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Weezers unglaubliche Popreise: „Everything will be allright in the End“

Weezer sind wieder da. Und mittlerweile kann man keinen Text mehr über die Band schreiben, ohne auch auf die Kritik an ihr einzugehen. Man ist also sozusagen zur Meta-igkeit gezwungen. Deswegen bringen wir es schnell hinter uns, damit wir uns ganz auf die neue Platte konzentrieren können:

Alle Pinkerton-Fans können sich jetzt schon mit etwas anderem beschäftigen. Den Rentals oder irgendwelchen anderen Lo-Fi-Noise-Pop-Acts, denn auch „Ewbaite“,wie der aktuelle Albumtitel abgekürzt wird, ist nicht die Platte, auf die ihr gewartet habt. Ich zweifele auch ganz erheblich daran, dass diese Platte jemals erscheinen wird. Weezer mit Pinkerton zu verwechseln ist ein beliebter, oft gemachter Fehler.

Pinkerton, das zweite Album der Band, war ein Stilbruch. Vielleicht ein Ausbruch. Auf jeden Fall ein Bruch. Der auf dem ersten Album etablierte, spezielle Weezer-Sound, der die ganze Welt begeisterte, war plötzlich wieder weg. Stattdessen viel Geschrei, wenig Metalreferenzen und ein Verzicht auf jegliche Cleanliness. Als würde sich jemand auskotzen. Klar, ein nach wie vor harmonisch wertvolles auskotzen, aber eben auch eine Verweigerung, dem selbst geschaffenen Mythos mehr Futter zu geben. Vielleicht war es Frust, vielleicht war es Langeweile, vielleicht die sture Lust aufs ausprobieren. Aber gleich nach diesem Album fanden Weezer zu ihrem ihnen so eigenen Sound zurück, besannen sich auf ihre alte Stärke und beschlossen wieder wie Weezer klingen zu wollen und nicht wie Indie-Band XY. Denn, ganz ehrlich, auch wenn ich das Album toll finde: Pinkerton könnte von jeder Indie-Band sein. Dafür braucht man Weezer wirklich nicht. Und schließlich klangen Weezer auf den sechs Alben nach Pinkerton auch wieder viel mehr nach dem blauen Album. Man darf also beruhigt davon ausgehen, dass die Band einen Sound hat, den sie machen will und der nicht wie auf dem zweiten Album klingt. Es bleibt die Ausnahme. Einigen wir uns also darauf, dass es Weezer-Fans und Pinkerton-Fans gibt. Aber Menschen, die meinen Fans der Band zu sein und die dennoch sagen, dass nach dem zweiten Album kein gutes mehr kam, sollten es doch wie Bassist Matt Sharp machen und nach Pinkerton die Band verlassen. (Übrigens: Beef scheint da nicht zu bestehen. Cuomo grüßt Sharp in den Credits des aktuellen Albums als „Awesome Musician“)

So. Puh. Die vermutlich nötigste und längste Einleitung, die man zu einer Plattenkritik schreiben kann und im Fall der Band auch leider muss. Nun aber, versprochen, kommen wir zum aktuellen Album: Everything Will Be Alright in the End
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weezer

Das, wie schon zuvor das blaue und das grüne, von Ric Ocasek, Frontmann der Cars, produzierte Album soll eine Rückbesinnung sein. Auf alte Stärken. Auf alte Spielfreude. Auf publikumsteasende Nicht-Publikumsteasung. Auf Rivers Cuomos Songwriterqualitäten. Hat das hingehauen oder ging das daneben? Dem kommt man nur mit der beliebtesten Art der Plattenkritik auf die Spur: Die Track by Track-Analyse. Lets go:

Ain´t Got Nobody – Das Lied beginnt mit einem Filmsample. Alter Punkrockstyle. Ein tiefes, langes Ein-Ton-Riff mit diversen Sprachsamples, ein Tap-Taptap-Klatschen und von hinten schleicht sich plötzlich die Hook-Zeile an, um wie eine welle über einem zu brechen und mit dem fröhlich-verzweifelten Refrain wegzuspülen. Die Strophen eher mollig, rein verzweifelt. Und dann ein herrlich schräges Gitarrensolo mit einem kurzen „Nä Nänänä Nä“-Moment. Dazu am Ende noch Dupdupudp-Adlibs. Es ist ein bisschen vollgestopft mit tollen Ideen. Da geht die einzelne leicht unter. Aber, klar: Lieber ein zu volles als zu leeres Lied. Depri-Electro-Projekte mit zwei Menschen und Null Ideen hat die Welt nun wirklich schon genug.

Back To The Shack – Vergangenheitsbewältigung. In diesem Lied entschuldigt sich Cuomo für alles, was selbsternannte Weezer-Fans der Band in den letzten Jahren vorgeworfen haben. Nun ja. Ich für meinen Teil halte das für ein bisschen zu devot und sehe nicht wirklich, wofür sich die Band zu entschuldigen hat. Vorzuwerfen hat sie sich nichts, außer Sachen auszuprobieren. Aber wer von seiner Band immer nur den selben Kram vorgesetzt bekommen möchte, der sollte doch lieber bei Pink Floyd bleiben. Aber wie dem auch sei, sehen wir es als Handreichung, doch wieder mit auf den Weezer-Bandbus zu steigen. Der Song ist dabei vielleicht die typischste, klassische Rocknummer auf dem Album und vielleicht, ganz vielleicht, ist das ja auch die leise Ironie an der Sache: Ihr wollt nichts Neues? Hier habt ihr das älteste, was wir können.

Eulogy For A Rock Band – Hier kommt man der Schrägheit einer Pinkerton vielleicht noch am nächsten: Es rumpelt sehr ungelenk aus den Boxen, fast bedrohlich. Dazu ein Text, der mit den Worten „Goodbye Heroes“ beginnt. Rivers verabschiedet sich. Von einer Rock Band, die er offensichtlich geliebt hat. Und dann geht es in den Refrain, der fast die Anmutung eines 50er Jahre Liedes hat, in dem jemand seine Verflossene besingt: Adios, wir werden dich vermissen, aber die Zeit geht weiter und wir werden immer deine alten Lieder singen. Drama, Trauer aber auch Aufbruch und tiefe Liebe. Das kann Cuomo ja mit am Besten: Das große Drama im Rock suchen.

Lonely Girl – Es punkrockt aus den Boxen, im klassischsten Weezer-Sinn. Tiefes Grundriff, lieblicher Gesang, schöne Basslinie und ein typischer „Ich bin so alleine“-Text. Das ist weder originell, noch will es das sein. Solche Lieder entstehen in Studio Sessions und ich halte die nicht für Füller, sondern für eine Art Raumspray oder Räucherstäbchen: Vielleicht nimmt man das nicht so bewusst wahr, als das man drüber stolpern würde, aber es verbreitet eine angenehme Note im Raum. Aber klar: Das ist vielleicht der verzichtbarste Song des Albums. Vielleicht aber auch nicht. Mal weiterhören…

I´ve Had It Up To Here – Diese Abrechnung mit Fans, die nur Energie sucken und einer Band andauernd erklären wollen, wie sie zu klingen habe (Haben wir hier etwa einen roten Faden?), hat Cuomo nicht alleine geschrieben, sondern zusammen mit Justin Hawkins, Sänger von The Darkness. Und damit dürfte auch schon das Rätsel gelöst sein, warum Rivers zu Beginn des Songs in so ein herrliches Falsett springt. Die Gitarre klingt fast, für Weezer-Verhältnisse, funky, auf eine seltsame Art und weise. Überhaupt: die ganze Komposition dieses Songs ist ein seltsame Achterbahn, vielleicht um die eigene künstlerische Autonomität, um die es ja geht, noch mehr in den Vordergrund zu stellen. Ich mag diese Reise sehr. Vielleicht einer der stärksten Songs des Albums und deswegen auch perfekt positioniert nach „Lonely Girl“. Fallhöhe schaffen, dass ist das Erste, was man auch beim Drehbuch schreiben lernt. Das gilt für die Dramaturgie einer Tracklist natürlich ebenso.

The British Are Coming – Das war einer der Songs, die schon vorab die Runde gemacht haben, um Lust auf das Album zu machen. Und ich war sofort Feuer und Flamme. Hier beweist Cuomo wieder im besten Sinne seine Harmoniesucht, was Akkordfolgen betrifft. Eine wunderschöne Rockmelancholie mit einem metaphorischen Eroberungstext. Und einem klassischen Rocksolo an einer Stelle, die man nicht kommen sieht. Wenn die Engländer kommen, dann bitte so.

Da Vinci – Das Lied fängt so an (übrigens als Opener der zweiten Seite des Vinyls), dass die Menschen, die Weezer dafür hassen, nicht mehr die Pinkerton-Band zu sein, bestimmt im Strahl kotzen müssen: Mit einer beschwingten Gitarre und einem fröhlichen Pfeifen. Pfeifen! Das darf man doch nicht! Keine Rockband pfeift mehr auf ihren Platten! Das ist doch so Asbach! Wer pfeift denn noch ernsthaft?

Die Antwort? Weezer! Und zwar auf die Leute, die pfeifen für unadäquat halten. Denn es geht hier um einen wunderbaren Popsong, um eine Liebeserklärung. Der Sänger des Songs ist so unglaublich begeistert von seiner neuen Liebe, er ist so beschwingt und erstaunt über so ein überirdisches Wesen, dass er nicht nur, wie im Refrain, sagt, wie unfassbar und unbeschreibbar seine Liebe ist, sondern das er auch beschwingt durch die Straßen läuft und wer hat da keine schöne Melodie pfeifenderweise auf den Lippen? Mehr als nachvollziehbar. Und zum Ende steigert sich das ganze Lied in ein harmonisches Noise-Gewitter, gerade so als würde man den Pinkerton-Fans, die nach dem pfeifen sofort entnervt das Lied geskippt haben, die lange Nase zeigen. Herrlich.

Go Away – Eigentlich ist es etwas traurig, dass es nicht öfter passiert. Ja, das die Band sogar vielleicht eine Sängerin fest dabei hat. Aber sei es, wie es ist: Weezer Songs eignen sich seltsamerweise auffällig oft für Duetts, vor allem mit weiblichen Konter-Parts. In diesem Fall ist es die Sängerin Bethany Cosentino von der Band Best Coast. Und wie die wenigen Male zuvor, ergänzt sich auch ihre Stimme perfekt mit der von Rivers Cuomo. Vielleicht ist es auch einfach seine immer leicht brüchige Stimme, die so oft wie am Anschlag klingt, die sich so gut mit diesen schönen, ganz leicht verrauchten Frauenstimmen verbinden lässt. In Go away, einem klassischen Schlussmach-Song, ist es auf jeden Fall schön durch den abwechselnden Gesang der Beiden das Gefühl zu bekommen, beide Seiten zu hören. Mehr Duette!

Cleopatra – Der Song hat mehrere Besonderheiten. Textlich geht es um jemanden, der sich endlich von Kleopatras Bann lossagen will. Ähm. Ja. Aber die Vermutung liegt nahe, dass die Geschichte eher ein Mittel zum Zweck ist. Dazu aber gleich. Beginnen wir mit dem Anfang des Lieds: Akkustikgitarre, Mundharmonika. Wer sich schon in Richtung Folk wähnt, der wird bitter enttäuscht. Nach der ersten Strophe geht es gleich ziemlich direkt in den Stromgitarrenrefrain. Und da kommen wir zu den Besonderheiten:

1.) Cuomo scheint seine Zeile „You can´t control me no more, Cleopatra!“ einfach durchzusingen, ohne jede Rücksicht. So wie Kleopatra ja auch geherrscht haben soll. Das führt dazu, dass Pat Wilson am Schlagzeug einen Beat auslassen muss, um wieder in den Rhythmus zu kommen. Dieser bewusste Stolperer fällt sofort auf. Herrlich. Ich mag das, wenn sich Popsongs den Luxus leisten, irgendein im besten Sinne “störendes” Element zu haben, das sie besonders macht.
2.) Singt er immer „Cleopatra, Patra, Patra“, was inhaltlich wenig Sinn macht, aber halt super klingt und somit, vermutlich zur Lösung des Textes führt: Es ging anscheinend nicht so sehr darum, unbedingt ein Lied über die Pharaonin geschrieben zu haben, sondern darum, dass dieser Name so einen tollen Klang hat, mit dem sich so schön rumspielen lässt. Und das hat er dann einfach gemacht. Ein großartig trockenes Gitarrensolo, dass zu einem zweistimmigen Classic Rocksolo wird, tut sein übriges. Super Song.

Foolish Father – Vater Cuomo singt, an eine Frau gerichtet, sie möge doch ihrem dummen Vater vergeben. Im Streit zu leben und auseinander zu gehen ist doch Scheisse. Und ausserdem: Everything will be alright in the end. Das singt am Ende des Lieds ein Mädchen-Chor. Zyniker mögen dem Lied Naivität vorwerfen. In Wirklichkeit ist es doch wunderschön. Eine Versöhnungs-Hymne. Ein Appell für die eigene Familie. Dafür, das alle mal Fehler machen, mehr oder weniger. Aber das ein liebender Vater auch mal ein Narr sein kann, vielleicht sogar sein muss. Kinder begreifen so etwas meistens erst sehr spät und erschrecken dann. Aber hey, egal wie er einem vorkommt: Er ist noch der gleiche Vater, der damals mit einem irgendwelchen Unsinn gemacht hat, den die Mutter nicht sehen wollte. Darum geht es in dem Lied und wer bei dem Ende nicht wenigstens eine leichte Gänsehaut bekommt, der sollte vielleicht mal die eigene Abgebrühtheit überdenken. Macht Spaß die abzulegen. Echt!

The Futurescope Trilogy: I. The Waste Land II. Anonymus III. Return To Ithaka – Sie ist wieder da: Die Rock Oper! In diesem Fall ein dreigeteiltes Lied mit zentralem Gesangsstück, welches wiederum “Let it be”-Flair verströmt. Nun, wer ein Album macht, dass sich auf so vielen Metaebenen mit dem Themenkomplex „Rock“ beschäftigt, der muss so eine Platte natürlich auch episch beenden. Wobei man es hier einfach mit einem längeren Song zu tun hat, der in seinen kurzen Breaks einfach dreigeteilt wurde. Aber wie dem auch sei: Durch die Titelgebung und die Aufteilung macht sich durchaus pathetisches Epos-Feeling breit und da muss man natürlich sagen: Besser hätte man so eine Platte auch nicht beenden können. Die Gitarren geben noch mal alles, im dritten Teil wird noch mal das große Solo ausgepackt, um den Zuhörer dann ganz in Ruhe in die Ruhe zu entlassen. Die Ruhe ohne Rivers, ohne Weezer, ohne das jemand einem sagt, dass „Everything will be alright in the end“.

Was soll ich sagen: Man muss diese Band lieben, um sie zu verstehen. Und genauso wie ich mich wundere, wenn ich sehe das es noch Fans von den Spin Doctors gibt, so wundern sich wohl vor allem hierzulande viele Menschen, wenn man zugibt Weezer-Fan zu sein. Aber ich kann es nur noch einmal und immer wieder betonen: Das Songwriting von Rivers Cuomo ist unglaublich. So viele Harmonien, die mich berühren, so viel Mut zum Pathos, auch wenn es manchmal peinlich sein mag, so eine Liebe zu Pop und Rock gleichermaßen und zu versuchen, dass in jedem einzelnen Lied unterzubringen: Das ist das Größte, was man musikalisch versuchen kann. Man muss vielleicht daran scheitern, aber es so konsequent auszuprobieren, zeugt von so viel Liebe und Überzeugung, eines Tages den Schlüssel zu finden, dass ich gar nicht anders kann, als mich davor zu verneigen. Ich mag mit dem Herz eines Fans sprechen, aber ich spreche aus tiefster Überzeugung:

Weezer sind meine Beatles.



Der jüdische Patient - Oliver Polak versteht mich anscheinend

Ich mag Oliver Polak. Nicht nur finde ich sein Stand-Up extrem lustig. Wir sind uns auch schon ein paar Mal “privat” über den Weg gelaufen und ich hab mich jedes Mal gefreut, ihn zu treffen. Ob es ihm allerdings umgekehrt genauso ging, kann ich nur ahnen. Ich glaube, ich habe ihn nicht sehr gestört, einmal hat er sich sogar gefreut mich zu sehen. Ansonsten aber haben wir es irgendwie nicht so richtig geschafft, zu connecten. Immer auch eher zu meinem Bedauern, hatte ich das Gefühl.

Nun hat Polak ein Buch geschrieben (Der jüdische Patient, Amazon-Partnerlink) über eine sehr spezielle Zeit in seinem Leben: Nachdem er, nach seiner ersten Tour und Lesereise, total ausgebrannt in seiner Bude lag und für nichts mehr so richtig zu begeistern war, beschloss er, dass vielleicht ein kurzer Aufenthalt in der psychiatrischen Abteilung des örtlichen Krankenhauses ihm endlich einmal wirklich helfen kann. Aus dem geplanten kurzen Aufenthalt wurden mehrere Wochen, ja, Monate. Monate in denen er auf eine sehr spezielle Art zurück ins Leben fand, oder besser, in den Alltag. Er hatte eine Ruhepause genommen, eine Auszeit um sich wirklich klar zu werden, was er eigentlich will. Und, lucky us, hat er diese Zeit literarisch verarbeitet und vermutlich nichts weniger, als eines der meiner Meinung nach, besten Bücher des Jahres darüber geschrieben (welches ich übrigens begeistert an einem halben Sonntag verschlang, weil ich es nicht mehr weglegen konnte…).

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Dabei ist meine Begeisterung eventuell sogar ein kleines Bisschen egoistisch, denn an den meisten Stellen im Buch dachte ich nur: Ja, genau! Ich konnte so viele Dinge so gut nachvollziehen. Auch die schlimmen, die einsamen, die frustrierten. Ich hatte manchmal regelrecht Angst davor, denn in letzter Konsequenz würde das bedeuten, dass ich mich doch vielleicht auch einmal einweisen lassen muss. Oder? Das hab ich mir zumindest bei Teilen des Buches gedacht. Für viele andere Passagen möchte man Polak einfach nur knutschen. Seine Liebeserklärung an Udo Jürgens und die ganze darauffolgende Geschichte ist so rührend und nah, dass sie schon fast ein eigenes Buch wert wäre. Überhaupt: Begegnungen. Sie sind das große Thema des Buches. Polak trifft persönliche Helden oder solche, die es sein könnten. Genauso wie arme Würste die sich vor allem durch seine Erzählungen oder Anmerkungen offenbaren. Während um ihn herum das Irrenhaus tobt, scheint er, der sich gerade als „irre“ hat einliefern lassen, das ruhige Auge des Wirbelsturms zu sein.

Das angenehme an Oliver Polaks Schreibstil ist diese seltsame Beiläufigkeit, mit der er sein ganzes Leben erzählt. Man hat das Gefühl, ganz en passant erzähle er von seinem schwierigen Verhältnis zu seiner Mutter oder die Familiengeschichte der jüdischen Polaks in der Nähe von Oldenburg, kurz nach dem Krieg bis heute. Dieses Nähe, diese Distanzlosigkeit ist es, die einem, so abgedroschen das auch klingen mag, Geschichte näher bringt, sie begreifbar macht. In einer Zeit, in der Hitler sowieso nur noch zu einer Witzfigur verkommen ist (inklusive einer Parodie von Polak selbst in einem KIZ-Video), ist es umso wichtiger, diese beschissene Zeit, in der deutsche Nachbarn jüdische Nachbarn auf Befehl getötet haben (oder deutlich seltener gegen Befehl versteckt und gerettet), greifbarer zu machen, näher zu bringen. Und da tritt Polak die Tür auf und sagt: Guck mal, das haben deine beschissenen Vorfahren meinen Vorfahren angetan. Einfach so, weil ihnen jemand gesagt hat, dass sie das machen sollen. Da muss man schlucken. Und das soll man auch.

In den Momenten, in denen Oliver Polak ganz klar Stellung bezieht, in seinem Buch, Ungerechtigkeit benennt, ohne da irgendeine falsche Scham an den Tag zu legen, in diesen Momenten ist „Der jüdische Patient“ unfassbar stark. Da will man mit dem Buch einschlagen. High Five. Aber auch in den stillen, leidenden Momenten, in den Phasen, in denen dem Protagonisten klar wird, wie wichtig Liebe ist, was sie bedeutet, was sie kann und was sie nicht kann, entwickelt das Buch einen Sog. Einen anderen, aber ebenso großartigen. Und der ganze Gossip, die ganzen Anekdoten, nach denen man den Autor alle ausfragen will („Wer war das?!?!?!“), machen das Erlebnis perfekt. Vielleicht ist nicht alles wichtig, was da drin steht. Vielleicht ist es sehr Ich-bezogen. Vielleicht ist „Der jüdische Patient“ auch nur eine der längsten und kompliziertesten Liebeserklärungen, die es gibt. Vielleicht ist es aber auch das alles zusammen. So oder so, das ist ein wirklich tolles Buch und ich bin froh, das gelesen zu haben. Und wer weiß: Vielleicht connecten wir ja nächstes Mal mehr oder danach oder danach. Vielleicht auch nicht, es wäre gar nicht mehr so schlimm. Ich weiß ja jetzt, wie ähnlich wir uns sind. Da versteht man sich blind.



Bitte nur Gedenken, wo es gut aussieht.

In Berlin wird 25 Jahre Mauerfall gedacht und dafür haben sich die Künstler Christoph und Marc Bauder, vermutlich im Auftrag des Berliner Stadtmarketings, etwas besonderes ausgedacht (denn besondere Jubiläen erfordern besondere Aktionen): Entlang der ehemaligen Grenze, also der Berliner Mauer, zieht sich eine Spur beleuchteter Ballons, die am Sonntag Abend um 19 Uhr losgelassen werden und in den Berliner Abendhimmel entschweben und somit den Fall der Mauer und den Sieg der Freiheit signalisieren. Dazu spielen die Philharmoniker am Brandenburger Tor Beethovens Ode an die Freude. Ein großer Festakt, neben Wowereit stehen wohl auch Gauck, Gorbatschow und Walesa auf der Bühne, um die ersten Ballons zu verabschieden. So weit, so üblich changierend zwischen “ganz gute Idee” und “woher kommt eigentlich die Angst vor Originalität”.

Aber und das ist ein großes, fettes “aber”, weil ich einerseits zwar keinen Bock habe, der Partypooper zu sein, andererseits aber so wütend darüber bin, dass ich mal wieder mein Blog dafür nutze, es loszuwerden: Ist es bei der Planung der Aktion eigentlich folgendermassen abgelaufen?

“Du, super Idee, wir stellen Ballons dann am gesamten Grenzweg entlang auf!”
“Boah, das gibt super Bilder!”
“Ja, gut, wir mögen die Idee. Eine Frage: Muss es denn die ganze Grenze sein? Also, seien wir doch mal ehrlich, die Hostels und Touristen, die befinden sich ja eher im Stadtkern…”
“Ja und die Logistik, wenn wir die Ballons wirklich entlang der kompletten Grenze aufstellen würden…”
“Ja, eben, die machen die ja überall kaputt!”
“Das kann man gar nicht bewachen!”
“Und was das wieder kostet!”
“Und es ist ja eigentlich auch egal, es geht ja eher um die Geste. Die Menschen aus den anderen Vierteln, die zwar auch durch die Mauer getrennt waren, aber die nicht so wichtig sind, die sind ja herzlich eingeladen, in die Innenstadt zu kommen und sich dort die Lichtgrenze anzusehen!”
“Ja, eben! Hach, Lichtgrenze ist so ein schöner Begriff. Da weht doch gleich so ein Hauch von André Heller durch die Stadt…!”
“Also abgemacht: wir sagen, die Ballons stünden auf dem Weg der ehemaligen Mauer und verschweigen einfach dezent, dass es nicht durch ganz Berlin geht. Dann findet das jeder toll.”
“Juchuh! Ich hol schon mal das Helium!”
“Ja, aber sei vorsichtig, Klaus!”

Ungefähr so muss es sich abgespielt haben. Für mich nutzt dieses ganze Aktion die Mauer, ihre Gewalt, ihre Toten und das wichtige Andenken an sie, als einen Ort des Terrors, nur aus um ein bisschen hippes Stadtmarketing zu betreiben. “Hey, Berlin ist eine verrückte Stadt, die macht alles anders. Guckt mal, wo hier überall Ballons stehen. Übrigens: Heute haben auch die Geschäfte auf!”

Und das mag kleinlich sein, aber wenn die Ballons die GESAMTE BERLINER Grenze entlang gestanden hätten (so, wie ich es zuerst verstanden hatte), hätte ich das derbe gefeiert, als eine Aktion, die die Mauer einreisst, die die Stadtteile zusammenführt und ihre Freude darüber vermitteln will, dass diese verkackte Mauer nicht mehr steht. Eine Aktion für Berlin eben, die damalige zerteilte Stadt. So aber kann ich die Ernsthaftigkeit in dieser Frage der Beteiligten nur anzweifeln und muss sagen, hier wurde halt versucht, einen weiteren schicken Selfie-Spot für den innerstädtischen Hostel-Ring anzulegen, aber mit aufrichtigem Gedenken, zu einem sehr erfreulichen Jubiläum, hat das nichts zu tun. Da feier ich den Mauerfall lieber wieder, wie immer, im Stillen für mich und freue mich, dass wir ein Land sind und über all die fantastischen Menschen, die ich ohne die Wiedervereinigung nie getroffen hätte.

Das kann mir kein verhunztes Stadtmarketing der Welt nehmen.



Da hat ein gewisser “Wald” angerufen und wollte dich sprechen?

Ich wollte mich ja nicht mehr so viel ärgern, vor allem nicht auf meinem Blog, aber da es mir innerhalb kürzester Zeit zuletzt dreimal hintereinander aufgefallen ist, muss es doch mal raus. Ausserdem passt es gut in die Diskussion die Patricia “The Nuf” Das Nuf hier auf ihrem Blog angestossen hat. Es hat nicht so schlimme Auswirkungen, aber ich halte es für symptomatisch und auch schon an solchen Situationen für prägend in der Kommunikation. Ich erläutere einfach mal die drei Beispiele. Alle aus der Lamäng, echte Namen werden nicht genannt. Aber die “Fälle” sind echt. Huhuhuuuuu, ich fühl mich schon wie bei Aktenzeichen XY.

1.) Eine Twitterin, die ich super finde, wartet vergeblich auf ein Paket mit für sie offensichtlich wichtigem Inhalt. Gut, welcher Paketinhalt ist nicht wichtig, von einem Paket, das man bekommt und auf das man wartet. Nun haben wir alle so unsere Erfahrungen mit den Paketboten, wenn wir in der Stadt wohnen und vor allem, wenn wir höher als Erdgeschoss oder Souterrain wohnen. Zeitdruck, übertriebene Liefermengen und scheiß Orga inklusive Ausbeutung machen den Job des Paketzustellers auch nur bedingt attraktiv. Aber man könnte ja schon mal bei den Leuten, die das Paket bekommen sollen, klingeln, anstatt es gleich woanders abzugeben und die Benachrichtigung in den Briefkasten zu werfen. Jeder, jeder, jeder kann ein Liedchen davon singen. Also, zumindest in der Stadt, auf dem Land ist es vielleicht noch ein klein wenig anders. Aber man kennt das eben.

Ihr Paket ist wieder nicht gekommen, obwohl in der Paketverfolgung stand, es sei auf dem Weg zu ihr. Dann war es wohl plötzlich wieder auf dem Weg in die Zentrale. Und sie, vielleicht sogar noch verständlich in ihrer Wut, blaffte die offenbar nächste Person an, die sie finden konnte, die in irgendeinem Zusammenhang mit dem Paket stand: Der öffentliche Twitteraccount des Paketunternehmens.

Warum das Paket denn wieder zurückginge? Sie sei doch zu Hause? Sie brauche das Paket zum arbeiten? Was denen einfiele. Nun könnte der Social Media Typ des Unternehmens, der irgendwo in diesem Land sitzt, nur sicher nicht da, wo das Paket der Twitterin ist, beschwichtigen, sich entschuldigen und sagen, er würde alles tun, damit sie ihr Paket sofort bekäme. Er entschied sich aber für den Weg der Vernunft. Etwas salopp formulierte er, dass wohl das “Schichtende” dazwischen gekommen sei. Empört retweetete die Twitterin den Tweet und erklärte nochmal, warum das Paket für sie so wichtig sei. Der Paket-Twitterer erklärte nochmal, dass nach über 11 Stunden eine Schicht auch mal zu Ende sein könnte. Auch das wurde empört geretweetet. Das Leben und Arbeiten der Twitterin sei wohl wichtiger und überhaupt, was ihm einfiele ihr zu widersprechen. Dann liess er sich, nach der Dauermeckerkanonade, noch zu der Bemerkung hinreissen, dass es nichts helfen würde, wenn sie jetzt andauernd seine Tweets wiederholen würde. Eine Bitte um ein Mindestmass an Höflichkeit. Aber die Twitterin im Rage-Modus retweetete auch dies und liess sich von Freunden bestätigen, dass dieser Umgangston vom Paketdienstleister im Social Media Kanal ja wohl unter aller Sau sei.

2.) Samstag Mittag. Ein Twitterer hat Probleme mit seinem Internet. Lebensbedrohlich für uns Online-Menschen. Aber anstatt einfach mal vorsichtig zu fragen, ob ihm jemand sagen könne, was da los sei, schreibt er gleich einen Tweet (mit Punkt davor, damit es alle mitbekommen) an den Internetdienstleister, der ein Hilfs-Team bei Twitter hat. Im strengen Duktus wird gefragt, warum das Internet in Pusemuckel-Süd ausgefallen sei und wann es denn endlich wieder funktionieren würde. Irgendwo, nur sicher nicht in Pusemuckel-Süd, sitzt der Social Media Beauftragte des Unternehmens und bruncht gerade. Es ist ja Samstag. Am Wochenende guckt man vielleicht nur mal ab und zu auf den Twitteraccount. Gibt ja wenig, was nicht auch mal ein bisschen warten kann. Vielleicht weiß er auch einfach nicht, warum das Internet in Pusemuckel-Süd nicht geht. Vielleicht hat er schon nachgefragt, in der Zentrale, in der am Samstag nicht so viele sitzen und wartet nun auf deren Antwort.

Circa 20 Minuten später. Der Twitterer hat immer noch kein Internet zu Hause. Unglaublich. Ihm ist schon eine Menge entgangen. Empört schreibt er nochmal an den Account seines Anbieters, was denn jetzt los sei. Fünf Minuten später immer noch keine Antwort und der Twitterer macht, was er machen muss: Er muss die letzte Eskalationsstufe zünden und öffentlich seine Freundschaft kündigen. Und seinen Anschluss natürlich gleich mit. Nur weil er über Twitter innerhalb einer halben Stunde keine Information bekommen hat, warum an einem Samstag Mittag das Internet in Pusemuckel-Süd nicht funktioniert.

3.) Ein Twitterer benutzt ein gerade boomendes Verkehrsmittel: Einen Fernbus. Nachdem er die Reise hinter sich gebracht hat, sieht er sich anscheinend nochmal sein Ticket an (oder vielleicht zum ersten Mal). Er findet darauf eine Anzeige der Bild-Zeitung. Und schreibt auf Twitter an den Account des Reiseunternehmens. Dass es ja wohl eine Sauerei sei, dass da auf seinem Ticket Reklame für die Bild sei. Grinsegesichtig fragt der Social Media Beauftragte des Linienbusses nach, dass ihm, dem Twitterer, die Reise aber ja wohl gefallen habe, oder etwa nicht. Er ist sie ja angetreten. Ehrlich gesagt eine ziemlich souveräne Reaktion nach so einem seltsamen Vorwurf. Da der Twitterer aber ein bisschen sauer ist, jetzt nicht wirklich eskalieren zu können, eskaliert er einfach trotzdem. Es sei eine Sauerei, wie man mit ihm spreche, er werde in Zukunft mit anderen Unternehmen fahren, die so eine Reklame auf den Tickets nicht nötig hätten und das Social Media Team sei ja wohl ein Haufen Anfänger.

Gerade beim letzten Fall: Was zum Teufel hat der Twitterer erwartet? Das sie sich ihm zu liebe von einem Werbekunden trennen?

Leute, gehts noch? Auch bei Twitter, auch bei Firmenaccounts, sitzen Menschen (aus Fleisch und Blut!), die nicht dazu da sind, euch zu verhätscheln und zu pudern und in den Arsch zu kriechen. Wenn es ein ernsthaft lösbares Problem gibt, dann versuchen die Accounts in der Regel alles, um auf kurzem Wege alles möglich zu machen. Aber es kann doch bitte nicht wahr sein, das man die Accounts als Sandsäcke benutzt, wenn man mit dem Unternehmen unzufrieden ist und dann verlangt, dass die verbal vor einem zu Kreuze kriechen. Was sind das für vollkommen überzogene Ansprüche? Oder um es mal ganz überspitzt zu sagen: Was ist das für eine Kinderstube? Seid ihr alles klassische Einzelkinder, die sich vor der Kasse schreiend auf den Boden werfen, weil sie kein Caramac bekommen? Ich bin wirklich empört über solche Geschichten. Intelligente Menschen verhalten sich wie deutsche DomRep-Urlauber, die keine Salami am Frühstücksbuffet bekommen haben. Checkt mal bitte eure Umgangsformen. Und eure Erwartungen. Kein Twitterer der Welt, auch kein corporate Twitterer, kann “Schuld” sein, wenn bei euch was scheiße läuft. Das habt ihr immer noch selbst in der Hand, ihr kleinen Mäuse. Es ist der abgelutschteste Spruch des Planeten, aber vielleicht habt ihr den noch nicht gehört:

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.



Fünftausend Ausrufezeichen gegen “Die drei !!!”

Ich hasse “Die drei !!!” mit aller Macht. Angefangen von dem unsagbar beschissenen Namen, über die Tatsache, dass man es überhaupt für nötig hielt, sie zu erfinden und zu schreiben, bis hin zu den Storys und den Titeln. Ich empfinde reine, ungetrübte Verachtung für die Autoren und den Verlag, der so etwas beschissen verlogenes zuliess.

Da kann man auch sagen: “Warum denn ins Museum? Hier, guck mal, ich kann auch eine tolle Mona Lisa malen! Und ich kann ihr sogar noch tolle rosa Schleife ins Haar malen und ihr ein bisschen Make-Up verpassen, damit du als Mädchen auch siehst, wie du als Mädchen auszusehen hast und was dich zu interessieren hat. Guck mal, wie glücklich die Mona Lisa über ihre neuen Smokey Eyes ist! Viel besser als dieses blöde Original!”

Ich bin kein Gender Experte, ich verstehe auch manche Aufregung nicht, andere schon. Ich lach mich kaputt, weil es Gewürzgurken für Männer und für Frauen gibt, kaufe mir persönlich immer das rosa Überraschungsei, weil da das coolere Spielzeug drin ist und mag auch mal gerne einen Aperol Spritz. Man kann sagen, bei mir persönlich hat dieses Gender Marketing auf voller Linie versagt, mich erreichen die nicht, kriegen die nicht, kennen die noch nicht mal. Das ist auch alles nur Marketing, was die für Etiketten auf die Gurkengläser, die ich eh nicht kaufe, kleben, ist mir also recht egal. Auch wenn ich das Symptom natürlich scheisse finde, aber mein Groteskigkeitscontainer ist mit so vielen Sachen in der heutigen Zeit einfach überfüllt, da muss ich gewisse Dinge links liegen lassen. Und da gehören Gurken definitiv dazu. Ich hoffe nur, dass sie darauf sitzen bleiben.

Aber diese drei Ausrufezeichen regen mich schon seit dem ersten Moment auf, als ich sie im Regal liegen sah. Da wurde kreative Arbeit hinein gesteckt. Da wurden Seiten voll geschrieben. Nur weil man meinte, Mädchen sollen keine Abenteuer von Jungs lesen. Mädchen sollten weichere Themen bekommen, mit Pferden, Handys und knutschen. Nun bin ich ja Vater einer unglaublich coolen Tochter und schon beim ersten entdecken der Bücher habe ich ihr unmissverständlich klar gemacht, was ich davon halte. Und sie sieht es ganz genauso. “Die drei ??? Kids” hat sie noch gelesen und gehört, damit war ich auch noch ein bisschen einverstanden. Aber sonst: Stick to the Original. Sie liebt die spannenden Abenteuer von Justus, Bob und Peter. Und kann sich im Leben nicht vorstellen, sich näher mit die drei !!! zu befassen. Selbst als sie klein war, hat sie schon kapiert wie bekloppt das “neue” Konzept war und ist.

Ich bin ja kein Real-Keeper, ich mag neue Sachen. Aber irgendwo ist auch mal gut. Wenn es irgendjemand in irgendeiner Marketingabteilung für eine gute Idee hält, ein seit vielen, vielen Jahren bei ALLEN Kindern etabliertes Produkt in einer “Mädchenversion” zu veröffentlichen, dann sollten in Zukunft endlich auch mal Leute am Konferenztisch aufstehen und dem den Vogel zeigen und sagen: “Du möchtest unsere Gesellschaft spalten, verpiss dich bitte aus diesem Büro.”

Die Ersten werden damit nicht weit kommen, vielleicht sogar im Gegenteil. Aber irgendwann wird man wieder kapiert haben, dass man nicht alles aufspalten kann und muss und soll. Und dann verschwindet dieser Müll hoffentlich auf dem Altpapier. Und verrottet. Und der Rest Asche, der davon übrig bleibt, weht den Machern, die sich in der Zwischenzeit hoffentlich nicht fortgepflanzt haben (denn wie müssen die armen Mädchen von denen aufwachsen???), mitten ins Gesicht und ins Essen. Und ich höre währenddessen mit meinen Enkeln und Enkelinnen den schreienden Wecker. Gut. Das mach ich sowieso.

Aber Eltern, die ihr die drei !!! kauft: Tut das nicht. Unterstützt es nicht, dass eure Kinder verblödet werden. Unterstützt es nicht, dass eure Kinder schlechtere Chancen in der Zukunft bekommen sollen. Unterstützt es nicht, dass euren Kindern nur die Hälfte dieser Welt offen stehen soll. Lasst euch nicht ausnutzen, lasst euch nicht für dumm verkaufen. Ihr seid schlauer, intuitiver als alle Marketingmenschen zusammen. Zeigt den Spaltern die rote Karte. Lasst sie auf ihrem Mist sitzen. Für eine Josefine, die auch Maschinenbau studieren und ein Leo, der auch Kindergärtner werden kann.

P.S.: So lange der herausgebende Kosmos-Verlag die Bücher der drei !!! nicht unter einem Sublabel namens “Kosmiss” rausbringt, kann ich deren Willen zur Weiblichkeit eh noch nicht ernst nehmen.



Vorruf: Boris Becker

Ich hab vor kurzem eine schöne Anekdote über Robin Williams gelesen. Was genau ist ja erstmal egal. Auf jeden Fall war das eine Geschichte, die man auch schon problemlos zu seinen Lebzeiten hätte erzählen können und damit vielleicht etwas bewegt hätte. Sie hätte weder Williams geschadet, noch sonst irgendwem. Und da hab ich mir doch wieder gedacht: wie unglaublich bescheuert ist es eigentlich, sich schöne Erlebnisse mit Prominenten oder gute Dinge, die man über sie erfahren hat, “aufzusparen”, bis man einen Nachruf über sie schreibt. Dem will ich nun entschlossen entgegenwirken und unter “Vorruf” Anekdoten oder Erlebnisse aufschreiben, die ich mit Persönlichkeiten hatte, die man vielleicht (mich eingeschlossen) ganz anders eingeschätzt hat. Und da schien mir Boris Becker, vor allem nachdem ich sein letztes Spiegel-Interviews gelesen hab, in dem er sich für jeden Hühnerschiss rechtfertigen musste, ein würdiger Startkandidat zu sein:

Ich hab damals mit Becker zusammen diese Sendung, “Sofaduell”, im DSF moderiert. Als mir gesagt wurde, wer mein Co-Moderator sein würde, war ich erst etwas baff: Boris Becker, lebende Legende, würde mit mir zusammen eine Sendung machen, bei der wir durch WG-Wohnzimmer ziehen und ein Sport-Quiz auf der Playstation gegen sportbegeisterte Studenten zocken. Die Vorstellung war irgendwie bizarr.

Die Realität irgendwie auch: Bei der Aufzeichnung zur ersten Sendung kam Becker immer zum drehen aus seinem Aufenthaltsraum raus, ansonsten blieb er die ganze Zeit dort drin. Er war gut gelaunt und es hat mehr Spaß gemacht, als gedacht. Vor allem war der Sportsmann Becker nicht so verbissen, aber doch engagiert genug, gewinnen zu wollen. Irgendwie die perfekte Mischung. Hätte ich so vielleicht vorher auch nicht erwartet.

Bei der Aufzeichnung zur zweiten Sendung schien sich alles zu wiederholen. Ich sass im Catering, Becker in dem von ihm verlangten und ihm zugewiesenen persönlichen Raum. Immer an seiner Seite: Seine Assistentin, die ihm andauernd irgendwelche Fragen zu Terminen stellte, ihn an Anrufe erinnerte usw. Naja, dachte ich mir, so ist das eben. Die Moderationen und das spielen mit ihm funktionierte ja super, er war immer genau on point, wenn man ihn brauchte. Den Rest der Zeit nutzte er eben, um wichtige Sachen zu erledigen.

Ich sass immer noch alleine im Catering, mampfte ein Käsebrötchen, als Becker rein kam. Er setzte sich zu mir. Wir schwiegen uns kurz an. “Na Nilz, wie läufts bei dir mit den Frauen?”

Ich spuckte fast das Käsebrot aus, vor lachen und Becker sass mir grinsend gegenüber. Er, dessen vermeintliche Frauengeschichten gerade in den Käseblättern dieser Welt diskutiert wurden, stellte mir diese Frage. Gelungener Joke! Das Eis war gebrochen, wir kamen sofort ins Gespräch über alles mögliche.

Einige Sendungen später. Ich wusste, dass er zum Superbowl gehen würde und ich erzählte, wie gerne ich so einen Schaumstofffinger hätte, vor allem vom Superbowl. Er gab mir seine Nummer, ich solle ihm noch eine Erinnerungs-SMS schreiben und er würde mal sehen, was er machen kann. Ja, klar, Boris Becker läuft für Nilz Bokelberg durchs Superbowl-Stadion und versucht einen Schaumstofffinger zu kaufen. Ich fand seinen Move mit der Nummer und so smart, schickte ihm auch die SMS, aber war realistisch genug, mir nicht allzu große Hoffnungen zu machen, so ein Teil zu bekommen. Mein Gott, der Mann hat wirklich andere Sorgen. Er war ja auch noch irgendwie als halber Kommentator da, hatte also genug besseres zu tun, als Souvenirs zu shoppen.

Aufzeichnung vorletzte Sendung. Becker frisch aus Miami zurück. Wir stehen in einer Hamburger WG, irgendwo in der Nähe “Schlump”, wenn ich mich recht entsinne (ich find den Namen immer so lustig). Ich komme an, das Set ist schon eingerichtet, Becker auch schon da. Ich begrüße alle. Boris und ich schlagen ein. Ich setz mich hin, Becker verlässt den Raum. Und kommt zurück:

“Nilz, so eine Hand habe ich leider nicht bekommen.”

Ach, egal, sag ich und meine es auch so. Das er daran gedacht hat, fand ich schon cool.

“Deswegen hab ich dir das hier mitgebracht!”

Sagt er und zieht hinter seinem Rücken ein Shirt und ein Cap vom Superbowl hervor. Nur dort vor Ort und nur an diesem Tag zu erwerben. Selbst wenn er es nicht gekauft, sondern nur in die Hand gedrückt bekommen und mir mitgebracht hat: Ich bin sehr gerührt. Damit hab ich wirklich, wirklich nicht gerechnet. Coole, souveräne Aktion und spätestens seit dem:

Boris Becker für immer in meinem Buch der cool People.



Generation cc

Man stelle sich folgendes vor: Peter möchte mit mir arbeiten. Er hat eine tolle Idee, was wir zusammen machen könnten. Es soll ein ganz aufregendes Projekt werden, eigentlich noch nie da gewesen. Und ich finde das gut. Ich finde, wir sollten das machen, mag die Idee, bin gerne mit dabei. Um uns zu besprechen brauchen wir mehrere Treffen, die ganze Geschichte ist relativ komplex. Bei einem dieser Treffen, bringt er einen Kollegen mit. Also, ich denke es ist ein Kollege, denn ich kenne ihn nicht, er wird mir aber auch nicht vorgestellt. Er steht eigentlich die ganze Zeit über schräg hinter Peter, nickt mit dem Kopf und hört zu, macht aber sonst nichts. Peter bringt ihn von da an jedes Mal mit, erklärt aber nichts und auch der Kollege sagt nichts, macht nichts, ist einfach nur da. Ich drehe mich so, dass die Dinge, die ich sage, nur Peter hören kann. Aber auch dann dreht er sich einfach wieder zurück, so dass sein Kollege wieder alles mitbekommt.

Das wäre doch irgendwie schräg, oder? Aber genau so etwas passiert mir und vielen Anderen andauernd.

Wenn ich per Email mit irgendwelchen Leuten beruflich zu tun habe, kommt immer irgendwann der Punkt, an dem sie jemanden cc setzen. Manchmal von Anfang an, manchmal erst später. Ich mache mir dann oft den Spaß, das cc zu ignorieren und eben nicht “Reply all” zu drücken, denn ich habe ja von Anfang an nur mit der einen Person kommuniziert. Aber in der Antwort ist das cc in der Regel dann immer wieder gesetzt. Und ich glaube, das ist symptomatisch für unsere Zeit.

Warum werden eigentlich irgendwelche Leute cc gesetzt? Also, ausser wenn mehrere Menschen konkret an diesem einem Projekt arbeiten? Oftmals sind es ja die direkten Vorgesetzten, die als Mitleser eingesetzt werden, aber manchmal auch mehr oder weniger random irgendwelche Kollegen. Die Message, die so ein cc mir als Empfänger sendet, ist folgende: “Du, ich mag dich, aber ich hätte gerne ein paar Zeugen bei unserer Konversation.” Und das ist natürlich wieder direkt zurückzuführen auf ein: “Ich möchte nicht die Verantwortung tragen! Ihr seht, ich bin das nicht alleine schuld! Wir sind alle gemeinsam schuld! Auch ihr Zeugen, ihr habt nicht eingegriffen! Ihr seid auch schuld!”

Ich finde das mittlerweile absolut schrecklich. Als das losging, hab ich es erst nicht so richtig gecheckt. Ich hab dann die cc-Menschen einfach nicht beachtet, weil ich dachte, die seien aus Versehen in der Adresszeile gelandet. Aber irgendwann hab ich natürlich kapiert, dass das System hat. Dass das irgendwann mal jemand für eine gute Idee gehalten hat und dann alle nachgezogen haben. Alles nur unter Zeugen machen. Immer viele Menschen involvieren (ob sie wollen oder nicht, übrigens - gegen eine cc-Setzung kann ich mich als Gesetzter ja erstmal gar nicht wehren). Verantwortung möglichst breit verteilen. Nichts mehr alleine verantworten oder entscheiden müssen.

Ich will jetzt hier auch nicht den alten Sozialromantiker raushängen lassen, aber es gab mal eine Zeit, in der ein Händedruck zweier Menschen bindend war und etwas galt und zwar nicht nur im Kuhhandel auf dem Marktplatz, sondern auch in den Büros und Agenturen dieser Welt. Den hatte jeder zu verantworten. Und gerade eine schriftliche Konversation wie Email, hat ja schon so etwas wie ein bindendes Gespräch. Schliesslich steht ja alles schon “schwarz auf weiss”. Dann warum muss da noch eine “Sicherheitsebene” gezogen werden? Ich mag damit alleine stehen, weil sich jeder schon dran gewöhnt hat, aber ich finde das einfach extrem unhöflich. Für mich fühlt sich das auch nach starkem Misstrauen an. Und dieses Gefühl ist die Wurzel allen Übels. wäre ich ein großer Freund übertriebener Verkürzungen (was ich manchmal bin), könnte ich es auch so formulieren:

Der Akt des cc setzens hetzt Menschen gegeneinander auf.

Ein wenig polemisch, ich weiss, aber ich übernehme die Verantwortung für diesen Satz. cc setzen ist Misstrauen. Misstrauen ist das schlimmste Gefühl der Welt. Misstrauen entzweit die Menschen.

Deswegen: Lasst es sein. Nehmt euren Gegenüber wieder ernst. Nehmt euch selber wieder ernst. Ihr könnt Dinge entscheiden. Ihr könnt das auch alleine. Ihr werdet vielleicht auch mal daneben hauen, aber das ist dann eure eigene Verantwortung. Befreit euch aus den Ketten der Absicherung. Vertraut auf euch selbst! Hört auf ein Klima zu schaffen, in dem niemand mehr irgendwem über den Weg traut. Manche Menschen werden euch sicherlich enttäuschen. Aber diejenigen, die es nicht tun, sind es tausend Mal wert. Nicht immer nach den Arschlöchern richten. Sondern nach den Guten.

Damit die Welt wieder ein bisschen nicer wird.



Das Zocker Manifest

Wir sind keine Freaks, zumindest nicht mehr wie ihr auch. Wir sind überall. Wir sind Lehrer und Schüler, Punks und Katy Perry Fans. Manche von uns spielen alle Jubeljahre, andere haben noch gar nicht rausgefunden, dass sie mit ihrem Fernseher auch fernsehen können. Es gibt zockende Richter und spielende Junkies.

Wir sind männlich, weiblich, transgender oder manche haben sich noch gar nicht festgelegt (und wollen das vielleicht auch gar nicht). Wir sind Menschen, die davon träumen, vom Fifa spielen leben zu können. Wir freuen uns unsere Sims aufwachsen zu sehen oder im großen Clan gemeinsam zu spielen. Und dennoch wissen wir, dass es ein Spiel ist. Wir verwechseln die Spiele nicht mit dem Leben. Unser Hamlet heißt Batman. Wir erleben Abenteuer mit Francis Drakes Nachfahren Nathan. Und Jahre nach dem ersten Lara Croft Abenteuer haben wir noch viel zu wenig Heldinnen, aber wir wissen das und wir sagen das und man hört uns zu.

Wir gucken einen Film nicht nur, wir gestalten ihn mit. Wir lesen eine Geschichte nicht nur, sie würde ohne unsere Hilfe gar nicht weitergehen. Unsere Helden sind schon unzählige Male gefallen und wieder aufgestanden. Unsere Autos haben wir schon so oft gecrasht, dass wir es nicht mehr zählen können, aber wir sind wieder eingestiegen und weiter gefahren, bis wir diese eine Haarnadelkurve in Ideallinie geschafft haben. Wir singen mit unseren Freunden die größten Hits und kriegen dafür Rekordpunktzahlen (und wenn nicht, dann haben wir trotzdem rekordverdächtigen Spaß – vielleicht sogar noch mehr). Wir sind Junggesellen oder Teil einer großen Familie, in der jeder sein Lieblingsspiel hat.

Es kann gar keinen Klischeespieler geben, weil es nicht den Spieler gibt. Wir sind grundlegend verschieden. Wir sind so bunt wie die Welt. Wir sind auf allen Kontinenten zu Hause. Wir sind über den ganzen Planeten vernetzt. Ein Mädchen aus Neuseeland teilt ihr selbstgebautes Little Big Planet Level mit einem Profizocker aus Schweden. Ein Cosplayer aus der Schweiz tauscht Final Fantasy Fanart mit Online-Freunden aus Japan. Ein deutscher Rentner holt sich bei einem brasilanischen Clan Tipps für Call of Duty.

Bei uns ist Alter, Geschlecht, Aussehen und Herkunft egal. Wir lieben unsere Konsole als ein Fenster in andere, großartige Welten. Egal ob echt oder virtuell. Wir hassen cheaten und machen es doch selber manchmal. Wir hassen Komplettlösungen und googlen sie doch selbst manchmal, wenn wir nicht weiterkommen. Aber wir schämen uns dann dafür. Und das ist okay. Wir haben nie behauptet, nicht widersprüchlich zu sein.

Wir sind Videospieler. Wir sind wie ihr, die Nicht-Videospieler. Wir haben nur eine zusätzliche Erlebnisebene. Und zu der laden wir euch gerne ein. Hier, nehmt den Controller in die Hand, drückt das X und folgt uns. Tut auch gar nicht weh. Und wenn ihr glaubt, das sei nichts für euch, dann hört auf unsere Worte, denn wenn uns jahrelanges spielen etwas gelehrt hat, dann:

Es gibt für jeden das passende Spiel.

Ich hab diesen Text für die CONSOUL geschrieben, einem Umsonst-Spiele-Magazin von Sony, aber ich wollte ihn auch nochmal auf mein Blog packen, damit er auch online verfügbar ist - wo er ja irgendwie auch hingehört.



Wie mir mal mein Essen, dass ich gerade erst bestellt hatte, fast schon vorher wieder hochgekommen wäre…

Eine Sommernacht. Ich sitze vor einer Pizzeria in Berlin und warte auf mein Essen. Mir schräg gegenüber setzen sich drei Jungs, schätzungsweise Anfang/Mitte 20. Auch sie müssen warten, bis ihre Pizza fertig ist. Sie blitzen bei einem Mädchen ab, dass sie, recht ungelenk, versuchen gemeinsam anzugraben. Sofort switcht ihre Aufmerksamkeit auf mich (ich hab mal alles, was ich sage, kursiv gesetzt):

“Hey, hey du. Bist du deutsch?”
Ja, bin ich.
“Und bist du Jude? Oder Israeli?”
Äh, nein, ich komme von hier.
“Und was denkst du über Israel? Bist du Israel-Fan?”

Ich spüre zwar eine gewisse rauhbeinigkeit in den Fragen, aber ich bleibe ganz ruhig und möchte mich wirklich auf das Gespräch einlassen. Man hört und liest so viel in letzter Zeit. Hier scheint der erste Moment zu sein, in dem ich mal erleben oder prüfen kann, was an all den Horrorszenarien, von denen man immer nur liest, dran sein soll. Die Jungs, vor allem einer von ihnen, scheinen das Gespräch mit mir zu suchen.

Ich verstehe nicht ganz, was das heissen soll. Ich hab nix gegen Israel oder Juden. Ich muss kein Fan ihrer Regierung sein.
“Oh! Ein Judenfan!”

Okay, ich nehme mir strikt vor ruhig und halbwegs sachlich zu bleiben. Ich möchte auf die Provokationen nicht eingehen. Die sind Beiwerk. Ich will zum Kern: Herausfinden, was sie wirklich über den Konflikt zu meinen wissen, herausfinden, wo sie ihre Meinung her haben.

Häh?
“Sind wir doch mal ehrlich: Die Juden hatten Glück, das es den Holocaust gab, deswegen dürfen wir Deutsche nämlich nichts mehr gegen die sagen.”

Ich bin das erste Mal sprachlos, nachdem mir der Junge, der so wirkte, als hätte er am meisten auf dem Kasten, mir diesen Satz grinsend auftischt. Ich glaube, ich soll immer noch “nur” provoziert werden, aber ich muss schon sehr schlucken. Ihre Masche funktioniert also. Ich versuche abzuwägen. Da schaltet sich ein anderer aus der Dreiergruppe ein.

Ich finde, man kann diesen Konflikt nicht so schwarz-weiß sehen. Da sind auf beiden Seiten Aggressoren, die anscheinend kein Interesse an einer friedlichen Lösung haben. Die Hamas zum Beispiel, die nimmt die Zivilbevölkerung ja im Grunde genommen als Schutzschilde…
“Drei tote Israelis und 1000 tote Palästinenser!”
Naja, ich bin mir da jetzt nicht so sicher, ob das korrekte Zahlen sind. Da ist ja auch viel Propaganda am Start…
“Ach, wo hast du denn deine Zahlen her? Aus der Tagesschau? Alles deutsche Lügenpresse. Die kriechen den Juden doch in den Arsch!”

Puh. Der Typ, der das gesagt hat, ist deutlich aggressiver als seine zwei Freunde. Und während ich noch versuche, zu appellieren, dass man in dem vorliegenden Konflikt wohl bei jeder Informationsquelle vorsichtig sein sollte, setzt er zum finalen Move an.

Also, ich denke die sind noch deutlich seriöser als irgendwelche Internetseiten. Die erzählen zum größten Teil ziemlichen Müll.
“Ach, Schwachsinn. Ich bin stolz ein Antisemit zu sein!”

Das hat der wirklich so gesagt. Ich sitze im Sommer 2014 auf einer Bank vor einem italienischen Imbiss in Neukölln. Nebenan ein Thai-Imbiss und ein Dönermann. Eine Touristin aus Island bestellt etwas zu essen. Und vor mir sitzt ein Typ, der mir erzählen will, dass er stolz sei, Leute zu hassen, weil ihm ihre Religion nicht passt. Da sitzt ein Typ, den Hitler und seine abartigen Schergen auch weggesperrt und in irgendwelche Lager gesteckt hätten, weil er nicht arisch genug aussieht und propagiert Ansichten der Nazis. Ich hab mich, glaube ich, in einem Gespräch noch nie so erschrocken. Ich war total baff und wußte gar nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte gerade ansetzen. Dass doch im Koran zum Beispiel stehen würde, dass jeder glauben soll, was er will.

109. Die Ungläubigen (Al-Káferün)
1. Sprich: «O ihr Ungläubigen!
2. Ich verehre nicht das, was ihr verehret,
3. Noch verehrt ihr das, was ich verehre.
4. Und ich will das nicht verehren, was ihr verehret;
5. Noch wollt ihr das verehren, was ich verehre.
6. Euch euer Glaube, und mir mein Glaube.»

Aber wie weit wäre ich mit diesem Beispiel gekommen? Ist da noch ein durchkommen möglich? Ich wollte aufs Ganze gehen, wollte es wissen, wollte dieses Gespräch weiterführen. Diese Jugendlichen waren verblendet. Ich würde eine Möglichkeit finden müssen, an sie ranzukommen. An ihre Vernunft zu appellieren. Irgendwie würde ich ihnen ihren Irrtum doch klar machen können müssen!

“Pizza ist fertig. Und Jungs, bitte beendet jetzt mal euer Gespräch.”

Aus Angst, Kunden zu vergraulen, bat der Pizzabäcker, mit fester Stimme, um das Ende unserer Unterhaltung. Und ich hatte Hunger. Und war, ehrlich gesagt, ganz froh, aufstehen und weggehen zu können. Aber, so pathetisch das auch klingen mag, irgendwas von mir ist auf dieser Bank sitzen geblieben. Vielleicht der naive Glaube, dass solche Sprüche, solche Parolen immer ganz weit weg sind. Immer bei den Anderen. Ne, sind sie nicht.

Sie sind neben mir am Tisch.



Wenn der Hass anklopft…

Lustig, naja, komisch das ich mich mittlerweile so viel mit Hass hier beschäftige. Aber da der in meiner Filterbubble so allgegenwärtig ist, ist der für mich auch immer ein Thema. Klar, manchmal ist das sehr von Aussen betrachtet. Aber es gibt auch die Momente, wo der sehr nah an mich herankommt.

Da war dieses Mädchen, das fand ich mal toll. Also, ich glaube das ist immer noch eine tolle Frau. Aber ich verstehe nicht, wie sie so viele Abzweigungen nehmen konnte, die dazu führten, dass ich nun nur noch die Augen rollen kann, wenn sie mal wieder ihren vollkommen übertriebenen und undifferenzierten Islam-Hass in meine Timeline kotzt. Ich habe sie vor vielen Jahren als total liberalen, offenen, herzlichen Menschen kennengelernt. Klar, sie war auch spackig und alles, aber so wie wir alle. Total gut. Jederzeit nachvollziehbar. Und dann zog sie weg, heiratete. Sie war früher eine Künstlerin, ihre Kunst gab sie auf. Überhaupt schien sie nur noch für die Familie da zu sein. Ihr Mann machte Karriere, sie blieb zu Hause.

Das ist kein Problem, das muss jeder entscheiden wie er oder sie das möchte. Und ich kenne sie gut genug um zu wissen, dass das eine bewusste Entscheidung gewesen sein muss. Aber, so sieht es von aussen aus, diese Entscheidung führte dazu, dass sie begann zu hassen. Nicht alles und jeden, das würde sie spüren. Deswegen jemand, von dem man ihr (oder vermutlich besser: sie sich) gut einreden kann, es sei ein geeignetes Feindbild, verantwortlich für all das Übel auf der Erde.

Und so lese ich sie zusammenhanglos Koran-Zitate rausschleudern, die beweisen sollen, wie kriegerisch der Islam sei - nicht beachtend das man ähnliche Zitate und Fundstellen auch endlos aus der Bibel auflisten könnte. Sie wettert gegen Obama und jeden, der nicht ihre Meinung teilt. Sie wirft den Menschen vor, blind zu sein, den Feind nicht zu sehen - aber plappert doch blind irgendwelche Klischees nach. Ich frage mich, wie sich so ein Menschenhass mit Buddhismus in Einklang bringen lassen soll, aber sie anscheinend nicht, denn so wie ich das verstehe, definiert sie sich noch als Buddhistin.

Plötzlich ist da jemand, den man nicht mehr versteht. Klar, wir verändern uns alle, ständig. Aber so sehr? Ist es möglich, zu so einem anderen Menschen zu werden? Oder war ich geblendet, damals? Hatte sie das schon immer in sich und ich hab es nur nie gesehen? Und was tun? Aus meiner Freundesliste löschen? Und wenn ja, kommentarlos? Oder ihr nochmal schreiben, wie schade man das findet? Sie vielleicht einfach nur muten? Oder hoffen, das irgendwo, tief in ihr drinne, noch eine Stimme der Vernunft haust und darauf warten, dass die wieder durchscheint? Mir macht das echt Bauchschmerzen.

Was tun, wenn der Hass im Freundeskreis auftaucht?