Angst

Man stelle sich folgendes Bild vor, meinetwegen als gezeichnete Karikatur (meine Zeichen-Skills sind zu schlecht, deswegen muss ich das beschreiben): Eine Menschenmenge. Mit Zöpfen und Lederhosen. Sie stehen um einen Mann in zerfetzten Klamotten herum. Sie brüllen ihn an. “DAS LAND IST VOLL!” und “JAJA, EUCH LÄSST MAN KLAUEN!” und “IHR MOSLEMS HASST DOCH ALLE UNGLÄUBIGEN!” und “ENTSCHULDIGE DICH MAL FÜR DIE TERRORISTEN, DU LIEST DOCH AUCH DEN KORAN!” und “EUCH SCHIEBT MAN HINTEN UND VORNE ALLES REIN - ICH WILL AUCH WAS UMSONST!” und “NA WARTE! WENN HIER EINE BOMBE HOCHGEHT - UND DAS KANN NICHT MEHR LANGE DAUERN - DANN WISSEN WIR DASS IHR DAS WART!”
Und ganz hinten, in der letzten Reihe, stehen ein paar Typen mit Deutschlandfähnchen und werfen Granaten und Molotov Cocktails in die andere Richtung und kichern.

Die Hysterie hierzulande ist ausser Kontrolle geraten. Mit Argusaugen werden alle Menschen beobachtet, die nicht deutsch aussehen. Wenn sie im Baumarkt einen Großeinkauf machen, geht man davon aus, dass sie das Schlimmste im Schilde führen. Bevor irgendeine Erkenntnis gewonnen wurde, übertreffen sich die Sensationsmedien schon mit Horrorvisions-Schlagzeilen a la “Rosenmontagszug abgesagt?”, auch wenn die Polizei alles relativiert (sogar im selben Artikel…). Aber einmal Schlagzeile, schon in den Köpfen. Den Geist kriegt man nie mehr zurück in die Flasche. Und schon hat man wieder einen Strich mehr auf der “böser Ausländer”-Liste.

Zynisch gesagt: Manche Menschen, vor allem von rechts, wünschen sich so sehr einen Anschlag von Islamisten hierzulande, damit sie behaupten können, Recht gehabt zu haben, dass sie vor allem anderen die Augen zumachen. Denn der Terrorismus ist schon längst da.

Aber er kommt von Deutschen.

Eine Granate auf ein Haus zu werfen oder ein Haus anzuzünden, in dem man Menschen vermutet, die man vertreiben und/oder umbringen will - das ist Terror, das ist Terrorismus, das ist gelebter Rassismus, das ist Faschismus, das ist es, was die Geschichtsbücher uns versucht haben beizubringen, was nie mehr passieren darf. Passiert im Moment täglich. In diesem Land. Nichts, wovor ich mich mehr fürchte, als ein wiedererstarken einer Bewegung und einer Idee, die vor allem alles vernichten will, was anders ist als sie.

Und der Nährboden dafür? Ist täglich zu sehen. Pegida, AfD, CSU-Köpfe, die führende Rechtsnationale aus Europa offiziell zu sich einladen und immer wieder Facebook: In jeder Gruppe, auf jeder Wall, immer wieder tauchen sie auf. Die Angstpostings. Die Panikmachen. Das Reinfallen auf die Lautsprecher. Der Neid von denen, die nix haben, auf die, die noch weniger haben. So entsteht Angst. So entsteht Wut. So entsteht Feigheit.

So entsteht Terror. Hausgemacht.



Verantwortung ist die Lösung

Läuft bei der AfD. Man hat zwar Probleme mit solchen Leuten wie Höcke, die die Klientel anziehen, die von der Gesellschaft eher liegen gelassen wurde, weil ganz Rechts nicht unbedingt sozial verträglich ist, aber andererseits ist man froh, so einen wie Höcke zu haben, weil der bei diesen Menschen natürlich Stimmen einfängt, die sonst an die NPD oder ähnliche Charmebolzen gegangen wären. Man lässt ihn also gewähren, druckst sich hier und da mal ein “Na na na” ab, wenn er mal wieder zu sehr über die Stränge schlägt, aber meint es nur halbherzig. Ein bisschen schwanger geht eben doch, wenn man Frauke Petry ist. Die kann gleichzeitig für und gegen die selbe Sache sein. Genial.

Und auch 2016 donnern einem wieder die Umfragen um die Ohren. Dieses Jahr stehen ein paar Landtagswahlen an und die AfD hat überall durchaus gute Zahlen. Hier und da munkelt man sogar von um die 15%. Und demokratisch irgendwo in der Mitte verortete Menschen schlagen schon die Hände vor Furcht überm Kopf zusammen. Wie kann das sein, fragen sie sich, dass diese Partei so viele Menschen verführt? Haben denn die Deutschen nichts aus der Geschichte gelernt?

Und ja, also nein, viele Deutsche haben sicher nichts aus der Geschichte gelernt. Das merkt man ja zum Beispiel daran, dass es jemand, der offensichtlich der deutschen Sprache mächtig ist, es geschafft hat, den Begriff “Schuldkult” zu erfinden. Der hört sich gut an, reimt sich, das Wort “Kult” kommt drin vor und das ist immer gut. Das Wort soll beschreiben, wie unmöglich es ist, dass sich die deutsche Gesellschaft noch heute mit den Verbrechen der Nazizeit beschäftigen soll. Denn laut dieser Menschen, ist das Kapitel nun abgeschlossen und gut ist. Man will unbedingt auf etwas stolz sein können, wofür man nichts tun muss (und wofür man auch nichts geleistet haben muss) und da bleibt eigentlich nur der Nationalstolz übrig. Der wird einem hierzulande aber immer so vergällt, wegen dieser doofen Sache damals und deswegen soll man da jetzt nicht mehr drüber reden. Dann kann man wieder öffentlich stolz auf Deutschland sein und alles wird gut.

Aber das nur nebenbei. Es soll auch nicht der Verdacht eines Vergleichs entstehen: Die AfD wird mit Sicherheit nicht die nächste Führer-Partei. Und ich glaube auch ihren Fans und Mitgliedern, dass sie sich selber gar nicht für Nazis halten, sondern für Menschen, denen das Wohl ihres Landes am Herzen liegt. Aus welchen Motiven auch immer.

Das mag Grund zur Sorge sein. Das mag alarmieren. Aber was man auch tut, so sehr man auch gegen sie und ihre kruden Thesen argumentiert - intellektuell ist der Partei und ihren Anhängern nicht beizukommen. Man mauert und lässt Argumente nicht an sich ran. Könnte ja das gemütliche, eigene Weltbild in Frage gestellt werden. Deswegen ja auch immer dieses geifernde Lügenpresse-Geschrei und Mainstreammedien-Gelaber: Es ist der einzige Weg, jede kritische Argumentation an den eigenen Positionen mit einem Wisch vom Tisch zu fegen: Es lügen einfach alle. Und sollte mal zufällig irgendwo etwas stehen, was der eigenen Argumentation gerade gut in den Kram passt, dann ist es ein “lichter Moment”. Man hat sich da also gut in einem logischen Paralleluniversum eingerichtet und als Aussenstehender Normalo betrachtet man das und wünscht sich, auch so schlicht zu sein, um so etwas zu glauben.

Wie soll man also nun so einer Partei beikommen. Wie kann man sie stoppen, bevor sie zu viel Unheil anrichtet? Und im Grunde genommen ist es ganz einfach: Sie kann sich nur selbst stoppen und dazu muss man sie ein bisschen Unheil anrichten lassen.

So schmerzhaft das sein mag, so sehr man sich wünscht, eine Legislaturperiode nicht mit dem babysitten von Pappnasen verbringen zu müssen - eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Sprich: Lasst sie wählen und gewählt werden! Die AfD in alle Landtage! Mit so vielen Stimmen wie möglich! Wir normale Demokraten müssen jetzt mal unsere Leidensfähigkeit beweisen (die SPD-Wähler unter uns haben davon ja eine ganze Menge) und das einfach aushalten. Es ist die einzige Chance.

Denn wenn man sich die Realpolitik der letzten Jahrzehnte ansieht, dann hat sich eines immer bewiesen: Stimmen fangen ist nicht das Problem, das kann jeder Depp. Aber Parlamentsarbeit, dass ist was ganz anderes. Vor allem wenn die Töpfe aufgeteilt werden, dann geht das hauen und stechen los. Und als man gerade noch überlegt hat, wie man solche hauptberuflichen Störenfriede wie die Schill-Partei oder die NPD wieder los wird, haben die sich schon selbst verabschiedet oder sind innerlich komplett zerstritten. Und man kann daneben sitzen, sich zurücklehnen, die Arme verschränken und lächelnd mit ansehen, wie die selbst ernannten Retter des Volkes sich selbst demontieren. Schon jetzt scheint es zum Beispiel innerhalb der Partei (vor allem im immer mehr erstarkenden rechten Flügel) den Spitznamen “Frauke Lucke” zu geben. Hahaha, es geht los!

Kurz gesagt: Lasst sie mal machen. Kriegen sie eh nicht hin. Die ganz besonders dummen Kinder muss man halt auf die Herdplatte fassen lassen.



Was braucht ihr noch für ein “Stop!”?

Jetzt ist es also passiert. Henriette Reker, parteilose Oberbürgermeisterin-Kandidatin in Köln, unterstützt von CDU, Grünen und FDP, wurde Opfer eines Attentats, dass sie offenbar schwer verletzt überlebte. So weit, so Horror. Und Erleichterung, dass sie überlebt hat.

Aber was in den sozialen Netzwerken passierte, ab Bekanntwerdung des Anschlags, zeigt in trauriger und bitterer Art und Weise, wie realitätsfern und Pippi-Langstrumpfesk die neue Rechte (oder besser Rechte im neuen Gewand) sich ihr Weltbild aus der Nachrichtenlage so dreht, wie es ihr gerade passt - natürlich unterstützt durch jeden, dem der gegenwärtig an allen Ecken des Landes verbreitete Hass, nützt und in die Karten spielt.

Wenn man sich die Kommentarspalten unter den ersten Meldungen, zu einem Zeitpunkt als noch nichts bekannt war, ausser, dass ein Anschlag stattfand, durchliest, braucht man nicht lange um Kommentare zu finden, die nur eine Lesart zulassen: Das Verbrechen muss von einem Migranten, Ausländer, Asylbewerber verübt worden sein, denn die sind ja das Böse und das haben “wir” nun davon, dass wir die alle ins Land lassen. Angeblich klare Indizien für diese Räuberpistole gibt es natürlich auch:

1.) Die Herkunft des Täters wird verschwiegen. Für die Rechten der perfekte Beweis, dass der Täter nicht deutsch sein kann. Sonst könnte man es ja gleich dazu sagen. Ich weiß, unheimlich bestechende Logik. So sind sie.

2.) Der Täter benutzte ein Messer, das wird als Waffe nur in islamisch geprägten Kulturkreisen benutzt. Auch hier: Ein Argument aus dem fröhlichen Rassistenkasten. Vor allem: Welche Waffe würde denn ein strammer Deutscher benutzen? Eine Walther PKK? Eine Streitaxt? Eine Steinschleuder? Pfeil und Bogen? Man kann sich gar nicht so viele Waffen ausdenken, wie das Argument schwachsinnig ist und auch nur von ebensolchen Menschen ins Feld geführt wird.

Aber dann, die riesen Überraschung: Der Täter war ein Deutscher. Der irgendwas von “Messias” faselte und dann zustach. Und im Nachhinein wohl sagte, dass er es tat wegen der Flüchtlingspolitik von Merkel und der Bundesregierung.

Da müsste ja jeder Mensch mit funktionierendem Gehirn sagen, Mensch, da waren die vorschnellen Verurteilungen vorher ja ganz schöner Käse und ganz schön dumm und voreilig und jeder, der so etwas schrieb, möchte sich entschuldigen und unter den untersten Stein kriechen, der zur Verfügung steht und erst wieder rauskommen, wenn er glaubt, einen intelligenten Gedanken zu haben.

Aber nein, so denken rechte Scheisshaufen nicht, die sich, befeuert durch öffentliche Aussagen und Hetzereien von Parteien wie der AfD, der CSU, Gruppierungen wie Pegida oder Politiker wie Sigmar Gabriel und Thomas de Maziere, im Recht wähnen. Sie machen nonchalant eine 180 Grad Wende und behaupten, der Frust und die Verzweiflung in der Bevölkerung über die momentane Politik, liessen Menschen so ausrasten und so sehr zum Äussersten greifen. Ausserdem sei das ein Verrückter und deswegen ein Einzeltäter.

Nehmen wir an, der Täter wäre Moslem gewesen. Alle Islam-Verbände wären aufgefordert worden, sich von solchen Anschlägen zu distanzieren, denn er hat ja offensichtlich im Namen der Religion gehandelt. Es wären sofort Talkshows gestartet worden in der sich Muslima für ihr Kopftuch hätten rechtfertigen müssen. Und überhaupt: Alles gewalttätig. Hätte man von einem durchgeknallten Einzeltäter gesprochen, wäre man, mit Häme überzogen, ausgelacht worden.

Die Diskussion in diesem Land ist in eine unglaubliche Schräglage geraten. Das mag daran liegen, dass die Deutschen kein Debattier-Volk sind. Der harte Austausch von Argumenten, das begreifen von Standpunkten - das wird hier niemandem beigebracht. Meine Meinung und sonst nichts. Alle Anderen haben Unrecht. Dazu der Glaube, dass eine rechte Einstellung eine tolerierbare “Meinung” sei, denn schliesslich sei links zu sein ja auch eine Meinung, die man akzeptiere. Überhaupt: Der Terror der Linken sei auch voll schlimm. Auch diese Art der Argumentation kommt nicht nur von mangelnder Bildung, sondern ist bewusst so toleriert und gefördert worden von der Politik der vergangenen Jahre - man erinnere sich beispielsweise an Kristina Schröder und ihr Grundgesetz-Bekennungs-Generalverdacht für gemeinnützige Organisationen. Und immer wieder muss man an dieser Stelle betonen: So sehr ich mich schäme für politische Autoanzünder oder Randale-Touristen, die sich auf Demos nur mit Polizisten prügeln wollen: Rechte Menschen töten seit Jahren mehr oder weniger unbehelligt in diesem Land. Rechte Menschen richten sich immer gegen andersdenkende Menschen. Mit Gewalt. Mit Angst. Mit Mord. Da können noch so viele linke Volltrottel Mercedesse in Prenzlberg anzünden - das wird immer eine andere Qualität haben als besoffene Nazibanden, die Menschen durch ein Dorf jagen. Deswegen lasse ich mich auf keinen verharmlosenden Vergleich ein.

So sehr ich Angela Merkel für ihr momentanes Rückgrat geradezu bewundere und schätze: Diese ganzen Heim-Brände, diese ganzen fremdenfeindichen Demos, dieser ganze Erfolg solcher Rattenfänger wie Petry und Bachmann ist alles auch eine Konsequenz ihrer Politik des wegduckens und nicht auffallen wollens. Ich bin froh, dass sie das nun erkannt hat und gegensteuert. Besser spät als nie.

Ich lasse diesen jetzt aufkommenden Rechtfertigungstwist nicht zu, ich erlaube den Hetzern und ihrem Klatschvieh keine Deckung. Pegidisten, AfDler - das Attentat von Köln ist auch eurem Hass zuzuschreiben, den ihr seit Wochen brüllt und propagiert. Das Messer wurde auch von dem Galgen geführt, den ihr rumtragt. Der Irre wurde auch von eurer Kapazitäts-Diskussion angeregt, Politiker jeglicher Parteien, die ihr schamlos öffentlich führt.

Es gibt keine guten und schlechten Flüchtlinge. Es gibt gute und schlechte Menschen. Und die schlechten haben heute gezeigt bekommen, was sie anrichten. Es ist zu hoffen, dass sie sehen und verstehen. Und endlich ihren Kopf einschalten. Und, vermutlich noch viel wichtiger: Ihr Herz.

Gute, ach, die allerbeste Besserung wünsche ich Henriette Reker.



Oaschlocht is!

Deutschland macht die Grenzen dicht. Zumindest im Süden. Weil es der CSU zu viel wird, mit diesen Flüchtlingen da. Ich seh schon den bayerischen Bauer in Hintertupfingen, wie er Abends beim Bier in der Stube sitzt und Angst hat, dass ihm ein Syrer den Mähdrescher klaut und sich damit nach Syrien absetzt. Oder wie er Angst hat, dass ihm eine muslimische Großfamilie mit Handys in den Stall zwangseinquartiert wird - der Zwang wird hier auf den Bauern ausgeübt, wohlgemerkt, der die Familie aufnehmen muss und nicht auf die Familie, die im Stall leben muss. Oder seine Angst, dass ein Moslem durch sein Dorf läuft und sich spontan in die Luft sprengt, denn das sind doch alles Terroristen.

Gut, dass der Seehofer den Orban zum nächsten CSU-Parteitag einladen will. Viktor Orban, Premierminister von Ungarn, der gerade durch Initiativen glänzt, seine Grenzen mit endlich wieder Stacheldraht zu sichern. Endlich wird seine Vision wahr und er kann von Ungarn aus die europäische Idee zerstören. Also, die Teile, die ihm nicht passen. Dieser ganze Quatsch mit Solidarität und offenen Grenzen und so. Die Kohle aus der EU möchte man natürlich trotzdem mitnehmen.

Diesen Typen auf jeden Fall, der seit dem Flüchtlings-Ansturm - oder sagen wir besser Vertriebenen-Ansturm, denn freiwillig wollte keiner von denen die Heimat verlassen - nichts besseres zu tun hat, als die Idee einer Gesellschaft, die Vertriebene mit offenen Armen empfängt und ihnen Sicherheit und Kraft anbietet, zu torpedieren und im eigenen Land de facto unmöglich zu machen, diesen Typen, nennen wir ihn ruhig ultra-rechts, der auf die Pressefreiheit im eigenen Land scheisst, der Journalisten einschüchtert, kritische Künstler mit Arbeitsverboten belegt, der ein Klima der Angst verbreitet, bei denen, die ihm im öffentlich-demokratischen Rahmen widersprechen wollen, diesen Typen also möchte Seehofer zur CSU einladen, um mit ihm zu reden.

Gut, eine Partei, die immer noch an ihrem alten Anführer hängt, der ebenfalls Kritiker mundtot machen wollte, in dem er sein Amt missbrauchte und sie grundlos einsperren liess, ein Anführer, dem vor allem der eigene Geldbeutel wichtig war, in den er fleissig reinwirtschaftete, auf Kosten des Landes, welches er ja ach so sehr liebte - wer so einen Typen immer noch als leuchtendes Vorbild an Rechtschaffenheit und Leistung feiert, der lädt sich natürlich auch Faschisten als Gesprächspartner ein. Den Rechten keine Stimme überlassen, indem man selber so Rechts wie möglich ist - das ist ihre CSU.

Und nun also das: Applaus von Orban, Applaus von der AfD, Quasi-Applaus von der NPD: Die CSU ist anscheinend endlich dort angekommen, wo sie hin wollte. Und Merkel hat nichts besseres zu tun, als ihr zuzuarbeiten. Keine Ahnung woher diese Angst vor den Krachledernen kommt, aber sie lässt sich von denen erst auf der Nase herumtanzen und dann tanzt sie nach deren Pfeife. Wow, wie sehr sollte man sich noch vom provinziellen Juniorpartner demütigen lassen? Die Schmerzgrenze scheint da ziemlich hoch. Vielleicht denkt sie auch, dass nun all die Negativ-Schlagzeilen an Seehofer hängen bleiben, während sie sich noch ein bisschen in dem fälschlicherweise international empfundenen Sonnenschein aalen kann, der denkt, sie sei die Kanzlerin mit Herz, die sich so für die Flüchtlinge eingesetzt hat und nicht etwa die passivste Politikerin aller Zeiten, der die Zufälle nur so in den Schoß fallen. Aber was sie dabei nicht bedenkt ist, dass Seehofer international gar keine Rolle spielt, nicht mal ansatzweise. Interessiert niemanden. Kommt alles auf sie zurück.

Bayern, du bist politisch ein großes Problem-Land. Auch wenn dort irrsinnig viele Menschen leben und herkommen, die ich bewundere und liebe. Ich wünschte dann immer, sie würden dich so schnell wie möglich verlassen und irgendwo hin gehen, wo man sie schätzt, wo man Freigeister spannend findet und nicht störend. Und dann könntest du, Bayern, ganz easy unter deinesgleichen bleiben und ihr könnt euch fortpflanzen und sehen, wie weit ihr kommt, ohne Menschen von aussen, die euch helfen und bereichern.

CSU, du bist die mit Abstand unchristlichste Partei aller Zeiten und das weißt du auch und es ist dir scheissegal, aber es sollte dann doch noch mal jemand aufgeschrieben haben. Das “C” in deinem Namen bedeutet: “Hängt ein Kruzifix in mein Büro und Heiligabend komm ich in den Gottesdienst!”, und das wars. End of christlich. Keine Nächstenliebe vorhanden, kein christlicher Gedanke, nix.

Ihr kommt für eure Unmenschlichkeit alle in die Hölle und da wartet FJS schon auf euch und muss jedem einzeln erklären, warum und was er alles falsch gemacht hat. Und euer Mythos und Held bricht vor euren Augen zusammen zu der kleinen, jämmerlichen Figur, die er ist und war und er darf erst da weg, wenn er seinen letzten Fan persönlich aufgeklärt hat und da ihr eifrig an dem Mythos strickt und euren Strauß Jahr um Jahr um Jahr zum großen Staatsmann und CSU-Übervater stilisiert, wachsen immer wieder Fans nach und er wird niemals erlöst. Dumm gelaufen.

Weißt du, was Politik und Politiker real macht, CSU? Weißt du, was die Leute gerne sehen? Soll ich dir sagen, was man glaubt? Es ist so simpel, wie doof: Dass jemand auch mal einen Fehler macht. Und den einsieht. Und zugibt. Und sich entschuldigt. Übrigens auch ein zentrales Thema des Christentums, Vergebung und so. Könnte man wissen. Aber du, CSU, siehst dich und deine Leute als unfehlbar. Und das wird dir irgendwann auf die Füße fallen. Keine Ahnung wann. Der Leidensdruck auf dem bayerischen Land ist offensichtlich noch nicht hoch genug. Aber er wird steigen. Und dann bekommst du die Quittung. Und ey, wer weiß, vielleicht wird dein Land dann auch wirklich wieder frei und liberal. Offen und neugierig. Und damit wieder eine echte Urlaubsalternative. Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Aber so lange diese Regierung an der Alleinherrschaft ist, die einschüchtert und abschreckt und nur denen in den Arsch kriecht, die mit Geldscheinen wedeln, so lange sind wir beide leider getrennt, Bayern. Ich wünschte es wäre anders. I love you, but you´ve chosen Vorurteile.

Ach so, nur der Vollständigkeit halber: Durch die Blume zu sagen, man wolle den Flüchtlingsstrom stoppen, damit das Oktoberfest in Ruhe vonstattengehen kann, ist an unchristlicher Schäbigkeit und rassistischer Unverschämtheit kaum zu überbieten. Da dürfte man selbst in den braunsten Kreisen respektvoll überrascht durch die Zähne gepfiffen zu haben:



Fünfzehntausend

Ich hab mich total vertan. Im ersten Moment, als ich gehört habe, dass 10.000 Menschen durch Dresden marschieren und meinen, für Deutschland zu demonstrieren, habe ich mich total erschrocken. Vor der großen Zahl. Vor der großen Ahnungslosigkeit. Vor dem großen Hass.

Eine Woche später waren sogar 5000 Demonstranten mehr dabei, aber plötzlich hatte ich gar keine Angst mehr. Es wurde sogar noch besser: Ich hab mir die angeguckt, hab alles gelesen, was ich in die Finger bekam, gehört, geschaut. Und was soll ich sagen: Ich musste plötzlich total lachen. Denn sind wir doch mal ehrlich: Diese Fremdenfeindlichkeit, die sich da endlich mal für jeden sichtbar entlädt, die ist doch total absurd. Aus dem letzten Jahrtausend. Ein Anachronismus, der sich jetzt noch einmal aufbäumt, so wie Plateauschuhe von Buffalo, aber das kann man doch beim besten Willen nicht ernst nehmen.

Ich gucke mir diese Menschen an und denke: Ich kann ja niemandem verbieten, für dumme Dinge auf die Straße zu gehen, dumme Dinge nachzuplappern oder dumme Dinge zu glauben, nur weil sie so dumm sind, dass es jedem denkenden und empathischen Menschen schwer fällt, zu glauben, dass das überhaupt mal jemand so formuliert hat oder irgendjemand ernsthaft glauben kann.

“Man muss die Sorgen ernst nehmen” heißt es und zuerst habe ich genauso gedacht. Aber einen Scheiß muss man. Man muss den Pegida Demonstranten die kalte Schulter zeigen. Den Rücken zudrehen. Ich muss niemanden bekehren, ich verlange Selbstverantwortung von meinen Mitmenschen. Dialog kann sich nicht immer nach dem dümmsten Menschen im Raum richten, sonst geht es nicht voran.

Die Pegida ist ein Witz. Und wenn morgen 20.000 durch Dresdens Straßen ziehen. Dann sind das eben 20.000 Idioten. Warum sollte es nicht so viele dumme Menschen geben und warum sollten die sich nicht versammeln, um ihre Dummheit gemeinsam zu zelebrieren? Das macht doch total Sinn.

Wir müssen keinen Dialog mit denen suchen. Wir haben alle Türen offen gehalten. Die möchten nicht reden. Das ist okay. Aber dann sollen die auch die Fresse halten, wenn man über sie redet, denn offensichtlich wollen sie es nicht anders (man kommt so natürlich auch schneller in die Opferrolle). Sie sind argumentativ widerlegt, faktisch widerlegt und ethisch widerlegt. Wenn sie jetzt, zwei Tage vor Weihnachten, mit so vielen auf die Straße gehen, um gegen Mitmenschlichkeit zu demonstrieren, dann haben sie selber zu verantworten, eben jene Idioten zu sein, die an der “Wahrheit” so sehr interessiert sind, wie die AfD an einem gerechten und sozialen Staat. Nämlich gar nicht.

Ich habe kein Mitleid mehr für die Demonstranten. Nur Verachtung. Pegida, ihr seid wirklich eine der lächerlichsten Veranstaltungen, die jemals durch deutsche Straßen gezogen ist. Ihr seid nicht das Volk, ihr seid nicht Deutschland, ihr seid nicht mal Demokraten. Ihr seid einfach ein Haufen sehr vieler, sehr dummer Menschen. Das ist eigentlich alles.

Macht bitte weiter. Werdet mehr und mehr. Nichts ist schöner, als Idioten bei der Selbstentblössung zuzusehen.



Zehntausend

10.000 Menschen sind durch Dresden gelaufen, um gegen eine Religion zu demonstrieren. 10.000 Menschen, die sich Sorgen machen. 10.000 Menschen, die vielleicht Angst haben. 10.000 Menschen, die so viel Angst haben, dass sie deswegen auf die Straße gehen. Unter diesen Menschen war bestimmt ein Bäcker, bei dem sich die Leute morgens ihr Brot und ihre Zeitung holen. Darunter war bestimmt eine Kassiererin, bei der man seine Lebensmittel bezahlt. Mindestens einer in dieser Menge war sicher Lehrer, vielleicht für Physik. Bestimmt war auch eine Polizistin dabei. Eine Metzgerin. Ein Verwaltungsfachangestellter. Ein Versicherungsvertreter. Eine Zahnärztin. Ein Automechniker. Eine Putzfrau. Eine Buchhändlerin. Eine Dolmetscherin. Ein Koch. Ein Bauer. Eine Straßembahnfahrerin. Ein Bauarbeiter. Ein Programmierer. Eine Rentnerin. Eine Schauspielerin. Ein Musiker.

Selbstbewusst marschieren sie durch die Straßen, rufen “Wir sind das Volk” und fühlen sich auch so. Fühlen sich ungerecht behandelt. Glauben, die Welt besser zu machen, sie vor sich selbst zu schützen. Meinen den Finger in die Wunde zu legen, mit Informationen, die sie sich zusammen gesucht haben, von Menschen veröffentlicht, die wollten dass es genau zu dem kommt, wie es jetzt ist. Sie handeln aus Notwehr. Unverstanden und bisweilen sogar belächelt von einer Politik, die nur noch wegducken als Strategie kennt. Einer Arbeitswelt, die ein solches Verhalten adaptiert. Mitten in einem Sturm aus Informationen, in denen zuerst der gehört wird, der am lautesten ist oder am abstrusesten, was bei Informationen ungefähr den gleichen Effekt hat.

10.000 Menschen gehen auf die Straße, weil sie die Welt nicht mehr verstehen. Weil sie aufgehetzt, instumentalisiert und vor den Karren gespannt werden. Diesen Menschen wurde ein einfaches Feindbild konstruiert, dass sie dankend angenommen haben. Sie müssen die Schuld für ihre Misere nicht mehr in komplexen Zusammenhängen suchen, in einer Politik, die sie vergessen hat. Sie haben einen Sündenbock auf dem Silbertablett serviert bekommen: Der schlechte Asylant.

Rhetorik aus der Zeit, in der die ersten Asylbewerberheime brannten, taucht plötzlich wieder auf der Oberfläche auf. “Wirtschaftsflüchtlinge”, “Das Boot ist voll”, “Scheinasylanten”, “Die wollen sich doch hier nur durchfressen!” oder, mit Hinblick auf die menschenunwürdige Unterbringung vieler Asylsuchender hierzulande: “Denen geht es hier doch gut! Die kriegen mehr als Hartz IV!”.

Die Saat ist aufgegangen, die Hetze hat gezogen. All die Menschen, die seit Jahren Resentiments schüren, nennen wir sie mal BroSaPi, können sich nun die Hände reiben. Ausgerechnet auch noch in Dresden! Vor wenigen Wochen noch haben wir gefeiert, dass die Menschen hierzulande seit 25 Jahren nicht mehr fliehen müssen, nicht mehr alles zurück lassen müssen, um bei Null anzufangen. Nicht mehr Arbeit, Freunde, Familie verlassen müssen, um frei zu sein. Frei leben zu können. Und da war nicht mal ein Krieg, da waren keine zerstörten Heime. Da war totale Unfreiheit. Eingesperrtheit. Und die wurde gemeinsam aufgebrochen, friedlich niedergerungen.

Nun gehen die Menschen mir den gleichen Sprüchen wie damals auf die Straße. Aber alles ist anders. Sie kämpfen nicht für sich, sondern gegen Andere. Sie sind nicht beseelt von einem “Alles ist möglich”-Gefühl, sondern von einem “Nichts geht mehr”. Vielleicht kann ich diese Menschen verstehen. Aber vielleicht ist das Verständnis auch fehl am Platz. Mir macht es Angst, wenn 10.000 Menschen gegen Fremde auf die Straße gehen. Da kann am Ende nichts Gutes bei rauskommen.

Pegida, ihr mögt ein Querschnitt aus dem Volk sein, aber ihr seid nicht das Volk.

Ihr seid die Gefahr.



Generation cc

Man stelle sich folgendes vor: Peter möchte mit mir arbeiten. Er hat eine tolle Idee, was wir zusammen machen könnten. Es soll ein ganz aufregendes Projekt werden, eigentlich noch nie da gewesen. Und ich finde das gut. Ich finde, wir sollten das machen, mag die Idee, bin gerne mit dabei. Um uns zu besprechen brauchen wir mehrere Treffen, die ganze Geschichte ist relativ komplex. Bei einem dieser Treffen, bringt er einen Kollegen mit. Also, ich denke es ist ein Kollege, denn ich kenne ihn nicht, er wird mir aber auch nicht vorgestellt. Er steht eigentlich die ganze Zeit über schräg hinter Peter, nickt mit dem Kopf und hört zu, macht aber sonst nichts. Peter bringt ihn von da an jedes Mal mit, erklärt aber nichts und auch der Kollege sagt nichts, macht nichts, ist einfach nur da. Ich drehe mich so, dass die Dinge, die ich sage, nur Peter hören kann. Aber auch dann dreht er sich einfach wieder zurück, so dass sein Kollege wieder alles mitbekommt.

Das wäre doch irgendwie schräg, oder? Aber genau so etwas passiert mir und vielen Anderen andauernd.

Wenn ich per Email mit irgendwelchen Leuten beruflich zu tun habe, kommt immer irgendwann der Punkt, an dem sie jemanden cc setzen. Manchmal von Anfang an, manchmal erst später. Ich mache mir dann oft den Spaß, das cc zu ignorieren und eben nicht “Reply all” zu drücken, denn ich habe ja von Anfang an nur mit der einen Person kommuniziert. Aber in der Antwort ist das cc in der Regel dann immer wieder gesetzt. Und ich glaube, das ist symptomatisch für unsere Zeit.

Warum werden eigentlich irgendwelche Leute cc gesetzt? Also, ausser wenn mehrere Menschen konkret an diesem einem Projekt arbeiten? Oftmals sind es ja die direkten Vorgesetzten, die als Mitleser eingesetzt werden, aber manchmal auch mehr oder weniger random irgendwelche Kollegen. Die Message, die so ein cc mir als Empfänger sendet, ist folgende: “Du, ich mag dich, aber ich hätte gerne ein paar Zeugen bei unserer Konversation.” Und das ist natürlich wieder direkt zurückzuführen auf ein: “Ich möchte nicht die Verantwortung tragen! Ihr seht, ich bin das nicht alleine schuld! Wir sind alle gemeinsam schuld! Auch ihr Zeugen, ihr habt nicht eingegriffen! Ihr seid auch schuld!”

Ich finde das mittlerweile absolut schrecklich. Als das losging, hab ich es erst nicht so richtig gecheckt. Ich hab dann die cc-Menschen einfach nicht beachtet, weil ich dachte, die seien aus Versehen in der Adresszeile gelandet. Aber irgendwann hab ich natürlich kapiert, dass das System hat. Dass das irgendwann mal jemand für eine gute Idee gehalten hat und dann alle nachgezogen haben. Alles nur unter Zeugen machen. Immer viele Menschen involvieren (ob sie wollen oder nicht, übrigens - gegen eine cc-Setzung kann ich mich als Gesetzter ja erstmal gar nicht wehren). Verantwortung möglichst breit verteilen. Nichts mehr alleine verantworten oder entscheiden müssen.

Ich will jetzt hier auch nicht den alten Sozialromantiker raushängen lassen, aber es gab mal eine Zeit, in der ein Händedruck zweier Menschen bindend war und etwas galt und zwar nicht nur im Kuhhandel auf dem Marktplatz, sondern auch in den Büros und Agenturen dieser Welt. Den hatte jeder zu verantworten. Und gerade eine schriftliche Konversation wie Email, hat ja schon so etwas wie ein bindendes Gespräch. Schliesslich steht ja alles schon “schwarz auf weiss”. Dann warum muss da noch eine “Sicherheitsebene” gezogen werden? Ich mag damit alleine stehen, weil sich jeder schon dran gewöhnt hat, aber ich finde das einfach extrem unhöflich. Für mich fühlt sich das auch nach starkem Misstrauen an. Und dieses Gefühl ist die Wurzel allen Übels. wäre ich ein großer Freund übertriebener Verkürzungen (was ich manchmal bin), könnte ich es auch so formulieren:

Der Akt des cc setzens hetzt Menschen gegeneinander auf.

Ein wenig polemisch, ich weiss, aber ich übernehme die Verantwortung für diesen Satz. cc setzen ist Misstrauen. Misstrauen ist das schlimmste Gefühl der Welt. Misstrauen entzweit die Menschen.

Deswegen: Lasst es sein. Nehmt euren Gegenüber wieder ernst. Nehmt euch selber wieder ernst. Ihr könnt Dinge entscheiden. Ihr könnt das auch alleine. Ihr werdet vielleicht auch mal daneben hauen, aber das ist dann eure eigene Verantwortung. Befreit euch aus den Ketten der Absicherung. Vertraut auf euch selbst! Hört auf ein Klima zu schaffen, in dem niemand mehr irgendwem über den Weg traut. Manche Menschen werden euch sicherlich enttäuschen. Aber diejenigen, die es nicht tun, sind es tausend Mal wert. Nicht immer nach den Arschlöchern richten. Sondern nach den Guten.

Damit die Welt wieder ein bisschen nicer wird.



Wie mir mal mein Essen, dass ich gerade erst bestellt hatte, fast schon vorher wieder hochgekommen wäre…

Eine Sommernacht. Ich sitze vor einer Pizzeria in Berlin und warte auf mein Essen. Mir schräg gegenüber setzen sich drei Jungs, schätzungsweise Anfang/Mitte 20. Auch sie müssen warten, bis ihre Pizza fertig ist. Sie blitzen bei einem Mädchen ab, dass sie, recht ungelenk, versuchen gemeinsam anzugraben. Sofort switcht ihre Aufmerksamkeit auf mich (ich hab mal alles, was ich sage, kursiv gesetzt):

“Hey, hey du. Bist du deutsch?”
Ja, bin ich.
“Und bist du Jude? Oder Israeli?”
Äh, nein, ich komme von hier.
“Und was denkst du über Israel? Bist du Israel-Fan?”

Ich spüre zwar eine gewisse rauhbeinigkeit in den Fragen, aber ich bleibe ganz ruhig und möchte mich wirklich auf das Gespräch einlassen. Man hört und liest so viel in letzter Zeit. Hier scheint der erste Moment zu sein, in dem ich mal erleben oder prüfen kann, was an all den Horrorszenarien, von denen man immer nur liest, dran sein soll. Die Jungs, vor allem einer von ihnen, scheinen das Gespräch mit mir zu suchen.

Ich verstehe nicht ganz, was das heissen soll. Ich hab nix gegen Israel oder Juden. Ich muss kein Fan ihrer Regierung sein.
“Oh! Ein Judenfan!”

Okay, ich nehme mir strikt vor ruhig und halbwegs sachlich zu bleiben. Ich möchte auf die Provokationen nicht eingehen. Die sind Beiwerk. Ich will zum Kern: Herausfinden, was sie wirklich über den Konflikt zu meinen wissen, herausfinden, wo sie ihre Meinung her haben.

Häh?
“Sind wir doch mal ehrlich: Die Juden hatten Glück, das es den Holocaust gab, deswegen dürfen wir Deutsche nämlich nichts mehr gegen die sagen.”

Ich bin das erste Mal sprachlos, nachdem mir der Junge, der so wirkte, als hätte er am meisten auf dem Kasten, mir diesen Satz grinsend auftischt. Ich glaube, ich soll immer noch “nur” provoziert werden, aber ich muss schon sehr schlucken. Ihre Masche funktioniert also. Ich versuche abzuwägen. Da schaltet sich ein anderer aus der Dreiergruppe ein.

Ich finde, man kann diesen Konflikt nicht so schwarz-weiß sehen. Da sind auf beiden Seiten Aggressoren, die anscheinend kein Interesse an einer friedlichen Lösung haben. Die Hamas zum Beispiel, die nimmt die Zivilbevölkerung ja im Grunde genommen als Schutzschilde…
“Drei tote Israelis und 1000 tote Palästinenser!”
Naja, ich bin mir da jetzt nicht so sicher, ob das korrekte Zahlen sind. Da ist ja auch viel Propaganda am Start…
“Ach, wo hast du denn deine Zahlen her? Aus der Tagesschau? Alles deutsche Lügenpresse. Die kriechen den Juden doch in den Arsch!”

Puh. Der Typ, der das gesagt hat, ist deutlich aggressiver als seine zwei Freunde. Und während ich noch versuche, zu appellieren, dass man in dem vorliegenden Konflikt wohl bei jeder Informationsquelle vorsichtig sein sollte, setzt er zum finalen Move an.

Also, ich denke die sind noch deutlich seriöser als irgendwelche Internetseiten. Die erzählen zum größten Teil ziemlichen Müll.
“Ach, Schwachsinn. Ich bin stolz ein Antisemit zu sein!”

Das hat der wirklich so gesagt. Ich sitze im Sommer 2014 auf einer Bank vor einem italienischen Imbiss in Neukölln. Nebenan ein Thai-Imbiss und ein Dönermann. Eine Touristin aus Island bestellt etwas zu essen. Und vor mir sitzt ein Typ, der mir erzählen will, dass er stolz sei, Leute zu hassen, weil ihm ihre Religion nicht passt. Da sitzt ein Typ, den Hitler und seine abartigen Schergen auch weggesperrt und in irgendwelche Lager gesteckt hätten, weil er nicht arisch genug aussieht und propagiert Ansichten der Nazis. Ich hab mich, glaube ich, in einem Gespräch noch nie so erschrocken. Ich war total baff und wußte gar nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte gerade ansetzen. Dass doch im Koran zum Beispiel stehen würde, dass jeder glauben soll, was er will.

109. Die Ungläubigen (Al-Káferün)
1. Sprich: «O ihr Ungläubigen!
2. Ich verehre nicht das, was ihr verehret,
3. Noch verehrt ihr das, was ich verehre.
4. Und ich will das nicht verehren, was ihr verehret;
5. Noch wollt ihr das verehren, was ich verehre.
6. Euch euer Glaube, und mir mein Glaube.»

Aber wie weit wäre ich mit diesem Beispiel gekommen? Ist da noch ein durchkommen möglich? Ich wollte aufs Ganze gehen, wollte es wissen, wollte dieses Gespräch weiterführen. Diese Jugendlichen waren verblendet. Ich würde eine Möglichkeit finden müssen, an sie ranzukommen. An ihre Vernunft zu appellieren. Irgendwie würde ich ihnen ihren Irrtum doch klar machen können müssen!

“Pizza ist fertig. Und Jungs, bitte beendet jetzt mal euer Gespräch.”

Aus Angst, Kunden zu vergraulen, bat der Pizzabäcker, mit fester Stimme, um das Ende unserer Unterhaltung. Und ich hatte Hunger. Und war, ehrlich gesagt, ganz froh, aufstehen und weggehen zu können. Aber, so pathetisch das auch klingen mag, irgendwas von mir ist auf dieser Bank sitzen geblieben. Vielleicht der naive Glaube, dass solche Sprüche, solche Parolen immer ganz weit weg sind. Immer bei den Anderen. Ne, sind sie nicht.

Sie sind neben mir am Tisch.



No know

Irren ist zu einem absoluten No-Go geworden. Man darf sich nicht mehr irren. Das vermutlich Einzige, das noch schlimmer ist, als sich zu irren (oder zuzugeben, sich zu irren) ist sich zu korrigieren. Derjenige, der sich korrigiert, ist nach Internetmassstäben eigentlich schon gar kein Mensch mehr. Man kann sich doch nicht irren und dann auch noch korrigieren! Wenn man sich irrt, dann sollte man gefälligst ganz viele Argumente sammeln (=googlen), die den Irrtum als richtig bestätigen. Sonst kann man ja gleich sagen, dass man keine Ahnung hat!

Aber mal im Ernst: Im Moment spüre ich es wieder ganz stark, dieses Verlangen nach einer Auszeit. Ich will aber gar nicht das Netz, das ja so viele tolle Seiten hat, die ich sehr liebe, für eine gewisse Zeit verlassen. Ich will eine Auszeit für die Anderen. Ich möchte, dass diejenigen, die für dieses Klima sorgen, verschwinden. Sie haben ihr Recht auf Internet gehabt und sie haben Scheisse damit gebaut und nun sollte man es ihnen wieder entziehen. Sie hatten es in der Hand und sie haben es verbockt.

Wenn man zu politischen Themen nicht innerhalb von fünf Sekunden, nachdem die erste Meldung bei Spiegel Online aufpoppte, eine fundierte (sprich: mindestens durch fünf Seiten bei Google verifizierbare) Meinung hat, kann man sich gleich gehackt legen. Nun, es gibt einfache, gesellschaftspolitische Themen, da braucht man tatsächlich nur Sekunden um sich festzulegen. Die “Gaucho”-Affäre, die ja eher eine “Journalisten versuchen mit Gewalt ihre Meinungshoheit zu behalten, aber haut nicht so gut hin”-Affäre war, ist so ein Fall. Das ist so überschaubar konstruiert, da braucht man nicht lang. Man muss vielleicht ein paar Fallstricke umschiffen, um nicht in der “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!”-Soße zu landen, die versucht die Diskussion für sich auszunutzen, aber da kommt man recht sicher durch.

Anders zum Beispiel die Situation im Gaza-Streifen. Ich höre die Nachrichten, ich sehe sie, ich bin sehr bewegt und tief erschrocken. Aber ich bin auch erschrocken um meine totale Unwissenheit, was diesen Konflikt betrifft. Also, ja, ein paar Basics weiß ich natürlich schon, aber niemals genug, um mir ein komplettes Bild zu machen. Ich halte diesen aufziehenden Krieg für ein äusserst diffiziles Konstrukt, mit tausenden Betrachtungsmöglichkeiten. Aber was ich in meine diversen Timelines gespült bekomme, sind nur strikte und feste Meinungen. Von direkt Betroffenen wundern die mich nicht, da finde ich die auch richtig und würde denen niemals widersprechen. Aber die Meinungen mancher Menschen scheinen mir eher sehr vorgefestigt zu sein und sie googlen sich dann die Meldungen zusammen, die ihnen argumentativ in den Kram passen und schiessen die dann auf ihre Timelines als angeblichen Beweis raus. So war das aber eigentlich nicht gedacht, mit der Informationsgesellschaft. You´re doing it wrong.

Informationsgesellschaft bedeutet nicht “Ich suche mir die Information, die ich will”, sondern “Ich habe die Verantwortung, sorgfältig mit Informationen umzugehen, auch wenn sie meiner Meinung widersprechen”.

Ich kann es nur immer wieder ausrufen:

Irrt euch! Macht Fehler! Gebt zu, keine Ahnung zu haben!

Das tut nicht weh, im Gegenteil, das kann sogar sehr befreiend sein. Es gibt nicht auf alles einfache Antworten. Aber dort, wo es keine einfachen (oder nur zu einfache) Antworten gibt, ist nicht die denkbar unglaublichste oder geheimste Antwort die richtige. Es macht nix, nix zu wissen. Das lässt sich einfach ändern. Es macht viel mehr, sich das nicht eingestehen zu wollen.



Gleich und Gleich und doch nicht Gleich.

Ja, klar gibt es Unterschiede:

Ich hatte gestern den ganzen Tag lang Lust zu tanzen. Ich wollte unbedingt das Tanzbein schwingen, mal wieder die Musik durch mich durch schleudern und einfach loslassen. Den Beat im Solar Plexus spüren und wie er sich von dort im ganzen Körper verteilt, bis in die Arme, bis in die Beine, bis in die Finger- und Zehenspitzen. Deswegen habe ich mir den halben Tag lang eine Playlist gebastelt, mit Liedern, zu denen ich gerne tanzen würde. Die sah so aus:

Nun gibt es aber keinen mir bekannten Club in Berlin, in dem exakt so eine Musik läuft. Aber gestern war ja CSD und bei mir in der Nähe ist ein großer Schwulenclub (natürlich auch für Lesben und Bis und queere Eumel und Eumelinnen und Transgender und allem, was noch dazu gehört), die haben eine große CSD-Party gemacht. Und dann lag ich da so zu Hause, nach diesem semifrustrierenden Deutschlandspiel und hab überlegt, was ich machen soll. Und die Lösung war: Da gehste jetzt mal hin, in den Club.

Was soll ich sagen: Es war ein großer Spaß. Ich bin volle Lotte auf meine Kosten gekommen. Denn so ein Laden mit größtenteils schwulem Publikum hat einen ganz wundervollen Vorteil: Ich hab keine Ahnung, wann ich zum letzten Mal in einer weniger aggressiven Disco war, als da. Nicht falsch verstehen: Das bedeutet nicht, dass Schwule nicht aggressionsfähig wären (warum sollten sie das auch nicht sein?), sondern weil nicht ein Rudel Männer nach den Frauen sucht, die noch anzubaggern sind. Es wurde ausgegangen um zu feiern und zu tanzen und ja, sicher auch um jemanden abzuschleppen - aber das passiert offensichtlich mit einer viel weniger aggressiven Dringlichkeit, als in Heten-Clubs. Wie herrlich das war, wie toll ich getanzt hab. Gut, ich war ein bisschen enttäuscht, dass mich niemand angegraben hat, aber vielleicht hab ich ja “HETE” in Leuchtbuchstaben auf der Stirn stehen. Oder ich habs nicht gemerkt (wer jetzt schreibt “Oder du bist nicht attraktiv.”, den hau ich), kann auch gut sein. Aber deswegen war ich ja auch nicht da. Ich wollte ein Bierchen trinken, etwas tanzen und das habe ich auf perfekteste Art und Weise bekommen. Danke dafür. Was für ein Fest. Ich geh nirgendwo anders mehr hin. Wenigstens zum tanzen.

Es gibt aber auch Nicht-Unterschiede:

Wir haben in der Regel zwei Beine, zwei Arme, Bauch, Brust, Kopf, Pimmel. Es gibt keine schwulen Körper. Es gibt auch keine heterosexuelle Spucke.

Aber offensichtlich gibt es homo- und bisexuelles Blut.

Das ist nämlich per Gesetz nicht gleichwertig zu heterosexuellem, welches munter gespendet werden darf. Homosexuelles nicht. Und das ist auf so vielen Ebenen falsch.

- An jeder Ecke lerne und höre ich “Jede Spende ist wichtig, jede Spende kann Leben retten!”. Nur um dann potentiellen Spendern zu sagen: Aber ihr dürft nicht, sorry, ihr seid schwul geboren, ihr dürft keine Leben retten. Wie absurd ist das?

- Es diskriminiert Homosexuelle in einem irritierenden Maße, welches ich 2014 nicht nur für nicht mehr zeitgemäss halte, sondern für absolut erstaunlich, dass es überhaupt noch existiert.

- Und jetzt mal ganz ehrlich: Es sollte bei einer Blutspende natürlich darauf geachtet werden, dass es sich nicht um wie auch immer infiziertes Blut handelt, aber mit wem ich wann und wie ins Bett gehe, hat denen SCHEIßEGAL zu sein. Im Gegenteil: Die sollten mir den Teppich ausrollen, wenn ich komme. Und davon abgesehen: Wie wollen die eigentlich checken, dass ich nicht einfach behaupte hetero oder homo zu sein? Muss ich ein Fotoalbum mitbringen? Werden mir erotische Bilder beiderlei Geschlechtes gezeigt und dabei mein Ständerwinkel gemessen?

Wir schütteln verstört die Köpfe darüber, dass irgendwelche Religionsspinner kein Spenderblut annehmen dürfen oder wollen und blicken schulterzuckend hin, wenn gesunde Menschen lebensrettendes Blut spenden wollen, aber nicht dürfen. Mal ganz ehrlich:

Wie absurd ist das?

Deswegen, selten genug, aber dieses Mal gerechtfertigt und wichtig: Geht bitte HIER hin und unterschreibt diesen absolut essentiellen und wichtigen Appell. Auf das diese durch absolut nichts zu rechtfertigende Ungerechtigkeit abgeschafft wird.

Liebt wen ihr wollt, verdammte Axt und lasst uns immer darauf achten, dass das jeder problemlos kann.

Und tanzt, tanzt, tanzt.