so getan, als sei das ein demokratischer Prozess. Da spielen Jungs so eine Art Real-Life-WoW, wo man sich eben mit der ganzen Gruppe abstimmen muss. Und das ist jetzt kein hohles Klischee, weil Computer eben DAS Thema der Piraten sind, sondern genau so ist dieser Parteitag rübergekommen. Und wenn du mir nicht zuhörst, dann brüll ich dich eben an. Da gibt es wichtige Vaterfiguren, wie eben einen Jörg Tauss, dem kritiklos alles von den Lippen gelesen wird (vom Grossteil, nicht von Allen!), weil er da als Mann mit Erfahrung steht oder dieser Pfarrer, dessen Namen ich vergessen hab, der ein paar mal kandidiert hat, den auch plötzlich alle voll toll fanden, obwohl die Piraten doch eigentlich Religion immer so vehement ablehnen, der aber punkten konnte als er einem jungen Piraten, der sich nach seinen Visionen zur Drogenpolitik erkundete, vorschlug das ganze doch entspannt “in Holland auszudiskutieren”. OMG. Nuff said.

teppich

Die Piraten, so gern ich sie auch haben will, sind nicht Politikfähig. Zumindest im Moment nicht und ich sehe da noch nicht wirklich Land. Das ist Schade. Die treten sich gegenseitig auf die Füsse und haben dabei das Gefühl etwas zu bewegen. Dabei stehen sie nur in einem Laufrad. Für dieses Jahr wurde übrigens noch ein Parteitag beschlossen, auf dem soll es dann um inhaltliche Diskussionen gehen. Da bin ich aber mal gespannt. Vielleicht haben sie aus dem Binger Debakel gelernt. Ich befürchte aber das Gegenteil.

[Bilder hab ich vom "offiziellen" Twitteraccount]



Letzter Eintrag vor der Ausfahrt…

…Keine Sorge. Das soll nicht bedeuten, mit dem bloggen aufzuhören, aber hier findet in letzter Zeit merkwürdig wenig Weltfrieden statt, statdessen reg ich mich über alles mögliche auf. Da aber “sich aufregen im Internet” meiner Meinung nach nur hässlich und unangenehm macht und man dann in einer Luftblase auf seinem Stuhl trohnt und zwar sicher sein kann, immer gesagt zu haben, was gesagt werden musste, aber dann keiner mehr da ist, mit dem man auch mal über nette Sachen spricht, soll das nun erstmal der letzte seiner Art sein: Ein Meckereintrag. Danach tu ich mal wieder was für meinen Teint…;)

Und wie könnte es anders sein in diesen Tagen: Es geht um Politik. Wir befinden uns ja gerade in einer Zeit, die doppelt fatal ist: Nicht nur Vorwahlkampf, sondern auch Sommerloch. Da schiessen Hinterbänkler schonmal gern nach vorne und die Fantasie einiger Abgeordneter treibt wilde Blüten. Die CDU möchte gerne 2015 zum Mond fliegen und meint, daß man dafür doch mal 1,5 Mrd locker machen sollte. In meinen Augen ein absolut richtiges Signal. Immer her mit dem Geld und dann schnell rausballern (ja, auch wenn mir klar ist, daß wir hier über unterschiedliche Pötte, in denen das Geld steckt, reden). Genau das wollen die verunischerten Wähler in Zeiten wie diesen hören. Fingerspitzengefühl, dein Name sei Peter Hintze.

Aber das ist mir relativ egal. Lustig finde ich auch, das die CDU immer mehr Stimmen verliert, umso mehr Menschen sich an der Wahl beteiligen wollen. Denen müsste also an einer extrem schlechten Wahlbeteiligung gelegen sein. Doch auch hier: Schwamm drüber. Das Rennen machen die eh, zusammen mit der FDP.

Merkwürdig wird es, erfahrungsgemäss, in den Kommunalwahlkämpfen. Im Moment gibt es einen kleinen Aufreger über Vera Lengsfeld. Das ist die Direktkandidatin der CDU für Kreuzberg/Friedrichshain. Und die hat ein Plakat gemacht das, nun ja, sagen wir mal eher gewöhnungsbedürftig ist. Und alle regen sich jetzt auf, das das sexistisch sei, das ausgerechnet SIE so etwas nötig habe, das das hässlich sei, das es primitv sei etc. pp. Dazu muss ich mal sagen: Nö. Ich finde es nicht sexistisch. Ich finde es nicht mal besonders primitiv. Meine Güte, es ist ein Wahlplakat. Da kann sie ja wohl kaum ihr ganzes Programm drauf abdrucken. Sie hat sich gedacht einen besonders frechen Witz zu machen, und der ist nunmal nicht lustig, aber da kann sie ja nichts dafür, das sie keinen Humor hat. Insofern ist sie ja schon in der richtigen Partei. An und für sich, auf seinen Sexualitätsgrad bezogen, entlockt mir das Plakat nichtmal ein müdes Gähnen.

Aber: Was ich viel ekeliger finde, was ich schrecklich unsouverän, bieder und abschreckend finde, was mich schaudern lässt: Da lässt sich eine Lokalpolitikerin mit der Kanzlerin auf ein Plakat drucken, zieht sogar dasselbe an wie sie und montiert das so, als wenn sie neben ihr stünde. DAS ist ekelhaft. Das ist anbiedernd, das ist vermessen. Ich bin weißgott kein Merkelfan, aber die hat sich eben durch alle Parteiinstanzen hochgearbeitet um da zu sein, wo sie nun ist. Das kann ich immerhin anerkennen. Hat sich halt bei den richtigen Leuten beliebt gemacht. Superbillo finde ich es hingegen sich mit ihr auf ein Bild zu montieren und zu suggerieren: “Wir sind aus demselben Holz geschnitzt. Ich bin sowas wie die Kreuzberger Kanzlerin. Was die kann, kann ich auch. Die findet mich auch super.” Das macht mich gruseln und das kann ich in all seiner Erbärmlichkeit gar nicht mit Worten beschreiben. Egal ob halbnackt oder nicht.

Abgesehen davon das Frau Lengsfeld bei einem kurzen überfliegen ihrer Seite, sich mit all ihrer Beratungsresistenz ja in allerbester Gesellschaft befindet. Unter den Links auf ihrer Seite geht der Erste auf die “Achse des Guten”, einer Art Intellektuellen-PI. Der zweite Link geht dann auch schon brav zur Seite von meinem Lieblingspamphletisten H.M. Broder (Not!), und zwar mit den niedlichen, aber deswegen nicht weniger richtigen Worten:

“Wer Broders spitze, aber treffende Kommentare kennt, weiß, wie Journalismus sein muß.”

Wer Broder kennt, weiß wie Journalismus sein muss? Gnihihi, stimmt ja irgendwie wieder: Denn genauso nicht. Recherche ist schon nachwievor nicht unwichtig für einen Journalisten, aber warum sollte das Frau Lengsfeld interessieren. Sie ist ja gut aufgehoben im AdG-Netzwerk. Fazit: Die Frau kann man nicht ernstnehmen. (Vielleicht das noch: Sich auf seiner Seite über die Kritiker und Ablehner des Plakats lustig zu machen und die Zugriffe als Erfolg zu verkaufen ist durchsichtig, schmierig und sowas von unangenehm albern, das man schnell wegklickt. Das erinnert mich an einen Typen aus meiner Grundschulklasse, Gregor hiess der glaub ich, der hat, wenn man es ihm gesagt hat, Spinnen gegessen. Da haben alle beeindruckt zugeguckt, keiner konnte sich dem entziehen, alle haben es bestaunt. Aber mit ihm irgendwas zu tun haben, wollte dann doch keiner…) Was soll sie auch machen, sie hat ja in Kreuzberg, einem klassischen Grünenewählerbezirk, eh keine Schnitte. Gönnen wir der armen, verwirrten Frau also ihr Rampenlicht.

Apropos Grüne: Die haben im Moment auch hier und da ihre Brände liegen, die zwar selbstverschuldet sind, aber bei denen die Gegenseite sich auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die Grünen in Kaarst (das ist in der Nähe von, ähem, nunja, von so einem Ort, dessen Name mir auszusprechen immer schwer fällt, nennen wir ihn mal “den Parklplatz von Köln”) haben ein, zugegeben ultradämliches, Wahlplakat gemacht, auf dem weisse Frauenhände einen schwarzen Frauenhintern anpacken und darüber stand: “Der einzige Grund Schwarz zu wählen”. Abgesehen von der 80er-Jahre-Sachs-Ästhetik und einer Botschaft, die ich immernoch nicht in Gänze kapiert habe (”zu wählen”? Warum der einzige Grund? Mein einziger Grund schwarz zu wählen, ist eine lesbische Beziehung zwischen zwei Frauen unterschiedlicher Hautfarbe? Versuchen die meinen inneren Pornokonsumenten anzusprechen, oder worauf soll das hinaus? ), ist es natürlich klar das gerade die Grünen sich so einen müden Gag nicht leisten können. Ich meine, das ist ein 2000 qm-Fettnapf. Da kann man nicht vorbeitreten. Denn natürlich lässt sich das, mit schlechtem Willen auch easy rassistisch und sexistisch lesen. Vor allem in dem Zusammenhang: Es gab das Plakat auch mit “…Rot zu wählen” und “…Gelb zu wählen”, aber natürlich waren in DEN Versionen die Körper in der jeweiligen Farbe angemalt. Nur bei Schwarz eben nicht. Das ist nicht sehr bedacht, ja, das ist sogar ausserordentlich dämlich. Natürlich haben die sehr schnell dafür eins auf die Mütze gekriegt. Zu Recht. Was mich dann nur immer nervt, weil es dem Dialog nicht dienlich ist: Wenn der Protest ausufert. Im schwarzen Blog von “Der braune Mob“, einem Verein, der sich sehr engagiert gegen alltäglichen Rassismus und Sexismus, vor allem in den Medien, wehrt, kam kurz nach der Meldung über das Plakat der Grünen aus Kaarst schon ein Kommentar, in dem jemand schrieb, die Grünen jetzt nie wieder wählen zu können. Die Überschrift zu dem Post war auch schon “Ein Grund nicht Grün zu wählen”. Meine Güte, wir sprechen hier von einem Ortsverein. Es ist ja wohl klar das die nicht alle ihre Motive mit der Bundeszentrale, oder gar dem Landesverband absprechen, sondern erstmal machen und das hoffentlich im Sinne ihrer Partei. Die in Kaarst haben Scheisse gebaut, das zuerst auch nicht eingesehen. So weit, so schlimm. Bestimmt ein Grund in Kaarst nicht mehr Grün zu wählen. Warum da jetzt die ganze Partei in Sippenhaft genommen wird, versteh ich nicht so ganz. Muss ich vielleicht auch nicht. Übrigens haben die Kaarster ja mittlerweile vom Landesverband schon eins über den Deckel bekommen und das Plakat zurückgezogen. Auch hier wieder: Ungeschickt das sie dabei von Selbst-”Zensur” reden, einem momentan sowieso überstrapazierten Mega-Reizwort. Aber in Kaarst mag man wohl Schmerzen. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Schmerzen bereiten mir auch die Piraten. Es geht hin und her, man ist hier, man ist da. Immer höre ich: Nun ja, das ist eben erstmal eine Ein-Themen-Partei, die zu Beginn nur ihre Kernkompetenzen ausspielt. Aber so langsam frage ich mich, was genau die Kernkompetenzen der Piraten sind. Filesharing? Internetsperren? Werbespots produzieren? Keine Ahnung. Ich weiss zumindest schonmal, was die Kompetenzen nicht sind. Das Urheberrecht zum Beispiel, oder besser gesagt: Eine modernisierung des schweren, grauen, alten Klumpens Urheberrecht, den dieser so dringend nötig hätte. An allen möglichen Stellen, wenn es um dieses Thema geht, sehe ich immer wie sich plötzlich ein Pirat oder ein Piratenfreund in die Diskussion einmischt und durch eine offen zur Schau gestellte Kulturfeindlichkeit versucht zu profilieren. Gut, das müssen nie aktive Parteimitglieder gewesen sein, aber die Frage dürfte dann doch langsam mal erlaubt sein, wie die sich konkret eine faire Entlohnung von Künstlern vorstellen, wenn diese für ihre Musik, also quasi den Kern, den Dreh und Angelpunkt ihres Schaffens (das mögen auch Bücher oder Bilder oder T-Shirt-Designs oder sostwas sein) keinen Cent mehr bekommen sollen und ihre Arbeit gefälligst der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen haben. Das will mir immernoch nicht so richtig in den Kopf. Und Nein: Ich habe weder etwas gegen die Piraten, noch werde ich sie wählen. Aber ich frage nun schon gefühlt ziemlich lang diese eine Frage und habe noch nicht den Ansatz einer konstruktiven Antwort bekommen. Und da fang ich dann schonmal an mich zu wundern. Nur durch ewiges Wiederholen des Gag-Namens “Zensursula” gewinnt man gar nix. Noch weniger als “Die Violetten” oder sonstige Freaks. Sascha Lobo hat das in einem tweet mal sehr schön auf den Punkt gebracht, den ich jetzt gerne hier zitiere, wofür ich von ihm hoffentlich nicht abgemahnt werde:

Wer mir sagt, Musiker sollen ihr Geld mit T-Shirtverkäufen verdienen, kriegt sein nächstes Gehalt in Büromaterial ausgezahlt.

Und übrigens Nein: Ich bin auch kein Künstler, der jemals Musik gemacht hat um damit reich zu werden, im Gegenteil. Ich verschenke die ja nur zu gerne und nur zu oft und das ist für mich auch vollkommen in Ordnung. Ich kann nur verstehen wenn andere gerne mehr Kontrolle über ihre Werke hätten. Wäre ich zum Beispiel “Silbermond” (deren Management sich auch eher suboptimal im Umgang mit der Presse verhält) , fänd ich es eben auch nicht sehr prickelnd, wenn meine Musik im nächsten pr0n-Film auftaucht. Nur mal so als plakatives Beispiel.

Damit mir keiner vorwerfen kann, einen parteiischen Rundumschlag gemacht zu haben, noch schnell was zu den anderen beiden:

SPD - Sorry, aber FWS konnte ich als Kanzlerkandidaten nie ernst nehmen. Schon allein weil der immer wie ein Schröder-Stimmen-Imitator wirkt. Die SPD tut sich gerade nicht nur keinen Gefallen, sie schafft es nichtmal zu gefallen. Vermutlich weil sie so verzweifelt versucht jedem zu gefallen. Da schämt man sich ein wenig fremd. Kann man irgendwie nicht mehr wählen. Zumindest nicht dieses Jahr. Neues Personal wär mal schön. Der Spot auf deren YouTube-Channel ist aber tatsächlich ganz lustig. Ja, so habe ich mir einen wunderbar fair-dreckigen Wahlkampf immer vorgestellt. Wird wohl aber die Ausnahme bleiben.


[YouTubeDirektHartZögern]

-Die Linke: Ach, die gibts noch? Lang nix mehr gehört. Sind wohl immernoch sauer, das ihr Superkandidat Sodann nicht Bundespräsident geworden ist. Überhaupt haben die noch ein Personal am Start, für das ich sie nicht ernst nehmen kann. Für mich eine klassische Spass-Partei. Wenn man Spaß an “Das Kapital” hat.

Zum Abschluss noch die HSP, die Horst Schlämmer Partei. Heute stand in der Zeitung, das die, würden sie wirklich antreten, mindestens 18 Prozent der Stimmen bekommen würden. Und schon lese ich die Aufschreie. Die Menschen verwechseln die Wahl mit einer Spassveranstaltung, das können die doch nicht ernst meinen, das gibt es doch nicht. Dazu möchte ich einmal anmerken, das Horst Schlämmer in all seinem Kunstfigur-Dasein für die meisten Menschen im Moment eben noch so ziemlich das authentischste darstellt, was der Politikbetrieb (vermeintlich) so zu bieten hat. Daran sollte man dem Wähler wohl eher nicht die Schuld geben. Die Parteien machen seit Jahr und Tag alles, den Leuten den Glauben zu nehmen, mit einer Wahl noch Einfluss auf irgendetwas zu haben. Jahrelang haben sie alles daran getan, den Kredit zu verspielen und dabei können sich gerne alle Regierungsbeteiligten Parteien der letzten 20 Jahre an die eigene Nase fassen. Politikverdrossenheit? Ja. Wegen moderner Medien? Nein. Wegen den Arschlöchern, die es geschafft haben (jungen) Menschen jegliche Lust an Politik und der Auseinandersetzung damit zu nehmen. Ich bin da anders, aber ich kann es keinem einzelnen verübeln, der am Wahlsonntag zu Hause bleibt oder Micky Maus auf seinen Wahlzettel schreibt. Ich bin keiner dieser “Wenn du nicht wählst, darfst du dich nicht beschweren”-Typen. Ich bin eher ein “Ich verstehe warum du nicht wählst, was ich nicht gut finde, aber ich verstehe es gut.”-Typ.

Wäre schön, wenn das auch mal ein paar Andere würden.



Arr Arr Arr! Und ne Buddel voll Ruhm! (UPDATE)

Piraten. Ein tolles Volk. Wer hat nicht schon immer dazugehören wollen? Wer erinnert sich nicht an unzählige Variationen der Schatzinsel, aus seiner Jugend? Wer wollte nicht schon immer mal eine Karte haben, auf der das X den Schatz markiert?

Im Moment markiert das X aber leider etwas ganz anderes. Aber von vorne:
Die Piraten sind angetreten, der deutschen, politischen Landschaft in den Arsch zu treten. Und zwar nicht ironisch/satirisch wie DIE PARTEI von der Titanic, sondern ernstgemeint. Absolute Kernkompetenz ist dabei das Netz, und alle Themen die dazu gehören. Eine Partei die aus dem Internet kommt, sich da gefunden hat und es jetzt tatsächlich auch geschafft hat, auf der politischen Agenda zu erscheinen und Themen zumindest mitzudiskutieren. So weit, so grundsympathisch.

Ich gebe gleich zu Beginn zu: Die Piraten sind für mich noch keine Alternative zur Wahl. Mir ist das noch ein bischen zu wenig, sich hauptsächlich auf Netzthemen zu konzentrieren. Ja, ich weiß, da kommen noch andere Themen auf den Plan. Man ist ja gerade erst in der Parteigründung. Man fängt ja gerade erst an. Man tut dies, man tut das. Dafür habe ich Verständnis und ich wünsche denen alle Zeit der Welt, sich zu finden, die eigenen Themen zu setzen und ein klares Programm zu haben, mit dem sie antreten können. Da haben die ja im Prinzip 4 Jahre Zeit für, niemand erwartet das sie zur kommenden Bundestagswahl als komplette Partei da stehen.

Ausser vielleicht sie selbst.

Am Wochenende war der grosse Bundesparteitag der Piraten in Hamburg und wer heute seine Twitter-Timeline las, der kam um das große Thema nicht drumrum. Werden Parteitage aber in der Regel dafür genutzt, geschlossenheit zu demonstrieren, Kandidaten zu präsentieren und überhaupt den Schwung einer großen Versammlung als mediale Inszenierungsplattform zu nutzen, so machen die Piraten das etwas anders: Sie beginnen sich zu zerfleischen. Nein, falsch. Sich zerfleischen zu lassen. Schon eher. Dabei gibt es mehrere Schalchtfelder. Aber eines eint sie doch alle: Egal wo sie aufpoppen, immer kriegen die Piraten auf die Mütze und (fast) immer werden die recht schnell pampig. Das ist leider doof. Und manchmal sogar unverschämt. Klar, ich verstehe deren Gereiztheit, es ist auch sicher alles andere als lustig, dauernd in der Defensive zu sein. Aber zwischen “selbstbewusst zur eigenen Agenda stehen” und “beleidigt Kritik abbügeln” besteht nunmal ein Unterschied.

- Erstmal ein etwas alberner Punkt, der aber ganz gut eine gewisse Unsensibilität mit aktuellen Schlagworten zeigt. Das ZDF hat eine Online-Umfrage gestartet, in der es um die Frage nach der Sperrung von Internetseiten ging, Stichwort Stop-Schild. Schnell tauchten die PiratenPartei-tweets auf, man möge doch schnell dahin gehen und abstimmen. Bekanntermassen stehe ich dem kommenden Gesetz auch sehr skeptisch gegenüber. Aber ich halte Online-Umfragen nicht nur für gähnend unrepräsentativ, sondern die Manipulation derselben auch noch für bescheuert. Denn ja: Wenn ich den Link veröffentliche und sage “Geht da schnell klicken!”, dann ist das eine Manipulation. Das soll ja keine Wahl sein, on man dafür odr dagegen ist, sondern interessierte nach ihrer Meinung fragen. Nun sind die vielen Menschen, die den Links folgten, nicht auf der Seite vom ZDF gewesen, weil sie da eh immer lesen, sondern nur um schnell in ihrem Sinne abzustimmen. Sorry, aber dieses Verhalten kenne ich hauptsächlich von Paranoiden-Blogs wie PI, die schnell ihre paar bekloppten Leser mobilisieren, wenn es irgendwo im Netz, und sei es auf der Seite von Lieschen Müller, die Chance gibt gegen die von ihnen groß gefürchtete Islamisierung Europas zu stimmen. Nur um danach das Resultat als angebliche “Stimmung in der Bevölkerung” zu verkaufen. Das haut nicht hin. Nun hat das ZDF den plötzlichen Anstieg der abgegebenen Stimmen bei dem Poll bemerkt und diesen dann einfach so vom Netz genommen. Und dann kams: Dutzende tweets in denen was stand vom “Zensierten Deutschen Fernsehen”. Ja, ihr habt richtig gelesen. Das muss man sich mal vorstellen. Ich bekomme mittlerweile fast Mitleid mit dem Begriff “Zensur”, weil der ja im Moment für alles herhalten muss. Eine bedacht, vorsichtige Anwendung des Terminus findet leider nicht mehr statt. Und das ist ein Problem. Finde ich. Im Übrigen: Markus Trapp von Textundblog.de schrieb eine Mail ans ZDF, mit der Frage was mit der Umfrage passiert wäre (und einem aüsserst rhetorisch albernen Kniff, das dem ZDF auf jeden Fall schlechte Absichten unterstellte, so oder so) und bekam in seinen Kommentaren sogar eine Antwort vom Redaktionsleiter von Heute.de, in dem er nochmal erklärte, das er keine Lust auf manipulierte Umfrage-Ergebnisse hätte. Was danach in den Kommentaren passiert, muss ich wohl kaum erzählen. Aber man muss es auch nicht lesen. Selbstgerechtes Ich-habe-ein-Recht-auf-Transparenz-wenn-ich-sie-will-Gelaber. Schrecklich. Zugegeben, keine originäre Piratenaktion, aber das ganze “Das ZDF zensiert”-Gezwitscher kam hauptsächlich über Piraten-Follower und ich unterstelle da einfach mal eine gewisse Affinität.

- Eine andere Diskussion, ein anderes Thema. Und ein äusserst schwieriges dazu. Es geht um Urheberrecht. Ich bin da in einer Diskussion gelandet, tatsächlich ursprünglich aus einem anderen Grund: Viele Piraten pflegen eine sehr, nun ja, laute Abneigung gegen Sascha Lobo, den man wohl am besten als Web 2.0-Impressario bezeichnen könnte, weil er im Online-Beirat der SPD sitzt/sass und die in Netzfragen beraten tut/hat. Dabei war er allerdings nie Parteimitglied. Dennoch sind die Piraten davon überzeugt, das Lobo sie in allen Interviews nur schlecht machen will, weil er für die SPD “arbeitet”. Nun, das ist schonmal ziemlicher Quatsch. Man kann, trotz der absolut desolaten Situation, in der die ehemalige Arbeiterpartei steckt, getrost davon ausgehen das auch für die kommende Bundestagswahl die Piraten wohl kaum die Hauptkonkurrenz für die SPD darstellen. Abgesehen davon finde ich das Lobo schon deutlich mehr für eine positive Aussenwirkung des Netz gemacht hat, als die Piratenpartei bisher. Das aber nur am Rande. Die Diskussion ging dann nämlich um ein anderes Thema: Das Urheberrecht. Von den Piraten kommen da noch keine wirklich schlüssigen Konzepte. Ich hab mal irgendwo gelesen, das sie das Urheberrecht auf 15 Jahre verkürzen wollen. Was natürlich gar keinen Sinn macht. Übergehen wir das einfach mal. Ich wollte die ganze Zeit erfahren, was sie für Konzepte haben. Und habe darauf hingewiesen, das das ja auch branchenunterschidelich ist. Natürlich bin auch ich für die freie Verfügbarkeit wissenschaftlicher Arbeiten. Aber dann müssen die Wissenschaftler trotzdem irgendwie dafür entlohnt werden. Ein schönes Argument, Künstler betreffend, kam mir dann auch ein paar Mal über den Weg: Künstler haben sich damit abzufinden, kein Geld mehr zu verdienen. Sie sollen doch eh Kunst machen, weil sie sie machen wollen, nicht um damit Geld zu verdienen. Arme Künstler seien schliesslich schon immer normal gewesen. Okay, mag sein, aber das muss man ja deswegen nicht gut finden, oder? Mir schlug eine ziemliche Ignoranz, Sorgen der Künstler betreffend, entgegen, was sicher dazu führt das selbige sich im Moment noch eher von rhetorischen Luftblasen wie Gorny sie absondert vertreten und vor allem ernstgenommen fühlen, als von Piraten, die zwar betonen NICHT für illegale oder legale Umsonst-Downloads zu stehen, aber die auch noch kein Konzept über bezahlung kreativer Arbeit vorgelegt haben. Ich wollte nun einfach wissen, wie die sich das vorstellen. Und dann kam der Hammer. Annarose schrieb in ihrem Kommentar:

Aber denk doch mal einer an die armen Künstler” ist jetzt die neue KIPO-Keule?

Nanu? Was ist denn jetzt los, hab ich mir gedacht. Zum Glück hat das den ein oder anderen auch noch gestört. Was dann annarose zu einem zweiten Kommentar genötigt gefühlt haben muss:

Oh himmel, jedes Wort auf die Goldwaage.
Für MICH hat es eben schon etwas von einen Keulenschlag wenn der online Beirat der SPD, das Programm der PP kritisiert, ohne selbst einen Vorschlag zum Thema zu machen.

Wie bitte? Goldwaage? Also, wenn das die Diskussionstechnik ist, mit von aussen interessierten Menschen umzugehen, dann viel Spass. Aber diese Uneinsicht, sofort alles abzubüglen, weil es sich kritisch mit der Partei auseinandersetzt, macht die Partei leider megaunwählbar. Ich hab für alles Verständnis, aber diese Dünnhäutigkeit, bei Kritik sofort zu rufen “Selber doof!”, das geht Null klar. Sorry.

- Das aktuellste Problem: Die Piraten haben einen Typen in ihren Reihen auf ein Pöstchen gewählt, der ein fantasievolles Verhältnis zum Holocaust hat (und jetzt erzählt mir keinen von “Das ist 4,5,6, Jahre her!”, der Typ hat sich von den ANSICHTEN nie distanziert). Er ist kein Nazi, eher so ein Typ der glaubt, das es immer noch eine zweite Wahrheit gibt. So ein Wolf-Airbrush-T-Shirt-Träger, quasi. Der steht auf Fantasy und, was vermutlich der Hauptgrund für seinen geistigen Dünnschiss ist, auf anecken. Das ist so ein Pfeiffen-Provokateur, der jetzt die Aufmerksamkeit hat, die er sich die ganze Zeit wünschte. Und damit der Partei, in der er ist (ich schreib jetzt extra nicht “seine” Partei) natürlich keinen Gefallen tut und einen ziemlichen Schaden zufügt. Natürlich muss der sofort gekickt werden. Dieses, nennen wir es mal anzweifeln, des Holocaust hat in einer demokratischen Partei einfach nichts verloren. Egal wie aufgeklärt der Typ ist, wie sehr er die Verbrechen der Zeit verurteilt, wie sehr er nicht möchte das irgendwer wegen irgendwas umgebracht wird. Du laberst scheisse? Dnn leb mit den Konsequenzen. Ich verstehe nicht, was es da nachzudenken gibt. Die Piraten zieren sich, sind unsicher. MsPro zum Beispiel meint das auch scheiss Meinungen von der Meinungsfreiheit gedeckt sein müssten, wo ich ihm Recht gebe, weil ich das auch eher nach amerikanischer Art sehe, aber, wie es auch schon oft genug gesagt wurde, man muss den Holocaust nicht anzweifeln (”Ich habe nie Listen der Opfer gesehen….”), diese verdammte Scheisse ist ein FAKT. Wissenschaftlich tausendfach belegt. Das ist keine Meinung. Das kann nicht gedeckt werden, das kann man nur verachten. Und so sollte das eben die ganze Partei machen, wenn sie nicht als totaler Depp da stehen will, der sich von EINEM Mitglied vorführen lässt. Dazu gibt es einen sehr gelungenen Text, hier.

Und was lese ich von Piraten? Sowas hier:

Ich bin mit Bodo einer Meinung, dass “jeder einzelne Mensch, der verfolgt und getötet wurde” einer zuviel war. Ich bin aber ebenfalls mit ihm einer Meinung, dass das Verbot, den Holocaust infrage zu stellen, eine neutrale Beschäftigung mit dem Thema verhindert und eines modernen Rechtsstaates unwürdig ist. Darüberhinaus denke ich, dass beide dieser Thesen von jedem Piraten geteilt werden müssten.

Oder, etwas gemässigter, sowas:

Mal davon abgesehen ist er einer, einer von insgesamt 3000 Piraten. Warum eine Partei wegen eines Mitglieds unwählbar wreden soll, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich sähe Grund zum handeln, wenn seine Meinung die offizielle Parteidoktrin werden würde, das ist sie aber nicht, und wird sie definitiv nicht werden.

Beide Postings wurden gestern von einem Piraten explizit via Twitter empfohlen, nach dem Motto: Endlich sagt mal jemand, wie es ist. Wenn das also bedeutet, das die Piratenpartei ganz nach dem George Bush-Motto “Wer nicht für uns ist, ist gegen uns” verfährt, dann wird sie wohl auch in 4 Jahren noch unwählbar für mich sein.

Es gibt eine Menge zu tun. Wenn die das mal in den Griff kriegen würden, anstatt sich andauernd aus den eigenen Reihen selbstzuzerstören, könnte man ja beim nächsten Mal noch darüber nachdenken, auf der Schatzkarte das X bei den Piraten zu setzen. Bis jetzt kann ich sie aber leider nicht ernstnehmen. Nichtmal in den selbsternannten Kernkompetenzen. Sorry.

UPDATE: Zumindest im letzten Punkt kommt Bewegung in die Sache. Der Vorstand der Partei veröffentlichte eben folgende Stellungnahme:

Der Bundesvorstand der Piratenpartei fordert das Parteimitglied Bodo Thiesen dazu auf, sich eindeutig und endgültig von seinen fragwürdigen Äußerungen zum Holocaust zu distanzieren. Bereits im Juni 2008 hatte der Vorstand Thiesen dafür eine Verwarnung erteilt. Durch die erneut laut gewordene Kritik innerhalb der Partei sowie in der Blog- und Twittersphäre hält der Vorstand eine noch klarere und deutlichere Distanzierung für nötig. Sollte Bodo Thiesen dieser Aufforderung nicht binnen 24 Stunden nachkommen, wird der Bundesvorstand die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.

Die Piratenpartei steht für Bürgerrechte, Freiheit und Demokratie. Sie verteidigt die Werte der Aufklärung und des Humanismus, die u.a. durch Internet-Zensur und Überwachungsstaat gefährdet sind.

Der Bundesvorstand erklärt daher im Namen der Piratenpartei:
“Wir erklären hiermit in Übereinstimmung mit der Satzung der Piratenpartei Deutschland, dass wir faschistische Bestrebungen jeder Art entschieden ablehnen.
Weiterhin erklären wir, dass wir den Holocaust als historische Tatsache ansehen und deren Relativierung oder Verharmlosung nicht dulden werden.
Wir haben keinen Zweifel daran, dass im Zuge dieses historisch einzigartigen Verbrechens des nationalsozialistischen Deutschlands circa 6 Millionen Menschen umgebracht worden sind, die meisten von ihnen Juden.
Wir haben demütigen Respekt und tiefes Mitgefühl für die Opfer dieses Verbrechens und ihre Angehörigen.
Wir werden auch in Zukunft keine Zweifel daran aufkommen lassen, dass dies eine gemeinsame Position der PIRATEN ist.”

Diesen Schritt halten wir für nötig, weil Bodo Thiesen seit Sonntag das Amt eines stellvertretenden Schiedsrichters innehat und auf einer Liste des Landesverbands Rheinland-Pfalz steht. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes und von uns Piraten außerordentlich wertgeschätztes Gut. Amtsträger der Partei sind aber in der besonderen Pflicht, die damit verbundene Verantwortung über ihre eigenen Interessen zu stellen und Schaden von der Partei abzuwenden.

Sehr schön. Man hat verstanden. Das finde ich super! Ernsthaft. Jetzt bleibt abzuwarten, wie sich Thiesen äussert (und das es nicht bloss Lippenbekentnisse werden) und wie es mit der Partei weitergeht. Aber ich freu mich, ehrlich, über diesen Schritt. Auch wenn sich manch einer härteres Durchgreifen und klarere Konsequenz gewünscht hätte, für mich geht das so klar.



Denn sie wissen nicht, was sie tun…

Hoffe ich zumindest. Sonst wäre das ja geradezu infam, was da gerade abläuft mit der Opelrettung. Nein, ich möchte auch nicht, das die Opelarbeiter ihre Jobs verlieren. Aber warum sollten die weiterhin Autos bauen, die keiner kauft? Den Rest entnehmen sie bitte unten stehender Anzeige, von der ich mir nur zu sehr wünschen würde, sie wäre echt.

fakeopel

Via Nerdcore



Wie schnell muss ein Text sein?

Ich habe den Meinungen um Winnenden eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Nun kann man das für reichlich spät halten. Aber ich war den ersten Tag einfach zu geschockt und dann habe ich Tag für Tag mehr Texte gelesen, manchen konnte ich uneingeschränkt zu stimmen, bei anderen musste ich mich an den Kopf fassen und fragen, was die Autoren denn da geritten hat. Aber am Ende ist es doch so, das jeder die Tat für seine eigene Sache ummünzt. So wie ich das jetzt gerade eigentlch auch tue, wenn auch über Bande gespielt. Aber dennoch: Ausser wenn man faktisch bleibt (und die Faktenlage ist weissgott hauchdünn), reitet man mit. Das gilt auch für Texte, die ich ausgesprochen richtig und gut finde. Wie zum Beispiel den von Herrn Grau. Vermutlich liegt es aber auch an der eigenen Wahrnehmung das man das noch mehr empfindet für die Texte, die einem sauer aufstossen. Wie zum Beispiel die feministischen Pamphlete aus der Schwarz-Weiss-Wunderwerkstatt. Ich begreife wirklich nicht, wie Menschen mit einem Hauch Anstand so etwas ernsthaft in die Welt setzen können und im Geifer des eigenen Schreibens plötzlich auch noch meinen ins faktische abzurutschen. Das ist mir ein Rätsel, das ist mir fremd, das ekelt mich an.

Nein. Ich muss wirklich nicht der 127. sein, der hier seine Sicht der Geschehnisse verbreitet. Der glaubt auch nir ansatzweise irgendetwas an den Geschehnissen begreifen zu können. Es würde mir nicht gelingen und ich will euch nicht langweilen.

Einzig dieses Video sei euch noch dringendstens empfohlen. Das NDR-Medien-Magazin ZAPP hat ein aufwühlendes Stück über den Pressebelagerungszustand in Winnenden gemacht. Am “schönsten” finde ich persönlich die Stelle, wo die Fotografen das Team auffordern, sie doch nicht mehr zu filmen. Der Fotograf wirft dem NDR-Team dann vor, das sie nur die übliche Hetz-Montage machen wollen würden, in der die Fotografen als gewissenlose Arschlöcher dargestellt werden, dabei würden sie doch nur ihren Job machen. Wohlgemerkt: Sie stehen dabei auf einem extra gemieteten Lastwagen, weil sie nicht auf dem Friedhof bei der Beisetzung des ersten Opfers fotografieren dürfen, und sie durch den LKW problemlos über die Friedhofsmauer hinweg ihre Bilder machen können. Hauptsache fettes Teleobjektiv. Da muss man dann doch voller Entsetzen feststellen: Das SIND gewissenlose Arschlöcher. Meine Meinung. Punkt.

(Video via Stefan Niggemeier)



Das Internet und die Lüge

Ja, klar, ich weiss: Reisserische Überschrift unter der man jetzt weiss ich was erwarten kann. Es geht aber um einen konkreten Fall. Dafür hole ich mal etwas aus:

Ich lese eigentlich täglich das PoliticallyIncorrect-Watchblog Politisch Korrekt von Dietmar Näher. Es ist unglaublich was der Mann sich täglich für eine Arbeit macht, um die rassistische, islamophobe Drecksschleuder als das zu entlarven, was sie ist, nämlich eine islamophobe und rassistische Drecksschleuder. Wobei entlarven vielleicht das flasche Wort ist, denn das machen die ja selbst schon den lieben langen Tag. Näher dokumentiert das hauptsächlich. Dabei recherchiert er recht sauber und führt die Typen ein ums andere Mal vor. Was diese scheinbar unbeeindruckt lässt. Aber wenn man ab und zu sieht, was sie ihm für Mails schreiben, dann merkt man schon das ihnen nicht immer ganz wohl in ihrer Haut ist.

Wie dem auch sei: Die PI-Macher lügen gerne und oft in ihren Beiträgen. Ich will ihnen gar nicht vorwerfen, das sie das immer bewusst machen, sicher ist das ab und zu auch mit Recherche-Unfähigkeit oder -Unlust zu erklären und ausserdem dem Zwang, “andere” Nachrichten als der Mainstream zu generieren. Da muss man sich das schonmal alles zurechtbiegen, um das eigene Klickvolk bei der Stange zu halten. Exemplarisch nehmen wir uns mal einen recht aktuellen Eintrag (Link zum Watchblog) vor:

Unter “Starbucks: Erklärung gegen Israel”, behauptet PI das der Kaffee-Gigant antiisraelisch sei und lieber arabische Kunden hätte, plus dem nahen Osten. Die ganze Geschichte ist so anstrengend konstruiert, das man nur den Kopf schütteln kann. Ich kann es kurz anreissen: Im Netz wird behauptet, Starbucks unterstütze Israel. Was übrigens im Netz im Moment von allen möglichen Firmen behauptet wird. Starbucks sagt: Nein, tun wir nicht, wir unterstützen niemanden, wir sind ein weltweites Unternehmen, das für alle da ist. Weil sie diese Meldung neben vielen anderen Sprachen auch in arabisch übersetzen, sieht PI einen eindeutigen Beweis für die Antiisraelität des Konzerns. Konstruiert? You Betcha! Amüsante Pointe: Der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Starbucks ist Sohn eines jüdischen Hilfsarbeiters.

Wirklich erstaunlich, wie so oft bei den selbsternannten Aufklärern, wird es dann in den Kommentaren (Man verzeihe mir, das ich hier nichts von dem menschenverachtenden Blog verlinke). Man werde dort nun nicht mehr seinen Kaffee kaufen, die werden schon sehen, was sie davon haben, sollen sie doch pleite gehen, blablabla. Einer, der sich honigbaer nennt, schreibt dann:

Der Laden steht kurz vor der Pleite. Will 9.600 “Mitarbeiter” entlassen. Gewinne sollen um 69 % gefallen sein.

Okay. Starbucks hat gerade ein echtes Problem. So weit, so richtig. Man muss Leute entlassen und Filialen schliessen. Das stimmt. Beide Zahlen aber, in dem wirklich kurzen Kommentar, sind so nirgends aufzufinden. Der Gewinneinbruch beträgt 70%, so ist es überall zu lesen. Es sollen ca. 12.000 Leute entlassen werden oder aber versetzt. Da verstehe ich jetzt schon zwei Sachen nicht: Woher kommt die “9.600″ in dem Kommentar und warum wurde Mitarbeiter in Gänsefüsschen gesetzt? Sind Starbucksmitarbeiter keine echten Mitarbeiter? Wird da nicht gearbeitet? Oder ist nur dieser eine Begriff in dem Kommentar ein Zitat und somit auch das einzig nicht erfundene? Und warum ist der Laden kurz vor der Pleite? Weil ein honigbaer das gerne so möchte? Ja, das sind sehr grosse Zahlen, um die es da gerade geht, aber wenn man so eine aggressive Expansionspolitik wie Starbucks betreibt, dann ist scheitern nicht nur imament, sondern auch komplett einkalkuliert. Klar, man hat Probleme durch die Konkurrenz, allen voran McCafé. Aber wir reden hier von 7% der weltweiten Mitarbeiter, deren Posten auf der Kippe steht. Sieben Prozent! Es sollen in USA 600 Filialen geschlossen werden..600 von 11000! Und dann noch on top: Nach diesen Nachrichten lag die Aktie auch noch leicht im Plus! Ja, sind die denn alle verrückt geworden?

Das ist aber nur die Faktenlage. Darum soll es gar nicht gehen. Mich fasziniert etwas anderes: Warum lügt jemand einfach so? Warum lügt der Zahlen in seinen Kommentar, was verspricht sich dieser Mensch davon? Aufmerksamkeit? Joa, sicher. Aber hätte er die nicht auch mit den echten Zahlen? Ich glaube da wird gelogen, weil das ein elementarer Bestandteil des politischen Weltbildes ist. Man hat es nicht leicht als islamophober Waschlappen und muss sich seine Argumente andauernd zusammenlügen, so das man es schon gar nicht mehr merkt und so ist es ein Reflex, wenn man irgendwo Zahlen liest, diese zu eigenen Zahlen zu machen und ein bischen umzulügen. Versteht ihr worauf ich hinaus will? Die wollen unbedingt EIGENE Meldungen, Nachrichten und lügen dann eben bekannte Meldungen um. Das haben die Kommentierer natürlich gelernt, von ihrer Basis, PI. Aber ist das nicht erstaunlich? Lügen, damit man was eigenes hat. Wie traurig ist das eigentlich?



Ovale Phase (file under: Vorbei)

Das Video ist ein alter Hut, habe ich vor ca. einem halben Jahr auf mehreren Blogs gesehen. Dann hab ichs vergessen, aber dank Lukas ist es mir jetzt wieder eingefallen und an diesem Tag passt es natürlich perfekt. Und es ist so wunderschön traurig. Und die Leute, die zum Beispiel “Bowling for Columbine” oder “Borat” irrsinnig lustig fanden, bietet der Clip auch Spass (Ich hingegen muss ja sagen das mich beide Filme sehr berührt haben und mich das verunsicherte Lachen der Leute im Kino eher genervt hat). Mir tut der Bush in dem Clip ein bischen Leid, jetzt hat er nix mehr zu tun. Das liegt aber sicher auch an der wunderschön traurigen Musik von der Band mit dem irrsinnig bescheuerten Namen “Margot and the Nuclear So & Sos”. Ich muss bei dem Bandnamen immer an “Hedwig and the angry Inch” denken, was wirklich so ziemlich das schlechteste Musical war, das ich jemals in einem Kino gesehen hab und dabei liebe ich Musicals. Aber ich schweife ab. Hier der Clip zum Tag des Wechsels:


MetacaféDirektLetzteFahrt

Der erste Kommentator beglückwünscht mich bitte übrigens zu der absolut super gelungenen Überschrift. Und die Nachfolger müssen sich auch nicht zurückhalten.