Ohne Norcia geht es nicht

Ich laufe die große Straße, vom Stadttor kommend, entlang. Der Weg wird links und rechts gesäumt von Läden, die lokale Spezialitäten anbieten. Vor allem Trüffel und Salsiccia. Auf der rechten Ecke kommt eine Bar, die auch Pizza anbietet. Dann noch die Apotheke und dann hat man es endlich geschafft: Die Piazza öffnet sich vor einem. Ein prächtiger, großer, runder Platz, gesäumt von Cafés und einer großen Kirche mit schönem Rundfenster.

Ich war ein paar Mal in Norcia und es hat mir immer gut gefallen. Mir gefällt Italien ja sowieso und da hat jeder Ort etwas Besonderes. Norcia durfte ich aber noch mal anders kennenlernen. Von innen, sozusagen, da ich auf eine Art Teil Norciner wurde, denn die Mama meiner Tochter, kommt von dort - beziehungsweise ihre Familie. Und so durfte ich Dorfklatsch und Tratsch mitbekommen, aber auch ein paar tolle Menschen vor Ort kennenlernen und besuchen. Ich habe mich in die zwei Wäscherei-Omas verliebt, die seit Jahr und Tag gemeinsam in ihrem Laden stehen und die Schmutzwäsche machen, was durchaus im doppelten Sinne verstanden werden darf, denn sie machen nicht nur die Laken porentief rein (und verpacken sie dann und dann riechen die so toll), sondern sie sind auch eine der besten Quellen, wenn man wissen will, was im Dorf wieder so alles los ist.

Ich hab die Pizza aus der Pizzeria in der Stadtmauer genossen und natürlich den Trüffel- Mjam Mjam. Trüffelpasta an Heiligabend, der Wahnsinn. Natürlich auch die lokalen Würste, gerne mit Wildschwein gefüllt. Wenn man Nachts wach im Bett liegt, hört man manchmal sogar, wie die geschossen werden. Ich war aber auch auf dem “Piano Grande”, diesem unfassbaren Linsen-Feld, das wie ein Teppich in den Bergen vor dem Dorf liegt. Und die Lenticchie, die von dort kommen - ebenfalls ein totaler Genuss. In ganz Italien heissen die Feinkostläden “Norcineria” und ja, das bezieht sich ursprünglich auf Norcia und seine feinen Speisen. Gutes Essen ist dort fast eine Selbstverständlichkeit - aber Genuss eben auch.

ce5e
Ich, vor fünf Jahren, am “Piano Grande”.

Ich hab die Reisebusse gesehen, die täglich in Scharen kommen, vor dem Stadttor halten, die - vor allem italienischen - Touristen ausspucken, welche dann einmal durch das Dorf ziehen, einkaufen und wieder einsteigen.

Ich hab auch die Häuser gesehen, in denen viele Nursini übergangsweise gelebt haben, damals, nach dem schweren Erdbeben in den 70/80ern. Viel ist damals kaputtgegangen, aber viele wollten trotzdem bleiben. Sich nicht unterkriegen lassen. Naja, vielleicht hatten viele auch keine andere Idee, wo sie überhaupt hinsollen. Sie kannten nur Norcia, es war ihre Heimat. Die gibt man nicht so einfach auf. Dann baut man sie lieber wieder auf.

Der Mensch verlässt sich vielleicht viel zu leicht auf trügerische Ruhe. Wenn man sich in Norcia umhörte, waren Erdeben immer ein Thema. Ein Thema, über welches immer gesprochen wurde. Man erinnerte sich an das Chaos bei letzten schlimmen Beben. Hatte immer Angst davor, dass es wieder kommen könnte, dass es wieder so schlimm sein könnte. War in ständiger Alarmbereitschaft. Andererseits hat man auch einen Alltag, muss sich arrangieren, muss ja auch leben. Vielleicht würde es nie mehr so schlimm werden. Und man hatte ja jetzt auch erdbebensicher gebaut.

Nach Angaben von Forschern muss in Mittelitalien im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 6 und mehr gerechnet werden. Mehr als 50 Prozent der Privatwohnungen in Italien entsprechen nach Berechnungen des Nationalen Ingenieurrats nicht den Sicherheitsbestimmungen. Allein die Erdbebensicherung von Wohngebäuden in den am meisten gefährdeten Gegenden könnte demnach bis zu 36 Milliarden Euro kosten.

Quelle: ORF

Ich habe mich immer wohl gefühlt in Norcia. Dieses Dorf hat mich immer mit offenen Armen empfangen und mir immer wieder neue Sachen gezeigt. Es bricht mir das Herz, diese Stadt so am Boden zu sehen. Deswegen bitte ich euch, helft. Ich weiß, es ist nur eine Stadt, es ist öein sehr persönliches Interesse, anderen Erdbebenregionen geht es auch schlecht. Das weiß ich alles. Und ich finde es gut, wenn ihr woanders spendet. Dort, wo es gebraucht wird. Ich kann euch nur bitten, den Schmerz an einem Ort zu lindern, an dem ich ihn nachvollziehen kann.

In Norcia gibt es ein Kloster. Die Mönche weigern sich, den evakuierten Stadtkern zu verlassen. Sie wollen bei ihrer Kirche sein, retten, was zu retten ist. Sie bitten um Spenden und so sehr ich auch immer Angst habe, dass Spenden nicht ankommen - hier tun sie es definitiv.

Bitte gebt und wenn es nur ein bisschen ist. Helft mit, dieses besondere Fleckchen Erde wieder aufzubauen. Helft mit, den Menschen vor Ort wieder eine Perspektive zu geben. Ich mag es nicht, zum spenden aufzurufen, halte mich mit so etwas gerne bedeckt, aber das hier fühlt sich persönlich an. Das ist mein Norcia. Deswegen zögere ich keinen Augenblick. Und wenn es nur das Geld für eine Schachtel Zigaretten, für einen Kinobesuch oder eben für eine Pizza mit Salsiccie ist - bitte gebt.

“Es ist für uns an der Zeit aufzuwachen und uns zu erheben.”

Das hat Benedikt von Nursia, der heilige Benedikt (nach dem sich der jetzige Papst benannt hat), der in Norcia geboren wurde und im Laufe seines Lebens um das Jahr 500 herum den Benedektinerorden gründete, gesagt. Vielleicht passt es niemals besser, als jetzt. Wenn der Schock überwunden ist, sollte die Stadt wieder aufgebaut werden.

Wenn ihr den Mönchen vor Ort spenden möchtet, um was ich euch sehr bitten würde, dann tut das bitte HIER.

Einen guten Überblick über weitere Spendenaktionen, findet man HIER (die gelten aber eher für die ganze Region und gehen zum Teil an so große (und natürlich wichtige) Organisationen wie das Rote Kreuz, falls man “allgemeiner” spenden möchte).



Wer bringt mich jetzt zu den Anderen? - Die neue von “Die Höchste Eisenbahn”

Drei Jahre ist das nun schon her. Drei Jahre seit einer Platte, die mich verzaubert hat, die damals meine Platte des Jahres war und die ich seitdem immer und immer wieder gehört habe. Das verrückte daran ist: Ich habe irgendwie gar nicht mehr mit einer weiteren Platte gerechnet. Vielleicht weil die Band in meinem Kopf einen gewissen Projekt-Charakter hat, auch wenn ich keine Ahnung habe, woher dieses Gefühl kommt.

image1

Nun habe ich es in der Hand, dass neue Album. Und abgesehen von der schönen Überraschung, ist das auch ein schönes Album. Eine Platte, die dem Debüt in keinster Weise nachsteht. Eine Platte, die auch wieder Magie verströmt, wie zuvor, aber vielleicht diesmal auf eine etwas andere Art. Vielleicht. Mal sehen zu welchem Fazit ich am Ende dieses Textes komme. Vorweg gestellt sei erstmal nur das: Bitte kaufen sie diese Platte. Sie gehört zu den Meisterwerken 2016.

Schon auf Twitter und Facebook wurde ich ungeduldig gefragt, wie mir denn die neue Höchste Eisenbahn gefallen würde - bevor ich sie überhaupt einmal durchgehört hatte. Dann aber hatte ich endlich das Momentum und den Zeitpunkt gefunden, mich in Ruhe mit ihr auseinanderzusetzen.

Und schon der erste Eindruck war: Ich möchte diese Lieder einpacken, in kleine Paketchen, mit Schleife und vielleicht an den Ecken etwas zusammengedrückt. Und die will ich verschicken, an ganz viele Menschen. Menschen, die ich mag. Einfach nur um zu wissen, dass sie diese Lieder auch hören, dass sie dieselben Lieder wie ich hören. Und zwar genau diese. Diese Songs die immer eine Mischung sind aus Anekdoten, die uns allen schon genauso passiert sind und Sätzen, die auf Plakaten gedruckt, unsere Innenstädte zukleistern sollten.

Eigentlich sollte das einen ja erschrecken: Mein Leben ist gar nicht so einzigartig, wie ich immer gedacht habe. Anderen Menschen passieren dieselben Dinge, erschreckend gleich, und sie schreiben dann auch noch Songs drüber. Und in ihren Songs tauchen all diese Namen auf, Lisbeth, Tillmann, Louie, Timmy. Ein Name macht einen Song konkret, ein Adressat macht ein Lied zu einer Aussage. Und dennoch ist das alles kein Grund zur Sorge:

1.) Die Musik
Der AOR des ersten Albums wurde ausgefeilt. Jetzt sind auch, wie zum Beispiel in “Stern”, andere EInflüsse zu hören, die vorsichtig in das Gesamtbild eingefügt wurden. Im genannten Song ist das ein fast housiges Piano im Refrain. In vielen anderen Liedern wurden auch neue Synthie-Sounds genutzt, Sounds, die fast verboten waren.

Die Kompositionen sind clever, ohne angeberisch sein zu wollen. Es scheint keinen Ton zu viel zu geben. Sehr leicht, sehr einschmeichelnd, manchmal mit kleinen eingebauten Stolperern. Ich weiß nicht, was diese Musik für mich so verführerisch macht. Ich kann diesen Harmoniebögen nicht widerstehen. Dieser schlauen Instrumentierung, die immer wie aus dem Bauch wirkt, obwohl man merkt, dass sie sehr durchdacht ist. Sie zwingen mich zuzuhören und gleichzeitig darüber glücklich zu sein. Ich freu mich über die Gesangsmelodien und die zweistimmigen Harmonien. Es schwebt in dur-igen Sphären und hallt in Moll nach. Die Kompositionen sind Sehnsuchtsorte. Vielleicht beschreibt es das am Besten (vielleicht aber auch gar nicht).

2.) Die Texte
Die letzten drei Jahre haben Moritz Krämer und Francesco Wilking wohl dazu genutzt, noch mehr zu beobachten, noch mehr zu erleben, noch genauer hinzuschauen. Manche Menschen haben ab einem gewissen Punkt alles erzählt, nichts Neues mehr erlebt (vor allem im deutschsprachigen HipHop ein häufiges Phänomen) und fangen dann nur noch an, sich zu wiederholen. Eine Falle, in die die Höchste Eisenbahn wohl niemals tritt. Denn ihre Texte handeln von Situationen, die niemals aufhören, die so einzigartig sind, dass sie ein Leben lang vorkommen.

Irgendwann werd ich dir alles erzählen.
Wenn du neben der Rutsche stehst,
werd ich mich zu dir stellen.

Ich sag was zum Wetter.
Du lachst und du nickst.
Und alles ist still.
Für einen Augenblick.

Diese Strophe zum Beispiel aus dem großartigen “Woher denn”, erzählt schon so viel, so bekannte Situationen und hat gleichzeitig etwas unangenehmes, etwas bedrückendes. Zusammen mit dem herrlich leichten Instrumental, in dem immer wieder irgendwelche Sounds kurz und klein aufpoppen, fast wie in einem Sumpf in der Abenddämmerung, wo es an allen Ecken und Enden kleine Geräusche gibt und welches sich dann in ein großes Uptempo-Finale steigert. Das ist so einzigartig toll - so einen Song kann es nur von dieser Band geben.

Oder der Refrain von “Lisbeth”:

Liebe Lisbeth,
wir sind nie Zuhaus
Mit dir würd ich immer wieder,
an einem Laken zum Fenster raus.
Wir waren Waisen
und ständig auf der Flucht.
Ängstlich und alleine
und dann kam der erste Kuss.
Bist nochmal gewachsen,
und ich kann jezt mehr verstehen:
Waisen sind wir immer wieder,
wenn wir uns nicht sehen.

Ich liebe diese Band, ich liebe ihre Melodien, die Art, wie sie ihre Instrumente spielen, wie sie singen, was sie singen, wie sie welche Worte benutzen. Wenn ich eine Band sein wollen würde, dann diese (oder die Lassie Singers). Auch auf dem neuen Album beweist die Höchste Eisenbahn wieder, sehr ausserhalb von allem zu sein, sehr einzigartig und vor allem: Sehr berührend. Es gibt viele deutschsprachige Bands, die ich verehre, aber im Moment keine, die ich so liebe.

Auch wenn ich es schade finde, dass Francesco nicht mal mehr einen italienischen Satz untergebracht hat - aber vielleicht kann ich mit ihm ja eine italienische Cover-Platte machen.



Himmelhochrappend / zu Tode bemüht - Das neue Beginner Album “Advanced Chemistry”

Wie fang ich denn so einen Text an? Hm, vielleicht so:

Die Beginner sind wieder da!

Und in mir macht sich ein großes Gefühl der Erleichterung breit. Irgendwie waren die drei das letzte Puzzle-Stück, das noch gefehlt hat, um meine Rap-Sozialisation wieder komplett zu machen. Fettes Brot waren nie weg und werden immer großartiger in einer gewissen Jetzt-erst-Recht-Haltung. Samy Deluxe bringt regelmässig Soloalben, bei denen man unsicher ist. 5 Sterne Deluxe hab ich so laut wie möglich beim Comeback-Gig vor 2,3 Jahren zugejubelt - aber da war es klar, dass man noch 3000 Jahre würde warten müssen, bis da wieder eine Platte kommt. Die Fantas sind eigentlich unentwegt auf Tour (ich will wieder hin!) und nun also Denyo, Eizy Eis und DJ Mad wieder am Start. Klar, wir werden alle nicht jünger, in der Zwischenzeit haben viele andere Bands und Rapper das Feld übernommen. Niemand hat 13 Jahre auf das Beginner Album gewartet, liebe Leute. Aber jetzt ist es da und niemand kommt daran vorbei. Und das ist auch richtig so.

Erstmal: “Advanced Chemistry” ist ein dopes Album geworden. Es ist exakt das Beginner-Album, das ich erwartet habe, als es hiess, es würde ein neues Beginner-Album geben. Der Flow steht, die Raps sind ebenso entspannt wie da (für mich immer eine der besonderen Beginner-Eigenheiten: Wie kann man nur so entspannt klingen und gleichzeitig so aufregend erzählen?). Die Beats sind von “Herrje” über “Jo, passt” bis zu “Woah! Krass!” und “Hehehe.”. Vielleicht gehen wir einfach mal die Tracklist durch, so wie ich das immer gerne mache:

“Ahnma” war der Türöffner, ist auch der Opener des Albums. Eine starke Represent-Nummer, die vor allem, vermutlich sogar überraschend, den Kultur-Chauvinismus vieler Beginner-”Fans” offenbarte, die mit spitzen Fingern: “Gute Nummer, aber was soll denn bitte dieser Prolo da drin?” in die sozialen Netzwerke kommentierten, damit das GZUZ-Feature im Refrain meinten und zeigten, dass sie von Rap nichts begriffen haben, während die Beginner bewiesen, sehr wohl noch Part des Games zu sein. Im Grunde genommen hätte sofort das Album kommen können - so viel wie da richtig gemacht wurde.

Stattdessen kam noch eine Single, “Es war einmal”, ein schöner Wie alles begann-Track, zum sich erinnern. Also, eigentlich nur dafür. Wer würde den Song hören wollen, der die Geschichte nicht kennt? Dazu ein Video, das einen mit der Flut an Gastauftritten und versteckten Informationen auf Crawls und Einblendungen etwas überfordert, aber trotzdem erstmal begeistert. Aber so eine Reminiscence, die macht einen natürlich auch sofort: alt. Also, mich als Hörer vor allem auch. Hmpf.

Es folgt mit “Meine Posse” ein Song, in dem Samy mal wieder seine Stärken eindrucksvoll demonstriert. Dazu ein schöner, schräger Beat - der von einer ganz seltsam einschmeichelnden Melodie in der Hook getragen wird. Aber auch hier, ganz HipHop, wieder hauptsächlich represent. Ist ja okay.

Über das folgende “Schelle” hab ich viel negatives gelesen. Die Beginner würden versuchen, sich an einen modernen Sound anzubiedern. Wie kommt man auf so eine bekloppte Idee? Der Song ist musikalisch eine gut schräge Reggae/Trap/Cloud/Dubstep-Mische. Warum dürfen die Beginner so etwas nicht probieren? Weil sie älter als 13 sind? Die Jungs waren schon immer sehr geschmackssicher im Beatpicking, so auch hier. Der Song funktioniert super als Dancefloorsmasher. Weil die das wussten, ist der vielleicht auch textlich eher so…nun ja…representig?

“So schön” ist eine Art romantic Rap. Dazu ein Dendemann-Feature. Aber der Beat, ich weiß ja nicht. Keine Ahnung ob die den gesampled haben oder ob der live eingespielt wurde, aber es klingt wie letzteres. Und dabei irgendwie so uninspiriert. Oder brav. Ein bisschen wie späte Jazzkantine (sorry!). Wenn super Musikern ein bisschen die Ideen ausgehen. Text geht klar, vor allem Dendes Part ist - man kennt es ja quasi gar nicht anders von ihm - super. Aber wie schön wäre ein Part von ihm in einem Song gewesen, der genauso strahlt? Erster Bummer des Albums.

Dann aber: “Rambo No.5″. Abgesehen von dem herrlich bescheuerten Lou Bega Wortspiel: Der Beat! Alter! Was für ein Superbrett! Ich habe mich sofort in diesen Beat verliebt! Der Text ein Partytrack, mit dem wunderbaren “Wiener Krawalzer” und “Lambada Meinhoff” und der Zeile “Scheiß auf Ayurveda, der DJ ist mein Apotheker!” Instant Lieblingstrack. Diesen Song, das weiß ich sofort, werde ich dieses Jahr noch viele Male hören. Schon mit seinen Hip-Hop-Partychören in der Hook. Wie herrlich! Beginner! Ja!

Direkt danach “Kater”. Der Hangover-Song. Supergutes Sample, das mich an den “Wichita Lineman” erinnert (wer das nicht kennt: Super Song von Glenn Campbell, der auch viele Male ganz toll gecovert wurde, quer durch die Popgeschichte). Interessanterweise fühlt sich der Song für mich am meisten nach 90ern an. Dieses filtern des Main Samples in den Strophen, da werden sofort Erinnerungen an zum Beispiel “Tag am Meer” wach. Aber ich mag das. Gemütlich. Cozy. Wie immer sehr stilsicher zusammengesetzt.

“Rap und fette Bässe” ist dann wieder Verneigung und, ja, Represent zugleich. Dabei ist der Beat sehr lustig extra unfett (und dabei sehr fett). Es gibt keine Bassdrum, keine Snare. Alles pumpt über (fetten) Bass und Keyboardlines. Dazu ein Afrob und Ferris MC Sample in der Hook, in der nur “Afrob und der Ferris” durch ein “Die Beginner”-Sample verdeckt wird. Sehr gut. Genau DEN richtigen Song gesampled, auf den sich wirklich alle Rap-Heads über 30 einigen können. Starke Nummer!

“Spam”. Wuuuahh. Gruhuselig. Kulturpessimismus und eine “alle gucken nur noch auf ihr Handy”-Haltung, die erstaunlich undifferenziert für die Beginner ist. Find ich unangenehm. Eizi Eiz rappt am Anfang: “Mach auf Curse für die Dramatik und rappe auf Klavier” und genauso hört es sich auch an. Ich verstehe nicht so ganz, warum er es eigentlich macht, wenn es ihm selber aufgefallen ist - aber vielleicht kapiere ich da auch irgendeine Ironie nicht. Kann er mir ja eventuell auf Twitter erklären.

“Thomas Anders”. Puh. Das ist ne harte Nuss. Der Beat ist weird und das auf eine super Art und Weise. Und auch der Text ist stark, Eizi findet genau die richtigen Rhymes und das Megaloh-Feature ist perfekt. Technisch also alles Bombe. Aber: “Sorry Baby, dass ich anders bin” ist die Hook, ist die Aussage, darum dreht sich alles. Und jeder, der schon mal jemand getroffen hat, der von sich gesagt hat: “Sorry, ich bin so anders als die Anderen!”, naja. Das ist wie so ältere Frauen mit gebatikten Gewändern und rot gefärbten Haaren, die in städtischen Büros sitzen und deren Brillengestell zwei verschiedene Formen hat (rund und ein auf der Spitze stehendes Quadrat) und die von sich sagen, sie seien ja eher so verrückt. Sorry. Das verwirrt mich bei diesem Song übrigens extrem.

“Macha Macha”. Ja! Als würde das Haftbefehl-Feature die Jungs anstacheln, ist der Song wieder Beginner von der reinsten Sorte. Der Text wieder herrlich durchdacht, mit Wortspielen aus dem Trakt der Wortspielhölle, in dem man bitte für die Ewigkeit eingesperrt sein möchte und einer guten, den alten Männern ziemlich gut stehenden, Portion Aggroness (”Johann Sebastian Reibach”, “Mittelmaß ist ein No-Go wie ein Hitler-Bart”, etc.). Und natürlich Hafti über dem ganzen Song. Mega. Vielleicht eines der wichtigsten Features des Albums. Auf dass die selbsternannten Gralshüter der Beginner wieder heulen werden und ihr Unwissen wie eine Fahne vor sich hertragen.

“Nach Hause” ist dann vermutlich ein klassischer Album-Closer. Ein Lied zum runterkommen, ein Lied das sich ganz klar gegen Rassismus wendet, gegen die Scheissigkeit, die in Deutschland gerade allgegenwärtig ist. Und gleichzeitig eine Ode an Hamburg, an den Hafen, an die Weite des Wassers, des Hafens. Das Glück in einem Ort zu leben, der von der MIschung der Menschen lebt. Das ist einerseits sehr schön und ergreifend, aber der Beat ist irgendwie so zahm. Schade, dass das Album so enden muss. Ich hätte mir da eher einen Knall zum Ende gewünscht. Aber man kann halt nicht alles haben.

Wie ist nun das Fazit? Ich hab keine Ahnung. Ich freue mich über das Album, freue mich über die Beginner und freue mich über jeden Song, den ich Hammer finde. Aber ich ärger mich auch ein bisschen über die Songs, die ich scheisse finde. Und irgendwie hab ich die ganze Zeit das seltsame Gefühl, irgendeiner unangenehmen Nostalgie auf den Leim zu gehen. Ich checks nicht.

Vielleicht ist das das Beste, was man über eine Platte sagen kann. Dass sie einen verwirrt. Aber dass einem ganz viel gefällt. Denn am Ende sind die guten Songs immer tausendmal wertvoller, als die schlechten. Und ein guter Beginner-Song kann Tage, Wochen, Monate, Jahre retten. Auch wenn es 13 sind. Der Nachfolger wird hoffentlich schneller kommen. Und mit Sicherheit alles abreissen.

Hier zum reinhören:



Talking Hetz

Liebe Maybritt Illner und lieber Volker Wilms,
liebe Anne Will und lieber Andreas Schneider,
lieber Frank Plasberg und lieber Georg Diedenhofen,
liebe Sandra Maischberger und lieber Theo Lange,

ihr seid allesamt sehr kluge Menschen. Das meine ich völlig ironiefrei. Ich halte euch für gebildet und clever, empathisch und ambitioniert. Ihr Moderatoren, die ihr wöchentlich euer Gesicht hinhaltet für eine steile These eurer Redaktion, die ihr diskutieren lasst. Dabei keineswegs übertrieben neutral, sondern immer mit Augenmass und dem Versuch, gesunden Menschenverstand als Massstab für die Diskussion zwischen Kontrahenten qua Partei oder Interessengemeinschaft anzuwenden. Das ist heavy, da ist es auch nicht immer einfach, die Streithähne und -hennen auseinander zu halten. Die machen einen vermutlich bisweilen etwas kirre, wenn man da zwischen denen sitzt und sich fragt, warum eigentlich immer alle aufeinander los gehen müssen, anstatt zu versuchen, konstruktive Lösungsansätze zu finden.

Und ihr, jeweilige Redaktionsleiter, habt auch alles andere als einen einfachen Job: Immer der Versuch ein Thema zu finden, das am Puls der Zeit liegt. Die genau richtige Gästemischung zusammenstellen, die gerne spitz formulieren, aber nicht nur Radaubrüder sind. Oder Promis finden, die eine klar umrissene Meinung haben und sich nicht unterbuttern lassen in einer Diskussion, die aber für die Zuschauer auch noch interessant genug sind, um dranzubleiben - auch nicht ganz einfach (und geht in den allermeisten Fällen auch furchtbar schief).

Euer Geschäft ist zynisch und das wisst ihr und das versucht ihr nach jeder Aufzeichnung abzustreifen. Ihr konzentriert euch dann auf das, was gut war an der Sendung. Und wenn dann da mal einer ein bisschen ausgeflippt ist, dann ist das natürlich auch gut für euch. Oder wenn da jemand dabei war, so far from reality, dass sich alle anderen Diskussionsteilnehmer aufgeregt haben - das findet ihr herrlich. Das sind dann in der Quotenanalyse sicher die Peaks. Und deswegen ladet ihr solche Leute immer gerne ein. Und eine verlässliche Quelle für solche Leute ist die AfD.

Da regen sich alle so schön drüber auf, wenn die ihre Deutschlandfahnen auf ihre Armlehne legen. Wenn die sich aus ihren kruden Schiessbefehl-Formulierungen winden, nur um dann was ganz anderes zu erzählen. Jeder Demokrat erschrickt vor deren gefühlter, andauernder Hetze, die aber natürlich nie so gemeint war, wenn man mal nachhakt. Die AfD ist wie ein Politclown, der mit einem Maschinengewehr plötzlich in die Menge ballert und den Menschen, die sich erschrocken zu Boden geworfen haben, dann den Vogel zeigt und sagt: “Waren doch nur Platzpatronen!”. Das ist sexy für Fernsehmacher, auf eine ganz morbide Art und Weise.

Talkshowmacher, ich möchte euch gerne zurufen: Lasst das! Ladet die nicht mehr ein! Ihr müsst keine Sendungen machen, die “Warum ist die AfD so erfolgreich?” heissen, wenn deren Vertreter wöchentlich, täglich, stündlich eure Sender als Plattformen für ihre anti-gemeinschaftlichen Thesen nutzen dürfen. Denn ihr macht sie so groß, ihr macht sie so wichtig. Ihr gebt ihnen Unmengen an Raum, sich selbst zu inszenieren. Gerade eure Talkshows sind ein perfekter Hort für die, ihre Thesen schnell rauszuposaunen. Ist schon mal jemand aufgefallen, wie Frauke Petry in ihren Sätzen jedes vierte, fünfte Wort verschluckt oder zusammenzieht und verkürzt? Ich denke, weil sie so schnell wie möglich, so viele seltsame Inhalte ihrer Partei wie möglich unterbringen will - darauf ist sie perfekt konditioniert: Vor dem Widerspruch, der natürlich immer schnell kommt, wenn sie mit aufgeschlossen (ich möchte fast sagen: normal) denkenden Menschen diskutiert, noch ganz viel eigenes unterbringen, das ist die Devise. Und das klappt. Weil ihr ihr und ihresgleichen immer und immer wieder ein Podium bietet.

Bitte. Ladet keine AfD-Menschen mehr ein. Man muss nicht mit denen reden, denn ihre Dialogbereitschaft ist gleich Null. Die wollen nur Plattform. Und die muss man ihnen ja nicht geben. Sie werden nicht verschwinden, wir müssen mit denen klar kommen, aber wir müssen ihnen ja nicht den Rücken stärken. Bitte, auch wenn die Versuchung groß ist: Ladet die nicht mehr ein. Ihr könnt das. Ihr schafft das. Ihr habt ja auch schon 100.000 Diskussionen über Flüchtlinge produziert, ohne einen Flüchtling einzuladen. Dann schafft ihr das mit der AfD auch. Bitte. Für den Frieden im Land. Nehmt mal eure Verantwortung ernst.

Danke.



Hinnehmen müssen

Ich will hier nicht der Partypooper sein, aber ich befürchte, ich muss. Ich lese eure Texte, eure Sorge und ich freue mich darüber, dass ihr alle viel besser als ich artikulieren könnt, was mich sorgt, was mich umtreibt. Aber je mehr ich lese und je mehr ich auch von denen lese, wird mir etwas bewusst.

All unsere Aufrufe verhallen im Nichts. Wir preachen nur zum Choir. Wenn wir argumentativ versuchen, die AfD auseinander zu nehmen, so gelingt uns das relativ gut. Ein Blick in die regionalen Parteiprogramme reicht um zu erkennen, dass die Partei und ihre Mitglieder ein Gemischtwarenladen aus Fremdenfeindlichkeit, Nostalgie und Freiheitsphobie sind. So wenig überraschend das auch sein mag. Auch ihre Strategien in Lärmen und Aufmerksamkeit generieren und dann doch nicht alles so gemeint haben, aber immer mit der Zwinker-Hintertür - auch keine neuartige Vorgehensweise. Wenn man ihren Anhängern zuruft, dass die AfD auch nur Posten und Pensionen haben will - also das, was sie den “etablierten” vorwirft - zucken die nur mit den Schultern und sagen: “Na und, wollen doch alle!”. Also nicht nur die Partei, sondern auch ihre Anhänger machen sich die Welt, wie sie ihnen gerade in den Kram passt. Alle Unlogik und Unwägbarkeit zum Trotz. Wenn in einer Zeitung etwas kritisches über andere Parteien steht, kann man sie gerne teilen. Wenn in einer Zeitung etwas kritisches über die AfD steht, ist sie die Lügenpresse und wird sofort deabonniert. Und dass es sich dabei um ein und dieselbe Zeitung handeln kann, ist dabei für die Anhänger kein Widerspruch.

Man denkt sich in einen Wahn, in ein Wir-gegen-Alle-Gefühl. Im Grunde genommen ist die AfD die “Die Böhsen Onkelz” der Politik. Alle ächten uns, alle hassen uns - das macht uns nur noch stärker. Wir charten, wir machen Konzerte für Hunderttausende von Menschen - aber niemand erkennt das an. Ähnlich wie Wahlerfolge und große Demos - aber alle machen sich noch über uns lustig. Ein “Jetzt erst Recht”, das aus einem “Wir” entsteht. Und der Hauptantrieb ist Wut.

Wut ist von allen Gefühlsregungen so ziemlich die irrationalste. Fakten werden lästig, Widerworte werden persönliche Angriffe. Wer wütend ist, ist nicht mehr erreichbar. Und das weiss die AfD und nährt deswegen nur noch diese Wut. Damit hält sie die Anhänger im Würgegriff. Damit hat sie Erfolg. Wenn die Onkelz morgen eine Platte machen, auf der sie die Schönheit der Liebe besingen und wie sehr sie Einhörner und Zuckerwatte lieben - die Verkäufe wären wohl überschaubar und die Reaktionen der Fans vorhersehbar. Wut ist der Kitt, der all diese Menschen zusammenhält. Wut lässt sich leicht abschöpfen, gerade bei denen, die sich übervorteilt fühlen. Wer die Wut kontrolliert, kontrolliert die Wütenden.

Deswegen werden all eure Argumente, all eure “Jetzt aber mal wirklich!”-Anreden, all eure richtigen und wichtigen Einwände im Nichts verhallen. Diese Leute sind wütend und werden wütend gehalten - mindestens bis zur Bundestagswahl - und sind deswegen für nichts rationales empfänglich. Sie wollen Merkel jetzt endlich diesen Denkzettel verpassen, weil sie als Kanzlerin für ihr persönliches Leid verantwortlich ist. Darum geht es. Um mehr nicht. Und wenn die AfD jetzt behaupten würde, die Renten kürzen zu müssen oder beige Jacken zu verbieten, was wohl einen Großteil ihrer Anhänger empfindlich treffen würde, es wäre egal. Sie hat sich positioniert als Wutventil gegen die Regierung und wir können nichts, gar nichts dagegen tun (ausser andere, normale Parteien als noch größeres Ventil zu positionieren, aber so tief Rechts will niemand fallen…).

Es ist ein hilfloses Gefühl, ich weiß. Und bis es so weit ist, werden noch viele Texte gegen sie verfasst, vielleicht viele Torten auf sie geworfen und viele Menschen werden sich gegen die Partei und ihr krudes Weltbild stellen. Und das mit Recht. Aber sie wird weiterhin Wahlsiege einfahren.

Und dann vom politischen Alltag zerrieben.

Nachwort: Mir ist bewusst, dass mein vorletzter Text fast das gleiche Thema und die gleiche Theorie artikulierte, aber manchmal will man dieselben Sachen nochmal anders formulieren.



Angst

Man stelle sich folgendes Bild vor, meinetwegen als gezeichnete Karikatur (meine Zeichen-Skills sind zu schlecht, deswegen muss ich das beschreiben): Eine Menschenmenge. Mit Zöpfen und Lederhosen. Sie stehen um einen Mann in zerfetzten Klamotten herum. Sie brüllen ihn an. “DAS LAND IST VOLL!” und “JAJA, EUCH LÄSST MAN KLAUEN!” und “IHR MOSLEMS HASST DOCH ALLE UNGLÄUBIGEN!” und “ENTSCHULDIGE DICH MAL FÜR DIE TERRORISTEN, DU LIEST DOCH AUCH DEN KORAN!” und “EUCH SCHIEBT MAN HINTEN UND VORNE ALLES REIN - ICH WILL AUCH WAS UMSONST!” und “NA WARTE! WENN HIER EINE BOMBE HOCHGEHT - UND DAS KANN NICHT MEHR LANGE DAUERN - DANN WISSEN WIR DASS IHR DAS WART!”
Und ganz hinten, in der letzten Reihe, stehen ein paar Typen mit Deutschlandfähnchen und werfen Granaten und Molotov Cocktails in die andere Richtung und kichern.

Die Hysterie hierzulande ist ausser Kontrolle geraten. Mit Argusaugen werden alle Menschen beobachtet, die nicht deutsch aussehen. Wenn sie im Baumarkt einen Großeinkauf machen, geht man davon aus, dass sie das Schlimmste im Schilde führen. Bevor irgendeine Erkenntnis gewonnen wurde, übertreffen sich die Sensationsmedien schon mit Horrorvisions-Schlagzeilen a la “Rosenmontagszug abgesagt?”, auch wenn die Polizei alles relativiert (sogar im selben Artikel…). Aber einmal Schlagzeile, schon in den Köpfen. Den Geist kriegt man nie mehr zurück in die Flasche. Und schon hat man wieder einen Strich mehr auf der “böser Ausländer”-Liste.

Zynisch gesagt: Manche Menschen, vor allem von rechts, wünschen sich so sehr einen Anschlag von Islamisten hierzulande, damit sie behaupten können, Recht gehabt zu haben, dass sie vor allem anderen die Augen zumachen. Denn der Terrorismus ist schon längst da.

Aber er kommt von Deutschen.

Eine Granate auf ein Haus zu werfen oder ein Haus anzuzünden, in dem man Menschen vermutet, die man vertreiben und/oder umbringen will - das ist Terror, das ist Terrorismus, das ist gelebter Rassismus, das ist Faschismus, das ist es, was die Geschichtsbücher uns versucht haben beizubringen, was nie mehr passieren darf. Passiert im Moment täglich. In diesem Land. Nichts, wovor ich mich mehr fürchte, als ein wiedererstarken einer Bewegung und einer Idee, die vor allem alles vernichten will, was anders ist als sie.

Und der Nährboden dafür? Ist täglich zu sehen. Pegida, AfD, CSU-Köpfe, die führende Rechtsnationale aus Europa offiziell zu sich einladen und immer wieder Facebook: In jeder Gruppe, auf jeder Wall, immer wieder tauchen sie auf. Die Angstpostings. Die Panikmachen. Das Reinfallen auf die Lautsprecher. Der Neid von denen, die nix haben, auf die, die noch weniger haben. So entsteht Angst. So entsteht Wut. So entsteht Feigheit.

So entsteht Terror. Hausgemacht.



Verantwortung ist die Lösung

Läuft bei der AfD. Man hat zwar Probleme mit solchen Leuten wie Höcke, die die Klientel anziehen, die von der Gesellschaft eher liegen gelassen wurde, weil ganz Rechts nicht unbedingt sozial verträglich ist, aber andererseits ist man froh, so einen wie Höcke zu haben, weil der bei diesen Menschen natürlich Stimmen einfängt, die sonst an die NPD oder ähnliche Charmebolzen gegangen wären. Man lässt ihn also gewähren, druckst sich hier und da mal ein “Na na na” ab, wenn er mal wieder zu sehr über die Stränge schlägt, aber meint es nur halbherzig. Ein bisschen schwanger geht eben doch, wenn man Frauke Petry ist. Die kann gleichzeitig für und gegen die selbe Sache sein. Genial.

Und auch 2016 donnern einem wieder die Umfragen um die Ohren. Dieses Jahr stehen ein paar Landtagswahlen an und die AfD hat überall durchaus gute Zahlen. Hier und da munkelt man sogar von um die 15%. Und demokratisch irgendwo in der Mitte verortete Menschen schlagen schon die Hände vor Furcht überm Kopf zusammen. Wie kann das sein, fragen sie sich, dass diese Partei so viele Menschen verführt? Haben denn die Deutschen nichts aus der Geschichte gelernt?

Und ja, also nein, viele Deutsche haben sicher nichts aus der Geschichte gelernt. Das merkt man ja zum Beispiel daran, dass es jemand, der offensichtlich der deutschen Sprache mächtig ist, es geschafft hat, den Begriff “Schuldkult” zu erfinden. Der hört sich gut an, reimt sich, das Wort “Kult” kommt drin vor und das ist immer gut. Das Wort soll beschreiben, wie unmöglich es ist, dass sich die deutsche Gesellschaft noch heute mit den Verbrechen der Nazizeit beschäftigen soll. Denn laut dieser Menschen, ist das Kapitel nun abgeschlossen und gut ist. Man will unbedingt auf etwas stolz sein können, wofür man nichts tun muss (und wofür man auch nichts geleistet haben muss) und da bleibt eigentlich nur der Nationalstolz übrig. Der wird einem hierzulande aber immer so vergällt, wegen dieser doofen Sache damals und deswegen soll man da jetzt nicht mehr drüber reden. Dann kann man wieder öffentlich stolz auf Deutschland sein und alles wird gut.

Aber das nur nebenbei. Es soll auch nicht der Verdacht eines Vergleichs entstehen: Die AfD wird mit Sicherheit nicht die nächste Führer-Partei. Und ich glaube auch ihren Fans und Mitgliedern, dass sie sich selber gar nicht für Nazis halten, sondern für Menschen, denen das Wohl ihres Landes am Herzen liegt. Aus welchen Motiven auch immer.

Das mag Grund zur Sorge sein. Das mag alarmieren. Aber was man auch tut, so sehr man auch gegen sie und ihre kruden Thesen argumentiert - intellektuell ist der Partei und ihren Anhängern nicht beizukommen. Man mauert und lässt Argumente nicht an sich ran. Könnte ja das gemütliche, eigene Weltbild in Frage gestellt werden. Deswegen ja auch immer dieses geifernde Lügenpresse-Geschrei und Mainstreammedien-Gelaber: Es ist der einzige Weg, jede kritische Argumentation an den eigenen Positionen mit einem Wisch vom Tisch zu fegen: Es lügen einfach alle. Und sollte mal zufällig irgendwo etwas stehen, was der eigenen Argumentation gerade gut in den Kram passt, dann ist es ein “lichter Moment”. Man hat sich da also gut in einem logischen Paralleluniversum eingerichtet und als Aussenstehender Normalo betrachtet man das und wünscht sich, auch so schlicht zu sein, um so etwas zu glauben.

Wie soll man also nun so einer Partei beikommen. Wie kann man sie stoppen, bevor sie zu viel Unheil anrichtet? Und im Grunde genommen ist es ganz einfach: Sie kann sich nur selbst stoppen und dazu muss man sie ein bisschen Unheil anrichten lassen.

So schmerzhaft das sein mag, so sehr man sich wünscht, eine Legislaturperiode nicht mit dem babysitten von Pappnasen verbringen zu müssen - eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Sprich: Lasst sie wählen und gewählt werden! Die AfD in alle Landtage! Mit so vielen Stimmen wie möglich! Wir normale Demokraten müssen jetzt mal unsere Leidensfähigkeit beweisen (die SPD-Wähler unter uns haben davon ja eine ganze Menge) und das einfach aushalten. Es ist die einzige Chance.

Denn wenn man sich die Realpolitik der letzten Jahrzehnte ansieht, dann hat sich eines immer bewiesen: Stimmen fangen ist nicht das Problem, das kann jeder Depp. Aber Parlamentsarbeit, dass ist was ganz anderes. Vor allem wenn die Töpfe aufgeteilt werden, dann geht das hauen und stechen los. Und als man gerade noch überlegt hat, wie man solche hauptberuflichen Störenfriede wie die Schill-Partei oder die NPD wieder los wird, haben die sich schon selbst verabschiedet oder sind innerlich komplett zerstritten. Und man kann daneben sitzen, sich zurücklehnen, die Arme verschränken und lächelnd mit ansehen, wie die selbst ernannten Retter des Volkes sich selbst demontieren. Schon jetzt scheint es zum Beispiel innerhalb der Partei (vor allem im immer mehr erstarkenden rechten Flügel) den Spitznamen “Frauke Lucke” zu geben. Hahaha, es geht los!

Kurz gesagt: Lasst sie mal machen. Kriegen sie eh nicht hin. Die ganz besonders dummen Kinder muss man halt auf die Herdplatte fassen lassen.



Was braucht ihr noch für ein “Stop!”?

Jetzt ist es also passiert. Henriette Reker, parteilose Oberbürgermeisterin-Kandidatin in Köln, unterstützt von CDU, Grünen und FDP, wurde Opfer eines Attentats, dass sie offenbar schwer verletzt überlebte. So weit, so Horror. Und Erleichterung, dass sie überlebt hat.

Aber was in den sozialen Netzwerken passierte, ab Bekanntwerdung des Anschlags, zeigt in trauriger und bitterer Art und Weise, wie realitätsfern und Pippi-Langstrumpfesk die neue Rechte (oder besser Rechte im neuen Gewand) sich ihr Weltbild aus der Nachrichtenlage so dreht, wie es ihr gerade passt - natürlich unterstützt durch jeden, dem der gegenwärtig an allen Ecken des Landes verbreitete Hass, nützt und in die Karten spielt.

Wenn man sich die Kommentarspalten unter den ersten Meldungen, zu einem Zeitpunkt als noch nichts bekannt war, ausser, dass ein Anschlag stattfand, durchliest, braucht man nicht lange um Kommentare zu finden, die nur eine Lesart zulassen: Das Verbrechen muss von einem Migranten, Ausländer, Asylbewerber verübt worden sein, denn die sind ja das Böse und das haben “wir” nun davon, dass wir die alle ins Land lassen. Angeblich klare Indizien für diese Räuberpistole gibt es natürlich auch:

1.) Die Herkunft des Täters wird verschwiegen. Für die Rechten der perfekte Beweis, dass der Täter nicht deutsch sein kann. Sonst könnte man es ja gleich dazu sagen. Ich weiß, unheimlich bestechende Logik. So sind sie.

2.) Der Täter benutzte ein Messer, das wird als Waffe nur in islamisch geprägten Kulturkreisen benutzt. Auch hier: Ein Argument aus dem fröhlichen Rassistenkasten. Vor allem: Welche Waffe würde denn ein strammer Deutscher benutzen? Eine Walther PKK? Eine Streitaxt? Eine Steinschleuder? Pfeil und Bogen? Man kann sich gar nicht so viele Waffen ausdenken, wie das Argument schwachsinnig ist und auch nur von ebensolchen Menschen ins Feld geführt wird.

Aber dann, die riesen Überraschung: Der Täter war ein Deutscher. Der irgendwas von “Messias” faselte und dann zustach. Und im Nachhinein wohl sagte, dass er es tat wegen der Flüchtlingspolitik von Merkel und der Bundesregierung.

Da müsste ja jeder Mensch mit funktionierendem Gehirn sagen, Mensch, da waren die vorschnellen Verurteilungen vorher ja ganz schöner Käse und ganz schön dumm und voreilig und jeder, der so etwas schrieb, möchte sich entschuldigen und unter den untersten Stein kriechen, der zur Verfügung steht und erst wieder rauskommen, wenn er glaubt, einen intelligenten Gedanken zu haben.

Aber nein, so denken rechte Scheisshaufen nicht, die sich, befeuert durch öffentliche Aussagen und Hetzereien von Parteien wie der AfD, der CSU, Gruppierungen wie Pegida oder Politiker wie Sigmar Gabriel und Thomas de Maziere, im Recht wähnen. Sie machen nonchalant eine 180 Grad Wende und behaupten, der Frust und die Verzweiflung in der Bevölkerung über die momentane Politik, liessen Menschen so ausrasten und so sehr zum Äussersten greifen. Ausserdem sei das ein Verrückter und deswegen ein Einzeltäter.

Nehmen wir an, der Täter wäre Moslem gewesen. Alle Islam-Verbände wären aufgefordert worden, sich von solchen Anschlägen zu distanzieren, denn er hat ja offensichtlich im Namen der Religion gehandelt. Es wären sofort Talkshows gestartet worden in der sich Muslima für ihr Kopftuch hätten rechtfertigen müssen. Und überhaupt: Alles gewalttätig. Hätte man von einem durchgeknallten Einzeltäter gesprochen, wäre man, mit Häme überzogen, ausgelacht worden.

Die Diskussion in diesem Land ist in eine unglaubliche Schräglage geraten. Das mag daran liegen, dass die Deutschen kein Debattier-Volk sind. Der harte Austausch von Argumenten, das begreifen von Standpunkten - das wird hier niemandem beigebracht. Meine Meinung und sonst nichts. Alle Anderen haben Unrecht. Dazu der Glaube, dass eine rechte Einstellung eine tolerierbare “Meinung” sei, denn schliesslich sei links zu sein ja auch eine Meinung, die man akzeptiere. Überhaupt: Der Terror der Linken sei auch voll schlimm. Auch diese Art der Argumentation kommt nicht nur von mangelnder Bildung, sondern ist bewusst so toleriert und gefördert worden von der Politik der vergangenen Jahre - man erinnere sich beispielsweise an Kristina Schröder und ihr Grundgesetz-Bekennungs-Generalverdacht für gemeinnützige Organisationen. Und immer wieder muss man an dieser Stelle betonen: So sehr ich mich schäme für politische Autoanzünder oder Randale-Touristen, die sich auf Demos nur mit Polizisten prügeln wollen: Rechte Menschen töten seit Jahren mehr oder weniger unbehelligt in diesem Land. Rechte Menschen richten sich immer gegen andersdenkende Menschen. Mit Gewalt. Mit Angst. Mit Mord. Da können noch so viele linke Volltrottel Mercedesse in Prenzlberg anzünden - das wird immer eine andere Qualität haben als besoffene Nazibanden, die Menschen durch ein Dorf jagen. Deswegen lasse ich mich auf keinen verharmlosenden Vergleich ein.

So sehr ich Angela Merkel für ihr momentanes Rückgrat geradezu bewundere und schätze: Diese ganzen Heim-Brände, diese ganzen fremdenfeindichen Demos, dieser ganze Erfolg solcher Rattenfänger wie Petry und Bachmann ist alles auch eine Konsequenz ihrer Politik des wegduckens und nicht auffallen wollens. Ich bin froh, dass sie das nun erkannt hat und gegensteuert. Besser spät als nie.

Ich lasse diesen jetzt aufkommenden Rechtfertigungstwist nicht zu, ich erlaube den Hetzern und ihrem Klatschvieh keine Deckung. Pegidisten, AfDler - das Attentat von Köln ist auch eurem Hass zuzuschreiben, den ihr seit Wochen brüllt und propagiert. Das Messer wurde auch von dem Galgen geführt, den ihr rumtragt. Der Irre wurde auch von eurer Kapazitäts-Diskussion angeregt, Politiker jeglicher Parteien, die ihr schamlos öffentlich führt.

Es gibt keine guten und schlechten Flüchtlinge. Es gibt gute und schlechte Menschen. Und die schlechten haben heute gezeigt bekommen, was sie anrichten. Es ist zu hoffen, dass sie sehen und verstehen. Und endlich ihren Kopf einschalten. Und, vermutlich noch viel wichtiger: Ihr Herz.

Gute, ach, die allerbeste Besserung wünsche ich Henriette Reker.



Oaschlocht is!

Deutschland macht die Grenzen dicht. Zumindest im Süden. Weil es der CSU zu viel wird, mit diesen Flüchtlingen da. Ich seh schon den bayerischen Bauer in Hintertupfingen, wie er Abends beim Bier in der Stube sitzt und Angst hat, dass ihm ein Syrer den Mähdrescher klaut und sich damit nach Syrien absetzt. Oder wie er Angst hat, dass ihm eine muslimische Großfamilie mit Handys in den Stall zwangseinquartiert wird - der Zwang wird hier auf den Bauern ausgeübt, wohlgemerkt, der die Familie aufnehmen muss und nicht auf die Familie, die im Stall leben muss. Oder seine Angst, dass ein Moslem durch sein Dorf läuft und sich spontan in die Luft sprengt, denn das sind doch alles Terroristen.

Gut, dass der Seehofer den Orban zum nächsten CSU-Parteitag einladen will. Viktor Orban, Premierminister von Ungarn, der gerade durch Initiativen glänzt, seine Grenzen mit endlich wieder Stacheldraht zu sichern. Endlich wird seine Vision wahr und er kann von Ungarn aus die europäische Idee zerstören. Also, die Teile, die ihm nicht passen. Dieser ganze Quatsch mit Solidarität und offenen Grenzen und so. Die Kohle aus der EU möchte man natürlich trotzdem mitnehmen.

Diesen Typen auf jeden Fall, der seit dem Flüchtlings-Ansturm - oder sagen wir besser Vertriebenen-Ansturm, denn freiwillig wollte keiner von denen die Heimat verlassen - nichts besseres zu tun hat, als die Idee einer Gesellschaft, die Vertriebene mit offenen Armen empfängt und ihnen Sicherheit und Kraft anbietet, zu torpedieren und im eigenen Land de facto unmöglich zu machen, diesen Typen, nennen wir ihn ruhig ultra-rechts, der auf die Pressefreiheit im eigenen Land scheisst, der Journalisten einschüchtert, kritische Künstler mit Arbeitsverboten belegt, der ein Klima der Angst verbreitet, bei denen, die ihm im öffentlich-demokratischen Rahmen widersprechen wollen, diesen Typen also möchte Seehofer zur CSU einladen, um mit ihm zu reden.

Gut, eine Partei, die immer noch an ihrem alten Anführer hängt, der ebenfalls Kritiker mundtot machen wollte, in dem er sein Amt missbrauchte und sie grundlos einsperren liess, ein Anführer, dem vor allem der eigene Geldbeutel wichtig war, in den er fleissig reinwirtschaftete, auf Kosten des Landes, welches er ja ach so sehr liebte - wer so einen Typen immer noch als leuchtendes Vorbild an Rechtschaffenheit und Leistung feiert, der lädt sich natürlich auch Faschisten als Gesprächspartner ein. Den Rechten keine Stimme überlassen, indem man selber so Rechts wie möglich ist - das ist ihre CSU.

Und nun also das: Applaus von Orban, Applaus von der AfD, Quasi-Applaus von der NPD: Die CSU ist anscheinend endlich dort angekommen, wo sie hin wollte. Und Merkel hat nichts besseres zu tun, als ihr zuzuarbeiten. Keine Ahnung woher diese Angst vor den Krachledernen kommt, aber sie lässt sich von denen erst auf der Nase herumtanzen und dann tanzt sie nach deren Pfeife. Wow, wie sehr sollte man sich noch vom provinziellen Juniorpartner demütigen lassen? Die Schmerzgrenze scheint da ziemlich hoch. Vielleicht denkt sie auch, dass nun all die Negativ-Schlagzeilen an Seehofer hängen bleiben, während sie sich noch ein bisschen in dem fälschlicherweise international empfundenen Sonnenschein aalen kann, der denkt, sie sei die Kanzlerin mit Herz, die sich so für die Flüchtlinge eingesetzt hat und nicht etwa die passivste Politikerin aller Zeiten, der die Zufälle nur so in den Schoß fallen. Aber was sie dabei nicht bedenkt ist, dass Seehofer international gar keine Rolle spielt, nicht mal ansatzweise. Interessiert niemanden. Kommt alles auf sie zurück.

Bayern, du bist politisch ein großes Problem-Land. Auch wenn dort irrsinnig viele Menschen leben und herkommen, die ich bewundere und liebe. Ich wünschte dann immer, sie würden dich so schnell wie möglich verlassen und irgendwo hin gehen, wo man sie schätzt, wo man Freigeister spannend findet und nicht störend. Und dann könntest du, Bayern, ganz easy unter deinesgleichen bleiben und ihr könnt euch fortpflanzen und sehen, wie weit ihr kommt, ohne Menschen von aussen, die euch helfen und bereichern.

CSU, du bist die mit Abstand unchristlichste Partei aller Zeiten und das weißt du auch und es ist dir scheissegal, aber es sollte dann doch noch mal jemand aufgeschrieben haben. Das “C” in deinem Namen bedeutet: “Hängt ein Kruzifix in mein Büro und Heiligabend komm ich in den Gottesdienst!”, und das wars. End of christlich. Keine Nächstenliebe vorhanden, kein christlicher Gedanke, nix.

Ihr kommt für eure Unmenschlichkeit alle in die Hölle und da wartet FJS schon auf euch und muss jedem einzeln erklären, warum und was er alles falsch gemacht hat. Und euer Mythos und Held bricht vor euren Augen zusammen zu der kleinen, jämmerlichen Figur, die er ist und war und er darf erst da weg, wenn er seinen letzten Fan persönlich aufgeklärt hat und da ihr eifrig an dem Mythos strickt und euren Strauß Jahr um Jahr um Jahr zum großen Staatsmann und CSU-Übervater stilisiert, wachsen immer wieder Fans nach und er wird niemals erlöst. Dumm gelaufen.

Weißt du, was Politik und Politiker real macht, CSU? Weißt du, was die Leute gerne sehen? Soll ich dir sagen, was man glaubt? Es ist so simpel, wie doof: Dass jemand auch mal einen Fehler macht. Und den einsieht. Und zugibt. Und sich entschuldigt. Übrigens auch ein zentrales Thema des Christentums, Vergebung und so. Könnte man wissen. Aber du, CSU, siehst dich und deine Leute als unfehlbar. Und das wird dir irgendwann auf die Füße fallen. Keine Ahnung wann. Der Leidensdruck auf dem bayerischen Land ist offensichtlich noch nicht hoch genug. Aber er wird steigen. Und dann bekommst du die Quittung. Und ey, wer weiß, vielleicht wird dein Land dann auch wirklich wieder frei und liberal. Offen und neugierig. Und damit wieder eine echte Urlaubsalternative. Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Aber so lange diese Regierung an der Alleinherrschaft ist, die einschüchtert und abschreckt und nur denen in den Arsch kriecht, die mit Geldscheinen wedeln, so lange sind wir beide leider getrennt, Bayern. Ich wünschte es wäre anders. I love you, but you´ve chosen Vorurteile.

Ach so, nur der Vollständigkeit halber: Durch die Blume zu sagen, man wolle den Flüchtlingsstrom stoppen, damit das Oktoberfest in Ruhe vonstattengehen kann, ist an unchristlicher Schäbigkeit und rassistischer Unverschämtheit kaum zu überbieten. Da dürfte man selbst in den braunsten Kreisen respektvoll überrascht durch die Zähne gepfiffen zu haben:



Move on

Ich habe keinen Führerschein. Ich hab keine Ahnung, wie oft ich das schon gesagt oder (auch in diesen Blog) geschrieben habe. Aber für alle, die das Glück hatten, es nicht mitbekommen zu haben, unterstreiche ich an dieser Stelle noch einmal gerne: Ich habe keinen Führerschein.

Deswegen bin ich sehr oft auf die Bahn angewiesen. Und für Langstrecken und Ganzlangstrecken mag das ja in Ordnung und okay sein und ist ein sehr angenehmes Reisen. Für innerstädtisches Vorrankommen aber…naja. Man hat halt nicht jeden Tag Bock auf die Nähe seiner Mitbürger, zumindest ich nicht. Wenn man morgens schon in die mürrischen Gesichter in der Bahn blickt, kann einem die Lust auf den Tag schnell vergehen. Es gab schon Tage, da wollte ich “Ich kann doch auch nix dafür, dass euer Leben scheisse ist!”, in die Bahn hineinrufen, aber hab mich dann doch noch auf meinen Anstand besonnen. Trotzdem: Immer kann ich mir das einfach nicht geben.

Aber was sind die Alternativen? Taxi? Zu teuer. Bus? Dasselbe in Grün. Zu Fuß gehen? Mach ich saugerne, ist aber oft zeitlich nicht sonderlich effizient, vor allem wenn man zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo sein muss. Also bleibt für mich genau ein Verkehrsmittel übrig:

Der/Die/Das SEGWAY!

Kleiner Spaß, ich meinte natürlich das Fahrrad. Und so hab ich mir vor ein paar Jahren mal ein richtig tolles, von mir heiß geliebtes, knallrotes Hollandrad gegönnt. Ich weiß nicht, warum, aber ich liebe diese Art Rad. Die sind so gemütlich, in allen Belangen. So liebe ich das Vorwärtskommen. Die sehen einfach schon cool aus. Aber.

Das Modell, welches ich erstand, hat nur drei Gänge. Und so wenig ich auch schalte, wenn ich auf einem Rad mit vielen Gängen sitze: Drei ist dann doch arg wenig, musste ich feststellen. Ja, klar, die meisten richtigen, alten Hollandräder haben vermutlich nur einen Gang, aber das ist doch jetzt mal egal, denn schliesslich hab ich das ja auch neu gekauft, da hätte ich doch noch mehr drauflegen und mir dafür mehr Gänge mitnehmen können. Denn: Ich fahre Rad zu 95% weder aus sportlichen, noch aus wandernden Gründen, sondern um von A nach B zu kommen. Als Transportmittel. Ein Transportmittel, in dem ich in keine mürrischen Gesichter blicke und mit dem ich autonom bin und auch anhalten kann, wo und wann ich will. Das ist so wichtig.

Ich hab also mit dem Gedanken gespielt, mein Hollandrad pimpen zu lassen. Das Hinterrad musste ich schon mal austauschen, weil ich damit mal bei Sturm in eine Strassenbahnschiene geraten war und das komplett zerlegt hab. Da hätte ich eigentlich schon, höhö, “schalten” und mir mehr Schaltmöglichkeiten einbauen lassen sollen. Hab ich aber nicht dran gedacht.

Und dann kam die Anfrage, ob ich nicht mal Bock hätte für meinen Blog ein E-Bike von Shimano zu testen. E-Bikes kannte ich, von meinen Eltern. Die haben sich vor einiger Zeit welche geholt und machen seitdem nur noch Radtouren. Und ich hab das ein wenig belächelt. Jaja, fahren mit Hilfsmotor. Und meine Eltern meinten, dass man trotzdem noch treten müsse, nur eben dabei unterstützt wurde und ich hab nur abgewunken und gesagt “Jaja..fahren mit Hilfsmotor…”.

Aber jetzt hab ich das, supertopmodern, mal angeboten bekommen. Und da hab ich halt zugegriffen und mir gedacht: Scheisse finden kann ich es ja immernoch. Erstmal probier ichs aber aus. Wenn das Fahrrad schon mein Transportmittel Nummer Eins ist, warum sollte ich es mir dann nicht so gemütlich wie möglich machen? Eben.

Das Fahrrad kam (vom einem supercoolen DHL-Truck gebracht) an und ich musste erstmal feststellen, dass ich nix zum festtstellen zu Hause hab. Also Lenkerstange festziehen und so, weil der Lenker ja quasi quer im Paket liegt, zum besseren Transport. Ich habe mir dann mit einer Rohrzange beholfen. Anbei war eine ca. 50-seitige Anleitung, aber das war ja hier keine Raketenwissenschaft. Ich wollte die zwar in Ruhe lesen, aber noch dringender wollte ich das Teil einmal ausprobieren.

Das Fahrrad ist anthrazit. Mit so Stossdämpfern und so, megamodern, aber im Look natürlich auch megalangweilig. Kein Vergleich zu meinem roten Hollandradblitz. Alles an dem Rad sieht so ein bisschen Techno aus. So wie Hobby- oder Hochleistungssportler das ja merkwürdigerweise immer zu mögen scheinen. Wer mir das Gegenteil beweisen möchte, der zeige mir cool aussehende Joggingschuhe. Bäm. Mikedrop.

Es geht aber ja auch erstmal nicht um den Look, auf der Querstange steht sogar “Test Bike”. Und, übrigens, diese Elektronik, also der Akku und so, dass sieht schon edel aus, muss ich sagen. Gar nicht so doof Plastik. Aber es ging eh um was anderes: Ich sollte und wollte endlich wissen, wie sich so ein E-Bike fährt.

Ich stieg auf, auf meiner grob gepflasterten Strasse. Es fuhr sich okay, das Rad schien das unwegsame Gelände gut abzufedern. Dann bog ich auf eine gemütlich geteerte Straße und bediente zum ersten Mal dieses digitale Gedöns, das mir auf dem Display angezeigt wurde. Erste Stufe war “eco”. Der Motor sprang leise, fast unhörbar an, ab und zu. Ich spürte, wie mich das Rad unterstützte. Hin und wieder, ein kleines Bisschen. Zeit, die nächste Stufe zu zünden, genannt “Norm”. Also die normale Unterstützung für die gesamte Fahrt. Wouh! Da merkte man schon deutlich, wie man schneller wurde, ohne schneller zu treten. Man kam plötzlich superweit, mit einem Energieaufwand, mit dem man sonst vielleicht nur halb so weit gekommen wäre. Als ich die dritte Stufe, “Hoch”, zündete, wurde mir ganz anders. So ungefähr muss sich der Turbo Boost bei K.I.T.T. in Knight Rider angefühlt haben. Ein Gefühl, als würde mich eine unsichtbare Hand nach vorne drücken, die ganze Zeit. Ich wusste zwar, dass dieser Modus hauptsächlich für Anstiege gedacht war, aber auf ebenem Boden, war der doch ziemlich lustig. Ich hatte das Konzept eines E-Bikes sofort verstanden und wollte es nun ausprobieren, wo es nur ging.

Man muss neu schalten lernen, weil man jetzt nicht nur Gänge schaltet, sondern auch Unterstützungs-Stufen. Und ich nutzte jede Sekunde, die sich bot, das auszuprobieren. Erledigte nun alles mit dem Rad. Ich bin ja schon immer gerne Fahrrad gefahren, aber das hier war eine ganz neue Erfahrung. Keine Angst vor Umwegen, keine Gedanken an nervige innerstädtische Berge, einfach die Freude auf den Fahrtwind, aufs draussen sein. Für mich wurde das E-Bike zu meinem perfekten Transportmittel. Auch wenn ich verabredet war: Schnell und stressfrei da sein und nicht verschwitzt ankommen. Ich hatte endlich gefunden, was ich brauchte, ohne es zu wissen.

Na klar, hat das auch seine Downsides:

Wenn man schneller unterwegs ist, lässt man sich mehr dazu mitreissen, schneller zu fahren. Was ab dem Punkt wieder anstrengender wird, an dem man schneller als der Motor ist, weil man erst mit Motor schnell wird, wenn der aber plötzlich aussteigt, ist es mit einem Mal mindestens doppelt so anstrengend zu treten. Das Fahrrad ist ja auch dazu noch sackschwer. Und der Akku auch. Den muss man natürlich immer abmachen, was dazu führt, dass man, wenn man bspw. in einem Cafe verabredet ist, immer so ein langes, schweres Teil mitbringt und man so ein leichtes Feeling bekommt, wie es in den 80ern gewesen sein muss, wenn diese Typen ihre ersten Funktelefone auf den Tisch legten, diese Riesenkoffer. Ich hab aber ehrlich gesagt keine Ahnung, wie sich das jemals lösen wird. Ist der Akku in den Rahmen gebaut, müsste man ja das ganze Fahrrad zum aufladen anschliessen, das ist doch auch totaler Kokolores. Irgendwann wird es da eine total einfache und logische Lösung für geben und ich werde mir vor die Stirn schlagen, wenn ich die sehe, aber vorher ist noch: Häh?

Und, ganz ehrlich: Es ist noch so wenig verbreitet, dass es immer noch ein wenig peinlich ist, damit Leute zu überholen, vor allem auf Bergen. Die rackern sich ab und man selbst überholt die, als wenn die voll nervig lahm vor einem fahren würden. Ich spüre manchmal die Ja-du-EBike-Trottel-hältst-dich-wohl-für-was-besseres-Blicke auf meinen Schultern, aber ich bin schon besser darin geworden, die zu ignorieren, anstatt mit einem Ja-tut-mir-leid-ich-teste-das-nur-Blick zu beantworten.

Ich bin auch einmal einen etwas sehr hohen Bordstein runtergefahren. Ich dachte dieses Abenteuer-City-Bike könnte das easy abstossdämpfen, hab aber das Gefühl, dass seitdem der Motor etwas lauter ist. Keine Ahnung, vielleicht bilde ich mir das nur ein, vielleicht ist das aber auch nicht ganz so alltagstaugliche empfindliche Elektronik? Das kann ich nicht so sicher beantworten.

Dafür müsste ich das Rad wohl einem extremen Dauertest unterziehen, es Jahre fahren um zu merken, wo es auf lange Sicht ziept und piept. Nach diesen paar Monaten aber bleibt mir nur das Fazit:

Fuck, das ist total geil für jemanden wie mich, der sein Fahrrad mehr oder weniger braucht. Ich hab viel mehr von der Stadt entdeckt, bin viel mehr draussen und freue mich auf und über alles, was ich mit dem Rad erleben und erledigen kann. Ich frag mich, ob man das auch an mein Hollandrad schrauben könnte, denn das tut mir so vernachlässigt schon ein bisschen leid. Ein Holland-E-Bike, wie cool wär das?

Aber danke für das Test-Rad, Shimano. Wenn mir dieser Test etwas bewiesen hat, dann dass ich wohl doch das Kind meiner Eltern bin. Familie E-Bikelberg.