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Fünftausend Ausrufezeichen gegen “Die drei !!!”

Ich hasse “Die drei !!!” mit aller Macht. Angefangen von dem unsagbar beschissenen Namen, über die Tatsache, dass man es überhaupt für nötig hielt, sie zu erfinden und zu schreiben, bis hin zu den Storys und den Titeln. Ich empfinde reine, ungetrübte Verachtung für die Autoren und den Verlag, der so etwas beschissen verlogenes zuliess.

Da kann man auch sagen: “Warum denn ins Museum? Hier, guck mal, ich kann auch eine tolle Mona Lisa malen! Und ich kann ihr sogar noch tolle rosa Schleife ins Haar malen und ihr ein bisschen Make-Up verpassen, damit du als Mädchen auch siehst, wie du als Mädchen auszusehen hast und was dich zu interessieren hat. Guck mal, wie glücklich die Mona Lisa über ihre neuen Smokey Eyes ist! Viel besser als dieses blöde Original!”

Ich bin kein Gender Experte, ich verstehe auch manche Aufregung nicht, andere schon. Ich lach mich kaputt, weil es Gewürzgurken für Männer und für Frauen gibt, kaufe mir persönlich immer das rosa Überraschungsei, weil da das coolere Spielzeug drin ist und mag auch mal gerne einen Aperol Spritz. Man kann sagen, bei mir persönlich hat dieses Gender Marketing auf voller Linie versagt, mich erreichen die nicht, kriegen die nicht, kennen die noch nicht mal. Das ist auch alles nur Marketing, was die für Etiketten auf die Gurkengläser, die ich eh nicht kaufe, kleben, ist mir also recht egal. Auch wenn ich das Symptom natürlich scheisse finde, aber mein Groteskigkeitscontainer ist mit so vielen Sachen in der heutigen Zeit einfach überfüllt, da muss ich gewisse Dinge links liegen lassen. Und da gehören Gurken definitiv dazu. Ich hoffe nur, dass sie darauf sitzen bleiben.

Aber diese drei Ausrufezeichen regen mich schon seit dem ersten Moment auf, als ich sie im Regal liegen sah. Da wurde kreative Arbeit hinein gesteckt. Da wurden Seiten voll geschrieben. Nur weil man meinte, Mädchen sollen keine Abenteuer von Jungs lesen. Mädchen sollten weichere Themen bekommen, mit Pferden, Handys und knutschen. Nun bin ich ja Vater einer unglaublich coolen Tochter und schon beim ersten entdecken der Bücher habe ich ihr unmissverständlich klar gemacht, was ich davon halte. Und sie sieht es ganz genauso. “Die drei ??? Kids” hat sie noch gelesen und gehört, damit war ich auch noch ein bisschen einverstanden. Aber sonst: Stick to the Original. Sie liebt die spannenden Abenteuer von Justus, Bob und Peter. Und kann sich im Leben nicht vorstellen, sich näher mit die drei !!! zu befassen. Selbst als sie klein war, hat sie schon kapiert wie bekloppt das “neue” Konzept war und ist.

Ich bin ja kein Real-Keeper, ich mag neue Sachen. Aber irgendwo ist auch mal gut. Wenn es irgendjemand in irgendeiner Marketingabteilung für eine gute Idee hält, ein seit vielen, vielen Jahren bei ALLEN Kindern etabliertes Produkt in einer “Mädchenversion” zu veröffentlichen, dann sollten in Zukunft endlich auch mal Leute am Konferenztisch aufstehen und dem den Vogel zeigen und sagen: “Du möchtest unsere Gesellschaft spalten, verpiss dich bitte aus diesem Büro.”

Die Ersten werden damit nicht weit kommen, vielleicht sogar im Gegenteil. Aber irgendwann wird man wieder kapiert haben, dass man nicht alles aufspalten kann und muss und soll. Und dann verschwindet dieser Müll hoffentlich auf dem Altpapier. Und verrottet. Und der Rest Asche, der davon übrig bleibt, weht den Machern, die sich in der Zwischenzeit hoffentlich nicht fortgepflanzt haben (denn wie müssen die armen Mädchen von denen aufwachsen???), mitten ins Gesicht und ins Essen. Und ich höre währenddessen mit meinen Enkeln und Enkelinnen den schreienden Wecker. Gut. Das mach ich sowieso.

Aber Eltern, die ihr die drei !!! kauft: Tut das nicht. Unterstützt es nicht, dass eure Kinder verblödet werden. Unterstützt es nicht, dass eure Kinder schlechtere Chancen in der Zukunft bekommen sollen. Unterstützt es nicht, dass euren Kindern nur die Hälfte dieser Welt offen stehen soll. Lasst euch nicht ausnutzen, lasst euch nicht für dumm verkaufen. Ihr seid schlauer, intuitiver als alle Marketingmenschen zusammen. Zeigt den Spaltern die rote Karte. Lasst sie auf ihrem Mist sitzen. Für eine Josefine, die auch Maschinenbau studieren und ein Leo, der auch Kindergärtner werden kann.

P.S.: So lange der herausgebende Kosmos-Verlag die Bücher der drei !!! nicht unter einem Sublabel namens “Kosmiss” rausbringt, kann ich deren Willen zur Weiblichkeit eh noch nicht ernst nehmen.



Vorruf: Boris Becker

Ich hab vor kurzem eine schöne Anekdote über Robin Williams gelesen. Was genau ist ja erstmal egal. Auf jeden Fall war das eine Geschichte, die man auch schon problemlos zu seinen Lebzeiten hätte erzählen können und damit vielleicht etwas bewegt hätte. Sie hätte weder Williams geschadet, noch sonst irgendwem. Und da hab ich mir doch wieder gedacht: wie unglaublich bescheuert ist es eigentlich, sich schöne Erlebnisse mit Prominenten oder gute Dinge, die man über sie erfahren hat, “aufzusparen”, bis man einen Nachruf über sie schreibt. Dem will ich nun entschlossen entgegenwirken und unter “Vorruf” Anekdoten oder Erlebnisse aufschreiben, die ich mit Persönlichkeiten hatte, die man vielleicht (mich eingeschlossen) ganz anders eingeschätzt hat. Und da schien mir Boris Becker, vor allem nachdem ich sein letztes Spiegel-Interviews gelesen hab, in dem er sich für jeden Hühnerschiss rechtfertigen musste, ein würdiger Startkandidat zu sein:

Ich hab damals mit Becker zusammen diese Sendung, “Sofaduell”, im DSF moderiert. Als mir gesagt wurde, wer mein Co-Moderator sein würde, war ich erst etwas baff: Boris Becker, lebende Legende, würde mit mir zusammen eine Sendung machen, bei der wir durch WG-Wohnzimmer ziehen und ein Sport-Quiz auf der Playstation gegen sportbegeisterte Studenten zocken. Die Vorstellung war irgendwie bizarr.

Die Realität irgendwie auch: Bei der Aufzeichnung zur ersten Sendung kam Becker immer zum drehen aus seinem Aufenthaltsraum raus, ansonsten blieb er die ganze Zeit dort drin. Er war gut gelaunt und es hat mehr Spaß gemacht, als gedacht. Vor allem war der Sportsmann Becker nicht so verbissen, aber doch engagiert genug, gewinnen zu wollen. Irgendwie die perfekte Mischung. Hätte ich so vielleicht vorher auch nicht erwartet.

Bei der Aufzeichnung zur zweiten Sendung schien sich alles zu wiederholen. Ich sass im Catering, Becker in dem von ihm verlangten und ihm zugewiesenen persönlichen Raum. Immer an seiner Seite: Seine Assistentin, die ihm andauernd irgendwelche Fragen zu Terminen stellte, ihn an Anrufe erinnerte usw. Naja, dachte ich mir, so ist das eben. Die Moderationen und das spielen mit ihm funktionierte ja super, er war immer genau on point, wenn man ihn brauchte. Den Rest der Zeit nutzte er eben, um wichtige Sachen zu erledigen.

Ich sass immer noch alleine im Catering, mampfte ein Käsebrötchen, als Becker rein kam. Er setzte sich zu mir. Wir schwiegen uns kurz an. “Na Nilz, wie läufts bei dir mit den Frauen?”

Ich spuckte fast das Käsebrot aus, vor lachen und Becker sass mir grinsend gegenüber. Er, dessen vermeintliche Frauengeschichten gerade in den Käseblättern dieser Welt diskutiert wurden, stellte mir diese Frage. Gelungener Joke! Das Eis war gebrochen, wir kamen sofort ins Gespräch über alles mögliche.

Einige Sendungen später. Ich wusste, dass er zum Superbowl gehen würde und ich erzählte, wie gerne ich so einen Schaumstofffinger hätte, vor allem vom Superbowl. Er gab mir seine Nummer, ich solle ihm noch eine Erinnerungs-SMS schreiben und er würde mal sehen, was er machen kann. Ja, klar, Boris Becker läuft für Nilz Bokelberg durchs Superbowl-Stadion und versucht einen Schaumstofffinger zu kaufen. Ich fand seinen Move mit der Nummer und so smart, schickte ihm auch die SMS, aber war realistisch genug, mir nicht allzu große Hoffnungen zu machen, so ein Teil zu bekommen. Mein Gott, der Mann hat wirklich andere Sorgen. Er war ja auch noch irgendwie als halber Kommentator da, hatte also genug besseres zu tun, als Souvenirs zu shoppen.

Aufzeichnung vorletzte Sendung. Becker frisch aus Miami zurück. Wir stehen in einer Hamburger WG, irgendwo in der Nähe “Schlump”, wenn ich mich recht entsinne (ich find den Namen immer so lustig). Ich komme an, das Set ist schon eingerichtet, Becker auch schon da. Ich begrüße alle. Boris und ich schlagen ein. Ich setz mich hin, Becker verlässt den Raum. Und kommt zurück:

“Nilz, so eine Hand habe ich leider nicht bekommen.”

Ach, egal, sag ich und meine es auch so. Das er daran gedacht hat, fand ich schon cool.

“Deswegen hab ich dir das hier mitgebracht!”

Sagt er und zieht hinter seinem Rücken ein Shirt und ein Cap vom Superbowl hervor. Nur dort vor Ort und nur an diesem Tag zu erwerben. Selbst wenn er es nicht gekauft, sondern nur in die Hand gedrückt bekommen und mir mitgebracht hat: Ich bin sehr gerührt. Damit hab ich wirklich, wirklich nicht gerechnet. Coole, souveräne Aktion und spätestens seit dem:

Boris Becker für immer in meinem Buch der cool People.



Generation cc

Man stelle sich folgendes vor: Peter möchte mit mir arbeiten. Er hat eine tolle Idee, was wir zusammen machen könnten. Es soll ein ganz aufregendes Projekt werden, eigentlich noch nie da gewesen. Und ich finde das gut. Ich finde, wir sollten das machen, mag die Idee, bin gerne mit dabei. Um uns zu besprechen brauchen wir mehrere Treffen, die ganze Geschichte ist relativ komplex. Bei einem dieser Treffen, bringt er einen Kollegen mit. Also, ich denke es ist ein Kollege, denn ich kenne ihn nicht, er wird mir aber auch nicht vorgestellt. Er steht eigentlich die ganze Zeit über schräg hinter Peter, nickt mit dem Kopf und hört zu, macht aber sonst nichts. Peter bringt ihn von da an jedes Mal mit, erklärt aber nichts und auch der Kollege sagt nichts, macht nichts, ist einfach nur da. Ich drehe mich so, dass die Dinge, die ich sage, nur Peter hören kann. Aber auch dann dreht er sich einfach wieder zurück, so dass sein Kollege wieder alles mitbekommt.

Das wäre doch irgendwie schräg, oder? Aber genau so etwas passiert mir und vielen Anderen andauernd.

Wenn ich per Email mit irgendwelchen Leuten beruflich zu tun habe, kommt immer irgendwann der Punkt, an dem sie jemanden cc setzen. Manchmal von Anfang an, manchmal erst später. Ich mache mir dann oft den Spaß, das cc zu ignorieren und eben nicht “Reply all” zu drücken, denn ich habe ja von Anfang an nur mit der einen Person kommuniziert. Aber in der Antwort ist das cc in der Regel dann immer wieder gesetzt. Und ich glaube, das ist symptomatisch für unsere Zeit.

Warum werden eigentlich irgendwelche Leute cc gesetzt? Also, ausser wenn mehrere Menschen konkret an diesem einem Projekt arbeiten? Oftmals sind es ja die direkten Vorgesetzten, die als Mitleser eingesetzt werden, aber manchmal auch mehr oder weniger random irgendwelche Kollegen. Die Message, die so ein cc mir als Empfänger sendet, ist folgende: “Du, ich mag dich, aber ich hätte gerne ein paar Zeugen bei unserer Konversation.” Und das ist natürlich wieder direkt zurückzuführen auf ein: “Ich möchte nicht die Verantwortung tragen! Ihr seht, ich bin das nicht alleine schuld! Wir sind alle gemeinsam schuld! Auch ihr Zeugen, ihr habt nicht eingegriffen! Ihr seid auch schuld!”

Ich finde das mittlerweile absolut schrecklich. Als das losging, hab ich es erst nicht so richtig gecheckt. Ich hab dann die cc-Menschen einfach nicht beachtet, weil ich dachte, die seien aus Versehen in der Adresszeile gelandet. Aber irgendwann hab ich natürlich kapiert, dass das System hat. Dass das irgendwann mal jemand für eine gute Idee gehalten hat und dann alle nachgezogen haben. Alles nur unter Zeugen machen. Immer viele Menschen involvieren (ob sie wollen oder nicht, übrigens - gegen eine cc-Setzung kann ich mich als Gesetzter ja erstmal gar nicht wehren). Verantwortung möglichst breit verteilen. Nichts mehr alleine verantworten oder entscheiden müssen.

Ich will jetzt hier auch nicht den alten Sozialromantiker raushängen lassen, aber es gab mal eine Zeit, in der ein Händedruck zweier Menschen bindend war und etwas galt und zwar nicht nur im Kuhhandel auf dem Marktplatz, sondern auch in den Büros und Agenturen dieser Welt. Den hatte jeder zu verantworten. Und gerade eine schriftliche Konversation wie Email, hat ja schon so etwas wie ein bindendes Gespräch. Schliesslich steht ja alles schon “schwarz auf weiss”. Dann warum muss da noch eine “Sicherheitsebene” gezogen werden? Ich mag damit alleine stehen, weil sich jeder schon dran gewöhnt hat, aber ich finde das einfach extrem unhöflich. Für mich fühlt sich das auch nach starkem Misstrauen an. Und dieses Gefühl ist die Wurzel allen Übels. wäre ich ein großer Freund übertriebener Verkürzungen (was ich manchmal bin), könnte ich es auch so formulieren:

Der Akt des cc setzens hetzt Menschen gegeneinander auf.

Ein wenig polemisch, ich weiss, aber ich übernehme die Verantwortung für diesen Satz. cc setzen ist Misstrauen. Misstrauen ist das schlimmste Gefühl der Welt. Misstrauen entzweit die Menschen.

Deswegen: Lasst es sein. Nehmt euren Gegenüber wieder ernst. Nehmt euch selber wieder ernst. Ihr könnt Dinge entscheiden. Ihr könnt das auch alleine. Ihr werdet vielleicht auch mal daneben hauen, aber das ist dann eure eigene Verantwortung. Befreit euch aus den Ketten der Absicherung. Vertraut auf euch selbst! Hört auf ein Klima zu schaffen, in dem niemand mehr irgendwem über den Weg traut. Manche Menschen werden euch sicherlich enttäuschen. Aber diejenigen, die es nicht tun, sind es tausend Mal wert. Nicht immer nach den Arschlöchern richten. Sondern nach den Guten.

Damit die Welt wieder ein bisschen nicer wird.



Das Zocker Manifest

Wir sind keine Freaks, zumindest nicht mehr wie ihr auch. Wir sind überall. Wir sind Lehrer und Schüler, Punks und Katy Perry Fans. Manche von uns spielen alle Jubeljahre, andere haben noch gar nicht rausgefunden, dass sie mit ihrem Fernseher auch fernsehen können. Es gibt zockende Richter und spielende Junkies.

Wir sind männlich, weiblich, transgender oder manche haben sich noch gar nicht festgelegt (und wollen das vielleicht auch gar nicht). Wir sind Menschen, die davon träumen, vom Fifa spielen leben zu können. Wir freuen uns unsere Sims aufwachsen zu sehen oder im großen Clan gemeinsam zu spielen. Und dennoch wissen wir, dass es ein Spiel ist. Wir verwechseln die Spiele nicht mit dem Leben. Unser Hamlet heißt Batman. Wir erleben Abenteuer mit Francis Drakes Nachfahren Nathan. Und Jahre nach dem ersten Lara Croft Abenteuer haben wir noch viel zu wenig Heldinnen, aber wir wissen das und wir sagen das und man hört uns zu.

Wir gucken einen Film nicht nur, wir gestalten ihn mit. Wir lesen eine Geschichte nicht nur, sie würde ohne unsere Hilfe gar nicht weitergehen. Unsere Helden sind schon unzählige Male gefallen und wieder aufgestanden. Unsere Autos haben wir schon so oft gecrasht, dass wir es nicht mehr zählen können, aber wir sind wieder eingestiegen und weiter gefahren, bis wir diese eine Haarnadelkurve in Ideallinie geschafft haben. Wir singen mit unseren Freunden die größten Hits und kriegen dafür Rekordpunktzahlen (und wenn nicht, dann haben wir trotzdem rekordverdächtigen Spaß – vielleicht sogar noch mehr). Wir sind Junggesellen oder Teil einer großen Familie, in der jeder sein Lieblingsspiel hat.

Es kann gar keinen Klischeespieler geben, weil es nicht den Spieler gibt. Wir sind grundlegend verschieden. Wir sind so bunt wie die Welt. Wir sind auf allen Kontinenten zu Hause. Wir sind über den ganzen Planeten vernetzt. Ein Mädchen aus Neuseeland teilt ihr selbstgebautes Little Big Planet Level mit einem Profizocker aus Schweden. Ein Cosplayer aus der Schweiz tauscht Final Fantasy Fanart mit Online-Freunden aus Japan. Ein deutscher Rentner holt sich bei einem brasilanischen Clan Tipps für Call of Duty.

Bei uns ist Alter, Geschlecht, Aussehen und Herkunft egal. Wir lieben unsere Konsole als ein Fenster in andere, großartige Welten. Egal ob echt oder virtuell. Wir hassen cheaten und machen es doch selber manchmal. Wir hassen Komplettlösungen und googlen sie doch selbst manchmal, wenn wir nicht weiterkommen. Aber wir schämen uns dann dafür. Und das ist okay. Wir haben nie behauptet, nicht widersprüchlich zu sein.

Wir sind Videospieler. Wir sind wie ihr, die Nicht-Videospieler. Wir haben nur eine zusätzliche Erlebnisebene. Und zu der laden wir euch gerne ein. Hier, nehmt den Controller in die Hand, drückt das X und folgt uns. Tut auch gar nicht weh. Und wenn ihr glaubt, das sei nichts für euch, dann hört auf unsere Worte, denn wenn uns jahrelanges spielen etwas gelehrt hat, dann:

Es gibt für jeden das passende Spiel.

Ich hab diesen Text für die CONSOUL geschrieben, einem Umsonst-Spiele-Magazin von Sony, aber ich wollte ihn auch nochmal auf mein Blog packen, damit er auch online verfügbar ist - wo er ja irgendwie auch hingehört.



Wie mir mal mein Essen, dass ich gerade erst bestellt hatte, fast schon vorher wieder hochgekommen wäre…

Eine Sommernacht. Ich sitze vor einer Pizzeria in Berlin und warte auf mein Essen. Mir schräg gegenüber setzen sich drei Jungs, schätzungsweise Anfang/Mitte 20. Auch sie müssen warten, bis ihre Pizza fertig ist. Sie blitzen bei einem Mädchen ab, dass sie, recht ungelenk, versuchen gemeinsam anzugraben. Sofort switcht ihre Aufmerksamkeit auf mich (ich hab mal alles, was ich sage, kursiv gesetzt):

“Hey, hey du. Bist du deutsch?”
Ja, bin ich.
“Und bist du Jude? Oder Israeli?”
Äh, nein, ich komme von hier.
“Und was denkst du über Israel? Bist du Israel-Fan?”

Ich spüre zwar eine gewisse rauhbeinigkeit in den Fragen, aber ich bleibe ganz ruhig und möchte mich wirklich auf das Gespräch einlassen. Man hört und liest so viel in letzter Zeit. Hier scheint der erste Moment zu sein, in dem ich mal erleben oder prüfen kann, was an all den Horrorszenarien, von denen man immer nur liest, dran sein soll. Die Jungs, vor allem einer von ihnen, scheinen das Gespräch mit mir zu suchen.

Ich verstehe nicht ganz, was das heissen soll. Ich hab nix gegen Israel oder Juden. Ich muss kein Fan ihrer Regierung sein.
“Oh! Ein Judenfan!”

Okay, ich nehme mir strikt vor ruhig und halbwegs sachlich zu bleiben. Ich möchte auf die Provokationen nicht eingehen. Die sind Beiwerk. Ich will zum Kern: Herausfinden, was sie wirklich über den Konflikt zu meinen wissen, herausfinden, wo sie ihre Meinung her haben.

Häh?
“Sind wir doch mal ehrlich: Die Juden hatten Glück, das es den Holocaust gab, deswegen dürfen wir Deutsche nämlich nichts mehr gegen die sagen.”

Ich bin das erste Mal sprachlos, nachdem mir der Junge, der so wirkte, als hätte er am meisten auf dem Kasten, mir diesen Satz grinsend auftischt. Ich glaube, ich soll immer noch “nur” provoziert werden, aber ich muss schon sehr schlucken. Ihre Masche funktioniert also. Ich versuche abzuwägen. Da schaltet sich ein anderer aus der Dreiergruppe ein.

Ich finde, man kann diesen Konflikt nicht so schwarz-weiß sehen. Da sind auf beiden Seiten Aggressoren, die anscheinend kein Interesse an einer friedlichen Lösung haben. Die Hamas zum Beispiel, die nimmt die Zivilbevölkerung ja im Grunde genommen als Schutzschilde…
“Drei tote Israelis und 1000 tote Palästinenser!”
Naja, ich bin mir da jetzt nicht so sicher, ob das korrekte Zahlen sind. Da ist ja auch viel Propaganda am Start…
“Ach, wo hast du denn deine Zahlen her? Aus der Tagesschau? Alles deutsche Lügenpresse. Die kriechen den Juden doch in den Arsch!”

Puh. Der Typ, der das gesagt hat, ist deutlich aggressiver als seine zwei Freunde. Und während ich noch versuche, zu appellieren, dass man in dem vorliegenden Konflikt wohl bei jeder Informationsquelle vorsichtig sein sollte, setzt er zum finalen Move an.

Also, ich denke die sind noch deutlich seriöser als irgendwelche Internetseiten. Die erzählen zum größten Teil ziemlichen Müll.
“Ach, Schwachsinn. Ich bin stolz ein Antisemit zu sein!”

Das hat der wirklich so gesagt. Ich sitze im Sommer 2014 auf einer Bank vor einem italienischen Imbiss in Neukölln. Nebenan ein Thai-Imbiss und ein Dönermann. Eine Touristin aus Island bestellt etwas zu essen. Und vor mir sitzt ein Typ, der mir erzählen will, dass er stolz sei, Leute zu hassen, weil ihm ihre Religion nicht passt. Da sitzt ein Typ, den Hitler und seine abartigen Schergen auch weggesperrt und in irgendwelche Lager gesteckt hätten, weil er nicht arisch genug aussieht und propagiert Ansichten der Nazis. Ich hab mich, glaube ich, in einem Gespräch noch nie so erschrocken. Ich war total baff und wußte gar nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte gerade ansetzen. Dass doch im Koran zum Beispiel stehen würde, dass jeder glauben soll, was er will.

109. Die Ungläubigen (Al-Káferün)
1. Sprich: «O ihr Ungläubigen!
2. Ich verehre nicht das, was ihr verehret,
3. Noch verehrt ihr das, was ich verehre.
4. Und ich will das nicht verehren, was ihr verehret;
5. Noch wollt ihr das verehren, was ich verehre.
6. Euch euer Glaube, und mir mein Glaube.»

Aber wie weit wäre ich mit diesem Beispiel gekommen? Ist da noch ein durchkommen möglich? Ich wollte aufs Ganze gehen, wollte es wissen, wollte dieses Gespräch weiterführen. Diese Jugendlichen waren verblendet. Ich würde eine Möglichkeit finden müssen, an sie ranzukommen. An ihre Vernunft zu appellieren. Irgendwie würde ich ihnen ihren Irrtum doch klar machen können müssen!

“Pizza ist fertig. Und Jungs, bitte beendet jetzt mal euer Gespräch.”

Aus Angst, Kunden zu vergraulen, bat der Pizzabäcker, mit fester Stimme, um das Ende unserer Unterhaltung. Und ich hatte Hunger. Und war, ehrlich gesagt, ganz froh, aufstehen und weggehen zu können. Aber, so pathetisch das auch klingen mag, irgendwas von mir ist auf dieser Bank sitzen geblieben. Vielleicht der naive Glaube, dass solche Sprüche, solche Parolen immer ganz weit weg sind. Immer bei den Anderen. Ne, sind sie nicht.

Sie sind neben mir am Tisch.



Wenn der Hass anklopft…

Lustig, naja, komisch das ich mich mittlerweile so viel mit Hass hier beschäftige. Aber da der in meiner Filterbubble so allgegenwärtig ist, ist der für mich auch immer ein Thema. Klar, manchmal ist das sehr von Aussen betrachtet. Aber es gibt auch die Momente, wo der sehr nah an mich herankommt.

Da war dieses Mädchen, das fand ich mal toll. Also, ich glaube das ist immer noch eine tolle Frau. Aber ich verstehe nicht, wie sie so viele Abzweigungen nehmen konnte, die dazu führten, dass ich nun nur noch die Augen rollen kann, wenn sie mal wieder ihren vollkommen übertriebenen und undifferenzierten Islam-Hass in meine Timeline kotzt. Ich habe sie vor vielen Jahren als total liberalen, offenen, herzlichen Menschen kennengelernt. Klar, sie war auch spackig und alles, aber so wie wir alle. Total gut. Jederzeit nachvollziehbar. Und dann zog sie weg, heiratete. Sie war früher eine Künstlerin, ihre Kunst gab sie auf. Überhaupt schien sie nur noch für die Familie da zu sein. Ihr Mann machte Karriere, sie blieb zu Hause.

Das ist kein Problem, das muss jeder entscheiden wie er oder sie das möchte. Und ich kenne sie gut genug um zu wissen, dass das eine bewusste Entscheidung gewesen sein muss. Aber, so sieht es von aussen aus, diese Entscheidung führte dazu, dass sie begann zu hassen. Nicht alles und jeden, das würde sie spüren. Deswegen jemand, von dem man ihr (oder vermutlich besser: sie sich) gut einreden kann, es sei ein geeignetes Feindbild, verantwortlich für all das Übel auf der Erde.

Und so lese ich sie zusammenhanglos Koran-Zitate rausschleudern, die beweisen sollen, wie kriegerisch der Islam sei - nicht beachtend das man ähnliche Zitate und Fundstellen auch endlos aus der Bibel auflisten könnte. Sie wettert gegen Obama und jeden, der nicht ihre Meinung teilt. Sie wirft den Menschen vor, blind zu sein, den Feind nicht zu sehen - aber plappert doch blind irgendwelche Klischees nach. Ich frage mich, wie sich so ein Menschenhass mit Buddhismus in Einklang bringen lassen soll, aber sie anscheinend nicht, denn so wie ich das verstehe, definiert sie sich noch als Buddhistin.

Plötzlich ist da jemand, den man nicht mehr versteht. Klar, wir verändern uns alle, ständig. Aber so sehr? Ist es möglich, zu so einem anderen Menschen zu werden? Oder war ich geblendet, damals? Hatte sie das schon immer in sich und ich hab es nur nie gesehen? Und was tun? Aus meiner Freundesliste löschen? Und wenn ja, kommentarlos? Oder ihr nochmal schreiben, wie schade man das findet? Sie vielleicht einfach nur muten? Oder hoffen, das irgendwo, tief in ihr drinne, noch eine Stimme der Vernunft haust und darauf warten, dass die wieder durchscheint? Mir macht das echt Bauchschmerzen.

Was tun, wenn der Hass im Freundeskreis auftaucht?



No know

Irren ist zu einem absoluten No-Go geworden. Man darf sich nicht mehr irren. Das vermutlich Einzige, das noch schlimmer ist, als sich zu irren (oder zuzugeben, sich zu irren) ist sich zu korrigieren. Derjenige, der sich korrigiert, ist nach Internetmassstäben eigentlich schon gar kein Mensch mehr. Man kann sich doch nicht irren und dann auch noch korrigieren! Wenn man sich irrt, dann sollte man gefälligst ganz viele Argumente sammeln (=googlen), die den Irrtum als richtig bestätigen. Sonst kann man ja gleich sagen, dass man keine Ahnung hat!

Aber mal im Ernst: Im Moment spüre ich es wieder ganz stark, dieses Verlangen nach einer Auszeit. Ich will aber gar nicht das Netz, das ja so viele tolle Seiten hat, die ich sehr liebe, für eine gewisse Zeit verlassen. Ich will eine Auszeit für die Anderen. Ich möchte, dass diejenigen, die für dieses Klima sorgen, verschwinden. Sie haben ihr Recht auf Internet gehabt und sie haben Scheisse damit gebaut und nun sollte man es ihnen wieder entziehen. Sie hatten es in der Hand und sie haben es verbockt.

Wenn man zu politischen Themen nicht innerhalb von fünf Sekunden, nachdem die erste Meldung bei Spiegel Online aufpoppte, eine fundierte (sprich: mindestens durch fünf Seiten bei Google verifizierbare) Meinung hat, kann man sich gleich gehackt legen. Nun, es gibt einfache, gesellschaftspolitische Themen, da braucht man tatsächlich nur Sekunden um sich festzulegen. Die “Gaucho”-Affäre, die ja eher eine “Journalisten versuchen mit Gewalt ihre Meinungshoheit zu behalten, aber haut nicht so gut hin”-Affäre war, ist so ein Fall. Das ist so überschaubar konstruiert, da braucht man nicht lang. Man muss vielleicht ein paar Fallstricke umschiffen, um nicht in der “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!”-Soße zu landen, die versucht die Diskussion für sich auszunutzen, aber da kommt man recht sicher durch.

Anders zum Beispiel die Situation im Gaza-Streifen. Ich höre die Nachrichten, ich sehe sie, ich bin sehr bewegt und tief erschrocken. Aber ich bin auch erschrocken um meine totale Unwissenheit, was diesen Konflikt betrifft. Also, ja, ein paar Basics weiß ich natürlich schon, aber niemals genug, um mir ein komplettes Bild zu machen. Ich halte diesen aufziehenden Krieg für ein äusserst diffiziles Konstrukt, mit tausenden Betrachtungsmöglichkeiten. Aber was ich in meine diversen Timelines gespült bekomme, sind nur strikte und feste Meinungen. Von direkt Betroffenen wundern die mich nicht, da finde ich die auch richtig und würde denen niemals widersprechen. Aber die Meinungen mancher Menschen scheinen mir eher sehr vorgefestigt zu sein und sie googlen sich dann die Meldungen zusammen, die ihnen argumentativ in den Kram passen und schiessen die dann auf ihre Timelines als angeblichen Beweis raus. So war das aber eigentlich nicht gedacht, mit der Informationsgesellschaft. You´re doing it wrong.

Informationsgesellschaft bedeutet nicht “Ich suche mir die Information, die ich will”, sondern “Ich habe die Verantwortung, sorgfältig mit Informationen umzugehen, auch wenn sie meiner Meinung widersprechen”.

Ich kann es nur immer wieder ausrufen:

Irrt euch! Macht Fehler! Gebt zu, keine Ahnung zu haben!

Das tut nicht weh, im Gegenteil, das kann sogar sehr befreiend sein. Es gibt nicht auf alles einfache Antworten. Aber dort, wo es keine einfachen (oder nur zu einfache) Antworten gibt, ist nicht die denkbar unglaublichste oder geheimste Antwort die richtige. Es macht nix, nix zu wissen. Das lässt sich einfach ändern. Es macht viel mehr, sich das nicht eingestehen zu wollen.



The Dusk of the golden Pineapple

Es gibt ja eine Menge, dass man an der FIFA und ihrem Verständnis von Fussball (Cashcow) kritisieren kann. Geschenkt. Eigentlich müssten die ja alle mit Fackeln und Mistgabeln aus der Zentrale gejagt und stattdessen Menschen dort hingesetzt werden, für die Fussball und seine Fans an erster Stelle stehen und dann erst Coca-Cola, Mc Donalds, Adidas und Budweiser. Und dann erst das Architekturbüro, das seit mehreren Jahren kategorisch Stadien verschandelt oder schlecht neu ausdenkt. Und dann erst irgendwelche Politiker, die sich ein Denkmal setzen möchten. Und dann erst, wenn überhaupt, die eigene Tasche.

Bis es so weit ist, bis Kinder mit Fussbällen und ihre Familien mit noch mehr Fussbällen, die Zentrale der Fifa stürmen, wird noch viel Wasser den Rhein runter und viel Geld auf das Konto von Blatter und Konsorten fliessen. Darum soll es auch gar nicht gehen. Vielleicht kann man aber schon mal kleine Veränderungen andenken. Zum Beispiel:

Warum spielt man noch um den dritten Platz?

Jetzt mal ehrlich: Das Spiel, dass man schon seit Jahren “Goldene Ananas” nennt, ist nach meinem Empfinden, überflüssiger geworden als jemals zuvor. Ich denke, das liegt an der Tatsache, dass Fussball wirklich schneller geworden ist, ein anderes Spiel geworden ist. Das alte Spiel, die alten Weltmeisterschaften, das waren tatsächlich noch Spiele irgendeiner wie auch immer gearteten “Ehre”, der olympische Geist des “Dabeisein ist alles” war allgegenwärtig. Deswegen, in diesem Geiste, war es auch allen Beteiligten wichtig zu wissen, wer ist Erst-, Zeit- und Drittbester.

Nun befinden wir uns in einer komischen Leistungsgesellschaft, der Kapitalismus hat auch die Arbeitswelt erobert (Meine Güte, man muss echt viele Binsenweisheiten schreiben, wenn man über Fussball schreibt…das kommt ja wirklich ganz automatisch!). Das muss einem ja nicht gefallen, mich befremdet das die meiste Zeit auch eher. Aber so ist es halt. Ein Handschlag zum Beispiel, gilt heute nix mehr, nur Mails bei denen man zur Sicherheit 27 Menschen cc setzt, am Besten noch die eigene Oma und die des Empfängers. Alles um sich abzusichern. Und erfolgreich alles einzutüten.

Fussball macht Spaß, aber für die Spieler auf dem Platz ist das ihr Job. Und man stelle sich einmal vor, in der Werbeagentur (Oder Redaktion, oder Supermarkt, oder Werkstatt…you get the point) würde eine große Ansprache gehalten, über den einen Mitarbeiter, der nur sehr knapp den Deal nicht bekommen hat. Vor versammelter Mannschaft. Und dann wird noch der andere Mitarbeiter hervorgehoben, der seinen Abschluss noch knapper nicht bekommen hat. Und am darauffolgenden Tag wird dann derjenige gelobt und gefeiert, der es geschafft hat. Das wäre doch eigentlich ziemlicher Quatsch. Ungefähr so muss sich mittlerweile das Spiel um den dritten Platz anfühlen. Eine reine Demütigung. Ihr habt beide verloren? Dann gucken wir doch mal, wer von euch nochmal verliert.

Oliver Bierhoff hat das letzte Golden Goal geschossen. Lassen wir Brasilien - Niederlande das letzte Spiel um den dritten Platz werden. Und als solches feiern.

Versenken wir die goldene Ananas innerhalb der nächsten vier Jahre im Meer. Spongebob würde sich freuen. Win-Win.



Gleich und Gleich und doch nicht Gleich.

Ja, klar gibt es Unterschiede:

Ich hatte gestern den ganzen Tag lang Lust zu tanzen. Ich wollte unbedingt das Tanzbein schwingen, mal wieder die Musik durch mich durch schleudern und einfach loslassen. Den Beat im Solar Plexus spüren und wie er sich von dort im ganzen Körper verteilt, bis in die Arme, bis in die Beine, bis in die Finger- und Zehenspitzen. Deswegen habe ich mir den halben Tag lang eine Playlist gebastelt, mit Liedern, zu denen ich gerne tanzen würde. Die sah so aus:

Nun gibt es aber keinen mir bekannten Club in Berlin, in dem exakt so eine Musik läuft. Aber gestern war ja CSD und bei mir in der Nähe ist ein großer Schwulenclub (natürlich auch für Lesben und Bis und queere Eumel und Eumelinnen und Transgender und allem, was noch dazu gehört), die haben eine große CSD-Party gemacht. Und dann lag ich da so zu Hause, nach diesem semifrustrierenden Deutschlandspiel und hab überlegt, was ich machen soll. Und die Lösung war: Da gehste jetzt mal hin, in den Club.

Was soll ich sagen: Es war ein großer Spaß. Ich bin volle Lotte auf meine Kosten gekommen. Denn so ein Laden mit größtenteils schwulem Publikum hat einen ganz wundervollen Vorteil: Ich hab keine Ahnung, wann ich zum letzten Mal in einer weniger aggressiven Disco war, als da. Nicht falsch verstehen: Das bedeutet nicht, dass Schwule nicht aggressionsfähig wären (warum sollten sie das auch nicht sein?), sondern weil nicht ein Rudel Männer nach den Frauen sucht, die noch anzubaggern sind. Es wurde ausgegangen um zu feiern und zu tanzen und ja, sicher auch um jemanden abzuschleppen - aber das passiert offensichtlich mit einer viel weniger aggressiven Dringlichkeit, als in Heten-Clubs. Wie herrlich das war, wie toll ich getanzt hab. Gut, ich war ein bisschen enttäuscht, dass mich niemand angegraben hat, aber vielleicht hab ich ja “HETE” in Leuchtbuchstaben auf der Stirn stehen. Oder ich habs nicht gemerkt (wer jetzt schreibt “Oder du bist nicht attraktiv.”, den hau ich), kann auch gut sein. Aber deswegen war ich ja auch nicht da. Ich wollte ein Bierchen trinken, etwas tanzen und das habe ich auf perfekteste Art und Weise bekommen. Danke dafür. Was für ein Fest. Ich geh nirgendwo anders mehr hin. Wenigstens zum tanzen.

Es gibt aber auch Nicht-Unterschiede:

Wir haben in der Regel zwei Beine, zwei Arme, Bauch, Brust, Kopf, Pimmel. Es gibt keine schwulen Körper. Es gibt auch keine heterosexuelle Spucke.

Aber offensichtlich gibt es homo- und bisexuelles Blut.

Das ist nämlich per Gesetz nicht gleichwertig zu heterosexuellem, welches munter gespendet werden darf. Homosexuelles nicht. Und das ist auf so vielen Ebenen falsch.

- An jeder Ecke lerne und höre ich “Jede Spende ist wichtig, jede Spende kann Leben retten!”. Nur um dann potentiellen Spendern zu sagen: Aber ihr dürft nicht, sorry, ihr seid schwul geboren, ihr dürft keine Leben retten. Wie absurd ist das?

- Es diskriminiert Homosexuelle in einem irritierenden Maße, welches ich 2014 nicht nur für nicht mehr zeitgemäss halte, sondern für absolut erstaunlich, dass es überhaupt noch existiert.

- Und jetzt mal ganz ehrlich: Es sollte bei einer Blutspende natürlich darauf geachtet werden, dass es sich nicht um wie auch immer infiziertes Blut handelt, aber mit wem ich wann und wie ins Bett gehe, hat denen SCHEIßEGAL zu sein. Im Gegenteil: Die sollten mir den Teppich ausrollen, wenn ich komme. Und davon abgesehen: Wie wollen die eigentlich checken, dass ich nicht einfach behaupte hetero oder homo zu sein? Muss ich ein Fotoalbum mitbringen? Werden mir erotische Bilder beiderlei Geschlechtes gezeigt und dabei mein Ständerwinkel gemessen?

Wir schütteln verstört die Köpfe darüber, dass irgendwelche Religionsspinner kein Spenderblut annehmen dürfen oder wollen und blicken schulterzuckend hin, wenn gesunde Menschen lebensrettendes Blut spenden wollen, aber nicht dürfen. Mal ganz ehrlich:

Wie absurd ist das?

Deswegen, selten genug, aber dieses Mal gerechtfertigt und wichtig: Geht bitte HIER hin und unterschreibt diesen absolut essentiellen und wichtigen Appell. Auf das diese durch absolut nichts zu rechtfertigende Ungerechtigkeit abgeschafft wird.

Liebt wen ihr wollt, verdammte Axt und lasst uns immer darauf achten, dass das jeder problemlos kann.

Und tanzt, tanzt, tanzt.



OK GO sind wieder da!

Eine der Bands, die ich nach Weezer liebe, sind OK Go. Ich find es eigentlich ein bisschen unfair, dass man immer nur über deren Videos spricht und nie über diese schönen, mitunter schrägen kleinen Indie-Pop-Kompositionen, die ich mir auch auf dem Kopfhörer bei der Fahrt durch die Stadt liebend gerne anhöre. So wie den neuen Song “The Writings on the Wall” auch, gefällt mir auf Anhieb mit seiner leichten Cure-Stimmung und dem typischen OK Go Sound. Aber, zugegeben: Das Video ist auch wieder einsame Spitze, so wie es eben nur diese Kunststudenten hinbekommen:


[YouTubeDirektOptischerFreakout]