-->

Warum ich mir eine (vermutlich) einmalige Gelegenheit entgehen lasse.

Fernsehen ist ein seltsames Geschäft. Hier geht es vor allem um Aufmerksamkeit. Wenn man nicht läuft, findet man nicht statt. Und es ist natürlich immer noch das Topmedium Nummer 1. Ich hab das zum Beispiel merken dürfen, als ich dieses Facebook-Gruppen Buch bei Langenscheidt geschrieben habe und damit beim Sat1 Frühstücksfernsehen war. Eine Sendung, die ich immer sehr als Nebenbei-TV wahrgenommen habe. Was nicht mal böse gemeint ist, aber der Name Frühstücksfernsehen impliziert das ja schon.

Da habe ich dann in aller Herrgottsfrühe in zwei sehr kurzen Interviews von dem Buch erzählt. Und dann? Dann bekam ich den Anruf, das man den Verkäufen auf Amazon gerade zugucken könne, wie sie nach oben steigen. Wegen dem einen verpennten Auftritt! Das fand ich krass und hat mir wieder mal gezeigt, das Fernsehen einfach das Leitmedium ist. Und es macht mir dazu auch noch wahnsinnig viel Spaß, Fernsehen zu machen.

Nun sollte man also, gerade in meinem Job, darauf achten dort immer stattzufinden. Zumindest so oft wie möglich oder so breit aufgestellt wie möglich. Und damit kommen wir auch schon zu dem Konflikt, mit dem ich mich seit Tagen rumplage: Ich habe eine sehr interessante Anfrage bekommen, die ich noch vor ein paar Jahren ohne mit der Wimper zu zucken sofort zugesagt hätte. Und zwar zu “Günther Jauch“. Das ist quotenstark, das ist ein toller Sendeplatz, das ist eine Sendung, über die man auch am nächsten Tag noch spricht. Grundsätzlich ist es also super, dort mit auf der Bühne zu sitzen, vor allem wenn die Währung “Aufmerksamkeit” so wichtig ist. Ausserdem mag ich Jauch und fänd es cool, den mal zu treffen. Ich hab mich aber trotzdem (nach zwei Tagen schwierigem hin und her überlegen und abwägen) zähneknirschend dagegen entschieden. Warum?

Das Thema wird “Digitale Demenz” sein und natürlich wird Manfred Spitzer, Autor des gleichnamigen Buchs, auch Gast sein. An seinem Buch, an seinen Thesen wird es sich abzuarbeiten gelten. Nun ist darin wohl vieles sehr scharf formuliert, zumindest entnehme ich das den Antworten, die der Hirnforscher in letzter Zeit in diversen Talkshows gibt. Und natürlich hat der da in ein Wespennest gestochen, vor allem weil sich der Titel seines Werks ja auch noch auf unsere Kinder bezieht. Da steht unter dem griffigen Titel als Unterzeile: “Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen”. Ja, die armen Kinder! Wir verblöden sie gleich mit!

Ich habe das Buch nicht gelesen, ich werde es auch nicht lesen, aber alles, wirklich ausnahmslos alles, was ich davon mitbekomme, ist meiner Meinung nach technologiefeindlicher Blödsinn, der wissenschaftlich diffuse Ängste bedienen will, die Eltern haben, die sich mit neuen Medien (ich fühl mich langsam ehrlich gesagt lächerlich, Netz und co noch “neu” zu nennen, aber meh) nicht auskennen und noch nicht beschäftigt haben. Spitzer pauschalisiert alles, schert alle über einen Kamm und erzählt seit gefühlten 27 Talkshows die Anekdote, wie sein Sohn sein iPhone in den Müll geworfen hat, weil er keine Lust mehr drauf hatte (und weil es wohl kaputt war…). Nun, alles gutes Futter für eine Diskussion. Ein Thema, für das ich brenne und Thesen, die ich gerne in der Luft zerreissen würde. Ich geh aber trotzdem nicht hin.

In dieser Runde, in dieser Konstellation kann ich nur verlieren. Natürlich kenn ich mich aus, weil es um meine ganz persönliche Lebensrealität geht. Ich hab aber keine Studien auswendig zur Hand und ich werd einen Teufel tun, mich mit einer Zettelwirtschaft bewaffnet in ein Fernsehstudio zu setzen, nur um einem ignoranten Mann genug Gegenthesen zu liefern, die er dann spontan sowieso nicht akzeptieren würde. Ich hab mir den jetzt in zwei Sendungen (N3 Talkshow, ZDF LogIn) genau angesehen und komme zu dem Fazit: Spitzer geht es zu keinem Zeitpunkt um eine Diskussion, genausowenig wie es ihm um eine Lösung geht. Spitzer geht es wahrscheinlich nicht mal so sehr um unsere Kinder. Spitzer geht es nur um eins: Sein Buch zu verkaufen.

Das er mit dieser Strategie gut fährt, beweisen ihm die Spiegel Bestseller Listen, die er seit dieser Woche anführt. Da will man nicht so schnell runter und das bisschen Restsommerloch kann man ja noch nutzen, dort auch an erster Stelle zu bleiben. Und so poltert er wohl weiter lautstark durch diverse Shows und brüllt wie zuvor jeden nieder, der anderer Meinung ist als er. Wirft Menschen ausgedachte Lobbytätigkeiten vor und beschimpft sie als ahnungslos. Behauptet Medienkompetenz wäre egal (!!!) und es ginge nur um Wissen und kapiert zu keinem Zeitpunkt, wo die eigentlichen Probleme liegen. Darum geht es ja auch nicht. Die Studien, die er alle ausgesucht hat, sind alle gut und seriös, alle Studien die etwas anderes behaupten sind schlecht und unseriös. Es muss eine schöne Welt sein in Spitzers Kopf. (All das basiert auf seinem Auftritt bei ZDF login, oben verlinkt)

Nun, dem Mann ist an keiner Diskussion gelegen, klar, sonst müsste er ja sein eigenes Buch anzweifeln, das er gerade verkaufen möchte. Er ist so eine Art Hirn-Sarrazin: Ich habe recht, sie sind alle blöd. Und mit dem soll ich mich in eine Sendung setzen? Von dem soll ich mich anschreien lassen, als blöd verkaufen lassen? Von dem soll ich mir Studien zitieren lassen und mich als ahnungslos oder vielleicht auch als Lobbyist hinstellen lassen? Ich soll dem, als vermeitliches “Opfer”, indirekt helfen auch nur ein weiteres seiner offensichtlich panikschürenden Bücher zu verkaufen? Ich soll der kleine, junge, unwissenschaftliche Trottelnerd sein, der ja nicht weiß, was er sagt?

Ich hab mich wirklich gefreut und war ein bisschen stolz, bei Jauch eingeladen zu werden. Wirklich. Das ist mir eine sehr große Ehre. Aber nicht für diesen Preis. Ich diskutiere nicht mit einem Verweigerer eines Mindestmass an sozialem Miteinander. Ich diskutiere nicht mit so einem Verkäufer. Und erst recht nicht mit solch einem Fundamentalisten. Ich diskutiere nicht mit einem Wissenschaftler, der nicht diskutieren will oder kann. Sorry Günther! Aber danke! Und viel Glück!



Schlechte Menschen

Ich kotze. Ich kotze im Quadrat. MIch kotzt es total an, das man denen das einfach so durch lässt. Kein einziger Politiker hat Konsequenzen seines Handelns zu befürchten. Nur so Konsequenzchen. Ja, gut, wenn man Scheisse gebaut hat und erwischt wurde, dann gibt man halt großgestig irgendwelche Scheissposten ab, aber sagt dann noch schnell nuschelnd hinterher, das man den Moneyjob behält. So wie Koch-Mehrin, die den ganzen Vorsitzquatsch, der eh nur zeitraubender Prestigestuss war, mit lautem Tralala abgegeben hat, aber immernoch da im Parlament sitzt, um uns zu vertreten. Eine überführte Betrügerin! Vertritt uns in Europa. Vielen Dank. Weil sie sagt: Nein, ich bleibe hier. Und keiner geht zu ihr hin und sagt: Du Silvana, schwing doch mal deinen Arsch hoch und sieh zu das du hier weg kommst, um mal wenigstens jetzt, wenn es auch eigentlich zu spät ist, noch ansatzweise so was wie Anstand zu zeigen.

Und solche Fälle gibt es ja zu Hauf. Man nennt das ja dann immer so niedlich “am Pöstchen kleben”, als wenn es um so kleine Kinder gehen würde, die nicht in den Kindergarten wollen (oder später nicht mehr aus dem Kindergarten nach Hause). Das ist ein totales Problem. Denn das ist nicht niedlich. Das ist unverschämt. Und moralisch nicht fragwürdig, sondern komplett verwerflich. Mir ist dabei die Parteizugehörigkeit auch herzlich Wurst. Wenn jemand dessen überführt wurde, den moralischen Standards die er und/oder seine Partei hoch hält nicht zu genügen, dann hat dieser jemand zu gehen. Ganz einfach. Und vor allem: Keine Diskussion.

Womit wir ja wieder beim aktuellen Fall wären: Diese öffentliche Heul-Show von von Boetticher möchte ich nicht weiter kommentieren, die war schon schlimm genug. Aber zu sagen: “Ich trete als Landesvorsitzender zurück!”, damit in den Zeitungen steht “Er ist zurück getreten”, dann aber noch schnell klar zu machen, das man den Fraktionsvorsitz aber behalten (wollen) würde, das ist schon von einer besonderen Dreistigkeit, wie sie nur Politiker haben. Verdammte Scheisse, tritt zurück, wenn du Kacke gebaut hast! Und nicht so ein halber Showrücktritt! Oder welches Signal willst du uns vermitteln? War doch nicht so schlimm? Ist ja nicht verboten, also okay? Really? Was für eine arme Wurst.

Ich sag das gerne nochmal in aller Deutlichkeit: Ihr Politiker, die ihr Verantwortung übernehmen wollt, aber dann doch einzelne Posten behaltet, um euer Geld weiterhin in der Politik zu verdienen, ihr seid schlechte Menschen. Richtig schlechte Menschen. Nicht nur schlechte Vorbilder, schlechte Politiker oder schlechte Lügner. Ihr seid schlechte Menschen. Rundum. Und das verachte ich zutiefst, weil ihr das ganz bewusst seid, obwohl ihr es eben so bewusst nicht sein könntet.

Das Traurige ist nur, das diese Nachricht niemals bei ihnen ankommen wird. Aber ich musste das mal los werden.



Aufmerksamkeitszwangsdefizitsyndrom

Es brennt an allen Ecken und Enden dieser Welt, dieser Tage. Und das macht mich wahnsinnig. Denn natürlich kann ich nicht allen Geschehnissen gleichzeitig die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihnen gebührt. Ich kann ja nichtmal Japan die gleich verteilte Aufmerksamkeit zu den dortigen Geschehnissen zukommen lassen. Bin ich entsetzt über die dortige Atomkraftwerkslage, vernachlässige ich die Tatsache, das da gerade alleine durch ein Erdbeben Tausende umgebracht, verletzt oder “nur” Obdachlos wurden. Aber wenn ich darüber nachdenke, vernachlässige ich schon wieder all die Opfer des Tsunamis. Während ich aber über all das nachdenke und lese, schleicht sich von hinten der Gedanke ein: Und während du jetzt so schön abgelenkt bist, hat Gaddafi gemütlich Zeit die Opposition und seine Gegner in einem unglaublich harten und schrecklichen Massaker abzuschlachten. Nur um dann, wenn die Weltöffentlichkeit wieder zu ihm blickt, grinsend auf einem Leichenberg zu stehen und zu fragen: “War was?”. Ach ja: Gestern wurde übrigens auf Demonstranten in Bahrein geschossen. Habt ihr von dem Horror-Crash in Hamburg-Eppendorf gehört? Dabei ist auch, als Passant (!), Günther Amendt ums Leben gekommen. Ein Mann der in den 70ern ein absolut fantastisches Aufklärungsbuch für Jugendliche geschrieben hat, die “Sex-Front”, aus dem ich schon desöfteren Lesungen gehalten habe, wofür er mich einst am Kölner Flughafen ansprach und lachend beglückwünschte. R.I.P. Günther.

Ich finde die Nachrichtenlage gerade ultraanstrengend. Ich fühl mich wie diese Tellerdreher im Zirkus. Wenn man den einen wieder einigermassen beruhigt hat, eiert der auf der anderen Seite schon wieder so sehr, das man schnell hinrennen muss, um den zu beruhigen. Und da eiert schon wieder der nächste.

Gibt es nicht irgendeinen Weg, all diese Dinge gleich wichtig zu behandeln? Gibt es da nicht irgendeinen Trick? Kann man da nicht irgendetwas tun?



Auch Deutsche unter den Opfern

Ich bin gerade auf Twitter in eine Diskussion gestolpert, bei der es um oben genannte Nachrichtenphrase geht. Schon so lange ich ein mehr oder weniger politisches Bewusstsein habe, regt mich diese Formulierung auf. Weil sie impliziert, das deutsche Opfer für die deutschen Zuschauer irgendwie besonders hervorgehoben werden müssten. Natürlich wird hinterher behauptet, das das ja in erster Linie für eventuelle Angehörige oder Freunde gesagt wird, damit die alarmiert sind und sich gegebenenfalls informieren oder melden können.

Come on.

Ich kann das an der Katastrophe in Japan im Moment, mal eben ganz kurz ganz gut illustrieren: Als ich die Nachrichten gehört habe über das Erdbeben, den Tsunami und die ganze Katastrophe, da habe ich als erstes versucht Kontakt zu einem Freund von mir aufzunehmen, der gerade in Japan im Urlaub ist. Das habe ich getan, weil die Katastrophe in Japan stattfindet. Muss ich jetzt dafür warten, bis die Medien erste Opferzahlen und Auswertungen haben, die mir sagen ob und wenn ja, wieviele Deutsche da umgekommen sind? Nein, natürlich nicht! Ich will sofort wissen, ob es meinem Freund gut geht. Weil das in meinem Kopf die erste Verbindung und die erste Sorge ist (es geht ihm übrigens gut, er ist snowboarden, da in dem Gebiet kriegen die Leute wohl nicht so viel ab…). Was ist das für ein zynischer Gedanke, das ich das sehen würde, aber erst wenn die Nachrichten sagen “Auch Deutsche unter den Opfern” darauf käme: Oh Schreck! Mein Kumpel ist ja Deutscher! Dann könnte er einer von denen sein!

Sorry. Was für eine blasse Ausrede.

Eine Nachricht wird natürlich für den Zuschauer emotionaler, wenn auch Einheimische beteiligt sind. Ist doch klar. Das ist doch wirklich Sandkasten-Psychologie. Jede Nachricht will verkauft werden. Dabei flutscht sie viel besser, wenn auch Deutsche mit dabei sind. So zynisch das sein mag, Nachrichten sind in erster Linie ein Geschäft und DANN erst ein Service. Das finde ich nicht gut, aber deswegen muss ich davor nicht die Augen verschliessen. Ich nenne das nicht “Rassismus”, darum geht es dabei vordergründig gar nicht. Ich nenne das “verkaufen”. Thats what it is. Und dagegen ist nunmal kein Kraut gewachsen. Aber Scheiße ist es dennoch. Und ich gratuliere jeder Nachrichtensendung, die bewusst auf diese überflüssige Floskel verzichtet.



Jetzt ist dann aber auch bald mal gut mit Wikileaks…

…nur diesen Song noch, dann hab ichs endlich ausm Kopf! :)

Assagnes Alptraum by nilzenburger



Cablegategate

Ich bin ja jemand, der, was Journalismus betrifft, entgegen besseren Wissens erstmal sehr naiv ist. Wenn ein Journalist im “richtigen” Umfeld veröffentlicht, dann unterstelle ich dem eine gewisse Grundrecherchefähigkeit und kann dann dem Artikel, sollte es nicht zu abstrus werden, folgen. Nehmen wir zum Beispiel einmal an, ein Journalist würde für die Zeit ein Blog schreiben, dann ginge ich erstmal davon aus, trotz der Form “Blogeintrag”, das er das, was er schreibt auch wenigstens minimalst überprüft hat. Vor allem wenn er schreibt, was er gelesen hat und einen Link setzt zu dem, was er gelesen hat. Somit hat die “Zeit”, das gebe ich zu, bei mir einen größeren Vertrauensvorschuss als beispielsweise die “Coupé”.

Nun habe ich auf dem Blog “Kulturkampf” der Zeit eben den Artikel “Cablegate: “Spiegel” löst Hexenjagd aus” (mittlerweile Offline) gelesen. Und mir erstmal nicht soo viel dabei gedacht, weil der ehrlich gesagt auch nicht so spektakulär war. Es ging darum, das der Spiegel wohl seine Cablegate-Berichterstattung mit einer gewissen fantasievollen Note gewürzt hat, obwohl die nicht aus den Kabeln ersichtlich war. Konkret ging es um den, laut Artikle, angeblich “jungen” FDP-Mann, der die Botschafter informiert haben soll und es wurde gezeigt, das der Spiegel sich das mit dem “jung” auf irgendeine bizarre Art und Weise zu Recht geglaubt haben muss. Siehe Screenshot hier:

jung

So weit, so unspektakulär. Man könnte meinen da hat jemand was gegen den Spiegel und sucht jetzt das Spielverderbernädelchen im Heuhaufen. Dann hab ich aber die Kommentare unter dem Artikel gelesen und wurde kurz stutzig (Screenshot):

jungcomment

Hä? Nicht wirklich, oder? Also habe ich den Link im Text geklickt, der zu dem Original-Kabel-Text führt und siehe da: Der Kommentator hat Recht! Das steht da wirklich EIN SATZ VORHER:

kabelshotzeigen

Hahahahahahahahahahahahahahahaha. Oder ne, moment, warte, ah doch: Hahahahahahahahahahahahaha!
Ich meine: Wie beknackt ist das denn bitte schön? Wie schafft man es denn DAS zu überlesen? Ich will ja gar nix böses unterstellen, weil wenn die Autorin des Artikels was Böses gewollt hätte, dann hätte sie sich ja wohl etwas geschickter angestellt. Und hey: Ich bin kein Journalist. Die Artikel in DIESEM Blog hier bestehen komplett fast nur aus eigener Hirn-Recherche, und das ist KEINE zuverlässige Quelle. Aber das erwartet von mir wohl auch niemand. An eine professionelle Journalistin in einem professionellen Umfeld kann ich da sicher andere Massstäbe anlegen. Seis drum: Fehler passieren, ist kein Problem. Ich fands nur einfach so unglaublich lustig, wie sehr man daneben hauen kann. Und btw: Man hätte sich keinen Ast abgebrochen, da ein transparentes Update a la “Sorry, scheisse gebaut, stimmt gar nicht was hier steht….” hinzusetzen, anstatt den Artikel gleich komplett zu löschen. So wirkt es ein ganz klitzekleines Bisschen ertappt. Aber ich möchte ja nicht spekulieren. Nur mein kleiner Tipp: Nächstes mal GANZEN Absatz lesen…gnihihihihi.

P.S.: Ja, ich finde diese dramatische Überschrift tatsächlich lustig…:)



Wähl deine Mudder (Update!)

Bäh. Politik ist gerade wirklich ein absolutes Brechmittel. Auf allem Ebenen:
Da wird gemütlich dem JMStV (wenn du nicht weißt, was das ist - lies bitte hier, aber stell dir einen Eimer bereit) zugestimmt, weil es ja eh nur um so ein bisschen Internet geht und man die Kinder schützen und retten will, bevor man sich da womöglich einen Haufen mündiger Bürger entwicklen sehen muss, die sich sogar die Fähigkeit aneigenen, sich eine eigene Meinung zu bilden und so ihre Wahl entscheiden! Nein, da muss man einen schnellen Riegel vorschieben: Und deswegen haben wir ab Januar ein unmögliches Internet, in dem man nur noch mit Altersbeschränkung veröffentlichen darf. Und wenn man die nicht möchte und unsicher ist, dann publiziert man gleich “ab 18″, womit klar ist welche Seiten für alle unter 18 übrig bleiben: Jugendseiten der Bundesregierung (”Hey! Crazy Kids! Wir sind so superduperfreaky wie ihr!”) und natürlich die Seiten von Coca Cola, McDonalds und co. Für die Insudtrie ein Segen: Endlich wird die Zielgruppe nicht mehr durch störenden Content von der Werbung abgelenkt.

Politik in Deutschland hat vom Internet wirklich überhaupt nichts kapiert. Gar nichts. Und das hat einen einfachen Grund: Es interessiert sie auch nicht. Die haben da Angst vor, das ist diffus und diese Wikileaks, die sind doch auch im Internet! Da sieht man mal wieder: Von da kommt nichts Gutes. So oder so ähnlich muss es wohl in den greisen und frühvergreisten Hirnen der Menschen ablaufen, die unser Land…ähem…lenken.

Nun kann man mit Fug und Recht behaupten: Politik, das ist ja nicht nur das Internet, da gibt es ja auch noch ein paar andere, nicht unwesentliche Themengebiete. Das ist absolut Richtig. Nehmen wir mal den Themenkomplex “innere Sicherheit”. Oder, ne, nehmen wir den lieber nicht. Ich fühle mich durch die Präsenz von MGs auf Weihnachtsmärkten und Bahnhöfen nämlich kein bisschen sicherer, im Gegenteil. Ich habe das Gefühl ein Stück Freiheit ungefragt aufgegeben haben zu müssen. Ach, ich wollt ja nichts drüber sagen.

So kann man sich munter weiter durch die aktuelle Politik schlagen und damit meine ich durchaus nicht nur die Regierung, sondern auch die Opposition: Die SPD kriegt irgendwie gar nichts mehr gebacken. Die haben kein Personal mehr, das sie nach vorne schicken können und die finden vor allem keine Themen mehr. Gerade versuchen sie durch Barcamps und ähnlichem Netzgebimmel wieder moderner rüberzukommen, aber da ist das Netz schon einmal drauf reingefallen und im Zweifelsfall wird halt immer “auf Nummer sicher” entschieden, als nach logischen oder gar auf gesundem Menschenverstand basierenden Gesichtspunkten. Warum sich mit Themen beschäftigen, wenn man die einfach so wegentscheiden kann? Eben.

“Meine” bisherige politische Heimat, die Grünen, haben mir in den letzten paar Tagen so dermassen zugesetzt (und ich hab schon viel Scheisse gefressen) das ich nicht mehr ernsthaft eine Wahl von denen in Erwägung ziehen kann. Da können die noch so sehr auf Trennung von Partei und Fraktion und Bla und Blub rufen: Das ist alles eine Partei. Die Landesverbände müssen ebenso der Bundespartei zuarbeiten, wie umgekehrt. Man sollte an einem Strang ziehen. Meine Güte, warum schreibe ich hier eigentlich Selbstverständlichkeiten hin? Vermutlich weil ich das Gefühl habe, das sie mal jemand den Grünen sagen muss. Ich kann es nicht verstehen, wie eine Partei, die zum größten Teil sehr wichtige Themen besetzt und dabei fast nur meiner Meinung nach richtige Positionen einnimmt, wie so eine Partei einfach IMMER wenn es auf sie ankommt falsch entscheiden kann. Falsch in einem absolut moralischen Sinne. Denn machtpolitisch entscheiden sie immer richtig, auch wenn es selten aufgeht. Aber da einen Kausalzusammenhang herzustellen, das ist anscheinend zu viel verlangt, von den Arschlöchern, die ihre Ideale über Bord werfen um an ihrem scheiss Stuhl kleben zu bleiben. Sorry. Musste mal raus. Ich weiss, Beschimpfungen sind sehr unsachlich, aber mir fällt langsam keine Sprache mehr ein, die die noch verstehen sollen. (Erklärung: Sowohl die Hamburger GAL hat kurz vor ihrer Verabschiedung noch schnell dem JMStV zugestimmt, wie auch die NRW-Grünen, laut eigener Aussage aus Fraktionszwang…und alle haben entgegen der Bundespartei gehandelt, die immerwieder betont, wie sehr sie gegen den Staatsvertrag sei - anscheinend sogar für die eigene Basis wenig überzeugend…)

Durchatmen.

Nun gibt es verschiedene Ansätze damit umzugehen. Thomas Knüwer empfiehlt in seinem Rant einen Wahlboykott und ich hab ja auch schonmal irgendwo an anderer Stelle (die ich jetzt natürlich nicht finde) gesagt, das ich es niemandem verdenken kann, nicht zur Wahl zu gehen, so “volksfremd” wie Politik mittlerweile ist (und auch sein will!). Knüwer spekuliert wohl auf eine rekordartige Niedrigbeteiligung und das die Herren und Damen Politiker dann mal merken, das sie keiner will. Das wird meiner Meinung nach nicht gehen. Ich denke das kein einziger dieser Machtmenschen jemals auf die Wahlbeteiligung geguckt hat. Nur auf das Ergebnis. Und wenn nur 50 Leute wählen würden, davon aber 25 CDU, dann würde Merkel von einem sensationellen Vertrauensbeweis von “50% der Wähler” sprechen (womit sie ja im Prinzip auch nicht unrecht hätte). Das wird nicht funktionieren. Allerdings müssen Lösungen her. Da gibt es eine einfache und eine Anstrengende.

Die Einfache:
Zur Wahl gehen, aber “Micky Maus” oder eben “Deine Mudder” (um mal die Überschrift zu erklären) oder noch besser “Nilzenburger” auf den Wahlzettel schreiben. Dann sind die zwar ungültig, werden aber gezählt! Das ist wichtig für die Sitzeverteilung. Weil wenn 50% ungültig sind, dann ist DAS eine politische Kraft bzw. ein Statement, das “die da oben” auch verstehen. Plus dem Vorteil, das die weniger Kohle kriegen, weil die Ungültigen von dem Veteilungsschlüssel irgendiwe abgezogen werden. Also: Ich weiß, man kann niemand wirklich wählen gerade, deswegen ungültig wählen!

Anscheinend bin ich da einer alten Legende aufgesessen. Für mich schien das immer logisch, das ungültige Stimmen (im Gegensatz zu nicht abgegebenen Stimmen) nicht gezählt würden. Offensichtlich war das aber nur für mich logisch, nicht für die Autoren des Wahlrechts. Es gab anscheinend einen Präzendezfall in den 50ern im Saarland, wo ein grosser Teil ungültig gewählt hat und deswegen als Statement wahrgenommen wurde, aber das hatte mit dem Verbot einer Partei einen sehr konkreten Grund und es war in den 50ern und, come on, es war im Saarland…;)
Das bedeutet aber im Umkehrschluss, das es keinen einfachen Weg gibt. Man muss eine Partei wählen (was man auch als Art Erpressung des Wahlrechts empfinden könnte resp. als undemokratisches Element der Demokratie) um die eigene Stimme nicht wegzuwerfen. Der Witz ist aber natürlich, das man eine Partei wählen muss, die keine Chance hat. Also die Stimme doch wegwerfen, denn ich stimme irgendeiner sinnlosen Partei zu, als das ich anerkennen lassen kann, das ich Parteipolitik (zumindest im Moment) absolut falsch finde. Die nächste Wahl könnte also ein Fest für die Regenbogenpartei werden. Und sorry liebe Piraten, bei aller Sympathie: Ich kann einfach nicht empfehlen euch zu wählen. Ich halte euch noch für sehr weit davon entfernt, wirklich Verantwortung übernehmen zu können. Desweiteren spricht meiner Meinung nach nichts dagegen, das BGE auch BGE zu nennen.

Vielleicht, und das mag verwunderlich wirken, gibt es ja eines Tages sogar wieder die Möglichkeit SPD zu wählen. Mathias Richel hat auf jeden Fall die richtigen Fragen und Aufforderungen in einem bemerkenswerten Artikel Richtung Willy-Brandt-Haus geschickt. Nicht das ich ernsthaft dächte, das sie da ankommen werden, aber: Apotheke, Pferde, kotzen. Ihr wisst schon.

Die Anstrengende:
Warum sollte man die machen? Nun, sie ist etwas nachhaltiger als die Einfache. Das Hauptproblem von Politik ist doch das man von Ahnungslosen regiert wird. Warum wird man von denen regiert? Weil Parteipolitik nicht aus dem Austausch von Kompetenzen, sondern auf dem Austausch von Nettigkeiten basiert. In jeder Partei muss man sich hochdienen, wieviel Zeit soll da noch bleiben sich mit Themen ernsthaft zu beschäftigen? Wenn man wirklich an die Macht will? So ziemlich gar keine. Wer immer Hände schütteln, Babys küssen, sich bei Parteikollegen einschleimen und Wähler pampern muss, der lässt sich doch nur noch Infohäppchen aufbereiten, als sich selbstständig und tiefgehend über irgendwas zu informieren. Was dagegen tun? Die Langweilier von ihren Plätzen drängen! Sind nicht mal vor ein paar Jahren Studenten zu Massen in die FDP eingetreten? Was das für ein Movement sein könnte! Eine Partei von innen aufräumen! Massenbeitritte! Ja, eine Utopie, eine Vision. Aber wäre das nicht schön wenn plötzlich eine riesen Gruppe an denkenden Menschen in eine Partei einträte und somit das Gehirn und Aufrichtigkeit dort wieder nach vorne bringen würde?

Wie man sich auch entscheidet: Lets bring some Realness back!

P.S.: Die Nicht-Erwähnung von der Linken oder den Piraten oder der Regenbogen Partei bedeutet keine Wahlempfehlung. Aber so ein Artikel muss irgedwann auch mal zu Ende sein.



Wikileaks enthüllt: So denkt Nilz Bokelberg über Deutschland

Es ist einer der größten Coups der jüngeren Mediengeschichte: Geheime Quallen haben uns, vom Weltfrieden-Investigativ-Team, Papiere zugespielt, auf denen Nilz “Nilzenburger” Bokelberg seine Gedanken zur Regierung aufgeschrieben hat. Bislang wusste man ein wenig über diese Gedanken, anhand seiner Aussagen und man konnte sich so einiges denken. Aber wie er wirklich über Merkel und Co denkt, das war nie in Gänze bekannt. Diese Papiere nun beschreiben in detaillierter Form, wie er die Regierungskoalition sieht. Amüsant bis schockierend (für diejenigen, die so etwas schockiert), haben wir die wichtigsten Erkenntnisse aus den geheimen Papieren einmal für sie zusammengetragen und in mühsamer Recherche gelesen, analysiert und auf ihren Informationsgehalt hin gefiltert (das Originalmaterial betrug bis zu 3 vollgeschriebene DIN A4-Seiten):

- Angela Merkel
Kommt bei ihm nicht gut weg. Er findet ihren Regierungsstil zu passiv, hat den Eindruck das sie ihre eigene Koalition nicht wirklich im Griff hat. Desweiteren hat er Angela Merkel nicht gewählt! Ein Auszug belegt diese Vermutung. Dort steht: “Ich habe Angela Merkel nicht gewählt.” Im Bundeskanzleramt hüllt man sich zu dieser Information in Schweigen. Aber interne Quallen meinen, bei Frau Dr. Merkel Bestürzung ausgemacht zu haben. Es kann nicht ausgeschlossen werden, das Bokelbergs Ablehnung der Grund für ihren Gemütszustand ist.

grafik1

- Guido Westerwelle
Wird von Bokelberg abgelehnt. Zitat: “Not my Aussenminister!”. Er hält Westerwelle für überfordert im Amt, kann seinen Stil Politik zu machen nicht nur nicht nachvollziehen, sondern hält ihn auch noch für sonderbar und ulkig. Schämt sich aber gleichzeitig ein wenig, ausgerechnet von jemandem mit solch einer bizarren Gewichtung zwischen Selbstdarstellung (100%) und “Aussenpolitik machen” (0%) im Ausland vertreten zu werden.

- Karl Theodor von und zu Guttenberg
Wird für sehr frisiert gehalten. So wie seine Frau übrigens auch. Nur weniger kompetent.

- Dirk Niebel
Bitte wer?

grafik2

- Deutschland
Irrsinnig gutes Land zum drin leben. Muss man, seiner Meinung nach, auch mal so sagen. Auch wenn ihm das “drin leben” immerwieder von Spacken vergällt wird, die Ausländer hassen, oder mehr Sicherheit blind fordern, oder die sämtliche hier lebende Türken unter Generalverdacht stellen, oder die anderen ihren Willen/ihre Meinung aufzwingen wollen, oder die einfach immer und den ganzen Tag unfreundlich sind, oder die nicht nach links und rechts gucken, oder oder oder. Dafür gibt es hier aber auch tolle Sachen, eine ziemliche Freiheit, auch gute Politiker, bemerkenswerte Diskussionen, tolle Autoren, schöne Musik und tolle Freunde. Und jeden Tag neue Menschen zu entdecken und kennenzulernen. Das gibt es zwar woanders auch, aber hier ist es eben nochmal speziell. Ausserdem ist hier der Sitz seines Wrestling-Teams (”GTT 4LIFE!!!”) und den Kölner Karneval gibt es so auch nur in Köln. Wenn man mit der Bahn quer durchs Land fährt, sieht man sehr viele unterschiedliche Regionen. Und die haben alle was für sich. Nein, nur schlecht kann er es hier nun wirklich nicht finden. Wenn es auch, seiner Meinung nach, im Moment immer schlechter wird. So Grundstimmungsmässig. Aber dann kommen ja immer so Hoffnungsschimmer wie die S21-Proteste zum Beispiel, die er bemerkenswert findet und fand.

Es sind wirklich spektakuläre Enthüllungen, mit denen so wohl niemand gerechnet hätte. Hoffen wir das die Beziehung zwischen Bokelberg und der Politik nicht allzu sehr darunter leiden und danken wir das es solch Plattformen wie Wikileaks gibt, die uns nicht vor solch unbequemen Wahrheiten verschonen. Dank geht auch an dern Weltfrieden, für die schonungslose Offenlegung dieser Tagebucheinträge. Unglaublich.

(Und um ganz zum Schluss nochmal aus dem Ironie-Modus rauszukommen: Selten war das geflügelte Wort “Stating the obvious” so passend, wie zum aktuell um den Weihnachtsbaum gestrickten Skandal des Spiegels. Ich mein: Gehts noch? Ich empfinde die ganze Geschichte ungefähr genau so, wie diesen Titel hier….)



Demokratie ist, das alle auch mal MIR zuhören müssen - Piratenparteitag Bingen

saal

Fangen wir mal von Vorne an: Eine Wahl der Piraten käme für mich erstmal nicht in Frage. Das hat ganz einfache Gründe, denn ich finde ein freies Netz auch wichtig, aber viele Dinge dann eben doch wichtiger. Ich könnte zum Beispiel wieder mit AOL leben, wenn ich wüsste das dafür alle AKWs vom Netz gehen. Mal zugespitzt formuliert. Natürlich möchte ich das nicht. Natürlich möchte ich ein freies Netz für alle UND die Abschaltung der Atomkraftwerke, aber vor die Wahl gestellt, fänd ich die Stromdinger doch wichtiger.

Das soll aber nicht heissen, das ich nicht mit den Piraten sympathisieren würde, im Gegenteil: Das ist schon eine ganz lustige Truppe und ich mag deren Ehrgeiz und Elan und Motivation endlich mal Politik zu machen. Find ich grossartig. Auch, wenn ich mich dann zwischendurch immermal wieder für die schämen muss (ja, ihr seht richtig: Der sitzt da beim Gespräch mit ner Fahne als Umhang…), aber meh: So sans halt, de junge Leit! :) Ist ja alles noch im Rahmen.

Faszinierend war es im PiratenWiki mitzulesen, als eine Berliner Piratin, Lena, vorgeschlagen hatte, einen eigenen, virtuellen “Raum” nur für weibliche Piratenmitglieder zu gründen, in dem man sich austauschen kann und der eben den Frauen vorbehalten ist. Nun ist ja genug Platz da, im Internet und auch sonst macht das ja auf den ersten Blick hin Sinn, denkt man sich. Warum nicht? Schadet niemandem und bestimmt haben Frauen Themen, die sie lieber unter sich besprechen. Voll in Ordnung. Also, war jetzt so mein erster Reflex, als ich das mitbekommen habe.

Oh oh….das sehen viele Piraten aber anders. Dieser Vorstoss von Lena (den sie, zugegebenermassen mit einer unglücklichen bis doofen Pressemitteilung verlautbarte - und sich danach noch ungeschickter mit einem “das war eine private Pressemitteilung und keine offizielle von der Partei..” rauszureden versuchte..) kam eher so semi-gut an. Was wurde die beschimpfz als Emanze und was sie sich einbilde und wie sehr diese Idee der hochgelobten Transparenz der PP entgegen stünde und wieso Frauen denn eigentlich ihre eigene Mailingliste bräuchten, das wäre doch eigentlich sexistisch, weil Piraten nicht nach Geschlechtern unterscheiden würden, sondern nur Menschen sähen.

Ähm…ja.

Die Diskussion war für jeden einsehbar und ich las ein paar Tage mit, bevor ich die Lust verlor, weil da so verbittert auf Lena rumgehauen wurde, die sich zu einem frühen Zeitpunkt aber schon längst aus der Diskussion verabschiedet hatte, weil sie, mit Verlaub, einfach zu bescheuert war. Argumente gleich Null. Auch wenn weibliche Piraten (die ausdrücklich nicht Piratinnen genannt werden wollen) sich gegen Lena stellten. Mehr als die Jungs Argumente konnten sie auch nicht nachbeten. Ich hab die Piraten dann wieder eher aus den Augen verloren. Hier und da tauchten sie noch in meiner Timeline auf, durch eine Handvoll Piraten denen ich folge und die ich alle schätze, aber ansonsten waren sie mir ein bisschen Egal. Auch zur NRW-Wahl, da haben die ja quasi kaum stattgefunden (ausser dieses “Nazis haben Leitern”-PLakat, das hat mir gut gefallen). Damit lässt sich wohl auch das bescheidenere Ergebnis im Gegensatz zur BTW leztztes Jahr erklären.

Nun hatten die Jungs und Mädels Parteitag in Bingen, mit einem exzellent funktionierendem und aussehenden Stream und deswegen habe ich mir die letzten zwei Tage die Parteiarbeit live angeguckt. Und was ich da gesehen habe…also, warum machen die es mir immer so schwer sie zu mögen? Und wenn ich sie wieder ein bisschen mehr mag, dann machen sie es mir noch schwerer..

Dieser Parteitag war eine Veranstaltung des absoluten Stillstands. Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat. Die 1000 Mitglieder, die man wohl zum harten Kern zählen kann, weil sie ja wohl sonst nicht den Weg nach ausgerechnet Bingen auf sich genommen hätten, die da vor Ort waren, haben ein seltsames Demokratieverständnis, das vermutlich irgendwie so ausgedrückt wird:

“Demokratie ist, das alle auch mal MIR zuören müssen!”

Anders ist es kaum zu erklären, was da abging. 1000 mehr oder weniger erwachsene Menschen in einer Halle, die sich alle gegenseitig davon abhalten, produktiv zu sein. Der Zeitplan, der aufgestellt wurde, konnte nicht im Ansatz eingehalten werden. Man brauchte zwei ganze Tage um einen Vorstand zu wählen. Weil diejenigen, die sich zur Wahl stellten, auch befragt werden durften, zog es sich noch und nöcher - allerdings ohne dabei einen höheren Informationswert zu generieren. Eher im Gegenteil. Die Fragen und Vorwürfe an die Kandidaten wiederholten sich und wenn die “Versammlungsleitung” mal versuchte die ganze Veranstaltung ein wenig zu pushen und voranzutreiben, wurde sie sofort durch sinnlose Anträge a la “Ich möchte das die Redner 45 Sekunden Redezeit haben” ausgebremst. Und solche Anträge kamen im Stakkato-Modus. Jeder wollte mal irgendeinen Antrag stellen oder irgendeine Frage um auch ja gehört zu werden. Eine Handvoll Speuzialisten stellte sich immerwieder am Mikrofon an um auch immerwieder die gleichen Fragen zu stellen (die entweder die Versammlungsleitung schon vorweg hätte nehmen können, oder die Kandidaten in ihren Vorstellungsreden auch…). Das war schon die Redundanz von Redundanz. Alle beschwerten sich, das alles so lange dauert, aber niemand war bereit wirklich etwas dagegen zu tun. Na klar, nachher nannte man das “eben echte Demokratie” die natürlich “auch anstrengend sei”, weil alle alles abstimmen. Aber genau das wäre eben das tolle an der Partei.

Moment: DAS ist ein Vorzug? Das sich alle gegenseitig lähmen und nie auf einen grünen Punkt kommen? Dann habe ich tatsächlich ein anscheinend weniger demokratisches Verständnis von Politik, oder, um es mal anders zu sagen liebe Piraten: Das war absolute Scheisse, was ihr da veranstaltet habt. Echt jetzt mal, das war gar nix. Schrott. Und einige von euch sollten sich mal fragen, warum es so war. Ich meine das weder böse, noch hämisch oder so. Das war Murks. Und ich will jetzt nix hören von Wegen “junge Partei, erst seit 3 Jahren” oder so. Hallo? Man kann schon im ersten Jahr feststellen was geht und was nicht. Und ich erinner mich auch in den Stream des letzten Parteitags reingeguckt zu haben. Und da waren weniger Leute. Und DA waren diese ewigen “Anträge” schon das Problem numero Uno. Also please: Sehr mal zu das ihr Handlungsfähig werdet. Sonst war das Ergebnis in NRW noch gut, wenn ihr versteht was ich meine.

Und das war ja nicht alles an Elend, was ich im Stream gesehen habe (neben, nur um das nochmal deutlich zu machen, supervielen sehr motivierten Leuten, die Spass an der politischen Arbeit hatten, was mich ja auch so am Stream hielt..): Die oben bereits erwähnte Lena stellte sich spontan zur Wahl zur stellvertretenden Vorsitzeden der Piratenpartei. Das war ein Signal. Ein Signal zum Wechsel. Und als sie sich vorstellte, sagte sie viele richtige und wichtige Sachen (auch das sie dafür sorgen möchte, das sich die PP deutlich von Nazis distanziert zum Beispiel), die nur zum Teil mit Gender Themen zu tun hatten. Die aber natürlich auch ihr Thema waren. Und dann kam die Fragestunde. Und dann wurde sie gegrillt. Mit Häme und totaler Scheisselaberei übergossen von Parteimitgliedern, die offensichtlich gar nicht zugehört hatten, was sie da auf der Bühne kurz zuvor gesagt hatte. Die einfach nur ihren Satz des Hasses an sie loswerden wollten, mit vermutet geschickt platzierten Spitzen (”Willst du als Stellvertreterin auch direkt eine Pressemeldung rausgeben?”) , die ebenso lächerlich waren, wie 95% der Fragen, die ihr gestellt wurden. Und die sich ALLE nur ums Thema “Gender” drehte, wohingegen Lena eigentlich über viel mehr gesprochen hatte. Es liegt also die Frage nahe, wer jetzt eigentlich ein Problem mit dem Thema hat? Lena kann weitergehen und sehen und weitermachen. Aber verbissene Piraten können das eben nicht. Das war wirklich gruselig zu hören, was da für eine totale Kacke gefragt wurde. Und peinlich war es auch. So sehr zu zeigen, wie wenig man zu politischem Denken in der Lage ist…uiuiui…das als Basis einer Partei halte ich dann doch schon für bedenklich.

Natürlich wurde Lena nicht gewählt. Sie bekam stramme 28 Prozent, was viele schon für ein gutes Zeichen halten. Ich aber sage: Ein gutes Zeichen ist es, wenn sie gewählt wird, denn ganz offensichtlich ist sie politisch durchaus kompetent und weiss was sie sagt und warum sie es sagt. Aber die Piraten sind dann eben doch mehr Bild-Leser als sie wahrhaben wollen: Es soll sich nichts ändern in unserem Schrebergarten. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter wurden beide wiedergewählt. Zwei Leute, die durchaus fähig sind. Aber eben auch sehr unsichtbar (Der Vorsitzende Siepenbusch meinte auch auf die Frage, warum man so wenig von ihm gesehen hätte bei der NRW-Wahl, das er zur Verfügung gestanden hätte, ihn aber niemand gefragt hätte…i mean: come on!).

Überhaupt: Was mich vermutlich am meisten erschrocken hat, war der Aggro-Ton auf dem Parteitag, den man wohl anschlagen muss, damit einem überhaupt irgendwer zuhört. Die Sprecher auf der Bühne mussten regelmässig das Plenum zur Ruhe mahnen. Aber wenn etwas entschieden wurde, was irgendwem nicht gefiel, da wurde dann auch schonmal in der Halle rumgeschrieen. Nicht reingerufen, so wie ein Protest, sondern wirklich reingebrüllt so wie in: “Oh, da hat aber jemand ein Problem für das er mal professionelle HIlfe in Anpruch nehmen sollte:”. Und davon gab es ein paar Kandidaten in der Halle, das fand ich schon erschreckend. Zu Beginn des zweiten Tages übrigens auch der Wahlleiter, aber der hat sich später dafür entschuldigt.

Machen wir uns nix vor: Die Piratenpartei ist eine Jungspartei. Und ich kann jede Frau verstehen, die einen riesen Bogen um die macht. Da wird sich auf ziemlich tiefem Niveau beschimpft und so getan, als sei das ein demokratischer Prozess. Da spielen Jungs so eine Art Real-Life-WoW, wo man sich eben mit der ganzen Gruppe abstimmen muss. Und das ist jetzt kein hohles Klischee, weil Computer eben DAS Thema der Piraten sind, sondern genau so ist dieser Parteitag rübergekommen. Und wenn du mir nicht zuhörst, dann brüll ich dich eben an. Da gibt es wichtige Vaterfiguren, wie eben einen Jörg Tauss, dem kritiklos alles von den Lippen gelesen wird (vom Grossteil, nicht von Allen!), weil er da als Mann mit Erfahrung steht oder dieser Pfarrer, dessen Namen ich vergessen hab, der ein paar mal kandidiert hat, den auch plötzlich alle voll toll fanden, obwohl die Piraten doch eigentlich Religion immer so vehement ablehnen, der aber punkten konnte als er einem jungen Piraten, der sich nach seinen Visionen zur Drogenpolitik erkundete, vorschlug das ganze doch entspannt “in Holland auszudiskutieren”. OMG. Nuff said.

teppich

Die Piraten, so gern ich sie auch haben will, sind nicht Politikfähig. Zumindest im Moment nicht und ich sehe da noch nicht wirklich Land. Das ist Schade. Die treten sich gegenseitig auf die Füsse und haben dabei das Gefühl etwas zu bewegen. Dabei stehen sie nur in einem Laufrad. Für dieses Jahr wurde übrigens noch ein Parteitag beschlossen, auf dem soll es dann um inhaltliche Diskussionen gehen. Da bin ich aber mal gespannt. Vielleicht haben sie aus dem Binger Debakel gelernt. Ich befürchte aber das Gegenteil.

[Bilder hab ich vom "offiziellen" Twitteraccount]



Letzter Eintrag vor der Ausfahrt…

…Keine Sorge. Das soll nicht bedeuten, mit dem bloggen aufzuhören, aber hier findet in letzter Zeit merkwürdig wenig Weltfrieden statt, statdessen reg ich mich über alles mögliche auf. Da aber “sich aufregen im Internet” meiner Meinung nach nur hässlich und unangenehm macht und man dann in einer Luftblase auf seinem Stuhl trohnt und zwar sicher sein kann, immer gesagt zu haben, was gesagt werden musste, aber dann keiner mehr da ist, mit dem man auch mal über nette Sachen spricht, soll das nun erstmal der letzte seiner Art sein: Ein Meckereintrag. Danach tu ich mal wieder was für meinen Teint…;)

Und wie könnte es anders sein in diesen Tagen: Es geht um Politik. Wir befinden uns ja gerade in einer Zeit, die doppelt fatal ist: Nicht nur Vorwahlkampf, sondern auch Sommerloch. Da schiessen Hinterbänkler schonmal gern nach vorne und die Fantasie einiger Abgeordneter treibt wilde Blüten. Die CDU möchte gerne 2015 zum Mond fliegen und meint, daß man dafür doch mal 1,5 Mrd locker machen sollte. In meinen Augen ein absolut richtiges Signal. Immer her mit dem Geld und dann schnell rausballern (ja, auch wenn mir klar ist, daß wir hier über unterschiedliche Pötte, in denen das Geld steckt, reden). Genau das wollen die verunischerten Wähler in Zeiten wie diesen hören. Fingerspitzengefühl, dein Name sei Peter Hintze.

Aber das ist mir relativ egal. Lustig finde ich auch, das die CDU immer mehr Stimmen verliert, umso mehr Menschen sich an der Wahl beteiligen wollen. Denen müsste also an einer extrem schlechten Wahlbeteiligung gelegen sein. Doch auch hier: Schwamm drüber. Das Rennen machen die eh, zusammen mit der FDP.

Merkwürdig wird es, erfahrungsgemäss, in den Kommunalwahlkämpfen. Im Moment gibt es einen kleinen Aufreger über Vera Lengsfeld. Das ist die Direktkandidatin der CDU für Kreuzberg/Friedrichshain. Und die hat ein Plakat gemacht das, nun ja, sagen wir mal eher gewöhnungsbedürftig ist. Und alle regen sich jetzt auf, das das sexistisch sei, das ausgerechnet SIE so etwas nötig habe, das das hässlich sei, das es primitv sei etc. pp. Dazu muss ich mal sagen: Nö. Ich finde es nicht sexistisch. Ich finde es nicht mal besonders primitiv. Meine Güte, es ist ein Wahlplakat. Da kann sie ja wohl kaum ihr ganzes Programm drauf abdrucken. Sie hat sich gedacht einen besonders frechen Witz zu machen, und der ist nunmal nicht lustig, aber da kann sie ja nichts dafür, das sie keinen Humor hat. Insofern ist sie ja schon in der richtigen Partei. An und für sich, auf seinen Sexualitätsgrad bezogen, entlockt mir das Plakat nichtmal ein müdes Gähnen.

Aber: Was ich viel ekeliger finde, was ich schrecklich unsouverän, bieder und abschreckend finde, was mich schaudern lässt: Da lässt sich eine Lokalpolitikerin mit der Kanzlerin auf ein Plakat drucken, zieht sogar dasselbe an wie sie und montiert das so, als wenn sie neben ihr stünde. DAS ist ekelhaft. Das ist anbiedernd, das ist vermessen. Ich bin weißgott kein Merkelfan, aber die hat sich eben durch alle Parteiinstanzen hochgearbeitet um da zu sein, wo sie nun ist. Das kann ich immerhin anerkennen. Hat sich halt bei den richtigen Leuten beliebt gemacht. Superbillo finde ich es hingegen sich mit ihr auf ein Bild zu montieren und zu suggerieren: “Wir sind aus demselben Holz geschnitzt. Ich bin sowas wie die Kreuzberger Kanzlerin. Was die kann, kann ich auch. Die findet mich auch super.” Das macht mich gruseln und das kann ich in all seiner Erbärmlichkeit gar nicht mit Worten beschreiben. Egal ob halbnackt oder nicht.

Abgesehen davon das Frau Lengsfeld bei einem kurzen überfliegen ihrer Seite, sich mit all ihrer Beratungsresistenz ja in allerbester Gesellschaft befindet. Unter den Links auf ihrer Seite geht der Erste auf die “Achse des Guten”, einer Art Intellektuellen-PI. Der zweite Link geht dann auch schon brav zur Seite von meinem Lieblingspamphletisten H.M. Broder (Not!), und zwar mit den niedlichen, aber deswegen nicht weniger richtigen Worten:

“Wer Broders spitze, aber treffende Kommentare kennt, weiß, wie Journalismus sein muß.”

Wer Broder kennt, weiß wie Journalismus sein muss? Gnihihi, stimmt ja irgendwie wieder: Denn genauso nicht. Recherche ist schon nachwievor nicht unwichtig für einen Journalisten, aber warum sollte das Frau Lengsfeld interessieren. Sie ist ja gut aufgehoben im AdG-Netzwerk. Fazit: Die Frau kann man nicht ernstnehmen. (Vielleicht das noch: Sich auf seiner Seite über die Kritiker und Ablehner des Plakats lustig zu machen und die Zugriffe als Erfolg zu verkaufen ist durchsichtig, schmierig und sowas von unangenehm albern, das man schnell wegklickt. Das erinnert mich an einen Typen aus meiner Grundschulklasse, Gregor hiess der glaub ich, der hat, wenn man es ihm gesagt hat, Spinnen gegessen. Da haben alle beeindruckt zugeguckt, keiner konnte sich dem entziehen, alle haben es bestaunt. Aber mit ihm irgendwas zu tun haben, wollte dann doch keiner…) Was soll sie auch machen, sie hat ja in Kreuzberg, einem klassischen Grünenewählerbezirk, eh keine Schnitte. Gönnen wir der armen, verwirrten Frau also ihr Rampenlicht.

Apropos Grüne: Die haben im Moment auch hier und da ihre Brände liegen, die zwar selbstverschuldet sind, aber bei denen die Gegenseite sich auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die Grünen in Kaarst (das ist in der Nähe von, ähem, nunja, von so einem Ort, dessen Name mir auszusprechen immer schwer fällt, nennen wir ihn mal “den Parklplatz von Köln”) haben ein, zugegeben ultradämliches, Wahlplakat gemacht, auf dem weisse Frauenhände einen schwarzen Frauenhintern anpacken und darüber stand: “Der einzige Grund Schwarz zu wählen”. Abgesehen von der 80er-Jahre-Sachs-Ästhetik und einer Botschaft, die ich immernoch nicht in Gänze kapiert habe (”zu wählen”? Warum der einzige Grund? Mein einziger Grund schwarz zu wählen, ist eine lesbische Beziehung zwischen zwei Frauen unterschiedlicher Hautfarbe? Versuchen die meinen inneren Pornokonsumenten anzusprechen, oder worauf soll das hinaus? ), ist es natürlich klar das gerade die Grünen sich so einen müden Gag nicht leisten können. Ich meine, das ist ein 2000 qm-Fettnapf. Da kann man nicht vorbeitreten. Denn natürlich lässt sich das, mit schlechtem Willen auch easy rassistisch und sexistisch lesen. Vor allem in dem Zusammenhang: Es gab das Plakat auch mit “…Rot zu wählen” und “…Gelb zu wählen”, aber natürlich waren in DEN Versionen die Körper in der jeweiligen Farbe angemalt. Nur bei Schwarz eben nicht. Das ist nicht sehr bedacht, ja, das ist sogar ausserordentlich dämlich. Natürlich haben die sehr schnell dafür eins auf die Mütze gekriegt. Zu Recht. Was mich dann nur immer nervt, weil es dem Dialog nicht dienlich ist: Wenn der Protest ausufert. Im schwarzen Blog von “Der braune Mob“, einem Verein, der sich sehr engagiert gegen alltäglichen Rassismus und Sexismus, vor allem in den Medien, wehrt, kam kurz nach der Meldung über das Plakat der Grünen aus Kaarst schon ein Kommentar, in dem jemand schrieb, die Grünen jetzt nie wieder wählen zu können. Die Überschrift zu dem Post war auch schon “Ein Grund nicht Grün zu wählen”. Meine Güte, wir sprechen hier von einem Ortsverein. Es ist ja wohl klar das die nicht alle ihre Motive mit der Bundeszentrale, oder gar dem Landesverband absprechen, sondern erstmal machen und das hoffentlich im Sinne ihrer Partei. Die in Kaarst haben Scheisse gebaut, das zuerst auch nicht eingesehen. So weit, so schlimm. Bestimmt ein Grund in Kaarst nicht mehr Grün zu wählen. Warum da jetzt die ganze Partei in Sippenhaft genommen wird, versteh ich nicht so ganz. Muss ich vielleicht auch nicht. Übrigens haben die Kaarster ja mittlerweile vom Landesverband schon eins über den Deckel bekommen und das Plakat zurückgezogen. Auch hier wieder: Ungeschickt das sie dabei von Selbst-”Zensur” reden, einem momentan sowieso überstrapazierten Mega-Reizwort. Aber in Kaarst mag man wohl Schmerzen. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Schmerzen bereiten mir auch die Piraten. Es geht hin und her, man ist hier, man ist da. Immer höre ich: Nun ja, das ist eben erstmal eine Ein-Themen-Partei, die zu Beginn nur ihre Kernkompetenzen ausspielt. Aber so langsam frage ich mich, was genau die Kernkompetenzen der Piraten sind. Filesharing? Internetsperren? Werbespots produzieren? Keine Ahnung. Ich weiss zumindest schonmal, was die Kompetenzen nicht sind. Das Urheberrecht zum Beispiel, oder besser gesagt: Eine modernisierung des schweren, grauen, alten Klumpens Urheberrecht, den dieser so dringend nötig hätte. An allen möglichen Stellen, wenn es um dieses Thema geht, sehe ich immer wie sich plötzlich ein Pirat oder ein Piratenfreund in die Diskussion einmischt und durch eine offen zur Schau gestellte Kulturfeindlichkeit versucht zu profilieren. Gut, das müssen nie aktive Parteimitglieder gewesen sein, aber die Frage dürfte dann doch langsam mal erlaubt sein, wie die sich konkret eine faire Entlohnung von Künstlern vorstellen, wenn diese für ihre Musik, also quasi den Kern, den Dreh und Angelpunkt ihres Schaffens (das mögen auch Bücher oder Bilder oder T-Shirt-Designs oder sostwas sein) keinen Cent mehr bekommen sollen und ihre Arbeit gefälligst der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen haben. Das will mir immernoch nicht so richtig in den Kopf. Und Nein: Ich habe weder etwas gegen die Piraten, noch werde ich sie wählen. Aber ich frage nun schon gefühlt ziemlich lang diese eine Frage und habe noch nicht den Ansatz einer konstruktiven Antwort bekommen. Und da fang ich dann schonmal an mich zu wundern. Nur durch ewiges Wiederholen des Gag-Namens “Zensursula” gewinnt man gar nix. Noch weniger als “Die Violetten” oder sonstige Freaks. Sascha Lobo hat das in einem tweet mal sehr schön auf den Punkt gebracht, den ich jetzt gerne hier zitiere, wofür ich von ihm hoffentlich nicht abgemahnt werde:

Wer mir sagt, Musiker sollen ihr Geld mit T-Shirtverkäufen verdienen, kriegt sein nächstes Gehalt in Büromaterial ausgezahlt.

Und übrigens Nein: Ich bin auch kein Künstler, der jemals Musik gemacht hat um damit reich zu werden, im Gegenteil. Ich verschenke die ja nur zu gerne und nur zu oft und das ist für mich auch vollkommen in Ordnung. Ich kann nur verstehen wenn andere gerne mehr Kontrolle über ihre Werke hätten. Wäre ich zum Beispiel “Silbermond” (deren Management sich auch eher suboptimal im Umgang mit der Presse verhält) , fänd ich es eben auch nicht sehr prickelnd, wenn meine Musik im nächsten pr0n-Film auftaucht. Nur mal so als plakatives Beispiel.

Damit mir keiner vorwerfen kann, einen parteiischen Rundumschlag gemacht zu haben, noch schnell was zu den anderen beiden:

SPD - Sorry, aber FWS konnte ich als Kanzlerkandidaten nie ernst nehmen. Schon allein weil der immer wie ein Schröder-Stimmen-Imitator wirkt. Die SPD tut sich gerade nicht nur keinen Gefallen, sie schafft es nichtmal zu gefallen. Vermutlich weil sie so verzweifelt versucht jedem zu gefallen. Da schämt man sich ein wenig fremd. Kann man irgendwie nicht mehr wählen. Zumindest nicht dieses Jahr. Neues Personal wär mal schön. Der Spot auf deren YouTube-Channel ist aber tatsächlich ganz lustig. Ja, so habe ich mir einen wunderbar fair-dreckigen Wahlkampf immer vorgestellt. Wird wohl aber die Ausnahme bleiben.


[YouTubeDirektHartZögern]

-Die Linke: Ach, die gibts noch? Lang nix mehr gehört. Sind wohl immernoch sauer, das ihr Superkandidat Sodann nicht Bundespräsident geworden ist. Überhaupt haben die noch ein Personal am Start, für das ich sie nicht ernst nehmen kann. Für mich eine klassische Spass-Partei. Wenn man Spaß an “Das Kapital” hat.

Zum Abschluss noch die HSP, die Horst Schlämmer Partei. Heute stand in der Zeitung, das die, würden sie wirklich antreten, mindestens 18 Prozent der Stimmen bekommen würden. Und schon lese ich die Aufschreie. Die Menschen verwechseln die Wahl mit einer Spassveranstaltung, das können die doch nicht ernst meinen, das gibt es doch nicht. Dazu möchte ich einmal anmerken, das Horst Schlämmer in all seinem Kunstfigur-Dasein für die meisten Menschen im Moment eben noch so ziemlich das authentischste darstellt, was der Politikbetrieb (vermeintlich) so zu bieten hat. Daran sollte man dem Wähler wohl eher nicht die Schuld geben. Die Parteien machen seit Jahr und Tag alles, den Leuten den Glauben zu nehmen, mit einer Wahl noch Einfluss auf irgendetwas zu haben. Jahrelang haben sie alles daran getan, den Kredit zu verspielen und dabei können sich gerne alle Regierungsbeteiligten Parteien der letzten 20 Jahre an die eigene Nase fassen. Politikverdrossenheit? Ja. Wegen moderner Medien? Nein. Wegen den Arschlöchern, die es geschafft haben (jungen) Menschen jegliche Lust an Politik und der Auseinandersetzung damit zu nehmen. Ich bin da anders, aber ich kann es keinem einzelnen verübeln, der am Wahlsonntag zu Hause bleibt oder Micky Maus auf seinen Wahlzettel schreibt. Ich bin keiner dieser “Wenn du nicht wählst, darfst du dich nicht beschweren”-Typen. Ich bin eher ein “Ich verstehe warum du nicht wählst, was ich nicht gut finde, aber ich verstehe es gut.”-Typ.

Wäre schön, wenn das auch mal ein paar Andere würden.