Du bist kreativ? Mein Beileid.

Ehrlich gesagt hab ich gar keine Lust mehr auf diese Kackdiskussion. Ich hab mich da auch sehr bewusst rausgehalten in letzter Zeit, obwohl man da eigentlich jeden Tag was zu schreiben könnte. Aber dieser neue “offene Brief”, der mit viel TamTam die Diskussion wieder um zehn Schritte zurückwirft und einen konstruktiven Dialog erneut erschwert bis unmöglich macht, lässt mir keine andere Wahl als mich zu wehren. Denn wenn mir etwas an allem Beiträgen von allen Seiten am meisten auf den Keks geht, dann ist es dieses Wiederkäuen von Dingen, die nicht stimmen. Und natürlich das nicht-weiterdenken von Positionen. Erwachsen sein sieht anders aus. Insofern ist folgender Text bitte als notwendige Selbstverteidigung und Positionierung zwischen den Stühlen zu verstehen:

Piraten!

Ich tu alles was ich kann, euch zu verteidigen, aber ihr macht es mir nicht unbedingt leichter. Am lautesten rufen eure Blindschleichen, die denken sich ganz clever auszudrücken und am Ende des Tages nur für noch mehr Missverständnisse sorgen. An dem Begriff “geistiges Eigentum” gibt es wenig zu rütteln, weil das nur eine Begrifflichkeit ist. Das ist doch wirklich erstmal scheissegal wie man kreative Leistung nennt. Wenn ihr euch so an dem Begriff stört, dann nennt es meinetwegen “orange-karierte Glasbaisers” oder “Aachener Glitzerpimmel” oder wie auch immer, das spielt doch überhaupt keine Rolle. Wie man so sehr an so einem sinnlosen Nebenkriegsschauplatz festhalten kann, der die momentane Debatte auch noch unnötig auflädt, Trennschärfen verwischt und on Top auch noch zusätzliche easy Angriffsfläche bietet, ist mir ein Rätsel. Wenn ihr Call of Duty spielt, zieht ihr eurer Figur doch auch nicht zuerst mal ein schönes Neonoutfit an, damit die Heckenschützen euch besser treffen können. Wie kann man nur so verbohrt sein. Fuck the Begrifflichkeiten, arbeitet lieber an Realitäten. So weit ihr da was machen könnt.

Und, bitte, lasst euch verdammt noch mal nicht so vorführen. Ich weiss das ihr alle keine Medienprofis seid und das erwartet ja auch niemand. Gerade wenn man einen ungewöhnlichen Standpunkt hat, wird man in einer Talkshow schonmal schnell Kanonenfutter. Auch eure Freiheit, das jeder so sein kann wie er will, mag niedlich wirken, für euch vielleicht sogar authentisch, aber dieser ganze Zirkus da draussen ist ein Spiel. Um Codes, man kann das auch coolness nennen. Und das ist ja relativ einfach.

- Barfuss in Latschen bei Jauch sitzen: Nicht cool.
- Verängstigt bei Lanz sitzen, weil einen vier Menschen ohne Ahnung gleichzeitig angreifen: Nicht cool.

Ja, das ist oberflächlich, but guess what: Weder Lanz noch Jauch noch sonst irgendwelche Talkshows sind an inhaltlicher Tiefe interessiert. Da geht es ums Schlagzeilen generieren. Und wenn da einer seine Zehennägel präsentiert, dann ist das die Schlagzeile, egal was der sagt. Das müsst ihr nicht gut finden, das könnt ihr auch gerne ändern wollen. Aber durchs reine ignorieren geht nix weg. Isso.

Bringt mich aber vom Thema ab: Kreative. Urheber. Verwerter. Gema. Urheberrecht. Verwertungsrecht. Google. YouTube. Böse. Diebstahl. Raubkopie. Kein Raub. Abmahnung. Pfründe abstecken. Felle davon schwimmen. Ausnutzen. Selbstvermarktung. Crowdfunding.

Ich schwöre, wenn ich noch einen von euch mit solchen Begriffen sinnlos in einer Talkshow oder einem offenen Brief im Netz hantieren höre oder sehe, kotze ich sofort. Ich kann diese ganze, hundertausendmal durchgkaute Scheisse nicht mehr hören. Wir, die wir wissen was ihr meint, wissen was ihr meint. Die, die nicht wissen was ihr meint, wissen es auch noch nicht, wenn ihr es ihnen zum zwanzigsten Mal sagt. Ganz einfach. Oder ich erklärs mal so: Flieg nach China. Geh zu einem Chinesen. Sag: “Adventskranzkerzenlichterglanz.” Der wird dich komisch angucken. Sags ihm noch mal. Er wird dich wieder komisch angucken. Sag es ihm ein weiteres Mal. Er wird dich immer noch komisch angucken. Sags ihm noch zwanzig Mal, sag es ihm 24 Stunden am Stück. Sag es ihm ein ganzes Jahr. Es wird nicht ein einziges Mal der Moment kommen in dem er sagt: “Ach so! Adventskranzkerzenlichterglanz!”. Vielleicht ist jetzt klar, worauf ich hinaus will. Erkennt doch mal an, das es da draussen Missverständnisse gibt und räumt die aus dem Weg!

Ach so: Die paar Pfeifen und Trolle bei euch, die immer stammeln das Künstler sich gefälligst neue Verwertungsmodelle aussuchen sollten, dass es kein Recht darauf gäbe mit seiner kreativen Arbeit Geld zu verdienen und dass die Künstler ja vom T-Shirt-Verkauf leben könnten, distanziert euch doch mal klar von denen. Das ist nämlich ultra-kontraproduktiv, was die machen. Auf die stürzt man sich, weil man dann am Besten ein “Piraten gegen Urheber” konstruieren kann, das ist spannender zu verkaufen. Wenn aber klipp und klar gemacht wird, dass das nicht Piratenmeinung ist, ganz unmissverständlich, dann kommt man in der Debatte vielleicht schon einen guten Schritt weiter.

Kreative!

Was ihr da macht, mit euren ganzen offenen Briefen, diesen ganzen Kriegserklärungen, dieses auf-sein-Recht-pochen, das ist so ungemütlich, unversöhnlich, ungenau und dumm, das es mir die Kehle zuschnürt.

Dabei ist es mir sogar egal, ob sich nun bereits erfolgreiche Künstler beschweren oder solche, die vielleicht mal erfolgreich werden oder waren. Das spielt alles keine Rolle. Aber dieses ewige: “Es gibt ein Recht und das muss nur mal richtig angewendet werden!” ist reaktionäre Kackscheisse. Das verweigern einer Realität, die sich trotz eines schwammigen Gesetzes weiterentwickelt hat, sogar darüber hinweggesetzt hat. Und alles was euch dazu einfällt, ist: Es gibt aber dieses Gesetz und das soll jetzt endlich einmal eingehalten werden! Ernsthaft?

Um meine Position nochmal klar zu machen, nochmal explizit auszusprechen:

Kreative sollen mit ihrer Arbeit das verdienen können, was sie wert ist. Sie sollen nicht nur Nebenprodukte dieser Arbeit (Merch etc.) als einzige Einnahmequelle haben. Nicht mal als Haupteinnahmequelle. Die muss nachwievor der Platten/CD/Download-Verkauf sein, um mal bei der Musik zu bleiben.

Nun ist das aber in der Realität nicht mehr so einfach, weil jedes digitale Gut beliebig oft vervielfältigt werden kann. Also können auch beliebig viele unbezahlte Kopien erstellt und verteilt werden. Das ist doof. Und dafür muss eine Lösung gefunden werden. Die Kulturflatrate ist da vielleicht ein erster Ansatz (Wie ich da immer höre: “Ja, aber das ist dann so kompliziert da einen Verteilungsschlüssel zu finden” Das ist natürlich nicht kompliziert, aber man muss es auch wollen…).

Die Lösung, die “die Kreativen” dafür bislang anbieten ist:

Äh.

Ach so, genau: Die Gesetze sollen durchgesetzt werden. Sprich: Jeder soll für jede Kopie, die er hat, bezahlen. Also kurz: Internet abschalten oder wenigstens komplett überwachen. Das geht doch sicherlich. Ach, darüber müssen sich die Künstler auch ihren Kopf nicht zerbrechen, das haben gefälligst die Anderen zu tun.

Ich versteh euch ja im Grunde genommen: Ihr habt dieses Lied aufgenommen und jetzt möchtet ihr die Liebe dafür in Geld ausgezahlt bekommen und der Gedanke ist ja durchaus erstmal richtig und berechtigt. Und auch das Verleger und Verlags-Bashing ist natürlich größtenteils totaler Quatsch, weil die ja auch was machen. Der Apparat kümmert sich ja um den ganzen Scheiss, den ein Künstler gar nicht machen will - geschweige denn alleine stemmen kann. Wie Rechtsfragen, PR, Vertrieb, Logistik und nicht zu vergessen die finanzielle Vorleistung, die man selber ja gar nicht auf Täsch hätte (und damit mein ich noch nicht mal den Vorschuss, der einem ja noch ermöglichen soll, sein Werk in Ruhe und stressfrei fertig stellen zu können…). Ausserdem halte ich Verlage als Filter nachwievor für Richtig und wichtig. Ja, jeder kann alles überall veröffentlichen. Aber bei einem Verlag weiß ich mit Sicherheit, dass da vorher nochmal 4,5 Leute draufgeguckt haben und das ein qualitatives Mindestmass erfüllt (ob es mir nachher gefällt steht ja auf einem anderen Blatt) wird. Für diese Sicherheit zahle ich als Kunde gern.

Ich lass mir aber als Kunde nicht gern sagen, was ich mit den Sachen zu tun hab, die ich gekauft hab. Ich kann gar nicht zählen wie oft ich in letzter Zeit die Aussage gehört habe, dass ich ein Buch für mich kaufen soll. Das die Weitergabe schon ein zahlender Leser weniger sei. Ja, das ist richtig. Und wenn ihr mir daraus einen Strick drehen wollt, dann verschenke ich nur noch Bücher aus meinem Besitz oder aus Antiquariaten, denn das ist ja wohl die Höhe. Auch werde ich Freunden nach wie vor CDs brennen von Platten, die mir gefallen (MIx-CDs/Mixtapes nehme ich ausdrücklich aus der Diskussion raus, denn wenn ihr auch noch was gegen die habt, dann habt ihr wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank). Vielleicht kaufen sie die dann, vielleicht reicht ihnen meine gebrannte Version. All diese Freiheiten nehme ich mir. Ich werde auch nachwievor Videos auf Lieblingslieder schneiden, weil ich das als Hommage an das Lied verstehe.

Mich regt am meisten auf, dass ihr euch nicht informiert. Dass ihr zu Tausenden offene Briefe unterschreibt in denen immernoch behauptet wird, jemand wolle das Urheberrecht abschaffen. Jemand wolle das Künstler nichts mehr verdienen. Das ist Bullshit und entweder dreist gelogen oder naiv uninformiert. Und ich weiss nicht, welche von beiden Varianten ich schlimmer finden soll.

Ich lese von Kreativen, die ich schätze, die ich für intelligent halte, für souverän, für zum Teil Intellektuell. Und ihr beschwert euch über Dinge, die so niemand gemeint hat? Ihr wollt die Piraten aufhalten? Aber von was denn bitte schön? Ja, die haben gerade Erfolg, aber die werden die nächsten 10 Jahre nirgendwo an einer Regierung beteiligt sein, was sollen die also ändern? Und wie? Warum muss sich eigentlich gefälligst alles nach euch richten? Warum analysiert ihr nicht die Situation und sagt: “Ey, lass uns alle gemeinsam eine Lösung finden, denn dann profitieren wir auch alle!”? Warum erkennt ihr nicht, wie dringend es ist, eine p r a k t i k a b l e Lösung zu finden?

An Alle!

Warum muss diese ganze beschissene Scheiss-Pseudo-Debatte in diesen verfickten Nachbarschaftskrieg ausarten? Ich würd euch am liebsten alle einsperren und erst wieder rauslassen, wenn ihr bereit seid euch die Hand zu geben. Ich will mich nicht mehr schämen müssen, kreativ zu sein. Bitte. Keine Scheingefechte mehr. Sondern konstruktiv sein. Das macht Spaß!

Lasst uns überlegen und brainstormen! Alle Vorstellungen sind erlaubt! Keine Schere im Kopf! Und irgendwann haben wir dann den Weg gefunden, wie sich keiner vom Anderen verarscht vorkommt. Wie jeder profitiert. Wie sich Werke verbreiten und der Künstler trotzdem nicht nur von Nudelsuppen leben muss (ausser natürlich er möchte das gern…). Wie der Konsument aus dem reichen Schatz an Kreativität schöpfen kann, den es auf der Welt gibt und wie wir Kreative die Menschen berühren und bewegen. Oder einfach nur erfreuen.

Ach, das wird schön.



MCA.

Ich hab seit Kurt Cobain um keinen Star mehr geweint. Weil mir das absurd schien, weil mich der (zusätzlich verstärkend auch noch “freiwillige”) Tot von Cobain so mitgenommen hat. Ich sass einen ganzen Tag heulend in meinem Zimmer. Ich war aus sehr egoistischen Gründen traurig. Warum auch sonst, ich kannte den ja gar nicht. Aber der hat mir, hat meinen Gefühlen eine Stimme gegeben. Hat mich auf eine ganz gewisse Weise verstanden. So wie eigentlich nur Musiker das können, so wie das nur Songs können. Und dann ist der plötzlich weg und wird nie wieder etwas machen, wird mich nie wieder verstehen, wird mich nie wieder verstärken. Und diese Endlichkeit, dieses “nie” hat mich dann so fertig gemacht und so traurig, das ich geweint habe. Ein totaler Verlust für mich, für meinen Geist, für den Teil meines Hirns, der Inspiration, der die Kreativität von Anderen braucht, um zu überleben. Ich hab mir geschworen, dass mir das nie wieder passieren wird. Dass ich mich nie wieder so auf einen “Star” einlasse.

Und jetzt laufen mir hier die Tränen aus den Augen, weil ich über die Google Bildersuche nach Bildern von Adam Yauch suche.

mca

Yauch war besser bekannt als MCA, ein Drittel der Beastie Boys. Die Beastie Boys begleiten mich seit frühester Jugend. Es ist eine lange Liebe und, wie in einer richtigen Beziehung, auch eine, die mal stärker, mal schwächer war. Es gab Zeiten, da haben die mich so unglaublich gelangweilt. Nur um mich dann mit dem nächsten Album wieder umzuhauen, wegzublasen. Ich hab die zu “Hello Nasty”-Zeiten sogar mal live in Köln gesehen und fand es, ehrlich gesagt, ein kleines Bisschen langweilig. Umso mehr hab ich mich über das letzte Album gefreut und sogar auf eine neue Tour spekuliert. Ja, da wusste man schon, das MCA Krebs hat, aber es hiess andauernd, es würde ihm wieder besser gehen. Und wenn man so etwas über jemanden hört, dann vergisst man irgendwann nachzufragen. Man vergisst nachzuhorchen, zu gucken ob es wirklich besser geworden ist oder vielleicht doch wieder schlechter. Vor zwei Wochen, als die Beastie Boys einen Preis bekommen haben, war er schon gar nicht mehr dabei. Dieser Tot war also nicht plötzlich und trotzdem kommt es einem so vor. Weil man nicht mehr nachhorcht.

Ich werde die Beastie Boys nie wieder live sehen. Sie werden nie wieder eine neue Platte machen. Die Welt ist so viel ärmer ohne die kompromisslose Kreativität dieses wahnwitzigen Trios. Ich vermisse jedes Lied, das sie nicht mehr schreiben konnten.

Fuck Alter. Du fehlst mir. Mir ganz allein. Ganz egoistisch.

Machs gut. Machs verdammt nochmal gut. Und danke für alles, was du mir gezeigt hast.

Rap ist ab heute nur noch halb so groß.

Fuck.

mca1



Wie mich eine Papp-Spielhölle mal zum weinen brachte.

Scheiss doch auf alle Diskussionen, auf den ganzen Hass, mit dem sich alle gerade im Internet gegenseitig bewerfen. Vergesst das alles. Denn es gibt Geschichten, bei denen ist man glücklich das es das gibt, dieses Netz. Wo sich Fremde im nullkommanichts miteinander vernetzen können, um etwas Gutes zu schaffen. Um einen wunderschönen Moment zu erzeugen, der so nie wieder kommt. Und der durch nichts in der Welt aufgehalten werden kann. Und der, ist er einmal passiert, auch nie wieder weggenommen werden kann.

Ich glaube das ein Film wie dieser Tausend mal mehr erreicht, als jeder aufklärende Film. Ich glaube das die Magie, die dahinter steckt, mehr Frieden stiftet, als alles andere. Das jeder, der das sieht, so berührt ist (selbst wenn er es nicht zugibt), das er dieses Gefühl weiter mit sich rumträgt und im besten Falle auch weitergibt. Ich glaube sehr an die positive Wirkung guter Taten. Nichts finde ich inspirierender, als Menschen die andere Menschen gerne glücklich machen. Danke für diese wundervollen 10 Minuten, von denen sich jede Sekunde lohnt. Danke Internet, dass du so tolle Sachen machst. Deswegen lieb ich dich so, nicht wegen dem anderen Scheiss. Genug gequatscht, sofort gucken:


[VimeoDirektCainesSpielhalle]



Eine Geschichte mit einem schlechten Ende

Vor längerer Zeit hat sich ein Mädchen, das ich sehr gut fand, von mir zwei Geschichten gewünscht. Eine mit einem guten Ende und eine mit einem schlechten Ende. Dazu gab sie mir zu jeder Geschichte zwei, drei Begriffe, die drin vorkommen bzw. eine Rolle spielen sollten. Ich mag die Geschichten immernoch (das Mädchen hab ich lang nicht mehr gesehen). Deswegen schenk ich die euch jetzt weiter. Hier die Geschichte mit dem schlechten Ende. Das einzige Stichwort war: Kaffetasse.

Voll, leer, Spülmaschine. Voll, leer, Spülmaschine. Voll, leer Spülmaschine. Sie war ihr langweiliges, eintöniges Leben so satt. Es gab wirklich wenig unerfüllendere Daseinsformen, als ein Leben als Kaffeetasse zu führen, fand sie. Damals, als sie noch roher Ton in der Erde war, da ging es ihr gut, da war immer was los. Und auch danach, als sie zu Tage gefördert wurde, da gab es so unheimlich viel zu entdecken. Die Sonne, die menschlichen Hände, die sie anfassten, die Drehscheibe auf der sie landete, das trocknen, das brennen, das glasieren. Hach ja, das war ein spannendes und aufregendes Leben. Und dann stand sie auf dem Markt und war davon überzeugt die tollste und schönste Kaffeetasse zwischen ihren ganzen Freunden zu sein. Und so war es auch: Sie wurde als erstes ausgesucht, als erstes gekauft. Voller Stolz liess sie sich einpacken und zu ihrem neuen Besitzer mit nach Hause nehmen. Sie war jetzt eine Tasse von Welt, eine Grand Tass, oder wie auch immer das auf französich hiess.

Aber hätte sie doch nur jemand gewarnt. Hätte ihr doch nur jemand gesagt wie schrecklich das ist, die Tasse von jemandem zu sein. Es trank eigentlich immer der gleiche aus ihr, der Mann der Familie. Jeden Morgen am Frühstückstisch. Dann trank er seinen Kaffee aus ihr. Sie hasste dieses bittere, ekelige Zeug. Aber es half nichts. Manchmal, vor allem wenn der Mann nicht da war, dann trank auch schon mal die Frau aus ihr. Das war immer ein Freudenfest: Weiche, zarte Lippen, geschmeidige Hände die sie ganz umfassten und vor allem: Tee! Leckerer, süßer, angenehmer Tee! Leider waren diese Tage viel zu selten, der Mann war eigentlich immer zu Hause, zumindest morgens.

Und dann wurde sie nach dem Frühstück immer in die Spülmaschine geräumt. Den halben Tag in einem kleinen, dunklen Raum und dann auch noch heiß und nass abgespritzt werden, nein, das war nichts für sie. Das war wirklich unangenehm. Abends wurde sie dann wieder rausgenommen, und direkt in den dunklen Schrank gestellt. Da stand sie dann neben dem ganzen Anderen Geschirr, mit dem nun wirklich keine vernünftige Konversation zu führen war. Die tiefen Teller, die immer nur sangen (und zwar ausschliesslich Shanti-Chöre, also so Seemannslieder wie „Alle die mit uns auf Karperfahrt fahren“ oder „Ik hev in Hamburg nen Veermaster sehn“), die Sektgläser, die immer nur mit ihren hohen Fistelstimmchen über den neuesten Klatsch und Tratsch aufgeregt redeten oder die kleinen Espressotassen, die die ganze Zeit damit beschäftigt waren, die Untertassen mit ihrem italienischen Akzent anzubaggern. Die Tasse des Vaters war nicht arrogant oder so, sie hatte wirklich sehr oft versucht mit dem anderen Geschirr in Kontakt zu treten oder sich anzufreunden, aber die Wellenlängen waren einfach zu unterschiedlich. Mit ihr wollte keiner was zu tun haben.

So ging es viele lange Jahre. Die Tasse unterhielt sich hier und da mal mit anderem Geschirr. Auch wenn neues dazu kam, hatte sie immer die Hoffnung, doch jetzt endlich mal einen Freund gefunden zu haben. Aber es hat kein einziges Mal wirklich funktioniert. Es interessierte sich niemand für die Tasse. Vielleicht war sie mittlerweile auch einfach zu depressiv. Wer weiss? Und dann, plötzlich, nach den ganzen Jahren Frust, kam auf einmal ein grosser Tag. Ein Tag, mit dem die Tasse schon gar nicht mehr gerechnet hat:

Der Schrank wurde wirklich immer voller. Grund genug für die Hausherrin, einmal auszumisten. Sie nahm nacheinander die Geschirrstücke aus dem Schrank, begutachtete sie und entschied dann ob sie bleiben konnten, oder nicht. Ihrem Mann hatte sie schon bei seinem letzten Geburtstag eine neue Tasse geschenkt, seitdem wurde die Ältere eigentlich gar nicht mehr benutzt. Die Frau nahm sie aus dem Schrank, betrachtete sie ein wenig melancholisch, sagte dann zu ihr: „So, was machen wir mit dir?“, überlegt kurz und packte die Tasse dann erst in Zeitungspapier und dann in eine Kiste. Was war hier los? Was würde nun passieren? Oh, war das aufregend! Jippieh!

Nachdem die Kiste quälend endlos lang im Keller rumgestanden hat (zumindest kam es der Tasse so vor, in Wirklichkeit stand die Kiste da nur vier Tage…), wurde sie wieder bewegt. Der Mann trug sie aus dem Haus! Ins Auto! Es war einfach unvorstellbar für die Tasse, was nun noch alles passieren würde. Nach längerer Fahrt hielt das Auto an. Der Kofferraum wurde kurz geöffnet, dann wieder geschlossen. Und dann hiess es wieder warten.

Die Gedanken und Vorstellungen der Tasse überschlugen sich. Sie würde in ein Museum kommen! Nein, sie sind umgezogen! Nein, sie würde den Tanten geschenkt! Sie malte sich die unterschiedlichsten Szenarien aus. Aber sie erschienen ihr alle unrealistisch, sie meinte das jede ihrer Vorstellungen Quatsch wäre. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, was als Nächstes mit ihr passieren würde. Sie konnte es nicht.

Mit einem schnellen Ruck wurde der Kofferraum geöffnet. Die Kiste wurde rausgehoben. Es war auf jeden Fall ein heller Tag, die Sonne musste wahrscheinlich scheinen. So viel konnte man auch durch das Zeitungspapier hindurch mitbekommen. Viele Stimmen redeten, riefen sich Sachen zu. Es quietschte an allen Ecken und Enden. Autos fuhren langsam, parkten, fuhren wieder weg. Dann wurde sie endlich aus der Kiste gehoben. Das Zeitungspapier wurde entfernt. Nachdem sie sich an das Licht gewöhnt hatte, sah sie endlich wo sie war. Der Mann sagte stolz: „Du kriegst natürlich einen Ehrenplatz, mein Prachtstück..“ und stellte sie auf einen Tisch. Das war kein massiver, schwerer Tisch, das war eher so ein Provisorium. Wie an den vielen anderen Tischen auch, die sie jetzt sah. Ein ganzer Parkplatz voller Tische und Menschen, die allerlei Plunder auf den Tischen ausbreiteteten. Davon hatte die Tasse schon mal gehört, ein älteres Geschirrteil, das plötzlich neu in den Sharnk kam, hatte einmal davon erzählt: Das hier war ein sogenannter Trödelmarkt. Die Tasse blickte sich staunend um. Es war so wundervoll, so schön! All diese Dinge, die eine zweite Chance bekamen! Diese alten Sachen, die sich noch einmal stolz auf einem Markt präsentieren durften! Wie glücklich sie alle waren! Und wie glücklich die Menschen waren, die sie kauften! Alles war entspannt, alles war voller Glück. Sie wusste nicht wann sie das letzte Mal so aufgeregt und glücklich zu gleich war. Und dann bekam sie auch noch einen Ehrenplatz auf dem Tisch! Dies war der beste Tag in ihrem Leben, da war sie sich sicher.

„Oh, das ist aber ein schönes Stück!“, sagte die Frau, die an dem Tisch stand. Sie hob die Tasse hoch und betrachtete sie von allen Seiten. Sie hatte schöne Hände und sie fasste die Tasse ganz behutsam an. Wie einen kleinen Schatz. In diesen Händen würde die Tasse gerne wohnen, dachte sie sich. Der kleine Sohn der Frau rannte herum. Ihm war langweilig, vor allem weil seine Mutter sich eine blöde Tasse ansah. Er wollte weitergehen, er hatte am Ende des Ganges einen Stand mit Playmobil gesehen. Ungeduldig zerrte er am Arm seiner Mutter. Weil sie nicht reagierte, zog er jetzt noch fester. Da passierte es. Seine Mutter erschrak von dem Zieher. Da sie die Tasse nur vorsichtig gehalten hatte, fiel sie ihr nun aus der Hand. Die Tasse stürzte zu Boden. Das wird es dann wohl gewesen sein. Gerade noch so glücklich, so einen wundervollen Moment erlebt und jetzt fiel sie und würde gleich in Tausend kleine Teile zerspringen. Da geschah das unglaubliche: Die Tasse fiel nicht zu Boden, sondern dem kleinen Jungen auf den Kopf, dann weiter Richtung Boden, aber aus Reflex hielt der Junge die Hände auf und fing die Tasse somit, woraughin er sie staunend ansah. Wieviel Glück kann man haben? Die zweite „Wiedergeburt“ an einem Tag! Nun war die Tasse hundertprozentig sicher, bei den richtigen Menschen zu sein und das diese sie jetzt auch kaufen und mit nach Hause nehmen würden, wo sie, die Tasse, ein neues Leben beginnen würde. Einen Neuanfang. Alles noch mal, aber alles anders. Sie fühlte sich wie eine nigel-nagel-neue Tasse.

„Blödes Scheissding, jetzt hab ich ne Beule wegen dir!“ sagte der Junge, nachdem er sich gefasst hatte und warf die Tasse mit voller Wucht auf den Boden, wo sie in tausend Teile zersprang. Die Scherben wurden schnell mit dem Fuss in den Rinnstein gekehrt, wo der Wagen der Stadtreinigung sie später aufsog und zur Müllkippe brachte.

„Hoffentlich werde ich in 1000 Jahren bei Ausgrabungen entdeckt und wieder zusammengesetzt.“, dachte sich die grösste Scherbe. Wohlwissend das ausser ihr alles andere um sie herum früher oder später verrotten würde.



Eine Geschichte mit einem guten Ende

Vor längerer Zeit hat sich ein Mädchen, das ich sehr gut fand, von mir zwei Geschichten gewünscht. Eine mit einem guten Ende und eine mit einem schlechten Ende. Dazu gab sie mir zu jeder Geschichte zwei, drei Begriffe, die drin vorkommen bzw. eine Rolle spielen sollten. Ich mag die Geschichten immernoch (das Mädchen hab ich lang nicht mehr gesehen). Deswegen schenk ich die euch jetzt weiter. Hier die Geschichte mit dem guten Ende. Die Stichworte waren: Verlieren, Reise, wiederfinden.

Wo, verdammt noch mal, waren denn jetzt schon wieder seine Schlüssel? So ging es ihm immer: Seine Schlüssel verschwanden jedes Mal auf mysteriöse Art und Weise, sobald er seine Wohnung betrat und wollten auch jedes Mal erst nach einer mehrstündigen Suche wieder auftauchen. Jetzt hat er sie aber gefunden, zum Glück, denn er hatte es sehr eilig. Deswegen fragte er sich auch nicht, wie das Schlüsselbund ausgerechnet in der Butter in seinem Kühlschrank landen konnte. Er wischte sie schnell ab, steckte sie in seine Jackett-Tasche und stürmte aus der Wohnung.

Gehetzt raste er die Strasse hinunter. Auf seiner Uhr sah er, das er noch einen Gang würde drauflegen müssen. Er hatte noch 8 Minuten. 8 Minuten bis zu seinem ersten Date seit gefühlten Ewigkeiten. Und wenn es etwas gab, das er schrecklich fand, dann war es sich zu verspäten. Bei anderen war ihm das egal, er fand es sogar ganz niedlich. Nur mit sich selber war er in puncto Pünktlichkeit sehr streng und gnadenlos: Er hatte gefälligst pünktlich zu sein. Alles andere war nicht akzeptabel.

Da sah er, wie sich vor ihm das Café langsam manifestierte. Man konnte sein Schild sehen, langsam konnte man auch erkennen wer drin sass. Sie war anscheinend noch nicht da und er eine Minute zu früh. Zum Glück. Erschöpft liess er sich in einen viel zu tiefen Sessel fallen und bestellte ein Wasser. Er war zwar pünktlich, aber: verschwitzt. So konnte er ihr unmöglich unter die Augen treten. Also noch schnell ins Bad und frisch gemacht.

Man mag das etwas unorthodox finden, vor allem in einem öffentlichen Bad eines Cafés, aber er hatte jetzt keine andere Wahl: Er zog sein Shirt aus und machte eine Katzenwäsche über dem Waschbecken. Ein Gast kam rein, machte auf dem Absatz aber wieder kehrt. Hoffentlich sagt der jetzt nicht im Laden Bescheid, dachte der sich waschende. Als er in den Hauptraum des Lokals zurückkehrte beachtete ihn niemand, keine vorwurfsvollen Blicke. Gut, der Fremde hatte also nichts gesagt. Glück gehabt.

Ein letztes prüfen des Outfits: Er war erfrischt, das Sakko sass gut, die Hose war schick, das Hemd betonte perfekt die guten Stellen an seinem Körper. Er war gewappnet für sein Blind Date. Seine Hand fuhr zu dem Knopfloch, das dem Kragen am nächsten war. Er wollte noch die orange Nelke richten, die er mit der Unbekannten als Erkennungszeichen verabredet hatte. Und da fiel es ihm auf: Sie war weg! Er muss sie auf seinem Weg hierhin verloren haben! Dabei wollte er sie noch gar nicht anstecken, aber in der Tasche wäre sie ja zerdrückt worden, deswegen schien es ihm praktischer, sie direkt ans Revers zu heften. Und nun hatte er den Salat. Was tun? Hier warten, auf eine Frau mit oranger Nelke? Aber wenn sie die ihre auch verloren hatte dann würden die beiden sich nie erkennen! Und einfach irgendeine verloren aussehende Dame ansprechen, das konnte er nicht. Dafür war er zu schüchtern. Sollte es das gewesen sein?

Nein!, dachte er, das darf nicht sein. Entschlossen stand er auf und ging aus dem Café. Er würde den Weg zurückgehen und die Blume finden und wieder ins Café eilen und seinem Date die ganze Geschichte erklären und sie würden drüber lachen und sich dann lieben lernen und immerwieder über diese Geschichte lachen und sie auf allen Familienfesten immerwieder erzählen, auch wenn sie alt und grau wären und die Enkel würden schon die Augen verdrehen, wenn die Grosseltern schon wieder diese langweilige „orange-Nelke“-Geschichte erzählen würden, aber für die beiden hätte sie immer noch diesen ganz besonderen Stellenwert. Ja, genauso würde es sein. Und deswegen würde er jetzt diese verdammte Blume wiederfinden. BITTE!

Er suche wirklich den ganzen Weg ab, den er gekommen war. Aber er fand nichts. Keine Blume, keinen Hinweis. Es war nichts zu entdecken. Er stand wieder vor seiner Tür. Aber heute war nicht der Tag und nicht die Zeit zum aufgeben. Er machte auf dem Absatz kehrt und ging den Weg zurück. Diesmal versuchten seine Augen noch weitläufiger das Gebiet abzusuchen. Da entdeckte er auf der anderen Strassenseite den Spielplatz. Ein kleines Mädchen sass auf der Schaukel und genoss die Frühlingssonne. Sie jauchzte umso mehr, je höher sie mit der Schaukel kam. Hinter ihrem Ohr steckte: Eine orangene Nelke.

Er näherte sich dem Spielplatz und sprach das Kind vorsichtig an. Sie hörte ihn nicht, nahm ihn gar nicht wahr. Sie war nur damit beschäftigt immer höher zu schaukeln. Sie kiekste laut vor Glück, er trat näher heran um sie zu fragen, ob das nicht zufällig seine Blume sein könnte, die sie da in ihrem Haar trug. Sie konnte ihn immer noch nicht hören Entschlossen trat er noch näher heran, setzte an, sie kam gerade von ihrem Schwung zurück und da passierte es. Es ging so schnell, er hat das gar nicht richtig mitbekommen. Plötzlich lag er am anderen Ende des Zauns. Ein brennender Schmerz an seinem Kinn. Das Mädchen von der Schaukel kiekste nicht mehr, es weinte nun laut hörbar. Die Eltern von den umliegenden Bänken kamen hektisch angerannt, nahmen das Mädchen in den Arm, fragten sie, was denn los sei. Trösteten sie. Redeten ihr gut zu. Das Mädchen zeigte nur auf den Nelkenlosen, der auf em Boden lag, sich das Kinn rieb und offensichtlich gerade mit seiner Zunge in seinem Mund überprüfte, ob noch alle Zähne an ihrem Platz seien. Einige der Eltern schüttelten nur verständnislos den Kopf und sahen ihn verurteilend an. Zwei Väter gingen mit hochgekrempelten Ärmeln auf ihn zu. Dachte er im ersten Moment noch, das sie ihm aufhelfen würden, so kam er nun zu einem anderen Schluss. Insbesondere auf Grund der Tatsache, das die Männer riefen: „So du Schwein, jetzt machen wir dich fertig! Kleine Kinder erschrecken, was?!?!“

Es fiel ihm schwer sich aufzurichten. Er zog sich am Zaun hoch. Als er stand und wieder bei sich war, erkannte er die Brenzligkeit der Situation und verzichtete auf eine erklärende Diskussion. Er sprang über den Zaun und lief davon. Die Männer riefen ihm noch lange nach, aber es folgte ihm niemand. An der Strasse angekommen, atmete er ersteinmal tief durch, um wieder zu Luft zu kommen. Warum, fragte er sich, würde er nicht einfach zu einem Blumenladen gehen und sich eine neue Nelke holen? Erschüttert über diese unglaublich simple Idee, auf die er vorher nicht gekommen war, begann er ein klein wenig hysterisch zu lachen. Also gut, ein Blumenladen musste her.

Wenn man mit Hunger durch die Strassen streift, dann kommt ganz sicher kein Restaurant. Wenn man etwas lesen möchte, dann sind auf der Strasse plötzlich nur noch Bekleidungsgeschäfte. Wenn man was zum anziehen braucht, ist man auf der Fressmeile gelandet. Undsoweiter. So erging es ihm auch: Kein Blumenladen weit und breit auszumachen. Er hatte seine erste Nelke auch gar nicht hier in der Nähe seines Hauses gekauft, sondern in der Nähe seines Büros. Das war aber mehrere Bahnstationen entfernt. Also keine Chance. Er hat eigentlich noch nie einen Blumenladen gesucht, fiel ihm während seiner Suche auf. Sonst wäre ihm schon früher aufgefallen, das hier keiner ist. Oh! „Keiner“ stimmt doch nicht! Da vorne ist einer! Schnellen Schrittes eilte er hinein.

Nein, sie habe keine orange Nelke mehr, erklärte die Verkäuferin. Sie habe die letzte vor ungefähr 15 Minuten an eine junge Dame verkauft. Vor einer Viertelstunde? An eine junge Dame? Das musste sein Date sein! Sie hatte ihre Blume und würde nun nach ihm suchen, im Café, wenn sie nicht schon längst wieder entnervt gegangen ist!

Jetzt hiess es keine Zeit verlieren: Er machte sich schnurstracks auf den Weg zum Café. Es war seine letzte Chance. Er würde sie einfach ansprechen, wenn er sie sah. Egal ob er eine Blume dabei hatte, oder nicht. Nichts und niemand würde sich ihm in den Weg stellen. Und wieder baute sich das Café am Horizont auf. Ein weiteres Mal kommt er heute abgehetzt zu dem Gebäude. Im inneren des Lokals würde man ihn vermutlich schon für verrückt halten. Aber das war ihm nun egal. Er würde auch diesesmal auf seine Katzenwäsche im Café-Bad verzichten müssen, denn sie würde schon lange vor Ort sein. Aber auch das spielte keine Rolle für ihn. Er wusste was er ihr sagen würde. Jedes. Einzelne. Wort.

Er stand vor dem großen Fenster der Gaststätte. Sein Blick lief über die Gäste. Da sah er sie. Sie sah ganz anders aus, als er sie sich vorgestellt hatte. Sie war schön, kein Zweifel, sogar wunderschön. Und sie wusste das. Die Art wie sie sich kleidete, wie sie sich durchs Haar fuhr, alles an ihr zeugte von ihrer Selbstsicherheit. Die orange Nelke in dem Knopfloch ihres Kostüms wirkte etwas deplatziert, aber selbst dieser Stilbruch schien ihr bewusst und gewollt zu sein. Elegant hatte sie die Beine übereinander geschlagen und rauchte sehr langsam. Und da fiel es ihm auf: Sie sass mit einem Mann am Tisch. Mit einem Mann, mit dem sie sich geradezu königlich zu amüsieren schien. Sie lachte einige Male auf und legte ihre Hand auf seine. Dabei schenkte sie ihm ein bezauberndes, wissendes Lächeln, das der fremde Mann charmant erwiderte.

Er war zu spät. Definitiv. Jemand anders hat seinen Platz eingenommen. Egal was er sagen würde, er würde sie nun nicht mehr für sich gewinnen können. Paralysiert betrachtete er die beiden im Café. Er konnte seinen Blick nicht mehr lösen, obwohl er durch die beiden hindurch sah. Die Wolken zogen sich zusammen. Und mit der Plötzlichkeit eines platzenden Luftballons, setzte ein Regenguss ein, der die ganze Stadt wegzuspülen scheinen wollte. Er stand am Fenster und wurde durchnässt. Bis auf die Knochen. Doch er schien es nicht zu merken, nicht wahrzunehmen.

„Schön, oder? Ich mag es wenn sich Menschen finden.“ Er hörte zwar die Stimme hinter sich, aber die Worte kamen, wenn überhaupt, nur sehr langsam bei ihm an. Er reagierte nicht. „Sie sah so toll und elegant aus und sie schien so nett, da hab ich ihr meine Nelke geschenkt.“ Das Mädchen, das diese Dinge sagte, war sehr unaufällig gekleidet. Ihr langer, schwarzer Mantel verbarg alles, was sie drunter trug. Ihre schwarzen Haare klebten an ihrem Kopf, sie hatte ebenfalls keinen Schutz vor dem Regen. Sie hat ihn aber offensichtlich auch nicht gesucht. Sein Hirn schien langsam aus seiner Starre zu erwachen. Ihre Worte hallten in seinem Kopf nach…“…da hab ich ihr meine Nelke geschenkt….geschenkt…Nelke…geschenkt..“

Blitzschnell drehte er sich zu ihr um. Nun hat er alles verstanden! Und vor ihm stand das nasseste, schönste, selbstloseste und süsseste Mädchen, das er je in seinem Leben gesehen hat. Und sie lächelte ihn an.

Noch heute sind ihre Enkel genervt, wenn die Grosseltern schon wieder die Geschichte mit dem Café und den orangen Nelken erzählen.

Ende.



Stichwort: Eigene Nase

Die Diskussion um Sven Regener. Die Diskusion um die 51 Tatort-Autoren, die ein Pamphlet unterschrieben haben. Die Diskussion um die Piraten, um Christopher Lauer als deren mediales Sprachrohr. Die Diskussion um Schlecker. Die Diskussion um eine Urheberrecht-Erneuerung. Die Diskussion, das es nicht um eine Urheberrecht-Erneuerung gehe, sondern um eine Verwertungsrecht-Erneuerung. Die Diskussion um den EffZeh. Die Diskussion um die FDP. Die Diskussion um Gender Gedöns. Die Diskussion um die neue Madonna-Platte. Die Diskussion um Netzneutralität. Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht. Die Diskussion um Vergütung. Die Diskussion ums Zitatrecht. Die Diskussion um die Banken. Die Diskussion um die NPD. Die Diskussion um Homöopathie. Die Diskussion um einen Lynchmob. Die Diskussion um die Ethik der Presse. Die Diskussion um die GEZ. Die Diskussion um Zensur. Die Diskussion um Verantwortung. Die Diskussion um die Diskussion um Verantwortung.

Ich werde mit gutem Beispiel voran gehen und mich einfach mal aus den kommenden Diskussionen raushalten. Zumindest bei Facebook und Twitter. Ich habe das Gefühl, dass zu viel Zeit und Energie dafür drauf geht, zu versuchen einen Ton zu finden, mit dem alle etwas anfangen können und verschiedene Positionen abzuwägen, nur um mich dann nachher doch wieder von der einen oder anderen Seite beschimpfen zu lassen. Und ich merke, wie mir das schlechte Laune macht, wenn mir wildfremde Menschen mehr oder weniger “ICH HABE VERDAMMT NOCHMAL DISKUSSIONSKULTUR, DU NICHTSWISSENDER VOLLWICHSER!”, wenn auch manchmal durch die Blume, virtuell ins Gesicht schreien.

Ich diskutiere gerne. Ich stelle auch meine Meinung gerne zur Disposition, wenn jemand kommt und mich davon überzeugt, das ich mich irre. Nur passiert das in den häufigsten, nein, eigentlich in allen Fällen nur, wenn mein Gegenüber ruhig, besonnen und fundiert argumentiert und nicht wenn er am lautesten grunzt. Und stellt euch mal vor: So geht es den meisten Menschen. Ich verstehe nicht, wie man denken kann es sei von Erfolg gekrönt, wenn man jemanden, den man von seiner Position überzeugen will, mit Häme, Spott, Zynismus und Ironie überzieht. Oder um es kurz zu machen: So nicht.

Der Ton im Netz ist nicht rauer geworden, er ist vor allem unschärfer geworden. Hauptsache draufknüppeln. Und Ohren zu halten und gleichzeitig “Lalala, ich kann dich nicht hören!” rufen. Das ist aber keine Diskussionskultur, das ist Bullshit. Respekt ist ein Fremdwort, weil im Netz alle körperlos sind. Deswegen sind alle immer auf Augenhöhe. Und deswegen freuen sich alle, wenn zum Beispiel Erika Steinbach, die nicht zu ertragende Vorsitzende des Bunds der Vertriebenen, oder wie der heisst, plötzlich auf Twitter ist, weil ihr dann jeder schreiben kann, wie doof und blöd und scheisse er sie findet, anstatt konkret und gezielt zu kritisieren. Wie traurig ist das eigentlich? (Ich hab auch zwei, drei Versuche mit ihr zu diskutieren auf Twitter miterlebt und die Frau ist wirklich beratungsresistent und auch nicht diskussionsfähig, aber da hielte ich dann konsequentes Ignorieren für die schlauere Wahl als permanentes Dissen…but maybe that´s just me)

Geil sind auch Menschen, die in Kommentaren aufschlagen, alles vor ihnen kommentierte ignorieren, weil sie keine Lust haben das zu lesen und eine Diskussion im Zweifelsfall im Keim ersticken, weil sie nochmal von vorne ansetzen, obwohl die stattfindende Auseinandersetzung schon längst viel weiter ist. Wie arrogant ist das bitte?

Ich hab da keine Lust mehr drauf. Wie gesagt, da muss jeder seine persönlichen Konsequenzen ziehen. Für mich bedeutet das zwar kein völliges einstellen meiner sozialen Netzwerkaktivitäten, aber eine deutliche und drastische Reduzierung. Auch wieder mehr bloggen. Vielleicht. Und sicher nicht (nur) über tagespolitische Themen. Im Gegenteil. Wieder offener, frischer, neuer, persönlicher werden.

Ich kann dem ganzen Hass auf der Welt, all dem Schlechten und den Bösen, den Strippenziehern und Lobbyisten, die sogar ihre Oma für ihre Sache verkaufen würden, nur eins entgegensetzen: Eine dicke Umärmelung. Das ändert nicht viel, aber im Kleinen schon.

Zusammengefasst: Ihr änder nichts, n i c h t s, wenn ihr Menschen direkt hart angeht. Die machen dann sofort zu. Ist so. Jetzt kommt mir nicht mit “If you can´t stand the heat…” oder “Wir haben halt keine Lust es zum 1000. Mal zu erklären…” oder “Ist halt Internet” oder “Naja, ist vielleicht ein bisschen ruppig, aber sonst…”, denn das ist alles Bullshit. Schutzbehauptungen, nennt das glaube ich der Jurist. Und wenn ich jemand in aller Ruhe einen Sachverhalt, von dessen Richtigkeit ich überzeugt bin (bis mich jemand vom Gegenteil überzeugt :)), noch zum eine Millionsten Mal erklären muss, so sollte ich das auch genauso tun. Als wenn ich es zum ersten Mal erklären würde. Denn wie arrogant kann ich sein, zu erwarten, das es jeder mitbekommen hätte, wenn ich irgendwas gesagt habe?

Ich halte das Netz für einen der spannendsten Orte ever, aber die Entwicklung, die das gerade nimmt, ist falsch. Vom Diskussionsmedium zum Shitstorm-Tourismus. Nein Danke, ohne mich.

Ohne Menschen wäre das Netz nichts. Also holen wir sie wieder zurück.

Epilog: Während ich mich noch mit diesem Text hier rumquäle, drin rumeditiere und unsicher bin, auf “Veröffentlichen” zu drücken, kommt via Malte Welding plötzlich dieser Text von Dietrich Brüggemann reingetrudelt und ich lese den und mein Grinsen wird von Zeile zu Zeile breiter und am Ende denke ich: “Wie toll! Da hat jemand schon meinen Text gelesen, bevor ich den veröffentlicht habe.”

Was natürlich Quatsch ist, aber beweist: Ein Umdenken findet statt. Wir lassen uns das Netz nicht von Miesepetern wegnehmen oder okkupieren. Willkommen in der Bewegung: “Netz mit Herz”. Ne, das klingt irgendwie nach Musikantenstadel. “Heartweb”. Ne, auch nicht. Das könnte so eine 90er Jahre-Single vom Captain Hollywood Project sein. “Web of love”? Deutlich zu esoterisch. Ich glaub, ich habs: “Heart Nerds!”! Abgekürzt “<3N”. Juchuh! Sofort mal Buttons machen.



Lieber Sven Regener,

ich schreibe dir diesen Brief als Antwort. Auf deinen Rant beim BR/Zündfunk. Ich hab versucht, dir eine Antwort aufzunehmen, als Podcast, weil es mir die logische Reaktion auf dein frei gesprochenes Telefonat schien. Aber die Diskussion ist vermutlich zu wichtig, um sie mit Schaum vor dem Mund zu führen. Deswegen dieser Brief.

Ich schreibe diesen Brief aus zwei Positionen:

1.) Künstlerfreund.
Ich habe sehr viele Freunde und Bekannte, die Musik machen bzw. sogar davon leben. Ich hatte ja auch selber mal eine Band und wir haben zwei Alben bei einem Sublabel (Königshaus) des Majors WEA damals rausgebracht und zwei Deutschlandtourneen gespielt. Alles übrigens recht erfolglos, aber mit unglaublichem Spass. Eine Zeit, die ich auf gar keinen Fall missen möchte. Im Gegenteil: Ich denke immer noch recht häufig über eine Reunion nach und eine weitere Tour. Nur noch einmal dieses lustige Rock´n´Roll-Leben mitmachen, das wärs. Man kann also von einer grundsätzlichen Künstlersympathie und -empathie bei mir ausgehen.

2.) Internetfreund
Seit ich ins Netz schreibe, hat das so viel mit und für mich gemacht. Und um mich herum verändert, sogar in mir. Ausserdem habe ich es schätzen gelernt als einen Ort nicht enden wollender Zerstreuung (okay, das ist nicht immer gut, aber sei´s drum), offen zugänglicher Information (die man auch erstmal lernen muss zu filtern) und überbordender Kreativität und Freiheit. Im Netz kann jeder sein und machen, was er will. Das ist ein unglaublicher Platz, eine unfassbare Freiheit. Das ist im Prinzip die ultimative Kreativität. Das zieht natürlich jemanden wie mich, der sich nie festlegen konnte, was er am liebsten macht oder machen will, natürlich magisch an.

Man müsste also erstmal meinen, das ich zwischen den Stühlen sitze. Das ich genau dazwischen bin. Denn wenn man die Diskussionen um ein neues Urheberrecht, über neue Vergütungsmodelle und -Kriterien für Künstler in Zeiten des Internets oder nur mal die größtenteils erstaunlich argumentarme Diskussion über die Rolle der Gema für Musiker und Hörer verfolgt, dann scheint es nur zwei Positionen zu geben. User, die raffgierig alles umsonst haben wollen und Künstler, die halb verhungert auf der Strasse sitzen, weil niemand ihre Musik kauft. So falsch die beiden Bilder sind, so sehr kann ich beide Seiten verstehen.

Das Netz (eine per se schon schwierige Pauschalisierung, das ist als wenn du sagen würdest: “alle Menschen, die heute schwarze Socken tragen” oder “jeder, der Klopapier benutzt”) hat Angst um seine Freiheit. Das ist in manchen Fällen Hysterie, in anderen berechtigte Sorge. Klar ist, das dieser Ort frei sein muss, sonst funktioniert es nicht. Facebook beispielsweise hat für viele Menschen eigentlich schon den Stellenwert des Netzes eingenommen, die bewegen sich kaum da raus. Dennoch merken sie, wie schnell sie an ihre Grenzen stossen, wenn zum Beispiel ihr Name für ein Pseudonym gehalten wird (oder tatsächlich eins ist) und sie sich komischen Tests unterziehen müssen oder direkt ihren Perso scannen und an Facebook schicken. Da wird jedem klar, das das mit Freiheit nicht wahnsinnig viel zu tun hat. So weit, so gut. Schön, wenn man das noch merkt.

Das Urheberrecht, das alte, das nun auf das Netz angewendet wird, kannte das Internet gar nicht und konnte sich das auch nichtmal vorstellen. Und macht es dadurch zu einem unfreien Raum. Und damit meine ich nicht die Freiheit Songs zu “klauen” oder so. Aber die Freiheit Songs auf YouTube zu gucken, um sie danach eventuell zu kaufen, wenn sie mir gefallen haben und ich mehr davon will, die wird mir genommen. Und das ist irgendwie schade, denn eine große Stärke dieses Netzes ist es, das ich solche Sachen wie Songs, zumindest theoretisch, jetzt vorher hören kann, bevor ich sie kaufe. Das ist ja irgendwie voll gut.

UPDATE: Weil die Diskussion hier und auf Facebook in den Kommentaren aufkam, hier zur Sache: Der obige Absatz ist ein bisschen verwaschen, da hab ich mich zu sehr von so einer Wut leiten lassen. Das Urheberrecht hat erstmal nix mit der Gema/YouTube-Problematik zu tun. Nicht direkt. Das Urheberrecht soll dazu da sein, das der Urheber entsprechend entlohnt wird, also die Rechte an seinen Werken hat und hält. Und das am Besten überall, in und auf jedem Medium. Videos, die bei YouTube nicht zu sehen sind, werden nicht von der Gema gesperrt - um das nochmal klipp und klar auszusprechen - sondern von YT/Google in einer Art vorrauseilendem Gehorsam (und formulieren es dann extra so schwammig das man, ohne die Hintergründe zu kennen, meinen könnte die GEMA würde Videos sperren - Bad Move YT! Von wegen “Do no evil!”…). Das sich beide Parteien endlich einmal einigen müssen, gerade im Interesse der Künstler, liegt aber auf der Hand. Also, der Künstler die das wollen. Die Anderen können ja das, was sie dann mit YT-Views verdienen, spenden :) Weitere Infos zu dem Gema/YT-Konflikt, sehr viel detaillierter und versierter zusammengetragen, hier bei Spreeblick. Weiter im ursprünglichen Text:

Nun sagst du, das YouTube dafür zahlen soll, das sie Videos abspielen und das ist auch irgendwie richtig. Da muss man sich wohl auf einen fairen Preis einigen. Dann kommt noch das “die gehören nämlich zum bösen Google!”-Argument schnell hinterher, um zu rechtfertigen, das die ja auch das nötige Kleingeld dafür hätten. Das macht dein Argument leider wieder ein bisschen madig. Weil natürlich Google ein Konzern ist der natürlich Geld verdienen möchte. Welch Überraschung. Und das die alle lieber auf ihrem Geld sitzen, anstatt es auszugeben, ist irgendwie auch nicht die Nachricht der Woche. Aber Fakt ist, das die sich endlich einigen müssen. MÜSSEN. Es kann nicht sein, das wir das einzige Idiotenland sind, in dem man keine Videos gucken kann, weil sich zwei bockige Parteien nicht einigen können. Denn wer leidet darunter? Also, ausser den Labels, denen eventuelle Einnahmen entgehen? Na klar, die Künstler. Deichkind haben sich erst vor kurzem öffentlichkeitswirksam darüber beschwert, das ihr Video gesperrt wurde. Man mag von der Gema halten, was man will. Ich hab die von meiner Künstlerseite aus immer als einen sehr entgegenkommenden Verein erlebt, wo man auch mal mit ungewöhnlichen Fragen anrufen konnte und die haben stets versucht, mit dem Künstler zusammen eine Lösung zu finden. Aber was die da jetzt machen, das geht nicht. Diese Bevormundung. Einem Künstler nicht zu erlauben, selber darüber zu verfügen, was mit seiner Musik passiert, das geht einfach nicht. Wenn ein Artist dann eben in Kauf nimmt, kein Geld durch YT-Plays zu verdienen, dann soll man ihm doch auch bitte dieses Recht einräumen, oder nicht?

Damit kämen wir auch schnell zu deinem anderen Argument, das es “uncool” sei, sich gegen Downloads etc. in der Öffentlichkeit zu positionieren. Du sagst das vor allem junge, kleine Labels die Schnauze halten, weil sie Angst haben als “uncool” wahrgenommen zu werden.

Dicker. Das müssen wir jetzt aber nicht auseinanderklambüsern, oder? Das ist natürlich Unsinn. Gerade junge Labels nutzen das Netz wie niemand anders und wissen um seine Wirkmechanismen. Und weisst du woran das liegt? Die haben keine Angst, die sind damit aufgewachsen. Die sind anders sozialisiert. Die kennen das nur so. Für die ist das Internet ein selbstverständlicher Raum. Im Privaten wie eben auch im Beruf. Deswegen nutzen die das so, wie sie es tun. Das du Angst davor hast, okay. Aber wir helfen dir gerne, die abzubauen. Ehrlich.

Ich empfinde deine Argumentation, nach einem Blick auf die Element of Crime-Karriere auf der Wikipedia, mit Verständnis. Du bist seit 27 Jahren Major-Act. Da kann man den Blick für das ausserhalb der Blase schonmal verlieren. Das kann man dir nicht verübeln. Denn, ja, ich hab auch schon Diskussionen im Netz geführt, tatsächlich auch zum Großteil mit Piraten, die der Meinung waren, das Künstler doch mit touren und Merchandise Geld verdienen könnten. Das ist natürlich himmelschreiender Blödsinn. Selbstverständlich müssen Künstler mit ihrer Kunst Geld verdienen können. Das sich Musiker nun die am verhältnismässig leichtesten reproduzierbare Kunst dabei ausgesucht haben, ist ein doofer Zufall. Das darf ihnen aber nicht zum Verhängnis werden. Es müssen neue Vergütungsmodelle gefunden werden, von denen ganz klar alle Beteiligten profitieren. Die User und die Hersteller. Das ist nicht einfach und man hätte schon vor sehr langer Zeit damit anfangen sollen, sich diese Gedanken zu machen. Es ist erst jetzt so weit. Nun gut. Aber dann machen wir doch das Beste draus.

Michael Seeman, ein Netzdenker, hat heute auf Twitter - auch mit Bezug auf deinen Rant - geschrieben:

“der grundfehler der urheberrechtsdebatte ist die fixe idee, die gesellschaft sei den künstlern ein funktionierendes geschäftsmodell schuldig”

Ich weiß nicht, wie sehr er damit Recht hat. Ich denke nicht zur Gänze, denn auch der Gesellschaft sollte an fairer Entlohnung für geleistete Arbeit gelegen sein, aber er hat einen wichtigen Punkt: Anstatt immer zu fordern, dass sich jetzt alle mal Gedanken machen sollen, wie sie Musiker richtig bezahlen können, könnten diese sich doch auch einmal zusammensetzen und selber drüber nachdenken. Oder? Denn vom nachplappern dessen, was einem die diversen Lobbyverbände seit Jahren einflüstern, wird sich niemand ein Brötchen kaufen können. Das ist nur einzementierung des Status Quo.

- Anstatt immer gleich den Gesetzgeber anzurufen, könnte man doch auch mal versuchen dem User entgegenzukommen.

- Anstatt jeden Downloader als Schwerverbrecher oder mindestens Ladendieb hinzustellen, könnte man doch mal auf der eigenen Festplatte gucken ob jedes Logic-PlugIn, mit dem man da seine Musik produziert, jedes Stück, das man da hört, ob das alles rechtmässig gekauft ist.

- Anstatt zu versuchen, so viele Menschen wie möglich zu kriminalisieren, könnte man doch versuchen ihnen in Ruhe zu erklären, warum es cool ist, für ein Musikstück zu zahlen.

- Anstatt zu klagen, wie wenig Geld nur noch beim Künstler ankommt, könnte man doch mal die Labels fragen, ob immer noch so viel wie bei einer CD-Produktion bei ihnen hängenbleiben muss. Oder die Gema, ob ihr Verteilungsschlüssel nicht überaltert und unfair ist.

Es gäbe so viele Ansätze, Künstlern zu helfen zu ihrem verdienten Brot zu kommen. Lass sie uns suchen und versuchen. Bis wir den oder die Richtigen gefunden haben.

Musik wird es immer geben. Lass uns ein faires Business drumherum bauen.

Leg die Scheuklappen ab, Sven.
Es lohnt sich.

Ahoi,
dein Nilz.



Kartoffelsackkörper

Mein Name ist Nilz und ich bin fett. Ich war das nicht immer. Ich war zwar schon immer etwas kräftiger (ausser als kleiner Junge, da war ich wirklich nur Haut und Knochen), aber es war irgendwie immer okay. So ein kleines Pläuzchen, damit konnte ich leben. Ein Adonis würde aus mir sowieso nie werden.

Nein, das Unheil nahm seinen Lauf, als ich die Entscheidung traf, gesünder zu leben. Ich hab vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Das war das Problem. Von nun an nahm ich munter zu. Nicht nur, weil ich zu Snacks griff, um eine orale Ersatzstimulanz zu haben, sondern auch weil Rauchen - zumindest bei mir - auch komplete Mahlzeiten ersetzt hatte. Auch das ist nicht das gesündeste, aber es hat geklappt. “Satt rauchen” hab ich das immer genannt. Ich hab mich zu der Zeit zwar auch nicht gesünder ernährt, aber eben nicht so viel davon in mich reingestopft.

Seitdem ich nicht mehr rauche, ist das anders. Ich muss dreimal am Tag essen, sonst wird mir übel. Manchmal esse ich dann so viel, das mir davon übel wird. Jeder meiner Versuche, wenigstens das viele Essen, das ich in mich reinstopfe, durch halbwegs gesundes Zeug zu ersetzen, hielt nie länger als 2,3 Tage, da waren plötzlich wieder Toasterschnitzel im Kühlfach. Oder Toast! Immer überall nur Toast! Toast, Toast, Toast! Ich seh schon selber aus wie ein Toast!

“Hör auf zu jammern und tu was dagegen!”, höre ich die neunmalklugen, schlanken Menschen rufen. Ja, gut, sicher. Das weiß ich auch selber, ihr Nasen. Aber ich habe mein Leben lang Sport gehasst und ich kann zwar auch gutes Essen zubereiten, nur für mich alleine hab ich meistens keine Lust auf den Aufwand. Wobei: Zuletzt hatte ich wirklich zum ersten Mal im Leben das Gefühl, mich auspowern zu wollen. Da war ich ganz glücklich. Es gibt also noch (sportlich gesehen) Hoffnung für mich! Aus lauter Freude hab ich mir erstmal eine Cola geholt.

Es gibt da dieses Fitnessstudio, an dem ich öfters vorbeilaufe. Und jedesmal ist das proppevoll. Da stehen Typen mit Supermuskeln nebeneinander und stemmen Gewichte oder drücken irgendwelche Maschinen zusammen oder was auch immer die da machen. Da könnte ich niemals hingehen. So nah beieinander, sehen wie der Andere schwitzt, am Ende vielleicht sogar mitleidige Blicke - oder welche die man so interpretiert. Furchtbar. Auf gar keinen Fall. Bei mir um die Ecke gibt es auch ein Studio, da wollte ich schon immer mal hin und mir das angucken. Aber ich hab ja keine Sportsachen!

“Dann geh schwimmen, das ist sowieso der beste Sport, weil der alle Muskelpartien…” Stop! Brauchst nicht weiterreden. Ich kann nicht schwimmen.
“Dann geh laufen, das ist sowieso der beste Sport, weil der für die Ausdauer gut ist, man kann es überall machen und…”, es ist stinklangweilig!

“Dann sei so zufrieden mit dir. Unterwirf dich nicht diesem medial auferlegten Schlankheitswahn! Guck mal, Adele…” Ich bin aber nicht zufrieden. Ich hab mir immer gesagt: Man ist ab dann zu fett, wenn man den eigenen Löres beim duschen nicht mehr sieht, wenn man ganz gerade an sich hinunterguckt. Ich muss zwar den Bauch ganz rausdrücken und den Hals etwas zurücknehmen, damit es wirklich gerade ist, aber dann seh ich nur die Halbkugel mit dem Loch, nicht was dahinter liegt. Das ist schlimm. Oder meine Shirts: Bei der Hälfte meiner T-Shirts baumelt der Saum mittlerweile frei in der Luft, anstatt den Hosenbund zu berühren! Und komm mir nicht mit Adele, die ist das typische Dickerchen, das sich der Pop leistet. Aber immer nur eine. Und sie soll immer fröhlich sein, sonst mögen wir sie nicht mehr!

Fett sein ist scheisse. Keuchend die Treppe hochgehen. Bei jeder etwas fordernden Bewegung sofort schwitzen. Das ist alles Scheisse. Aber auf Süsskram und Ekelessen verzichten, fällt mir auch schwer. Vor allem weil es immer so schnell geht. So bequem ist. Ja, mein Gott, in manchen Dingen bin ich faul. Aber kann man nicht auch irgendwie faul schlank werden oder zumindest ein gewisses Gewicht halten? Operationen natürlich ausgeschlossen (Und mit dem Rauchen kann ich auch erst in fünf Jahren wieder anfangen…aber das ist eine andere Geschichte)?

Wahrscheinlich nicht. Schlank sein/bleiben ist Arbeit. Wie alles andere im Leben auch. Immer muss alles Arbeit sein. Es heisst ja auch “an sich arbeiten”. Ätzend. Aber mir wird keine andere Wahl bleiben. Denn vermutlich wird sich mein Organismus nicht mehr auf übertriebene Verbrennung umstellen. Und in diesem viel zu weiten Körper zu bleiben, ist ja auch keine Lösung.

Dir Frage bleibt also: Wird es eine Möglichkeit geben abzunehmen, die mir am Ende womöglich sogar Spass macht?



Gelesen: “So viel Hitler war selten” von Daniel Erk

Ich kenne den Autor. Früher auf Raves gab es ja die eine GROßE Lüge, die einem jeder halb druff ins Ohr geschrieen hat und die lautete: “Isch kenn den Sven!”. Normalerweise liegt es mit nicht so, mit Bekanntschaften anzugeben, aber da ich jetzt das Buch von Daniel Erk bespreche, den ich aber persönlich kenne und sehr schätze als elaborierten Gesprächspartner, denke ich, sollte das hier nicht unerwöhnt bleiben. Wer mir dennoch zutraut, eine halbwegs objektive Kritik zu seinem Buch verfassen zu können, der sei herzlich eingeladen nun weiterzulesen.

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So viel Hitler war selten” handelt von Erks momentaner Kernkompetenz: Hitler-Pop. Schon seit Jahren betreut er auf den Seiten der taz das Hitlerblog, in dem er kuriose Hitler-Erscheinungen im Pop aller Kulturen dokumentiert und ggf. einordnet. Das war eine mehr oder weniger skurile Sammlung, der aber irgendwie der Kommentar gefehlt hat. Dieser liegt nun vor in Form des Buches.

Daniel Erk behandelt in mehreren Kapiteln Teilaspekte der Pop-Werdung Hitlers. Mal geht es nur um Filmdarstellungen, mal um die Figur Hitler in der bildenden Kunst, mal in der Satire. Ein stets kritischer Blick fragt die ganze Zeit, ob das okay sei. Ob es okay sei, Hitler in der Werbung zu nutzen. Ob es okay sei, Hitler losgelöst von der Figur Hitler zu sehen, hin zum Symbol des ultimativ Bösen. Ist das schon glorifizierung oder nur simplifizierung. Diesen Fragen geht Erk in seinem Buch nach und er findet keine rechte (HöHö) Antwort darauf. Na klar, Hitler als Werbefigur ist Geschmacklos. Andererseits: Wann scherte sich Werbung jemals um Stilsicherheit?

Das gute am Stil von Daniel Erks Aufzählung ist zweierlei:

1.) Er hat eine klare Meinung zur Materie und tappt nicht in die Falle, möglichst objektiv berichten zu wollen. Das ist bei so einem Thema auch schwer möglich. Deswegen positioniert er sich schon im Vorwort und macht es so dem Leser leichter, sich in Ruhe mit den geschilderten Fällen auseinanderzusetzen. Denn nur der leiseste Verdacht der Hitler-Faszination würde das vorbehaltlose Lesen eines solchen Buchs schon sehr zum kippen bringen können.

2.) Er scheut keine Vergleiche. Sämtliche Fälle, die er beschreibt, werden erstmal auf ihre Intention hin abgeklopft und es wird interpretiert, ob es sich nun in erster Linie um Hitlers Ikonografie oder tatsächlich um die unter ihm ausgeführten Verbrechen handelt. Durch den direkten zeitlichen Bezug, zeigt er unverblümt Ungeheuerlichkeiten auf, ohne anzudeuten. Klares zeigen, klares deuten. Damit nicht der Hauch eines Missverständnisses entsteht.

Ich mag das Buch. Ich finde die Materie sehr interessant. An manchen Stellen hätte ich mir einen etwas detaillierteren Einstieg gewünscht, aber das ist wohl der Länge und der Kompaktheit des Buches geschuldet, das man oft nur an der Oberfläche bleibt. Als Startpunkt eines genaueren Diskurses ist es allerdings erste Wahl. Und davon abgesehen, fun to read. Es gibt aber auch die bescheuertsten Sachen.

Ein kleiner Minuspunkt: Im Filmkapitel wird “Onkel Addi” nicht erwähnt. Das war ein unglaublich seltsamer Hitler-Film mit Adriano Celentano und einer extra für den deutschen Markt gedrehten Ansage eines Mitglieds des Kabaretts “Wühlmäuse” aus Berlin, der eigens für den Film erklärte, das die Italiener auch über Hitler lachen würden. Vermutlich hatte man Angst, diesen Film unkommentiert zu verleihen. Eine Kuriosität! Aber vielleicht sollte man da ein extra Buch drüber machen. Auf dem Hitler-Blog kam der Film jedenfalls vor (meine ich mich zu erinnern, ich finds da gerade nicht…).

Dennoch: Ein gutes und empfehlenswertes Sachbuch. Und ein interessantes Thema sowieso. Fernab jeglicher Knopp-Romantik. Kaufen!



DC New 52 - Die letzten 13, das grosse Finale!

Die letzten 13 Hefte sind schon lange raus, vermutlich bekommt ihr überall schon die zweiten oder vielleicht sogar dritten Hefte. Durch eine Verkettung mehrerer Umstände, von denen die meisten gut waren, kam ich nicht früher dazu, diesen Post zu machen. Zuerst hatte ich vor zu jedem Heft ein einzelnes Videoreview aufzunehmen, aber dann hatte ich die viel bessere Idee für diesen letzten Post über die 52 neuen Comics des DC-Universums: Ein COMIC!

Auch wenn man es ihm nicht ansieht, da stecken ein paar Tage Arbeit drin. In erster Linie möchte ich aber dem weltbesten Comicladen danken, die dieses Experiment gewagt haben, Blogger mit Comics auszustatten und damit machen zu lassen, was sie wollen. Die haben sich das alles sicher etwas pünktlicher vorgestellt, aber besser spät als nie. Danke lieber GROBER UNFUG.

Für alle, die nicht wissen um was es geht, hier der Einleitungstext:
DC rebootet gerade sein Universum und bringt jede Serie neu mit der Nummer 1 raus. Mein Lieblings- und Stammcomicladen “Grober Unfug” hat mich gefragt, ob ich Lust hätte all diese Erstnummern zu lesen und für euch zu reviewen. Das lass ich mich natürlich nicht zweimal fragen. Für diesesmal habe ich mich für die Comicform als Review entschieden. Viel Spass!

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