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Wie mir mal mein Essen, dass ich gerade erst bestellt hatte, fast schon vorher wieder hochgekommen wäre…

Eine Sommernacht. Ich sitze vor einer Pizzeria in Berlin und warte auf mein Essen. Mir schräg gegenüber setzen sich drei Jungs, schätzungsweise Anfang/Mitte 20. Auch sie müssen warten, bis ihre Pizza fertig ist. Sie blitzen bei einem Mädchen ab, dass sie, recht ungelenk, versuchen gemeinsam anzugraben. Sofort switcht ihre Aufmerksamkeit auf mich (ich hab mal alles, was ich sage, kursiv gesetzt):

“Hey, hey du. Bist du deutsch?”
Ja, bin ich.
“Und bist du Jude? Oder Israeli?”
Äh, nein, ich komme von hier.
“Und was denkst du über Israel? Bist du Israel-Fan?”

Ich spüre zwar eine gewisse rauhbeinigkeit in den Fragen, aber ich bleibe ganz ruhig und möchte mich wirklich auf das Gespräch einlassen. Man hört und liest so viel in letzter Zeit. Hier scheint der erste Moment zu sein, in dem ich mal erleben oder prüfen kann, was an all den Horrorszenarien, von denen man immer nur liest, dran sein soll. Die Jungs, vor allem einer von ihnen, scheinen das Gespräch mit mir zu suchen.

Ich verstehe nicht ganz, was das heissen soll. Ich hab nix gegen Israel oder Juden. Ich muss kein Fan ihrer Regierung sein.
“Oh! Ein Judenfan!”

Okay, ich nehme mir strikt vor ruhig und halbwegs sachlich zu bleiben. Ich möchte auf die Provokationen nicht eingehen. Die sind Beiwerk. Ich will zum Kern: Herausfinden, was sie wirklich über den Konflikt zu meinen wissen, herausfinden, wo sie ihre Meinung her haben.

Häh?
“Sind wir doch mal ehrlich: Die Juden hatten Glück, das es den Holocaust gab, deswegen dürfen wir Deutsche nämlich nichts mehr gegen die sagen.”

Ich bin das erste Mal sprachlos, nachdem mir der Junge, der so wirkte, als hätte er am meisten auf dem Kasten, mir diesen Satz grinsend auftischt. Ich glaube, ich soll immer noch “nur” provoziert werden, aber ich muss schon sehr schlucken. Ihre Masche funktioniert also. Ich versuche abzuwägen. Da schaltet sich ein anderer aus der Dreiergruppe ein.

Ich finde, man kann diesen Konflikt nicht so schwarz-weiß sehen. Da sind auf beiden Seiten Aggressoren, die anscheinend kein Interesse an einer friedlichen Lösung haben. Die Hamas zum Beispiel, die nimmt die Zivilbevölkerung ja im Grunde genommen als Schutzschilde…
“Drei tote Israelis und 1000 tote Palästinenser!”
Naja, ich bin mir da jetzt nicht so sicher, ob das korrekte Zahlen sind. Da ist ja auch viel Propaganda am Start…
“Ach, wo hast du denn deine Zahlen her? Aus der Tagesschau? Alles deutsche Lügenpresse. Die kriechen den Juden doch in den Arsch!”

Puh. Der Typ, der das gesagt hat, ist deutlich aggressiver als seine zwei Freunde. Und während ich noch versuche, zu appellieren, dass man in dem vorliegenden Konflikt wohl bei jeder Informationsquelle vorsichtig sein sollte, setzt er zum finalen Move an.

Also, ich denke die sind noch deutlich seriöser als irgendwelche Internetseiten. Die erzählen zum größten Teil ziemlichen Müll.
“Ach, Schwachsinn. Ich bin stolz ein Antisemit zu sein!”

Das hat der wirklich so gesagt. Ich sitze im Sommer 2014 auf einer Bank vor einem italienischen Imbiss in Neukölln. Nebenan ein Thai-Imbiss und ein Dönermann. Eine Touristin aus Island bestellt etwas zu essen. Und vor mir sitzt ein Typ, der mir erzählen will, dass er stolz sei, Leute zu hassen, weil ihm ihre Religion nicht passt. Da sitzt ein Typ, den Hitler und seine abartigen Schergen auch weggesperrt und in irgendwelche Lager gesteckt hätten, weil er nicht arisch genug aussieht und propagiert Ansichten der Nazis. Ich hab mich, glaube ich, in einem Gespräch noch nie so erschrocken. Ich war total baff und wußte gar nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte gerade ansetzen. Dass doch im Koran zum Beispiel stehen würde, dass jeder glauben soll, was er will.

109. Die Ungläubigen (Al-Káferün)
1. Sprich: «O ihr Ungläubigen!
2. Ich verehre nicht das, was ihr verehret,
3. Noch verehrt ihr das, was ich verehre.
4. Und ich will das nicht verehren, was ihr verehret;
5. Noch wollt ihr das verehren, was ich verehre.
6. Euch euer Glaube, und mir mein Glaube.»

Aber wie weit wäre ich mit diesem Beispiel gekommen? Ist da noch ein durchkommen möglich? Ich wollte aufs Ganze gehen, wollte es wissen, wollte dieses Gespräch weiterführen. Diese Jugendlichen waren verblendet. Ich würde eine Möglichkeit finden müssen, an sie ranzukommen. An ihre Vernunft zu appellieren. Irgendwie würde ich ihnen ihren Irrtum doch klar machen können müssen!

“Pizza ist fertig. Und Jungs, bitte beendet jetzt mal euer Gespräch.”

Aus Angst, Kunden zu vergraulen, bat der Pizzabäcker, mit fester Stimme, um das Ende unserer Unterhaltung. Und ich hatte Hunger. Und war, ehrlich gesagt, ganz froh, aufstehen und weggehen zu können. Aber, so pathetisch das auch klingen mag, irgendwas von mir ist auf dieser Bank sitzen geblieben. Vielleicht der naive Glaube, dass solche Sprüche, solche Parolen immer ganz weit weg sind. Immer bei den Anderen. Ne, sind sie nicht.

Sie sind neben mir am Tisch.



No know

Irren ist zu einem absoluten No-Go geworden. Man darf sich nicht mehr irren. Das vermutlich Einzige, das noch schlimmer ist, als sich zu irren (oder zuzugeben, sich zu irren) ist sich zu korrigieren. Derjenige, der sich korrigiert, ist nach Internetmassstäben eigentlich schon gar kein Mensch mehr. Man kann sich doch nicht irren und dann auch noch korrigieren! Wenn man sich irrt, dann sollte man gefälligst ganz viele Argumente sammeln (=googlen), die den Irrtum als richtig bestätigen. Sonst kann man ja gleich sagen, dass man keine Ahnung hat!

Aber mal im Ernst: Im Moment spüre ich es wieder ganz stark, dieses Verlangen nach einer Auszeit. Ich will aber gar nicht das Netz, das ja so viele tolle Seiten hat, die ich sehr liebe, für eine gewisse Zeit verlassen. Ich will eine Auszeit für die Anderen. Ich möchte, dass diejenigen, die für dieses Klima sorgen, verschwinden. Sie haben ihr Recht auf Internet gehabt und sie haben Scheisse damit gebaut und nun sollte man es ihnen wieder entziehen. Sie hatten es in der Hand und sie haben es verbockt.

Wenn man zu politischen Themen nicht innerhalb von fünf Sekunden, nachdem die erste Meldung bei Spiegel Online aufpoppte, eine fundierte (sprich: mindestens durch fünf Seiten bei Google verifizierbare) Meinung hat, kann man sich gleich gehackt legen. Nun, es gibt einfache, gesellschaftspolitische Themen, da braucht man tatsächlich nur Sekunden um sich festzulegen. Die “Gaucho”-Affäre, die ja eher eine “Journalisten versuchen mit Gewalt ihre Meinungshoheit zu behalten, aber haut nicht so gut hin”-Affäre war, ist so ein Fall. Das ist so überschaubar konstruiert, da braucht man nicht lang. Man muss vielleicht ein paar Fallstricke umschiffen, um nicht in der “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!”-Soße zu landen, die versucht die Diskussion für sich auszunutzen, aber da kommt man recht sicher durch.

Anders zum Beispiel die Situation im Gaza-Streifen. Ich höre die Nachrichten, ich sehe sie, ich bin sehr bewegt und tief erschrocken. Aber ich bin auch erschrocken um meine totale Unwissenheit, was diesen Konflikt betrifft. Also, ja, ein paar Basics weiß ich natürlich schon, aber niemals genug, um mir ein komplettes Bild zu machen. Ich halte diesen aufziehenden Krieg für ein äusserst diffiziles Konstrukt, mit tausenden Betrachtungsmöglichkeiten. Aber was ich in meine diversen Timelines gespült bekomme, sind nur strikte und feste Meinungen. Von direkt Betroffenen wundern die mich nicht, da finde ich die auch richtig und würde denen niemals widersprechen. Aber die Meinungen mancher Menschen scheinen mir eher sehr vorgefestigt zu sein und sie googlen sich dann die Meldungen zusammen, die ihnen argumentativ in den Kram passen und schiessen die dann auf ihre Timelines als angeblichen Beweis raus. So war das aber eigentlich nicht gedacht, mit der Informationsgesellschaft. You´re doing it wrong.

Informationsgesellschaft bedeutet nicht “Ich suche mir die Information, die ich will”, sondern “Ich habe die Verantwortung, sorgfältig mit Informationen umzugehen, auch wenn sie meiner Meinung widersprechen”.

Ich kann es nur immer wieder ausrufen:

Irrt euch! Macht Fehler! Gebt zu, keine Ahnung zu haben!

Das tut nicht weh, im Gegenteil, das kann sogar sehr befreiend sein. Es gibt nicht auf alles einfache Antworten. Aber dort, wo es keine einfachen (oder nur zu einfache) Antworten gibt, ist nicht die denkbar unglaublichste oder geheimste Antwort die richtige. Es macht nix, nix zu wissen. Das lässt sich einfach ändern. Es macht viel mehr, sich das nicht eingestehen zu wollen.



Gleich und Gleich und doch nicht Gleich.

Ja, klar gibt es Unterschiede:

Ich hatte gestern den ganzen Tag lang Lust zu tanzen. Ich wollte unbedingt das Tanzbein schwingen, mal wieder die Musik durch mich durch schleudern und einfach loslassen. Den Beat im Solar Plexus spüren und wie er sich von dort im ganzen Körper verteilt, bis in die Arme, bis in die Beine, bis in die Finger- und Zehenspitzen. Deswegen habe ich mir den halben Tag lang eine Playlist gebastelt, mit Liedern, zu denen ich gerne tanzen würde. Die sah so aus:

Nun gibt es aber keinen mir bekannten Club in Berlin, in dem exakt so eine Musik läuft. Aber gestern war ja CSD und bei mir in der Nähe ist ein großer Schwulenclub (natürlich auch für Lesben und Bis und queere Eumel und Eumelinnen und Transgender und allem, was noch dazu gehört), die haben eine große CSD-Party gemacht. Und dann lag ich da so zu Hause, nach diesem semifrustrierenden Deutschlandspiel und hab überlegt, was ich machen soll. Und die Lösung war: Da gehste jetzt mal hin, in den Club.

Was soll ich sagen: Es war ein großer Spaß. Ich bin volle Lotte auf meine Kosten gekommen. Denn so ein Laden mit größtenteils schwulem Publikum hat einen ganz wundervollen Vorteil: Ich hab keine Ahnung, wann ich zum letzten Mal in einer weniger aggressiven Disco war, als da. Nicht falsch verstehen: Das bedeutet nicht, dass Schwule nicht aggressionsfähig wären (warum sollten sie das auch nicht sein?), sondern weil nicht ein Rudel Männer nach den Frauen sucht, die noch anzubaggern sind. Es wurde ausgegangen um zu feiern und zu tanzen und ja, sicher auch um jemanden abzuschleppen - aber das passiert offensichtlich mit einer viel weniger aggressiven Dringlichkeit, als in Heten-Clubs. Wie herrlich das war, wie toll ich getanzt hab. Gut, ich war ein bisschen enttäuscht, dass mich niemand angegraben hat, aber vielleicht hab ich ja “HETE” in Leuchtbuchstaben auf der Stirn stehen. Oder ich habs nicht gemerkt (wer jetzt schreibt “Oder du bist nicht attraktiv.”, den hau ich), kann auch gut sein. Aber deswegen war ich ja auch nicht da. Ich wollte ein Bierchen trinken, etwas tanzen und das habe ich auf perfekteste Art und Weise bekommen. Danke dafür. Was für ein Fest. Ich geh nirgendwo anders mehr hin. Wenigstens zum tanzen.

Es gibt aber auch Nicht-Unterschiede:

Wir haben in der Regel zwei Beine, zwei Arme, Bauch, Brust, Kopf, Pimmel. Es gibt keine schwulen Körper. Es gibt auch keine heterosexuelle Spucke.

Aber offensichtlich gibt es homo- und bisexuelles Blut.

Das ist nämlich per Gesetz nicht gleichwertig zu heterosexuellem, welches munter gespendet werden darf. Homosexuelles nicht. Und das ist auf so vielen Ebenen falsch.

- An jeder Ecke lerne und höre ich “Jede Spende ist wichtig, jede Spende kann Leben retten!”. Nur um dann potentiellen Spendern zu sagen: Aber ihr dürft nicht, sorry, ihr seid schwul geboren, ihr dürft keine Leben retten. Wie absurd ist das?

- Es diskriminiert Homosexuelle in einem irritierenden Maße, welches ich 2014 nicht nur für nicht mehr zeitgemäss halte, sondern für absolut erstaunlich, dass es überhaupt noch existiert.

- Und jetzt mal ganz ehrlich: Es sollte bei einer Blutspende natürlich darauf geachtet werden, dass es sich nicht um wie auch immer infiziertes Blut handelt, aber mit wem ich wann und wie ins Bett gehe, hat denen SCHEIßEGAL zu sein. Im Gegenteil: Die sollten mir den Teppich ausrollen, wenn ich komme. Und davon abgesehen: Wie wollen die eigentlich checken, dass ich nicht einfach behaupte hetero oder homo zu sein? Muss ich ein Fotoalbum mitbringen? Werden mir erotische Bilder beiderlei Geschlechtes gezeigt und dabei mein Ständerwinkel gemessen?

Wir schütteln verstört die Köpfe darüber, dass irgendwelche Religionsspinner kein Spenderblut annehmen dürfen oder wollen und blicken schulterzuckend hin, wenn gesunde Menschen lebensrettendes Blut spenden wollen, aber nicht dürfen. Mal ganz ehrlich:

Wie absurd ist das?

Deswegen, selten genug, aber dieses Mal gerechtfertigt und wichtig: Geht bitte HIER hin und unterschreibt diesen absolut essentiellen und wichtigen Appell. Auf das diese durch absolut nichts zu rechtfertigende Ungerechtigkeit abgeschafft wird.

Liebt wen ihr wollt, verdammte Axt und lasst uns immer darauf achten, dass das jeder problemlos kann.

Und tanzt, tanzt, tanzt.



Rundum

Lieber Matussek, lieber Pirinçci, lieber Broder, liebe Lewatschoff(Name falsch geschrieben, verbessert, danke @Jigedi!) Lewitscharoff, lieber Sarazzin und alle anderen ähnlichen Krawallschwestern und Radaubrüder, die gerade versuchen ihre Bücher zu verkaufen,

ich hasse euch.

Ich hab mir lange überlegt, ob ich dieses Wort benutzen soll. “Hass”. Nutze ich eigentlich nie. Ja, klar: Man sagt mal “Ich hasse Spargel!” oder “Ich hasse aufräumen” oder so, aber das man irgendwelche anderen Menschen einfach so hasst? Käme mir nie in den Sinn. Deswegen erschrecke ich auch immer, falls mir das dann mal rausrutscht. Ich will gar keinen hassen. Hass ist so derbe brutal, schon als Verb, ich will das nicht. Der Klang schon. Hass. Da schlägt vorne eine Faust und hinten zischt noch eine Schlange. Ich finde, dass ist ein tolles Wort, denn es klingt wirklich genau so hart und schlimm, wie es auch inhaltlich ist.

Nun, wenn man diese Empfindungen und Überlegungen dem zu Grunde legt, was ich eingangs schrieb, dann muss es schon verdammt ernst sein. Und das ist es, meiner Meinung nach auch. Es reicht jetzt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus haben in der Auseinandersetzung mit euch versagt (auch wenn ihr sie nach wie vor munter anwendet), gutes Zureden und der Versuch, in aller Ruhe zu erklären, warum ihr irrt, kommt bei euch gar nicht mehr an, weil der Tinnitus auf euren beiden rechten Ohren schon so ausgeprägt ist, dass nur noch die besonders schrillen und lauten Töne überhaupt eine Chance haben, bis zu eurem Hirn durchzudringen. Man kann euch nicht mehr zur Vernunft bringen, ihr habt alle Seile gekappt. Ihr wollt keinen Diskurs mehr, weil das immer bedeuten würde, die Bereitschaft zu haben, die eigene Meinung zu überdenken. Aber die habt ihr schon lange nicht mehr. Eurer Meinung nach wurde viel zu viel geredet und geredet. Ihr wollt jetzt Aktion. Schluss mit der Laberei, endlich anpacken! Und was macht ihr? Genau. Ihr schreibt ein Buch. Ihr labert rum. Ihr Witzfiguren.

Es geht euch nicht um die Sache. Sarazzin bereitet der herbeiphantasierte “Tugend-Terror” keine schlaflosen Nächte, Pirinçcis Seelenheil hängt nicht davon ab, dass wir wissen, wie er Deutschland findet. Ihr wollt verkaufen. Ihr wollt eure Bücher verkaufen und ihr habt gelernt, dass man am meisten Bücher los wird, wenn man kläfft. Wenn man Ressentiments bedient. Wenn man sich so laut wie möglich artikuliert. Die Leute kaufen euer Buch. Auch wenn sie es nicht lesen, der Kauf allein wird zum Statement, zum Zeichen der Haltung. So wie mir mal ein Typ auf seinem Handy zeigte, dass er da gerade “Deutschland schafft sich ab” liest, weil er abchecken wollte, wie ich drauf reagiere (und als ich gelassen meinte, dass das Buch scheisse sei, musste er gleich ein: “Ich finde, der sagt wahre Sachen…” hinterher schieben…). Eure Bücher sind Trophäen und das wisst ihr. Und wisst ihr was das ist? Schäbig.

Ihr zündelt nicht, ihr giesst Benzin über das ganze Land und zündet das mit einem Flammenwerfer an. Für die paar Euro und das bisschen Applaus aus der Ecke derer, die gar nichts mehr haben und deswegen die Schuld bei allen anderen suchen. Das ist gefährlich, das ist fahrlässig und das ist gemein. Ihr spaltet, nichts an euch ist konstruktiv, ihr schreibt literarische Baseballknüppel, die auf den Köpfen derer landen, die sich bemühen alle Seiten zu vereinen oder wenigstens zum Dialog miteinander zu bringen. Ihr wollt Hass säen und Hass ernten. Das ist keine Wut, denn Wut weiß immer auch, dass sie subjektiv ist - ihr haltet euch aber für Beobachter. Das ist auch keine Verzweiflung, denn zum verzweifeln geht es euch viel zu gut in euren gated Communities, in euren Filterblasen. Das ist kalkulierter Hass. Das ist Talkshowanbiederung. Ihr wollt keine Lösung anbieten, ihr wollt nur “das Kind beim Namen nennen”, um dann bei Will, Plasberg und Illner zu landen. Und euch wie Aufklärer fühlen. Ihr wollt alles kaputt machen, damit ihr die nächste Tankfüllung eures SUV zahlen könnt.

Mir ist da jetzt jede Etikette, jedes Benehmen (diese zwei Begriffe kennt ihr nicht, kann euch aber sicher mal beizeiten jemand erklären) total egal. Ihr seid jetzt meine Feinde. Ich kann mit Feinden leben, mich kann nicht jeder lieben. Auch wenn ich das unangenehm finde, auch wenn ich Harmoniesüchtig bin. Anscheinend gibt es Menschen, die Frieden bewusst ablehnen, weil sie damit nichts verdienen können: Waffenfabrikanten und Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Buchautoren. Eure Bücher und Texte sind Tretminen und damit habt ihr mich als erklärten Gegner. Profit aus dem Leid anderer schlagen ist so ziemlich das erbärmlichste, was man sich leisten kann. Ihr seid inhaltliche und moralische Nullen.

Ich weiß, ein Text wie dieser belustigt euch (wenn ihr ihn überhaupt lest). Und das hat mich bislang auch davon abgehalten, so etwas zu schreiben. Aber ich scheisse auf euren Zynismus. Ich bin viel größer als ihr. Mein Herz kann zum Glück lieben. Und das strahlt eure Geschäftsgrundlage “Hass” kaputt, auch in dieser Welt, auch zu diesen Zeiten.

Deswegen, an dieser Stelle, etwas in eurem Jargon, in eurer Deutlichkeit, in eurer Sprache:

Fickt euch. Hart. Niemand braucht euch.



+++ LIVE-TICKER zu Bokelbergs Beobachtung des Hoeneß-Prozess +++

10:40 Uhr
Immer noch kein Interesse an dem Jahrtausend-Prozess um Hoeneß. Wir halten sie auf dem laufenden.

10:35 Uhr
Bokelberg macht noch keine Anstalten, sich für den Prozess zu interessieren.

10:24 Uhr
Bokelberg öffnet Spiegel Online.

10:11 Uhr
Bokelberg hustet. Sollte dies ein wirklich schlimmer Husten sein?

09:46 Uhr
Bokelberg macht einen ersten Email-Check. Er lächelt. Ist das Taktik?

09:27 Uhr
Ein Tee, Himbeer-Vanille. Vielleicht ein Hilferuf.

08:50 Uhr
Der Hals schmerzt ein wenig. Hustenbefürchtungen des Vorabends scheinen sich zu bestätigen.

08:32 Uhr
Bokelberg wacht in seinem eigenen Bett auf.



Der Wählomat in meinem Kopf

Heiße Wahlkampfzeit!

Und dabei geht es mir wie so vielen anderen auch: Ich hab keine wirklich Ahnung, wen man wählen soll. Also, so eine ungefähre, die hab ich, aber ob die richtig ist…das weiß ich wirklich nicht.

Was will ich eigentlich: Ich will zum Beispiel Merkel nicht mehr als Kanzlerin haben. Ich fühle mich von Angela Merkel in keinster Weise repräsentiert. Im Gegenteil: Ich haben das Gefühl, das Land, das ich mir vorstelle, ist nicht ihres. Ich habe das Gefühl, sie möchte Bestehendes verwalten und alles soll so (ruhig) bleiben wie es ist. Für alles, wovon sie meint keine Ahnung zu haben, holt sie sich Fachleute, die dann aber nach meinem Gefühl ebenso keine Ahnung haben (Aigner, Schröder, Friedrichs). Ich kann hier nur bewerten, was von der Politik, von diesen Leuten ausgehend, bei mir ankommt und das finde ich jedes Mal schlimm. Deswegen soll die CDU weg da. Die steht mir in der Sonne. Die besteht aus Leuten, die im Bundestag sitzen um sich den Arsch vergolden zu lassen. Deswegen machen die auch nix, was Lobbyismus und Bestechung von Abgeordneten betrifft und ganz viel, was Diätenerhöhung und Bevorteilung betrifft (siehe CSU und “Verwandtenbeschäftigung”). Und das finde ich höchst ekelig und unmoralisch. Auch wenn ich Merkel da explizit rausnehme, ich glaube die kotzt auch wenn sie wieder so etwas aus den eigenen Reihen hört. Aber das ist halt auch einfach der Geist der Union: “Heiliger St. Florian, verschon mein Haus, zünd andre an.” Und diese Stimmung verbreiten die dann eben auch in der Gesellschaft. Deswegen kriegen die so viele Stimmen, deswegen werden die gewählt. Weil der Gedanke ist: “Wenn ich CDU wähle, behalte ich mein ganzes Geld für mich alleine. Fick die Anderen.” Und das kotzt mich an.

“Ja, ja! Dann wähl doch die Kommunisten!”, höre ich eifrige Jung-Unioner schon keifen, nachdem sie aus dem Einkaufszentrum und ihrem atemberaubenden Flashmob wieder nach Hause gefunden haben. Aber ganz so einfach ist es nicht. Ich habe tatsächlich eine Zeit lang geglaubt, ich müsste die Linke wählen. Weil die für gerechte Umverteilung sind, ohne wenn und aber. Weil die glauben, das nur Gleichheit eine gerechte Gesellschaft schafft. Und es gibt an dem Grundgedanken ja natürlich auch interessante Aspekte. Und ich mag Gysi. Klar. Wer nicht?

Aber Gysi ist nicht die Linke und es gibt in der Partei noch so einen unfassbar dämlich-verbohrten Alt-Kader, der immernoch der DDR hinterherheult und den ich einfach nicht ernst nehmen kann. Ausserdem habe ich oft genug den Eindruck, man könne sich auch dort nur seltenst zu Klartext durchringen, weil man sich eigentlich immer nach alle Richtungen absichern will. Und ganz schlimm treten die meiner Meinung nach immer dann in Erscheinung, wenn da irgendwo ein Posten neu besetzt werden muss. Dann geht nämlich immer das Macht-Gerangel los, in seinen häßlichst schillernden Farben und beweist: Wenn es um Pöstchen und Macht geht, dann ist es mit dem teilen auch nicht mehr weit her. Bäh. Nervt. Weiter gehen.

Die Grünen. Jahrelang meine Wahl. Aber die verlieren langsam die Themen. Atomausstieg sollte noch schneller gehen. Jo. Nicht so der Bringer. Gerade beim Boom von Ökomärkten und dem dazugehörigen Bewusstsein kommen die Grünen eben nicht in der Mitte an, sondern, eigentlich logisch, lösen sich langsam auf. Klar, es gibt noch viele Baustellen, wo man die braucht, aber jetzt mal so ganz nur vom Namen her…da haben die so viel erreicht, da weiß man gar nicht mehr, was man noch mit denen machen soll, denn ohne Umweltschutz und so macht es eh keine Partei mehr. Heißt: Die Grünen setzen nur noch auf ihre andere Kernkompetenz und das ist “sich unbeliebt machen”. Anti-Raucher-Gesetz in NRW, Veggie Day in deutschen Kantinen und Spitzensteuersatz nicht ausreichend definieren - kommt alles erwartungsgemäss Scheisse an in der breiten Bevölkerung. Nichts davon ist schlecht, aber man braucht halt Strahlkraft, das richtig zu kommunizieren. Göring-Eckardt mag ich persönlich sehr. Aber ist eine beruhigende Natur. Trittin. Nun. Der ist eben Trittin. So charismatisch wie ein trockenes Brötchen in einer Kiste Sand, in der Wüste, auf einem Stapel Bewerbungen von Sozial-Fachangestellten aus Hannover. Den will nun mal wirklich niemand wählen, viel zu Kontrolletti. Da hat sich die Partei mit ihrer letzten Wahl schön selbst massakriert. Roth, egal was man von ihr hält, ist einfach unersetzlich. So jemand fehlt da an der Spitze.

Ob ich die deswegen nicht mehr wähle? Nö. Wie gesagt, ich mag Göring-Eckardt. Aber ich nehme der Partei übel, auf Landesebene mit der CDU koaliert zu haben. Das habe ich als Wähler als allergrößten Verrat (ich weiß: Großes und pathetisches Wort, aber hier empfand ich es so…) empfunden. So als würde ich von den Grünen nicht ernst genommen und ausgelacht und so als hätten die gar keine Grundsätze mehr, sondern wollen nur Macht, Macht und Macht. “Aber das ist doch gut, wenn deine Lieblingspartei Macht bekommt!”, hörte ich ein paar Mal. Jein. Nicht um jeden Preis. Nicht um sich als Junior Partner der Partei am Gängelband halten zu lassen, die das exakte Gegenteil der Grünen ist. Nun war das Landesebene, aber von der Bundesebene kam mir da viel zu wenig Kritik. Die schienen das mitzutragen. Und das hat mir das Herz gebrochen. Wirklich. Da war mir klar: Kann ich (erstmal) nicht mehr wählen. Nicht meine Partei. Und das Messer aus meinem Rücken können sie auch gerne wiederhaben. Ich war offensichtlich recht enttäuscht.

FDP. Ja, genau. Muss man nicht viel zu sagen. Meinen ehrlichsten und aufrichtigsten Dank an Sabine Leutheuser-Schnarrenberger, die in ihrer Amtszeit die schlimmsten Dinge verhindert hat. Als kompetente Politikerin, die sie ist. Und vermutlich einzige übriggebliebene Liberale in ihrer ganzen Partei. Wobei: Auch Westerwelle hat, nach seinem Rückzug, mehr zu sich gefunden. Der könnte, eventuell, sogar noch ein guter Alt-Liberaler werden. Aber der ganze übrige Karrieristen-Dreck, der die Partei bevölkert. Uah. Da wird mir irrsinnig schlecht. Rösler, der Diekmann in den Arm fällt, wie ein kleiner Schuljunge und Brüderle, der sich einfach immer zurückzieht, wenn es brenzlig wird und sich ansonsten wie ein gemütlicher, alter Mann aus dem letzten Jahrhundert präsentiert. Schlimm. “Sie könnten aber auch ein Dirndl ausfüllen!” ist kein jovialer Spruch, das ist sabbernde, notgeile Ekelpisse, die man auch für sich behalten könnte. Ich will nicht wissen, wieviele lustig gemeinte “Klapse” der schon verteilt hat. Ich möchte nicht das so jemand irgendeine Regierungsverantwortung übernimmt, der nicht mal Verantwortung für sich selber übernimmt. Den soll man mit einer Märklin-Eisenbahn in irgendeinem Keller einschliessen, noch einen Stapel Praline-Hefte dazu und fertig ist. Da kann er dann seinen Traum einer sich seit den 70ern nicht weiterentwickelten Gesellschaft leben. Aber das müssen wir uns doch nicht mit ansehen. Bah.

Kleinstparteien wie AfD, Piraten oder so was kommen für mich nicht in Frage. Diese Wahl entscheidet über wichtigeres. Es geht um realistische Koalitionen und Machtoptionen. Da kann ich die Stimme nicht an “Sonstige” vergeben, so leid es mir tut. Naja. Nicht so leid. Ich hab da eh keine Partei, mit der ich was anfangen kann.

Der geneigte, polit-interessierte Leser wird gemerkt haben, dass da eine Truppe fehlt: Die SPD.

Meine Güte, was kann ich über diese Partei abkotzen. Vor allem wenn es eng wird, scheint da nicht mehr die Vernunft zu reagieren, sondern nur noch der Wille zur schnellen Reaktion. Was ja schon immer der BESTE Berater war. Not. Dazu dieses Personal: Andrea Nahles ist eine unerträgliche Klugscheisserin, bei der man exakt weiß, was für ein Typ die in der Schule war. Gabriel torpediert den eigenen Wahlkampf. Auch superschlau. Rot-Rot-Grün kategorisch auszuschliessen, nur weil der Gegner das seit Jahren als Schreckensgespenst an die Wand malt, zeugt auch nicht gerade von Rückgrat (jaja, DESWEGEN lehnt die SPD das ja nicht ab, genau, deine Mudder). Und davon abgesehen: Zurückballern mit einem: “Wenn die FDP abkackt, zieht die Union sofort mit der AfD in den Bundestag, ohne mit der Wimper zu zucken…”, könnte man auch mal machen. Stimmt nämlich bestimmt auch. Also, mindestens so sehr, wie für manche Union-Nasen die “roten Socken” schon beschlossene Sache zu sein scheinen.

Die SPD hat leider noch keine Leutheuser-Schnarrenberger in ihren Reihen, also jemand, der sich mit Netzpolitik ein bisschen auskennt, deswegen hat sie auch die Vorratsdatenspeicherung (mehr oder weniger) abgenickt. Sie beugt sich immer noch doofem Fraktionszwang und so wie ich das sehe, ist Sarrazin nachwievor SPDler. Ausserdem holte sie sich Griechenland-Hetzer als Wahlkampfverstärkung (und sorgte somit für den Austritt eines meiner Lieblingsmitglieder). Diese Partei kann mit Gegenwind nur extrem schlecht umgehen und wird sich vermutlich in der kommenden Regierung als Partner einer großen Koalition andienen, was vielleicht noch das Beste ist, weil das absoluten politischen Stillstand bedeutet und dann kann wenigstens keiner was kaputt machen.

Ich bin auch kein Steinbrück-Fan. Aber je öfter ich den sehe, muss ich zugeben, umso mehr kann ich mir den als Kanzler vorstellen. Also, jetzt ganz uninhaltlich gesehen. Ich muss mir so einen Menschen auch als Repräsentant vorstellen können. Und das kann ich bei dem. Ich kann mir vorstellen, wie der ausserhalb des Protokolls auch agieren kann. Ja, der wirkt immer etwas hüftsteif, aber mehr “Brett im Jackett” als Merkel geht ja kaum noch. Dagegen ist Steinbrück ja locker wie Pulverschnee. Ich fand auch den “Stinkefinger” korrekt. Mit so viel sinnloser Scheiße, mit der er sich seit Bekanntgabe seiner Kandidatur bewerfen lassen musste: Eine mehr als verständliche und gerechtfertigte Geste. Ja, man muss auch was aushalten, klaro. Aber man muss sich nicht alles gefallen lassen. Niemand muss das, auch kein eventueller Kanzler. Und ein Typ der seinen Kritikern ein “Fickt euch” hinterherruft steht mir persönlich tausend Mal näher als einer, der bei Kritik sofort seine Anwälte von der Leine lässt.

Wähle ich also Steinbrück? Vermutlich läuft es darauf hinaus. Ich wünsche mir einfach eine sozialere Politik in diesem Land, als sie gerade vorherrscht. Ich will nicht, das alle und jeder gleich viel verdienen und jeder soll die Kohle kriegen, die er kriegt. Aber ein Mindestsatz zum leben muss da einfach sein. Und wer superviel verdient, der kann auch einfach ein bisschen mehr abgeben, als die Anderen. Das verspricht mir die SPD. Wenn ich davon 75% als hohles Wahlgelaber abziehe, hab ich immer noch ein Viertel mehr soziale Gerechtigkeit, als im Moment. Das wäre doch schon Mal ein Schritt in die richtige Richtung. Finde ich. Ganz persönlich.

Hab ich ja doch eine Ahnung.



Warum ich mir eine (vermutlich) einmalige Gelegenheit entgehen lasse.

Fernsehen ist ein seltsames Geschäft. Hier geht es vor allem um Aufmerksamkeit. Wenn man nicht läuft, findet man nicht statt. Und es ist natürlich immer noch das Topmedium Nummer 1. Ich hab das zum Beispiel merken dürfen, als ich dieses Facebook-Gruppen Buch bei Langenscheidt geschrieben habe und damit beim Sat1 Frühstücksfernsehen war. Eine Sendung, die ich immer sehr als Nebenbei-TV wahrgenommen habe. Was nicht mal böse gemeint ist, aber der Name Frühstücksfernsehen impliziert das ja schon.

Da habe ich dann in aller Herrgottsfrühe in zwei sehr kurzen Interviews von dem Buch erzählt. Und dann? Dann bekam ich den Anruf, das man den Verkäufen auf Amazon gerade zugucken könne, wie sie nach oben steigen. Wegen dem einen verpennten Auftritt! Das fand ich krass und hat mir wieder mal gezeigt, das Fernsehen einfach das Leitmedium ist. Und es macht mir dazu auch noch wahnsinnig viel Spaß, Fernsehen zu machen.

Nun sollte man also, gerade in meinem Job, darauf achten dort immer stattzufinden. Zumindest so oft wie möglich oder so breit aufgestellt wie möglich. Und damit kommen wir auch schon zu dem Konflikt, mit dem ich mich seit Tagen rumplage: Ich habe eine sehr interessante Anfrage bekommen, die ich noch vor ein paar Jahren ohne mit der Wimper zu zucken sofort zugesagt hätte. Und zwar zu “Günther Jauch“. Das ist quotenstark, das ist ein toller Sendeplatz, das ist eine Sendung, über die man auch am nächsten Tag noch spricht. Grundsätzlich ist es also super, dort mit auf der Bühne zu sitzen, vor allem wenn die Währung “Aufmerksamkeit” so wichtig ist. Ausserdem mag ich Jauch und fänd es cool, den mal zu treffen. Ich hab mich aber trotzdem (nach zwei Tagen schwierigem hin und her überlegen und abwägen) zähneknirschend dagegen entschieden. Warum?

Das Thema wird “Digitale Demenz” sein und natürlich wird Manfred Spitzer, Autor des gleichnamigen Buchs, auch Gast sein. An seinem Buch, an seinen Thesen wird es sich abzuarbeiten gelten. Nun ist darin wohl vieles sehr scharf formuliert, zumindest entnehme ich das den Antworten, die der Hirnforscher in letzter Zeit in diversen Talkshows gibt. Und natürlich hat der da in ein Wespennest gestochen, vor allem weil sich der Titel seines Werks ja auch noch auf unsere Kinder bezieht. Da steht unter dem griffigen Titel als Unterzeile: “Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen”. Ja, die armen Kinder! Wir verblöden sie gleich mit!

Ich habe das Buch nicht gelesen, ich werde es auch nicht lesen, aber alles, wirklich ausnahmslos alles, was ich davon mitbekomme, ist meiner Meinung nach technologiefeindlicher Blödsinn, der wissenschaftlich diffuse Ängste bedienen will, die Eltern haben, die sich mit neuen Medien (ich fühl mich langsam ehrlich gesagt lächerlich, Netz und co noch “neu” zu nennen, aber meh) nicht auskennen und noch nicht beschäftigt haben. Spitzer pauschalisiert alles, schert alle über einen Kamm und erzählt seit gefühlten 27 Talkshows die Anekdote, wie sein Sohn sein iPhone in den Müll geworfen hat, weil er keine Lust mehr drauf hatte (und weil es wohl kaputt war…). Nun, alles gutes Futter für eine Diskussion. Ein Thema, für das ich brenne und Thesen, die ich gerne in der Luft zerreissen würde. Ich geh aber trotzdem nicht hin.

In dieser Runde, in dieser Konstellation kann ich nur verlieren. Natürlich kenn ich mich aus, weil es um meine ganz persönliche Lebensrealität geht. Ich hab aber keine Studien auswendig zur Hand und ich werd einen Teufel tun, mich mit einer Zettelwirtschaft bewaffnet in ein Fernsehstudio zu setzen, nur um einem ignoranten Mann genug Gegenthesen zu liefern, die er dann spontan sowieso nicht akzeptieren würde. Ich hab mir den jetzt in zwei Sendungen (N3 Talkshow, ZDF LogIn) genau angesehen und komme zu dem Fazit: Spitzer geht es zu keinem Zeitpunkt um eine Diskussion, genausowenig wie es ihm um eine Lösung geht. Spitzer geht es wahrscheinlich nicht mal so sehr um unsere Kinder. Spitzer geht es nur um eins: Sein Buch zu verkaufen.

Das er mit dieser Strategie gut fährt, beweisen ihm die Spiegel Bestseller Listen, die er seit dieser Woche anführt. Da will man nicht so schnell runter und das bisschen Restsommerloch kann man ja noch nutzen, dort auch an erster Stelle zu bleiben. Und so poltert er wohl weiter lautstark durch diverse Shows und brüllt wie zuvor jeden nieder, der anderer Meinung ist als er. Wirft Menschen ausgedachte Lobbytätigkeiten vor und beschimpft sie als ahnungslos. Behauptet Medienkompetenz wäre egal (!!!) und es ginge nur um Wissen und kapiert zu keinem Zeitpunkt, wo die eigentlichen Probleme liegen. Darum geht es ja auch nicht. Die Studien, die er alle ausgesucht hat, sind alle gut und seriös, alle Studien die etwas anderes behaupten sind schlecht und unseriös. Es muss eine schöne Welt sein in Spitzers Kopf. (All das basiert auf seinem Auftritt bei ZDF login, oben verlinkt)

Nun, dem Mann ist an keiner Diskussion gelegen, klar, sonst müsste er ja sein eigenes Buch anzweifeln, das er gerade verkaufen möchte. Er ist so eine Art Hirn-Sarrazin: Ich habe recht, sie sind alle blöd. Und mit dem soll ich mich in eine Sendung setzen? Von dem soll ich mich anschreien lassen, als blöd verkaufen lassen? Von dem soll ich mir Studien zitieren lassen und mich als ahnungslos oder vielleicht auch als Lobbyist hinstellen lassen? Ich soll dem, als vermeitliches “Opfer”, indirekt helfen auch nur ein weiteres seiner offensichtlich panikschürenden Bücher zu verkaufen? Ich soll der kleine, junge, unwissenschaftliche Trottelnerd sein, der ja nicht weiß, was er sagt?

Ich hab mich wirklich gefreut und war ein bisschen stolz, bei Jauch eingeladen zu werden. Wirklich. Das ist mir eine sehr große Ehre. Aber nicht für diesen Preis. Ich diskutiere nicht mit einem Verweigerer eines Mindestmass an sozialem Miteinander. Ich diskutiere nicht mit so einem Verkäufer. Und erst recht nicht mit solch einem Fundamentalisten. Ich diskutiere nicht mit einem Wissenschaftler, der nicht diskutieren will oder kann. Sorry Günther! Aber danke! Und viel Glück!



Schlechte Menschen

Ich kotze. Ich kotze im Quadrat. MIch kotzt es total an, das man denen das einfach so durch lässt. Kein einziger Politiker hat Konsequenzen seines Handelns zu befürchten. Nur so Konsequenzchen. Ja, gut, wenn man Scheisse gebaut hat und erwischt wurde, dann gibt man halt großgestig irgendwelche Scheissposten ab, aber sagt dann noch schnell nuschelnd hinterher, das man den Moneyjob behält. So wie Koch-Mehrin, die den ganzen Vorsitzquatsch, der eh nur zeitraubender Prestigestuss war, mit lautem Tralala abgegeben hat, aber immernoch da im Parlament sitzt, um uns zu vertreten. Eine überführte Betrügerin! Vertritt uns in Europa. Vielen Dank. Weil sie sagt: Nein, ich bleibe hier. Und keiner geht zu ihr hin und sagt: Du Silvana, schwing doch mal deinen Arsch hoch und sieh zu das du hier weg kommst, um mal wenigstens jetzt, wenn es auch eigentlich zu spät ist, noch ansatzweise so was wie Anstand zu zeigen.

Und solche Fälle gibt es ja zu Hauf. Man nennt das ja dann immer so niedlich “am Pöstchen kleben”, als wenn es um so kleine Kinder gehen würde, die nicht in den Kindergarten wollen (oder später nicht mehr aus dem Kindergarten nach Hause). Das ist ein totales Problem. Denn das ist nicht niedlich. Das ist unverschämt. Und moralisch nicht fragwürdig, sondern komplett verwerflich. Mir ist dabei die Parteizugehörigkeit auch herzlich Wurst. Wenn jemand dessen überführt wurde, den moralischen Standards die er und/oder seine Partei hoch hält nicht zu genügen, dann hat dieser jemand zu gehen. Ganz einfach. Und vor allem: Keine Diskussion.

Womit wir ja wieder beim aktuellen Fall wären: Diese öffentliche Heul-Show von von Boetticher möchte ich nicht weiter kommentieren, die war schon schlimm genug. Aber zu sagen: “Ich trete als Landesvorsitzender zurück!”, damit in den Zeitungen steht “Er ist zurück getreten”, dann aber noch schnell klar zu machen, das man den Fraktionsvorsitz aber behalten (wollen) würde, das ist schon von einer besonderen Dreistigkeit, wie sie nur Politiker haben. Verdammte Scheisse, tritt zurück, wenn du Kacke gebaut hast! Und nicht so ein halber Showrücktritt! Oder welches Signal willst du uns vermitteln? War doch nicht so schlimm? Ist ja nicht verboten, also okay? Really? Was für eine arme Wurst.

Ich sag das gerne nochmal in aller Deutlichkeit: Ihr Politiker, die ihr Verantwortung übernehmen wollt, aber dann doch einzelne Posten behaltet, um euer Geld weiterhin in der Politik zu verdienen, ihr seid schlechte Menschen. Richtig schlechte Menschen. Nicht nur schlechte Vorbilder, schlechte Politiker oder schlechte Lügner. Ihr seid schlechte Menschen. Rundum. Und das verachte ich zutiefst, weil ihr das ganz bewusst seid, obwohl ihr es eben so bewusst nicht sein könntet.

Das Traurige ist nur, das diese Nachricht niemals bei ihnen ankommen wird. Aber ich musste das mal los werden.



Aufmerksamkeitszwangsdefizitsyndrom

Es brennt an allen Ecken und Enden dieser Welt, dieser Tage. Und das macht mich wahnsinnig. Denn natürlich kann ich nicht allen Geschehnissen gleichzeitig die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihnen gebührt. Ich kann ja nichtmal Japan die gleich verteilte Aufmerksamkeit zu den dortigen Geschehnissen zukommen lassen. Bin ich entsetzt über die dortige Atomkraftwerkslage, vernachlässige ich die Tatsache, das da gerade alleine durch ein Erdbeben Tausende umgebracht, verletzt oder “nur” Obdachlos wurden. Aber wenn ich darüber nachdenke, vernachlässige ich schon wieder all die Opfer des Tsunamis. Während ich aber über all das nachdenke und lese, schleicht sich von hinten der Gedanke ein: Und während du jetzt so schön abgelenkt bist, hat Gaddafi gemütlich Zeit die Opposition und seine Gegner in einem unglaublich harten und schrecklichen Massaker abzuschlachten. Nur um dann, wenn die Weltöffentlichkeit wieder zu ihm blickt, grinsend auf einem Leichenberg zu stehen und zu fragen: “War was?”. Ach ja: Gestern wurde übrigens auf Demonstranten in Bahrein geschossen. Habt ihr von dem Horror-Crash in Hamburg-Eppendorf gehört? Dabei ist auch, als Passant (!), Günther Amendt ums Leben gekommen. Ein Mann der in den 70ern ein absolut fantastisches Aufklärungsbuch für Jugendliche geschrieben hat, die “Sex-Front”, aus dem ich schon desöfteren Lesungen gehalten habe, wofür er mich einst am Kölner Flughafen ansprach und lachend beglückwünschte. R.I.P. Günther.

Ich finde die Nachrichtenlage gerade ultraanstrengend. Ich fühl mich wie diese Tellerdreher im Zirkus. Wenn man den einen wieder einigermassen beruhigt hat, eiert der auf der anderen Seite schon wieder so sehr, das man schnell hinrennen muss, um den zu beruhigen. Und da eiert schon wieder der nächste.

Gibt es nicht irgendeinen Weg, all diese Dinge gleich wichtig zu behandeln? Gibt es da nicht irgendeinen Trick? Kann man da nicht irgendetwas tun?



Auch Deutsche unter den Opfern

Ich bin gerade auf Twitter in eine Diskussion gestolpert, bei der es um oben genannte Nachrichtenphrase geht. Schon so lange ich ein mehr oder weniger politisches Bewusstsein habe, regt mich diese Formulierung auf. Weil sie impliziert, das deutsche Opfer für die deutschen Zuschauer irgendwie besonders hervorgehoben werden müssten. Natürlich wird hinterher behauptet, das das ja in erster Linie für eventuelle Angehörige oder Freunde gesagt wird, damit die alarmiert sind und sich gegebenenfalls informieren oder melden können.

Come on.

Ich kann das an der Katastrophe in Japan im Moment, mal eben ganz kurz ganz gut illustrieren: Als ich die Nachrichten gehört habe über das Erdbeben, den Tsunami und die ganze Katastrophe, da habe ich als erstes versucht Kontakt zu einem Freund von mir aufzunehmen, der gerade in Japan im Urlaub ist. Das habe ich getan, weil die Katastrophe in Japan stattfindet. Muss ich jetzt dafür warten, bis die Medien erste Opferzahlen und Auswertungen haben, die mir sagen ob und wenn ja, wieviele Deutsche da umgekommen sind? Nein, natürlich nicht! Ich will sofort wissen, ob es meinem Freund gut geht. Weil das in meinem Kopf die erste Verbindung und die erste Sorge ist (es geht ihm übrigens gut, er ist snowboarden, da in dem Gebiet kriegen die Leute wohl nicht so viel ab…). Was ist das für ein zynischer Gedanke, das ich das sehen würde, aber erst wenn die Nachrichten sagen “Auch Deutsche unter den Opfern” darauf käme: Oh Schreck! Mein Kumpel ist ja Deutscher! Dann könnte er einer von denen sein!

Sorry. Was für eine blasse Ausrede.

Eine Nachricht wird natürlich für den Zuschauer emotionaler, wenn auch Einheimische beteiligt sind. Ist doch klar. Das ist doch wirklich Sandkasten-Psychologie. Jede Nachricht will verkauft werden. Dabei flutscht sie viel besser, wenn auch Deutsche mit dabei sind. So zynisch das sein mag, Nachrichten sind in erster Linie ein Geschäft und DANN erst ein Service. Das finde ich nicht gut, aber deswegen muss ich davor nicht die Augen verschliessen. Ich nenne das nicht “Rassismus”, darum geht es dabei vordergründig gar nicht. Ich nenne das “verkaufen”. Thats what it is. Und dagegen ist nunmal kein Kraut gewachsen. Aber Scheiße ist es dennoch. Und ich gratuliere jeder Nachrichtensendung, die bewusst auf diese überflüssige Floskel verzichtet.