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Die documenta aus Sicht von einem, der sucht, was ihn berührt.

Dieses Mal würde ich nicht so unvorbereitet sein, hab ich mir vorgenommen. Als ich auf der letzten documenta war, war das meine Erste. Die wollte ich so jungfräulich und unbeleckt wie möglich erleben. Das hat ein bisschen funktioniert und ein bisschen nicht: Es war zwar überraschend groß, aber auch zu großen Teilen überraschend öde. Für die diesmalige documenta hab ich mir also vorgenommen, mich vorzubereiten. Damit ich mit den angebotenen Sachen auch etwas würde anfangen können.

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Die documenta hat einen hohen emotionalen Wert für mich. Das liegt aber gar nicht so sehr an der Ausstellung selbst, sondern dass sie einer der wenigen Momente ist, in denen mein bester Freund Roman und ich uns die Zeit füreinander nehmen. Wir nutzen die Ausstellung als Buddy-Weekend. Das macht sie zu einem besonderen Anlass für mich. So oft schaffen wir es nicht, füreinander da zu sein. Er lebt in München, ich in Berlin und wie das immer so ist, kommt einem allzu oft der Alltag dazwischen. Aber documenta, die ist fix. Schade eigentlich, dass die nicht jährlich stattfindet.

Also, für uns ist das schade. Der Ausstellung schadet das nicht, wohl eher im Gegenteil: Jeder neue Kurator bringt ein komplett neues Konzept, eine neue Idee mit. Der organisatorische Aufwand, der hinter dieser Veranstaltung steckt, ist enorm - dieses Mal vielleicht sogar noch ein bisschen mehr als sonst.

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Aber zurück zum Anfang. Ich wollte also nicht unvorbereitet anreisen, sondern wirklich wissen, was mich erwartet. Also hab ich mir die documenta-Specials der beiden großen und wichtigen Kunst-Zeitschriften am Kiosk geholt. Was soll ich sagen: Ich war dann doch überrascht, wie sehr hier Gift und Galle über die Ausstellung gespuckt wurde, zumindest in einem der beiden Sonderhefte. Der Kritiker liess kein gutes Haar an der Kuration, ihm war das alles zu Holzhammerig, zu Grobschnittig, nicht subtil genug. Ich war mir nicht wirklich sicher, ob ich das so glauben konnte. Ob die Vision der documenta so schwachbrüstig sein sollte und ich gerade auf dem Weg zu einem langweiligen Wochenende wäre. Die vorsichtige Begeisterung des anderen Sonderhefts (welches auch regulär eher die Publikation meiner Wahl ist) überzeugte mich aber dann doch, nicht auf halber Strecke auszusteigen und schnell mit dem Zug zurück zu fahren.

Es ist durchaus nicht unüblich, dass die documenta sich harter Kritik ausgesetzt sieht. Das war bei den vorhergehenden Ausstellungen nicht anders. Und das ist auch kein Wunder: Wie soll die Weltausstellung zeitgenössischer Kunst nicht kritisiert werden? Wenn sie versuchen würde, es allen Recht zu machen, würden sie alle in der Luft zerreissen. So aber sucht man sich eine Kuratorin oder einen Kurator und lässt sie der Ausstellung ihren Stempel aufdrücken. Wohl wissend, dass sie sich der Bedeutung ihres Schaffens bewusst sind oder zumindest sein sollten.

Nun sind es wilde politische Zeiten, in denen wir gerade leben. Flüchtlinge versuchen nach Europa zu kommen, rechte Kräfte aller Orten versuchen die Angst vor den Flüchtlingen zu schüren und meist junge, meist männliche verwirrte Muslime lassen sich von Terroristen verführen, in ihrem Namen Angst und Schrecken zu verbreiten. Viel zu oft scheint etwas, das gemeinhin „gesunder Menschenverstand“ genannt wird, auf der Strecke zu bleiben. Auf allen Seiten. So zynisch das klingen mag: Wenn das nicht der Zeitpunkt ist, mit einer weltweit beachteten Ausstellung wie der documenta ein Zeichen zu setzen, zu versuchen ein Leuchtturm zu sein, in Zeiten geistiger Massenverwirrung - dann weiß ich es auch nicht. Insofern tat der diesmalige Kurator Adam Szymczyk gut daran, diese Ausstellung aufzuladen. Politisch. Nicht davor zurück zu schrecken, einen Standpunkt einzunehmen. Sehr laut, sehr klar und sehr deutlich.

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Einer dieser Signature Moves, etwas, was man für immer mit ihm und der documenta verbinden wird, war der kühne Plan, die Ausstellung diesmal an zwei Orten stattfinden zu lassen: Zuerst in Athen, dann in Kassel. Athen leuchtet jedem sofort ein: Wiege der Demokratie, der Philosophie und damit auch der abstrakten Beschäftigung mit Kunst, aber auch krisengeplagtes Land heute und eine Art erster Filter für die Flüchtlingsströme. Urlaubs-, Krisen- und Hoffnungsland gleichermassen. Wie kann das nicht der perfekte Ort für die documenta sein? Mein Freund Roman war vor Ort und seine Beobachtungen lesen sich wie folgt:

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Da reiste man nach Athen, um Athen so schön zu sehen, wie nie zuvor. Begeisterte sich an der Gastfreundschaft, dem schönen Wetter und hoffte auf Kunst, die nicht nur ihren Namen trägt.
Eine Leitfunktion hat oder hatte die Documenta doch, oder nicht, und deswegen war einer Öffnung der Spielorte über Europa verteilt zunächst so rein gar nichts einzuwenden.
Knorr, Wild, Ogboh, Aladag hatte die Pressemitteilung versprochen. Und dann bestaunte man diese Werke, Installationen, wie Performances und der Kopf wollte einem aus dem Rätseln fast schon nicht mehr aufwachen. Dann betrat Mann oder Frau jedoch den Raum von Lois Weinberger. Das sogennante „Debris Field“, diese Ausgrabungen rund um, unter und mit Fundstücken aus Bauernhof seiner Eltern traf er das Documenta Motto „Von Athen lernen“ so unununweit der Akropolis mit der Faust. Und damit war klar: Wie hier kuratiert werden sollte, stellte den Kopf vor erhebliche Probleme, die vielleicht allein nur ein Künstler wie Weinberger so wunderbar menschlich zu lösen vermochte.
So war man also nach Athen gereist, um Athen so schön, als nie zuvor zu sehen, und flog mit alles anderem als einem Trümmerfeld, stattdessen diesem eigentümlich zutiefst mystischen Seelenschmunzeln im Herzen weiter nach Kassel.

Also: Ein Teil Begeisterung, ein Teil Ernüchterung, ein Teil Neugier und ein Spritzer Skepsis. Fertig war sein persönlicher documenta-Cocktail, den er mit nach Kassel brachte. So trafen wir uns, beide gerade angereist, auf der Terrasse vom Hotel, mit Blick über die ganze Stadt. Nach Käsekuchen, Cola light und einchecken war kaum Zeit zu verlieren und wir gingen los. Spazierten den ganzen Weg, die Strassenbahnschienen entlang, die wie eine Schneise vom Berg, auf dem der Herkules steht, in die Innenstadt führen. Vorbei an Wohnhäusern, Eisdielen, Cafés und Supermärkten. Durch ein Kassel, das vollkommen unberührt ist, von irgendeinem internationalen Kunstzirkus. Nach längerer Zeit erreichten wir die Torwache, zwei Gebäude am Eingang zu Kassels Innenstadt, die einst als Fundament eines nie realisierten Triumphbogens dienen sollten. Nun waren beide eingehüllt, Christo-esk, in Jutesäcke, die man eigentlich zum Kaffeebohnen-Transport benutzt. Und es war ein überdeutliches Zeichen: Jetzt gehts los, sie betreten jetzt documenta-Gebiet. Eine gelungene Einleitung. Fast ein bisschen wie dieses Tor in der Unendlichen Geschichte, bei dem die riesen Skulpturen Laser auf jeden schiessen, der durchschreitet. Nur eben ohne die Laser. Ergo weniger gefährlich. Aber wir waren auf jeden Fall ähnlich aufgeregt.

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Auf dem Friedrichsplatz, dem zentralen Ort in Kassel, nicht nur für die documenta, sondern auch für die Einkaufsstrasse, an der der Platz liegt, sahen wir direkt eines der zentralen Werke, der 14. Ausstellung. Marta Minujins „Partheon of Books“ ein Stahlrohrkonstrukt-Nachbau der Akropolis in Athen, im Originalmassstab, aber die Rohre sind umwickelt von Klarsichtfolie in die wiederum Bücher eingewickelt sind. Jedes der Bücher, das da hängt, ist irgendwo auf der Welt verboten. Ja gut. Da ist er, der Holzhammer, vor dem uns aufgeregte Kunstkritiker so eindringlich gewarnt haben. Das sieht halt gut und beeindruckend aus. Da rennen Kinder zwischen den Säulen umher und ein gutes Selfie-Motiv ist es auch. Das kann ja also keine ernstzunehmende Kunst sein. Und da kapiere ich, wie ich diese documenta zu lesen, zu verstehen habe. Es geht um mehr, als eine Werkschau. Das hier wird keine Verkaufsveranstaltung, bei der sich jemand empfiehlt. Es gibt hier eine Botschaft und der wurde alles untergeordnet. Das mag man undemokratisch finden, vielleicht sogar als eine Art Zwang empfinden - aber was hat Kunst mit Demokratie zu tun? Der kleinste, gemeinsame Nenner ist gleichzeitig auch immer der zahnloseste Scheiss. Vielleicht ist das „Partheon of Books“ simpel. Vielleicht plakativ. Eventuell sogar pathetisch. So. Fucking. What. In einer Zeit, in der sich jeder und alles verbittet, alles und jedes zu sagen, tut es gut, wenn Kunst sich der Dinge annimmt, die schief laufen. Und anprangert. Was viele andere aus taktischen Gründen nicht mehr anprangern. Das ist nicht cool, wirklich nicht. Aber cool sein muss gerade auch einfach mal aussetzen. Dafür haben wir morgen wieder Zeit.

Im Fridericianum, eigentlich einem der zentralen Ausstellungsorte der documenta am Friedrichsplatz, ist dieses Mal auch alles anders: Keine extra kuratierte Show zeitgenössischer Künstler aus aller Welt, sondern ein Asyl für Kunst. Die Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST), die in Athen zur Zeit keinen eigenen Raum zur Verfügung hat, bekommt durch die documenta in Kassel ein ganzes Museum für sich. Um endlich mal wieder zu sehen sein. Sichtbar gemacht zu werden. Denn was ist schlimmer, als Kunst in Lagerhallen? Über die Qualität der Sammlung lässt sich vorzüglich streiten, aber der Move, sie im Herzen der documenta zu platzieren wohl kaum. Das ist ein Statement, das ist ein gerader Rücken. Das bedeutet füreinander einstehen.

Meine persönlichen Highlights fand ich in anderen Ausstellungsräumen. Die „Neue Galerie“ war sehr spannend zusammengestellt. Die Hängung der Bilder fand ich sehr gelungen. Spannend. Andauernd Neues zu entdecken. Die Bilder von Andrzej Wróblewski (1927–57), haben es mir dabei besonders angetan. Seine beiden ausgestellten Serien „Trauernachrichten I-VI“ und „Flut in den Niederlanden“ sind Zeichnungen, die ich so selten gesehen habe. Tinte auf Papier. Kein Strich zuviel. Fast dokumentarisch hat Wróblewski Situationen gezeichnet während der Todesnachricht Stalins in Polen und der großen Flutkatastrophe in den Niederlanden im selben Jahr. Diese Bilder sind Kommentar und äusserst sensible Beobachtung zugleich. Die haben mich förmlich aufgesogen. Dagegen kam dann, zumindest in der neuen Galerie, nichts mehr für mich an. Vielleicht noch die Videoinstallation von Marina Gioti, „The Secret School“, die einen alten Militär-Propaganda-Film aus Griechenland wiederfand und restaurierte, der eine seltsame Besonderheit lokaler Geschichtsschreibung glorifizierte. Ein spannendes Dokument.

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Diese documenta suchte sich Raum in der ganzen Stadt. Die „Neue Neue Galerie“ fand ihren Raum im hässlichen spät-70er-Bau der neuen Hauptpost. Und hatte ebenfalls einige der spannendsten Installationen und Performances zu bieten. Irena Haiduks „Yugoexport“-Laden im oberen Stockwerk lädt zum Schuhkauf ein (und ein paar andere Accessoires wie Handtaschen oder Blusen gibt es auch noch). Das Schuhmodell wurde für serbische Fabrikarbeiterinnen entworfen, es soll elegant sein und gleichzeitig tragekomfortabel. Die Künstlerin liess das bereits eingestellte Modell wieder herstellen und verkauft es nun an Menschen, die angeben müssen, ob sie fähig sind „wenig“, „mittel“ oder „viel“ zahlen zu können - danach richtet sich dann der Preis der Schuhe. Wer sie kauft muss einen Zettel unterschreiben, der einem bestätigt, ein wertvolles Wesen zu sein und sich zu verpflichten, diese Schuhe bei der Arbeit zu tragen - was auch immer man selbst als Arbeit empfindet. Der ganze Schuhverkauf und die dazugehörigen Präsentationen waren so durchdacht und clever - ich stand viel zu lange rum und habe mir das alles angesehen. Auch die spannenden Verkaufsgespräche mit einer Künstlerin, die zu keinem Moment und durch keine Frage zum Zweifel am Konzept gebracht werden konnte (und es haben wirklich einige versucht…).

Im Erdgeschoss hat eine Videoionstallation von „Die Gesellschaft der Freund_innen von Halit“ die Kasseler NSU-Morde rekonstruiert und den Protest darüber begleitet und nacherzählt. Ein sehr bedrückender Moment jüngster, deutscher Geschichte.

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Es machte Spaß, die Stadt zu erkunden, neue Ausstellungsräume und Spielstätten zu entdecken. Ein alter, stillgelegter U-Bahnhof. Oder in einer ehemaligen Ladenzeile, wurde jedes der Geschäfte künstlerisch bespielt. Mal mehr, mal weniger gut, aber die Glaskästen, in denen das stattfand, drängten sich förmlich auf, für Kunst genutzt zu werden und so auch einen umfassenden Blick von aussen zu ermöglichen. Hier beeindruckten mich vor allem die Bilder von Vivian Suter, die wirklich eindringlich den ganzen Pavillon voll hingen, in dem sie ausgestellt waren. Da wurde man Teil der Bilder, zwischen den frei hängenden, riesigen Leinwänden absorbiert. Ein völlig physisches Kunsterlebnis.

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So war auch diese documenta. Ein wirklich physisches Erlebnis, überall in der Stadt zu bestaunen und zu bewundern. Vor klarer Haltung nicht zurückschreckend. Und als Roman und ich dann am Abend müde im Hotelzimmer waren, tauschten wir noch einmal miteinander aus, was uns am Tag am meisten beeindruckt hat. Wir gingen was essen und später noch in eine Bar namens „Hot Legs“ bei der Schaufensterpuppen-Beine von der Decke hängen. Und so stark dieser Tag war, so gut klang er auch aus. Kassel ist wirklich ein besonderer Ort, an dem sich Zeit und Raum auf seltsamste Art und Weise krümmen.

Was nehm ich mit, von dieser documenta? Jede Ausstellung, die Arbeiten präsentiert, die mich in irgendeiner Weise beeindrucken, ist es wert, besucht worden zu sein. Deswegen kann ich nicht klagen. Und vielleicht bestätigt das auch wieder meinen Zugang zu Kunst, für den ich mich vor vielen Jahren entschieden habe: Es macht mehr Sinn, nach dem zu suchen, was mich beeindruckt, als mich über das zu beschweren, was mir nicht gefällt. Applaus für Kritik kriegen ist leicht und billig. Aber begeistern mit dem, was einen begeistert hat - das ist die Kunst. Das hat mir Kassel mal wieder bestätigt, auch diese documenta und mehr kann ich nicht erwarten. Und, ach ja, eins hab ich auch zum wiederholten Male festgestellt:

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Ich bin froh, so einen besten Freund zu haben. Den besten den es gibt.

Alle Fotos: Roman Libbertz



Lieber DFB, was sagen sie als Aussenstehender zum Thema: Musik?

Ich kenn mich mit Fussball nur sehr wenig aus. Glückwunsch an Dortmund. War ein schönes Spiel.

Nicht so schön war hingegen die Halbzeitpause. Aus verschiedenen, zum Teil naheliegenden Gründen. Was aber jetzt im Nachhinein daraus gemacht wird, ist schon geradezu putzig. Da muss man dann doch mal ein bisschen ausholen:

In der Halbzeitpause des DFB-Pokal-Finales in Berlin zwischen Dortmund und Frankfurt ist Helene Fischer aufgetreten. Hat “Atemlos” gesungen und nach der Hälfte des Songs zu ihrem neuen “Hit” “Herzbeben” geschwenkt. Vermutlich in der Hoffnung, dass niemandem so wirklich der Unterschied auffällt. Damit der Konsument denkt: Wenn ich das alte mochte, dann kann ich mir ja auch das neue holen. So irgendwie. Keine Ahnung. To make a long story short: Es ist genauso scheisse. Vielleicht sogar noch etwas schlechter, weil “Atemlos” wenigstens noch neu war.

Während ihres Auftritts, bei dem sie von circa 15 Tänzerinnen und Tänzern flankiert war, haben eigentlich alle anwesenden Fans im Stadion gepfiffen. Das wurde am Ende nochmal deutlich lauter. Frau Fischer lächelte sich beharrlich durch die Nummer und auch am Ende kam ihr ein Dank an Berlin über die Lippen. So weit, so profi.

Aber was jetzt im Nachhinein daraus gemacht wird! “Die arme Helene!”, “Die sind doch nur neidisch!”, “Nur weil sie erfolgreich ist!”, “Das hat Helene Fischer nicht verdient!”, “Die Fans machen sich lächerlich!”, “Die wollen einen Fussball zurück, den es nicht mehr gibt!”, “Wie beim Superbowl!”, “Wir wollen keine amerikanischen Verhältnisse!”. So in etwa der Tenor. So in etwa die Stimmen danach und dazu.

Leute. Daran ist so viel Käse, dass Frau Antje Überstunden machen muss.

Ertsmal: Viele Fans rechtfertigen die Pfiffe als Kritik am DFB. Dass sie keine Halbzeitshow wollen. Vor allem nicht so eine. Ja, kann man sicher so verstehen. Es ist aber auch nichts schlimm daran, einfach Helene Fischer scheisse zu finden und mit ihrem Plastikschlager bei einem Fussballspiel äusserst deplatziert zu empfinden. Es mag ja sein, dass die CD von der im DFB-Stübchen, oder wie auch immer die Kneipe gegenüber der DFB-Zentrale in Frankfurt heissen mag, rauf und runter läuft und keinen stört und an ganz wilden Abenden dazu sogar Disco-Fox getanzt wird, aber diese groteske Instinktlosigkeit der Organisatoren mit der Gleichung im Kopf “Gefällt vielen = kommt sicher gut an” ist wirklich sagenhaft daneben. Gerade Fussballfans, die Lieder singen wie “You never walk alone”, “Ich würde nie zum FC Bayern gehen”, “Mir stonn ze dir - EffZeh Kölle!” u.ä., die offensichtlich eine Art kernige Ehrlichkeit mögen - warum sollten die im Stadion plötzlich zum jedem normalen Menschen mittlerweile aus den Ohren raushängenenden “Atemlos” voll abfeiern? Noch dazu in der Halbzeitpause, wo jeder Fan total angespannt ist?

Nein, das war kein Fanservice, das war der Brechstangenversuch, noch mainstreamiger zu werden (was ist denn bitte mainstreamiger als Fussball?). Das war der, missglückte, Versuch, auch mal Samstag Abendshow zu sein. Kann man probieren, gar kein Thema. Aber man könnte sich ja dann auch mal Mühe geben.

Es gab auch sehr viele Vergleiche mit der Superbowl-Halbzeitshow. Da würden ja auch Stars auftreten wie Lady Gaga, Beyoncé, Prince usw. Okay, der Vergleich ist auf so abermilionen Weisen dämlich, dass ich versuche nur die beiden allerbescheuertsten Fehler zu benennen:

1.) Football ist nicht Fussball
American Football ist ein werbeoptimierter Sport. Ein Spiel, in dem es gefühlt mehr Breaks und Taktikbesprechungen als Aktion gibt. Da fällt eine Halbzeitshow natürlich ins Gewicht, aber eben gefühlt nicht so, wie bei Fussball, welches im Grunde genommen 45 Minuten Spannung ist, dann ein bisschen Entspannung - aber vor allem Anspannung, was passiert, wenn alle wieder aus der Kabine kommen und dann nochmal 45 Minuten Spannung am Stück. Das ist eine komplett andere Dramatik als Football. Deswegen leiden die Fans auch anders mit. Und das sollte man beachten.

2.) Superbowl-Halbzeitshow
Das ist natürlich ein Riesenevent, sportlich sicherlich vergleichbar mit dem DFB-Pokal (eigentlich ist es die Meisterschaft, da die aber hierzulande nicht im KO-System ausgespielt wird, ist der Pokal eine Art Ersatz), alles spitzt sich auf dieses eine Spiel zu. Und damit alle daran Spaß haben, gibt es die Halbzeitshows. Das sind spektakuläre Auftritte fantastischer, internationaler Künstler. Man ist gespannt: Was werden sie sagen, was werden sie tragen? Was werden sie bieten, welche Hits werden sie spielen? Und gibt es Überraschungsgäste? Diese 10-15 Minuten sind so vollgepackt mit Attraktion, mit Überraschung, mit Hits und mit spektakulärsten Sachen - man vergisst komplett wo man ist.

Und jetzt gucken wir uns mal an, was da im Olympiastadion gemacht wurde: Helene Fischer singt 1,5 Lieder mit einer Gruppe Tänzer, die eine sauschlechte Choreografie tanzen und das nicht mal sonderlich synchron. Das Ganze vor der Tribüne mit den Ehrenplätzen, jämmerlich, um das Pokallogo herum. Fischer selbst tanzt die Choreo kaum noch mit. Bei “Atemlos” wirken ihre angedeuteten Bewegungen regelrecht lustlos. Leute, das ist nicht ansatzweise vergleichbar. Das ist, als würde ich die Wahl der schönsten Schaukuh zur “Miss Blickpunkt Rind” mit der Oscar-Verleihung gleichsetzen. Als wenn ich sagen würde: “Toni Erdmann wär echt besser gewesen, wenn Mario Barth die Hauptrolle gespielt hätte”. Oder “Ich mochte die Wildecker Herzbuben, als sie noch nicht so mainstream waren, irgendwie mehr…”. Das ist totaler Quatsch. Not even close. Durch nichts in der realen Welt nachvollziehbar. Das eine: Unfassbare Show. Das andere: Unfassbare Show.

Und dann noch ein letzter Punkt, der mich wirklich nervt in der Diskussion:

Niemand wird gerne ausgebuht. Wirklich. Es ist unfassbar unangenehm, auf einer Bühne zu stehen und direkte, negative Kritik zu bekommen. Das macht keinen Spass. Aber: Mein Mitleid mit Helene Fischer hält sich trotzdem in Grenzen. Sie wollte ja offensichtlich gerne da auftreten, davon ausgehend, dass jeder Fussballfan sie lieben muss, da sie ja auch am Brandenburger Tor so gut ankam zur Weltmeisterfeier. Und weil sie ja so erfolgreich ist. Und davon abgesehen nimmt sie natürlich gerne die Primetime-Coverage in der absehbar quotenstärksten Sendung mit. Wer sich so glatt durch alles zu aalen versucht, der darf dann auch mal auf die Schnauze fallen, find ich. Sie wollte eh nur ihre neue Single spielen. Ihre Fans vor den Fernsehern haben sich sicher gefreut. Aber selber nicht zu sehen, wie fehl man am Platz sein kann, weil einem die Auftrittsmöglichkeit wichtiger ist (und sie macht ja wirklich alles mit, was sie machen kann - deswegen hat sie es ja auch so weit gebracht), als alles andere, das ist dann auch schon mal okay. Da muss man dann halt durch und das hat sie mit festgetackertem Grinsen ja auch gemacht.

Übrigens: Dieses “Das Fernsehen hat die Pfiffe runtergedreht!” ist ja auch nur grotesk. Ein TV-Regisseur will immer das bestmögliche Signal senden. Und das ist bei einem Auftritt die Musik und nicht die Umgebungsgeräusche - super Überraschung. Ich habs im Fernsehen gesehen und trotzdem die Reaktionen mitbekommen. Auch wenn vorsichtshalber kein Publikum in Großaufnahme gezeigt wurde.

Machen wir uns nix vor: Der Auftritt war ein Desaster. Fischer wirds nicht schaden. Am Spielablauf hats nichts geändert. Aber vielleicht, ganz vielleicht, checkt der DFB ja zum nächsten Mal, dass man sich auch beraten lassen kann, wenn es um Dinge geht, von denen man dort offensichtlich nichts versteht, wie zum Beispiel: Musik.



Was uns besser macht.

Ich bin gestern so die Strasse lang gegangen. Vor mir lief ein Teenager, ich schätze zwischen 15 und 16. Adidas-Rucksack. Kopfhörer auf. Und ich hab den die ganze Zeit nur von hinten gesehen. Und wie ich den so beobachte, fällt mir plötzlich auf dass der nicht normal geht. Der wippt auch nicht. Der federt ab, als würde er auf so Sprungfederschuhen laufen. Richtig hoch ging der ganze Körper mit jedem Schritt. Und der Rücken wurde gerade durchgedrückt. Dann blieb er stehen (ich auch), holte sein Handy raus. Scrollte ein bisschen auf dem Bildschirm. Drückte. Steckte es wieder ein und lief weiter. Auf neuen Sprungfederschuhen, diesmal etwas schneller, aber nicht weniger erhaben. Es war klar: Vor mir lief gerade der König der Welt. Seiner Welt. Genau jetzt.

Und an dem Gedanken bin ich hängen geblieben. Ich würde schon behaupten, jemand zu sein, der sich vielleicht überdurchschnittlich mit Kulturgütern beschäftigt. Und ich möchte keine der Lebensverbesserungen, die die mir geben, missen. Neulich war ich mit meiner Freundin im Museum Ludwig in Köln, weil die ein paar coole Sachen in ihrer permanenten Ausstellung haben, wie ich finde. Da war auch gerade eine Gerhard Richter Ausstellung namens “Neue Bilder”. Kurz gesagt: Die neuen Bilder waren doof, aber da waren - um sozusagen den Weg zu den neuen Arbeiten nachzuzeichnen - auch ein paar ältere Werke von Richter ausgestellt und die waren schon sehenswert. Wie überhaupt die Sammlung im Ludwig generell ein paar tolle Schätze bereit hält. Das spannendste dabei: Ich geh da vielleicht alle 5-10 Jahre mal rein. Und jedes Mal entdecke ich etwas anderes für mich. Entweder ist das dann neu hinzugekommen oder mir vorher nicht aufgefallen. Ich schätze, so würde es mir auch gehen, ginge ich jede Woche einmal da rein. Dieses Mal hatte ich Philip Guston für mich entdeckt. Sein Bild “Complications” fand ich sauwitzig. Das ist doch eine ganz schöne Verbindung aus Bild und Titel:

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Interessant, was so bildende Kunst mit mir macht. Dabei ist natürlich die Frage: Gefällt mir, was mir entspricht oder entdecke ich wirklich Neues, auch an mir, wenn ich mich mit Malerei beschäftige? Dieser Frage nachzugehen - das geht nur im Museum. Ich lass mich von Bildern beeindrucken. Interessanterweise geht das auch nur bei Malerei, bei mir. Fotos beeindrucken mich nur mässig, Bildhauerei quasi gar nicht. Ich habe noch einen Soft Spot für Installationen, aber nur, wenn mir die Originalität des Gedankens gefällt. Aber ganz von meinen Vorlieben abgesehen: Diese Art von Kunst bringt mich dazu, mich mit mir und meinem Blick auf die Welt zu beschäftigen. Wie gut das tut. Auch in so einem abstrakten (Denk-)Raum.

Ich lese gerne. Gut, mein Regal platzt vor Büchern, die ich gekauft oder geschenkt bekommen und noch nicht gelesen hab und ich kann mich nicht davon abhalten, regelmässig durch Buchläden zu streifen und trotzdem noch neue Bücher nachzukaufen, die ich dann meistens auch lange erstmal nicht lesen werde und die dann zum Teil sogar noch eingepackt ins Regal wandern, in der Hoffnung, einen Moment der Ruhe zu finden, in dem ich sie dann doch noch lesen werde. Bücher sind für mich auch ein Stück Lebensqualität, ich hab die gerne um mich. Ich bin auch in einem Haushalt aufgewachsen, in dem der Fernseher inmitten der großen Bücherwand stand, ich habe also quasi immer auf Buchrücken geblickt. Auch in meinen Kinderzimmer stand ein Bücherregal, dass unter seiner Last ächzte (aber hielt!). Für Bücher war immer Geld da. Und Platz.

Und klar: Ein paar dieser Bücher werde ich vielleicht auch niemals lesen. Einige habe ich sogar nur wegen dem Titel gekauft und um sie mir ins Regal zu stellen. Die Biografie von Karl Dall zum Beispiel. Die heisst: “Auge zu und durch” und wie könnte man dieses Buch nicht im Regal stehen haben wollen?

Aber ich habe auch Bücher, die ich gerne verschenke. Oder die ich schon mehrmals gelesen hab. Die ich toll und aufregend fand. Welche, die ich vielleicht gar nicht verstanden hab, beim lesen (und auch danach nicht). Durch die ich mich durchgekämpft hab. Die ich vielleicht sogar verflucht hab. Andere, die ich schon ewig hab oder die ich hatte und mir einfach wieder besorgt hab (ich träume immer noch davon, wieder alle “Pitje Puck” Bücher komplett zu haben, wie ich es als Kind tatsächlich hatte…). So viele Bücher, so viele Erinnerungen. An die Bücher selbst, aber auch an die Orte, wo ich sie las. Oder die Menschen, die sie mir gegeben haben. Ein Buch ist immer viel mehr, als das reine Buch.

Am wichtigsten aber: Jedes Buch, dass ich gelesen hab, hat mich schlauer gemacht. Und dabei ist es vollkommen egal, welches Buch das war. Ob ein Percy Pickwick-Band oder ein dicker Schmöker über die Geschichte der Zeit (die Masseinheit, nicht die Zeitung). Ob eines meiner vielen Lieblingsbücher von Dave Eggers oder eine Harald Juhnke Biografie. Es spielt keine Rolle. Jedes Buch, mit dem man sich beschäftigt, macht einen schlauer, macht einen zu einer besseren Version seiner selbst. Deswegen muss auch immer Zeit zu lesen sein. Und wenn man Monate für ein einzelnes Buch braucht - egal. Fast jedes Buch macht einen schlauer. Sogar dumme Bücher irgendwie. Lesen ist ziemlich toll.

Und damit komme ich wieder zu dem Jungen am Anfang. Musik. Hey Musik! Was ist Musik eigentlich für eine unfassbare Superkraft? Vielleicht macht sie einen nur in den seltensten Fällen schlauer und sie regt auch nicht unbedingt zur selbstreflektion an, aber, oh Boy, was macht die nur mit einem? Nichts auf der Welt, keine Kulturtechnik, keine soziale Interaktion, kann so viel so schnell bewirken, wie Musik! Man hört ein Lied und dockt sofort mit einem Gefühl an - vollkommen egal, wie irrational das sein mag. Du kannst der größte Haiopei sein - mit dem richtigen Song auf den Ohren gehst du über die Straße und fühlst dich wie das coolste Wesen, dass jemals den Erdboden berührt hat. Der richtige Song bringt einen zum weinen, wenn man das unbedingt will. Oder zum lachen. Man hört spezielle Musik VOR dem ausgehen, um sich in Stimmung zu bringen für die Musik, die man dann BEIM ausgehen hört und zu der man dann tanzt. Es gibt Musik, die man zum runterkommen hört. Zur Beruhigung. Es gibt Menschen, die beruhigt ein Napalm Death Album. Andere kommen bei Ed Sheeran zur Ruhe. Musik ist die emotionalste Kunstform, die es gibt.

Klar, ich kann einen Film spannend finden, ein Theaterstück aufwühlend - aber ein Lied, das ich mag, braucht drei Minuten um mich mitzureissen. Um in mir ein Bild entstehen zu lassen, dass uninszenierbar wäre. Abgesehen davon: Einige der emotinalsten Momente in Film und Bühne, entstehen vor allem durch das Zusammenspiel mit? Eben: Musik.

Musik, du geile Sau. Auch dich möchte ich nicht missen. Du löst das beste in mir aus. Du befreist alles, was in mir steckt. In Sekundenschnelle. Das kann kein Bild, kein Buch, kein Film, kein Stück. Das kannst nur du, Musik, und machst mich damit besser. Und es gibt so unendlich viel von dir! Ich werde bis an mein Lebensende gar nicht alle Musik entdeckt haben, die ich mögen könnte. Das macht mich einerseits traurig, andererseits bedeutet es: Ich kann mein Leben lang nach ihr suchen. Und werde immer fündig. Und das ist doch ein sehr tröstlicher Gedanke. Irgendetwas tolles werde ich immer nicht kennen und will nur von mir entdeckt werden. Ach, ich könnte mich sofort wieder in irgendwelche Plattenkisten stürzen, aus Freude über alles, was ich noch nicht kenne.

Und auf dem Weg dorthin hab ich sicher meine Kopfhörer auf. Und höre eine Playlist von mir. Und fühle mich wie der coolste Mensch, der rumläuft. Und wenn du mich siehst, ohne zu hören, was ich höre, wirst du denken: “Was ist das denn für ein Otto, warum läuft der so komisch und grinst so blöd?” und das ist okay. Aber du könntest falscher nicht liegen. Würdest du nur fühlen was ich fühle.

Kunst, jede Kunst und Kunstform, macht uns besser. Macht uns, in ihrem Rahmen, ein Stück größer, schlauer, cooler. Wir brauchen Kunst. Aber die braucht uns natürlich auch.

Ich nehm mir jetzt eines der eingepackten Bücher aus dem Regal.



Eine letzte Umarmung für Jutta Winkelmann

Jutta Winkelmann ist gestorben. Jutta war das, was man eine Ikone nennt. Eine Frau, die ein alternatives Leben lebte, ach, die das alternative Leben erfunden hat. Eine 68erin, wie man sie sich vorstellt. Die man betrachtet und neidlos (oder -voll, je nach Standpunkt) anerkennen muss, dass sie ihr ganzes Leben einer Idee von Freiheit gewidmet hat. Freiheit und Selbstbestimmung. Das ging sogar so weit, dass man ihr vorwarf, freiheitliche und selbstbestimmte Ideale über den Haufen zu werfen, als sie Teil des „Harems“ um Rainer Langhans wurde. Aber freier konnte eine Entscheidung natürlich nicht sein, so ein vollkommen neues und ungewöhnliches Beziehungskonzept ausserhalb irgendwelcher (gesellschaftlicher) Zwänge einmal auszuprobieren. Und der Name “Harem” war sowieso bescheuert (und weit entfernt von der Realität).

Ich glaube, zumindest in Deutschland, bewundere ich keine Generation so sehr, wie die 68er. Nicht nur für ihr erwachendes politisches Bewusstsein, dass sich wütend gegen ein immer noch von Alt-Nazis durchsetztes Deutschland zu wehren versuchte (und dabei eben auch gewalttätig weit übers Ziel hinausschoss). Das finde ich schon auch spannend. Aber ich finde noch viel spannender, wie viel sich gesellschaftspolitisch tat. Wie sehr - auch nervenaufreibend - versucht wurde, neue Positionen zu finden. Zu erörtern, wie die Gemeinschaft vielleicht auch noch, vielleicht sogar noch besser funktionieren könnte. Nicht alle Ideen dazu waren gut oder schlau oder durchdacht. Aber dieser Wille zur Veränderung, der auch Kraft kostete, aber darauf abzielte, dieses Land besser, fairer, stärker zu machen, der imponiert mir noch heute, obwohl ich das ja nur aus Büchern oder Erzählungen kenne. Ich frage mich oft, wie ich damals gehandelt hätte. Ich wäre sicher kein Kämpfer gewesen - dazu bin ich viel zu sehr Schisser. Aber ich hätte mich der Faszination nicht entziehen können. Vielleicht wäre ich so wie Jutta gewesen. Ich glaube, ich wäre sehr gerne so wie Jutta gewesen.

Jutta hat viel ausprobiert. Ach, ich will jetzt nicht ihr bewegtes Leben nachzeichnen, dass können andere - sie inklusive - deutlich besser. Ich wusste auch immer sehr wenig über sie, erst nachdem sie gestorben ist, habe ich gecheckt, dass sie mal mit Adolf Winkelmann, dem tollen Regisseur, der u.A. „Die Abfahrer“ gemacht hat, verheiratet war. Ich hab mir ihren Nachnamen nie gesondert angeguckt. Ich wusste das mit Langhans. Dann blichen meine Infos über sie aber auch langsam aus.

Aber das war auch gar nicht wichtig. Denn ich mochte sie. Ich mochte sie aufrichtigen Herzens. Wir waren Facebookfreunde. Ich weiß gar nicht mehr, wer auf wen kam und wie unsere Verbindung dort entstand. Aber wir waren schon einige Zeit befreundet. Und sie ist mir immer mal wieder in meiner Timeline aufgefallen. Also, ihre Posts. Sie war ziemlich spirituell, aber irgendwie so authentisch dabei. Total cool. Das gute „cool“, nicht das kühle. Keine Ahnung, ich weiß nicht mal wie ich das formulieren soll, ohne das es besonders kitschig klingt. Eines Tages aber, da hab ich ihr einfach über Facebook geschrieben. Dass ich sie bewundere und toll finde und mich ihr sehr verbunden fühle, auf eine komische Art. Keine Ahnung, warum ich ihr das schrieb, aber es hat sich echt so angefühlt. Und sie hat sich total gefreut und mir zurückgeschrieben.

Ein paar Jahre später. Jutta hat ihre Krebserkrankung auf ihrer Seite öffentlich gemacht. Und immer wieder ihre Gedanken darüber geteilt. Oder wie sie sie erlebt. Was sie mit dem Virus erlebt. Wie sie sich begegnen. Oder wie es manchmal einfach nur total nervt. Die Schmerzen. Das erzwungene Nachdenken über den Tod. Auch über ihr Buch schrieb sie, nicht ohne Stolz, dass sie am Krankenbett fertig stellte. Sie liebäugelte auch eine Zeit lang damit, als Cover ein Foto ihrer Krankenwindel zu nehmen. Die Krankheit lächerlich machen. Deutungshoheit über das eigene Ich behalten, wenn so viele in so einer Krankheit verschwinden. Das war ihr wichtig und das hat sie mit bewundernswerter Stärke gemacht.

Ich weiß noch, dass sie ihre FB-Freunde um Rat fragte in irgendeiner Sache. Ich wusste nichts dazu. Viele andere auch nicht, aber das hielt sie nicht davon ab, ihr „schlaue“ Kommentare zu schreiben. Ich wollte aber niemanden blossstellen, deswegen schrieb ich ihr lieber wieder eine Privatnachricht. Dass ich ihr leider keinen Rat in der Sache geben könne, aber an sie denken würde. Ich hab das wirklich so gemeint. Und sie antwortete nur: „Danke! Dass du keinen Rat geben kannst….dafür liebe ich dich! Toll! Big Hug!“ Ich schickte ihr einen „Superbig Hug!“ zurück. Das war irgendwie schön zwischen uns. Und auf eine kindische Weise niedlich.

Ich sah, dass es anfing ihr deutlich schlechter zu gehen. Sie träumte davon, noch einmal Indien zu sehen, wohl wissend, dass das nicht mehr passieren würde. Wenn sich das unvermeidliche aufbaut, glaubt man umso mehr, dagegen glauben zu können. Vielleicht war es gar nicht so schlimm, vielleicht würde sie sich nochmal erholen, vielleicht würde sie diese eine Reise noch machen können. Es war sinnlose Hoffnung. Aber ich wollte trotzdem dran glauben.

Eines Tages schrieb sie mir, ob ich ihr meine Adresse geben könnte, denn sie würde mir sehr gerne ihr fertig gestelltes Buch schicken. Ich freute mich total und zögerte keine Sekunde, bat sie noch um ihre Adresse, damit ich ihr mein neues Buch auch schicken könne, aber darauf antwortete sie nicht mehr. Vielleicht war es auch nicht so wichtig, sich so zu revanchieren, ihr schon gar nicht. Sie wollte keine Bücher tauschen. Sie wollte einfach, dass ich ihr Buch bekomme.

Ein paar Wochen später, war der dicke Umschlag in meinem Briefkasten. Ich packte ihr Buch aus. Schlug die erste Seite auf. Und da stand ihre Widmung:

„Für Nilz, mit einem superdicken Hug! Jutta“

Ich habe das Buch mit auf jede Reise genommen, auf jede längere Bahnfahrt. Aber nie angefangen zu lesen. Ich hab mich immer gefreut, ihr sagen zu können, wie es mir gefällt. Vermutlich war meine bescheuerte Ego-Hoffnung immer, dass sie gar nicht gehen könne, bevor ich ihr nicht was zu dem Buch gesagt hab. Sie konnte es doch. Sie gab dem Stern noch ein letztes, wirklich bewegendes Interview. Und starb am 23.02.

Wenn ich ihr jetzt auf Facebook schreiben würde, würde sie nicht mehr antworten. Und wenn ich unsere wenigen Dialoge dort lese, kommen sie mir nun irgendwie lustig vor. Der kleine Trottel und die weise Frau. So vielleicht. Uns haben nur wenige Momente verbunden, aber die waren von einer seltenen und besonderen Güte. Schon allein deswegen hab ich das Bedürfnis, noch folgendes zu schreiben:

Keine Ahnung, wo du jetzt bist, Jutta.
Aber ich schick dir superbig Hugs!



Ohne Norcia geht es nicht

Ich laufe die große Straße, vom Stadttor kommend, entlang. Der Weg wird links und rechts gesäumt von Läden, die lokale Spezialitäten anbieten. Vor allem Trüffel und Salsiccia. Auf der rechten Ecke kommt eine Bar, die auch Pizza anbietet. Dann noch die Apotheke und dann hat man es endlich geschafft: Die Piazza öffnet sich vor einem. Ein prächtiger, großer, runder Platz, gesäumt von Cafés und einer großen Kirche mit schönem Rundfenster.

Ich war ein paar Mal in Norcia und es hat mir immer gut gefallen. Mir gefällt Italien ja sowieso und da hat jeder Ort etwas Besonderes. Norcia durfte ich aber noch mal anders kennenlernen. Von innen, sozusagen, da ich auf eine Art Teil Norciner wurde, denn die Mama meiner Tochter, kommt von dort - beziehungsweise ihre Familie. Und so durfte ich Dorfklatsch und Tratsch mitbekommen, aber auch ein paar tolle Menschen vor Ort kennenlernen und besuchen. Ich habe mich in die zwei Wäscherei-Omas verliebt, die seit Jahr und Tag gemeinsam in ihrem Laden stehen und die Schmutzwäsche machen, was durchaus im doppelten Sinne verstanden werden darf, denn sie machen nicht nur die Laken porentief rein (und verpacken sie dann und dann riechen die so toll), sondern sie sind auch eine der besten Quellen, wenn man wissen will, was im Dorf wieder so alles los ist.

Ich hab die Pizza aus der Pizzeria in der Stadtmauer genossen und natürlich den Trüffel- Mjam Mjam. Trüffelpasta an Heiligabend, der Wahnsinn. Natürlich auch die lokalen Würste, gerne mit Wildschwein gefüllt. Wenn man Nachts wach im Bett liegt, hört man manchmal sogar, wie die geschossen werden. Ich war aber auch auf dem “Piano Grande”, diesem unfassbaren Linsen-Feld, das wie ein Teppich in den Bergen vor dem Dorf liegt. Und die Lenticchie, die von dort kommen - ebenfalls ein totaler Genuss. In ganz Italien heissen die Feinkostläden “Norcineria” und ja, das bezieht sich ursprünglich auf Norcia und seine feinen Speisen. Gutes Essen ist dort fast eine Selbstverständlichkeit - aber Genuss eben auch.

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Ich, vor fünf Jahren, am “Piano Grande”.

Ich hab die Reisebusse gesehen, die täglich in Scharen kommen, vor dem Stadttor halten, die - vor allem italienischen - Touristen ausspucken, welche dann einmal durch das Dorf ziehen, einkaufen und wieder einsteigen.

Ich hab auch die Häuser gesehen, in denen viele Nursini übergangsweise gelebt haben, damals, nach dem schweren Erdbeben in den 70/80ern. Viel ist damals kaputtgegangen, aber viele wollten trotzdem bleiben. Sich nicht unterkriegen lassen. Naja, vielleicht hatten viele auch keine andere Idee, wo sie überhaupt hinsollen. Sie kannten nur Norcia, es war ihre Heimat. Die gibt man nicht so einfach auf. Dann baut man sie lieber wieder auf.

Der Mensch verlässt sich vielleicht viel zu leicht auf trügerische Ruhe. Wenn man sich in Norcia umhörte, waren Erdeben immer ein Thema. Ein Thema, über welches immer gesprochen wurde. Man erinnerte sich an das Chaos bei letzten schlimmen Beben. Hatte immer Angst davor, dass es wieder kommen könnte, dass es wieder so schlimm sein könnte. War in ständiger Alarmbereitschaft. Andererseits hat man auch einen Alltag, muss sich arrangieren, muss ja auch leben. Vielleicht würde es nie mehr so schlimm werden. Und man hatte ja jetzt auch erdbebensicher gebaut.

Nach Angaben von Forschern muss in Mittelitalien im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 6 und mehr gerechnet werden. Mehr als 50 Prozent der Privatwohnungen in Italien entsprechen nach Berechnungen des Nationalen Ingenieurrats nicht den Sicherheitsbestimmungen. Allein die Erdbebensicherung von Wohngebäuden in den am meisten gefährdeten Gegenden könnte demnach bis zu 36 Milliarden Euro kosten.

Quelle: ORF

Ich habe mich immer wohl gefühlt in Norcia. Dieses Dorf hat mich immer mit offenen Armen empfangen und mir immer wieder neue Sachen gezeigt. Es bricht mir das Herz, diese Stadt so am Boden zu sehen. Deswegen bitte ich euch, helft. Ich weiß, es ist nur eine Stadt, es ist öein sehr persönliches Interesse, anderen Erdbebenregionen geht es auch schlecht. Das weiß ich alles. Und ich finde es gut, wenn ihr woanders spendet. Dort, wo es gebraucht wird. Ich kann euch nur bitten, den Schmerz an einem Ort zu lindern, an dem ich ihn nachvollziehen kann.

In Norcia gibt es ein Kloster. Die Mönche weigern sich, den evakuierten Stadtkern zu verlassen. Sie wollen bei ihrer Kirche sein, retten, was zu retten ist. Sie bitten um Spenden und so sehr ich auch immer Angst habe, dass Spenden nicht ankommen - hier tun sie es definitiv.

Bitte gebt und wenn es nur ein bisschen ist. Helft mit, dieses besondere Fleckchen Erde wieder aufzubauen. Helft mit, den Menschen vor Ort wieder eine Perspektive zu geben. Ich mag es nicht, zum spenden aufzurufen, halte mich mit so etwas gerne bedeckt, aber das hier fühlt sich persönlich an. Das ist mein Norcia. Deswegen zögere ich keinen Augenblick. Und wenn es nur das Geld für eine Schachtel Zigaretten, für einen Kinobesuch oder eben für eine Pizza mit Salsiccie ist - bitte gebt.

“Es ist für uns an der Zeit aufzuwachen und uns zu erheben.”

Das hat Benedikt von Nursia, der heilige Benedikt (nach dem sich der jetzige Papst benannt hat), der in Norcia geboren wurde und im Laufe seines Lebens um das Jahr 500 herum den Benedektinerorden gründete, gesagt. Vielleicht passt es niemals besser, als jetzt. Wenn der Schock überwunden ist, sollte die Stadt wieder aufgebaut werden.

Wenn ihr den Mönchen vor Ort spenden möchtet, um was ich euch sehr bitten würde, dann tut das bitte HIER.

Einen guten Überblick über weitere Spendenaktionen, findet man HIER (die gelten aber eher für die ganze Region und gehen zum Teil an so große (und natürlich wichtige) Organisationen wie das Rote Kreuz, falls man “allgemeiner” spenden möchte).



Wer bringt mich jetzt zu den Anderen? - Die neue von “Die Höchste Eisenbahn”

Drei Jahre ist das nun schon her. Drei Jahre seit einer Platte, die mich verzaubert hat, die damals meine Platte des Jahres war und die ich seitdem immer und immer wieder gehört habe. Das verrückte daran ist: Ich habe irgendwie gar nicht mehr mit einer weiteren Platte gerechnet. Vielleicht weil die Band in meinem Kopf einen gewissen Projekt-Charakter hat, auch wenn ich keine Ahnung habe, woher dieses Gefühl kommt.

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Nun habe ich es in der Hand, dass neue Album. Und abgesehen von der schönen Überraschung, ist das auch ein schönes Album. Eine Platte, die dem Debüt in keinster Weise nachsteht. Eine Platte, die auch wieder Magie verströmt, wie zuvor, aber vielleicht diesmal auf eine etwas andere Art. Vielleicht. Mal sehen zu welchem Fazit ich am Ende dieses Textes komme. Vorweg gestellt sei erstmal nur das: Bitte kaufen sie diese Platte. Sie gehört zu den Meisterwerken 2016.

Schon auf Twitter und Facebook wurde ich ungeduldig gefragt, wie mir denn die neue Höchste Eisenbahn gefallen würde - bevor ich sie überhaupt einmal durchgehört hatte. Dann aber hatte ich endlich das Momentum und den Zeitpunkt gefunden, mich in Ruhe mit ihr auseinanderzusetzen.

Und schon der erste Eindruck war: Ich möchte diese Lieder einpacken, in kleine Paketchen, mit Schleife und vielleicht an den Ecken etwas zusammengedrückt. Und die will ich verschicken, an ganz viele Menschen. Menschen, die ich mag. Einfach nur um zu wissen, dass sie diese Lieder auch hören, dass sie dieselben Lieder wie ich hören. Und zwar genau diese. Diese Songs die immer eine Mischung sind aus Anekdoten, die uns allen schon genauso passiert sind und Sätzen, die auf Plakaten gedruckt, unsere Innenstädte zukleistern sollten.

Eigentlich sollte das einen ja erschrecken: Mein Leben ist gar nicht so einzigartig, wie ich immer gedacht habe. Anderen Menschen passieren dieselben Dinge, erschreckend gleich, und sie schreiben dann auch noch Songs drüber. Und in ihren Songs tauchen all diese Namen auf, Lisbeth, Tillmann, Louie, Timmy. Ein Name macht einen Song konkret, ein Adressat macht ein Lied zu einer Aussage. Und dennoch ist das alles kein Grund zur Sorge:

1.) Die Musik
Der AOR des ersten Albums wurde ausgefeilt. Jetzt sind auch, wie zum Beispiel in “Stern”, andere EInflüsse zu hören, die vorsichtig in das Gesamtbild eingefügt wurden. Im genannten Song ist das ein fast housiges Piano im Refrain. In vielen anderen Liedern wurden auch neue Synthie-Sounds genutzt, Sounds, die fast verboten waren.

Die Kompositionen sind clever, ohne angeberisch sein zu wollen. Es scheint keinen Ton zu viel zu geben. Sehr leicht, sehr einschmeichelnd, manchmal mit kleinen eingebauten Stolperern. Ich weiß nicht, was diese Musik für mich so verführerisch macht. Ich kann diesen Harmoniebögen nicht widerstehen. Dieser schlauen Instrumentierung, die immer wie aus dem Bauch wirkt, obwohl man merkt, dass sie sehr durchdacht ist. Sie zwingen mich zuzuhören und gleichzeitig darüber glücklich zu sein. Ich freu mich über die Gesangsmelodien und die zweistimmigen Harmonien. Es schwebt in dur-igen Sphären und hallt in Moll nach. Die Kompositionen sind Sehnsuchtsorte. Vielleicht beschreibt es das am Besten (vielleicht aber auch gar nicht).

2.) Die Texte
Die letzten drei Jahre haben Moritz Krämer und Francesco Wilking wohl dazu genutzt, noch mehr zu beobachten, noch mehr zu erleben, noch genauer hinzuschauen. Manche Menschen haben ab einem gewissen Punkt alles erzählt, nichts Neues mehr erlebt (vor allem im deutschsprachigen HipHop ein häufiges Phänomen) und fangen dann nur noch an, sich zu wiederholen. Eine Falle, in die die Höchste Eisenbahn wohl niemals tritt. Denn ihre Texte handeln von Situationen, die niemals aufhören, die so einzigartig sind, dass sie ein Leben lang vorkommen.

Irgendwann werd ich dir alles erzählen.
Wenn du neben der Rutsche stehst,
werd ich mich zu dir stellen.

Ich sag was zum Wetter.
Du lachst und du nickst.
Und alles ist still.
Für einen Augenblick.

Diese Strophe zum Beispiel aus dem großartigen “Woher denn”, erzählt schon so viel, so bekannte Situationen und hat gleichzeitig etwas unangenehmes, etwas bedrückendes. Zusammen mit dem herrlich leichten Instrumental, in dem immer wieder irgendwelche Sounds kurz und klein aufpoppen, fast wie in einem Sumpf in der Abenddämmerung, wo es an allen Ecken und Enden kleine Geräusche gibt und welches sich dann in ein großes Uptempo-Finale steigert. Das ist so einzigartig toll - so einen Song kann es nur von dieser Band geben.

Oder der Refrain von “Lisbeth”:

Liebe Lisbeth,
wir sind nie Zuhaus
Mit dir würd ich immer wieder,
an einem Laken zum Fenster raus.
Wir waren Waisen
und ständig auf der Flucht.
Ängstlich und alleine
und dann kam der erste Kuss.
Bist nochmal gewachsen,
und ich kann jezt mehr verstehen:
Waisen sind wir immer wieder,
wenn wir uns nicht sehen.

Ich liebe diese Band, ich liebe ihre Melodien, die Art, wie sie ihre Instrumente spielen, wie sie singen, was sie singen, wie sie welche Worte benutzen. Wenn ich eine Band sein wollen würde, dann diese (oder die Lassie Singers). Auch auf dem neuen Album beweist die Höchste Eisenbahn wieder, sehr ausserhalb von allem zu sein, sehr einzigartig und vor allem: Sehr berührend. Es gibt viele deutschsprachige Bands, die ich verehre, aber im Moment keine, die ich so liebe.

Auch wenn ich es schade finde, dass Francesco nicht mal mehr einen italienischen Satz untergebracht hat - aber vielleicht kann ich mit ihm ja eine italienische Cover-Platte machen.



Himmelhochrappend / zu Tode bemüht - Das neue Beginner Album “Advanced Chemistry”

Wie fang ich denn so einen Text an? Hm, vielleicht so:

Die Beginner sind wieder da!

Und in mir macht sich ein großes Gefühl der Erleichterung breit. Irgendwie waren die drei das letzte Puzzle-Stück, das noch gefehlt hat, um meine Rap-Sozialisation wieder komplett zu machen. Fettes Brot waren nie weg und werden immer großartiger in einer gewissen Jetzt-erst-Recht-Haltung. Samy Deluxe bringt regelmässig Soloalben, bei denen man unsicher ist. 5 Sterne Deluxe hab ich so laut wie möglich beim Comeback-Gig vor 2,3 Jahren zugejubelt - aber da war es klar, dass man noch 3000 Jahre würde warten müssen, bis da wieder eine Platte kommt. Die Fantas sind eigentlich unentwegt auf Tour (ich will wieder hin!) und nun also Denyo, Eizy Eis und DJ Mad wieder am Start. Klar, wir werden alle nicht jünger, in der Zwischenzeit haben viele andere Bands und Rapper das Feld übernommen. Niemand hat 13 Jahre auf das Beginner Album gewartet, liebe Leute. Aber jetzt ist es da und niemand kommt daran vorbei. Und das ist auch richtig so.

Erstmal: “Advanced Chemistry” ist ein dopes Album geworden. Es ist exakt das Beginner-Album, das ich erwartet habe, als es hiess, es würde ein neues Beginner-Album geben. Der Flow steht, die Raps sind ebenso entspannt wie da (für mich immer eine der besonderen Beginner-Eigenheiten: Wie kann man nur so entspannt klingen und gleichzeitig so aufregend erzählen?). Die Beats sind von “Herrje” über “Jo, passt” bis zu “Woah! Krass!” und “Hehehe.”. Vielleicht gehen wir einfach mal die Tracklist durch, so wie ich das immer gerne mache:

“Ahnma” war der Türöffner, ist auch der Opener des Albums. Eine starke Represent-Nummer, die vor allem, vermutlich sogar überraschend, den Kultur-Chauvinismus vieler Beginner-”Fans” offenbarte, die mit spitzen Fingern: “Gute Nummer, aber was soll denn bitte dieser Prolo da drin?” in die sozialen Netzwerke kommentierten, damit das GZUZ-Feature im Refrain meinten und zeigten, dass sie von Rap nichts begriffen haben, während die Beginner bewiesen, sehr wohl noch Part des Games zu sein. Im Grunde genommen hätte sofort das Album kommen können - so viel wie da richtig gemacht wurde.

Stattdessen kam noch eine Single, “Es war einmal”, ein schöner Wie alles begann-Track, zum sich erinnern. Also, eigentlich nur dafür. Wer würde den Song hören wollen, der die Geschichte nicht kennt? Dazu ein Video, das einen mit der Flut an Gastauftritten und versteckten Informationen auf Crawls und Einblendungen etwas überfordert, aber trotzdem erstmal begeistert. Aber so eine Reminiscence, die macht einen natürlich auch sofort: alt. Also, mich als Hörer vor allem auch. Hmpf.

Es folgt mit “Meine Posse” ein Song, in dem Samy mal wieder seine Stärken eindrucksvoll demonstriert. Dazu ein schöner, schräger Beat - der von einer ganz seltsam einschmeichelnden Melodie in der Hook getragen wird. Aber auch hier, ganz HipHop, wieder hauptsächlich represent. Ist ja okay.

Über das folgende “Schelle” hab ich viel negatives gelesen. Die Beginner würden versuchen, sich an einen modernen Sound anzubiedern. Wie kommt man auf so eine bekloppte Idee? Der Song ist musikalisch eine gut schräge Reggae/Trap/Cloud/Dubstep-Mische. Warum dürfen die Beginner so etwas nicht probieren? Weil sie älter als 13 sind? Die Jungs waren schon immer sehr geschmackssicher im Beatpicking, so auch hier. Der Song funktioniert super als Dancefloorsmasher. Weil die das wussten, ist der vielleicht auch textlich eher so…nun ja…representig?

“So schön” ist eine Art romantic Rap. Dazu ein Dendemann-Feature. Aber der Beat, ich weiß ja nicht. Keine Ahnung ob die den gesampled haben oder ob der live eingespielt wurde, aber es klingt wie letzteres. Und dabei irgendwie so uninspiriert. Oder brav. Ein bisschen wie späte Jazzkantine (sorry!). Wenn super Musikern ein bisschen die Ideen ausgehen. Text geht klar, vor allem Dendes Part ist - man kennt es ja quasi gar nicht anders von ihm - super. Aber wie schön wäre ein Part von ihm in einem Song gewesen, der genauso strahlt? Erster Bummer des Albums.

Dann aber: “Rambo No.5″. Abgesehen von dem herrlich bescheuerten Lou Bega Wortspiel: Der Beat! Alter! Was für ein Superbrett! Ich habe mich sofort in diesen Beat verliebt! Der Text ein Partytrack, mit dem wunderbaren “Wiener Krawalzer” und “Lambada Meinhoff” und der Zeile “Scheiß auf Ayurveda, der DJ ist mein Apotheker!” Instant Lieblingstrack. Diesen Song, das weiß ich sofort, werde ich dieses Jahr noch viele Male hören. Schon mit seinen Hip-Hop-Partychören in der Hook. Wie herrlich! Beginner! Ja!

Direkt danach “Kater”. Der Hangover-Song. Supergutes Sample, das mich an den “Wichita Lineman” erinnert (wer das nicht kennt: Super Song von Glenn Campbell, der auch viele Male ganz toll gecovert wurde, quer durch die Popgeschichte). Interessanterweise fühlt sich der Song für mich am meisten nach 90ern an. Dieses filtern des Main Samples in den Strophen, da werden sofort Erinnerungen an zum Beispiel “Tag am Meer” wach. Aber ich mag das. Gemütlich. Cozy. Wie immer sehr stilsicher zusammengesetzt.

“Rap und fette Bässe” ist dann wieder Verneigung und, ja, Represent zugleich. Dabei ist der Beat sehr lustig extra unfett (und dabei sehr fett). Es gibt keine Bassdrum, keine Snare. Alles pumpt über (fetten) Bass und Keyboardlines. Dazu ein Afrob und Ferris MC Sample in der Hook, in der nur “Afrob und der Ferris” durch ein “Die Beginner”-Sample verdeckt wird. Sehr gut. Genau DEN richtigen Song gesampled, auf den sich wirklich alle Rap-Heads über 30 einigen können. Starke Nummer!

“Spam”. Wuuuahh. Gruhuselig. Kulturpessimismus und eine “alle gucken nur noch auf ihr Handy”-Haltung, die erstaunlich undifferenziert für die Beginner ist. Find ich unangenehm. Eizi Eiz rappt am Anfang: “Mach auf Curse für die Dramatik und rappe auf Klavier” und genauso hört es sich auch an. Ich verstehe nicht so ganz, warum er es eigentlich macht, wenn es ihm selber aufgefallen ist - aber vielleicht kapiere ich da auch irgendeine Ironie nicht. Kann er mir ja eventuell auf Twitter erklären.

“Thomas Anders”. Puh. Das ist ne harte Nuss. Der Beat ist weird und das auf eine super Art und Weise. Und auch der Text ist stark, Eizi findet genau die richtigen Rhymes und das Megaloh-Feature ist perfekt. Technisch also alles Bombe. Aber: “Sorry Baby, dass ich anders bin” ist die Hook, ist die Aussage, darum dreht sich alles. Und jeder, der schon mal jemand getroffen hat, der von sich gesagt hat: “Sorry, ich bin so anders als die Anderen!”, naja. Das ist wie so ältere Frauen mit gebatikten Gewändern und rot gefärbten Haaren, die in städtischen Büros sitzen und deren Brillengestell zwei verschiedene Formen hat (rund und ein auf der Spitze stehendes Quadrat) und die von sich sagen, sie seien ja eher so verrückt. Sorry. Das verwirrt mich bei diesem Song übrigens extrem.

“Macha Macha”. Ja! Als würde das Haftbefehl-Feature die Jungs anstacheln, ist der Song wieder Beginner von der reinsten Sorte. Der Text wieder herrlich durchdacht, mit Wortspielen aus dem Trakt der Wortspielhölle, in dem man bitte für die Ewigkeit eingesperrt sein möchte und einer guten, den alten Männern ziemlich gut stehenden, Portion Aggroness (”Johann Sebastian Reibach”, “Mittelmaß ist ein No-Go wie ein Hitler-Bart”, etc.). Und natürlich Hafti über dem ganzen Song. Mega. Vielleicht eines der wichtigsten Features des Albums. Auf dass die selbsternannten Gralshüter der Beginner wieder heulen werden und ihr Unwissen wie eine Fahne vor sich hertragen.

“Nach Hause” ist dann vermutlich ein klassischer Album-Closer. Ein Lied zum runterkommen, ein Lied das sich ganz klar gegen Rassismus wendet, gegen die Scheissigkeit, die in Deutschland gerade allgegenwärtig ist. Und gleichzeitig eine Ode an Hamburg, an den Hafen, an die Weite des Wassers, des Hafens. Das Glück in einem Ort zu leben, der von der MIschung der Menschen lebt. Das ist einerseits sehr schön und ergreifend, aber der Beat ist irgendwie so zahm. Schade, dass das Album so enden muss. Ich hätte mir da eher einen Knall zum Ende gewünscht. Aber man kann halt nicht alles haben.

Wie ist nun das Fazit? Ich hab keine Ahnung. Ich freue mich über das Album, freue mich über die Beginner und freue mich über jeden Song, den ich Hammer finde. Aber ich ärger mich auch ein bisschen über die Songs, die ich scheisse finde. Und irgendwie hab ich die ganze Zeit das seltsame Gefühl, irgendeiner unangenehmen Nostalgie auf den Leim zu gehen. Ich checks nicht.

Vielleicht ist das das Beste, was man über eine Platte sagen kann. Dass sie einen verwirrt. Aber dass einem ganz viel gefällt. Denn am Ende sind die guten Songs immer tausendmal wertvoller, als die schlechten. Und ein guter Beginner-Song kann Tage, Wochen, Monate, Jahre retten. Auch wenn es 13 sind. Der Nachfolger wird hoffentlich schneller kommen. Und mit Sicherheit alles abreissen.

Hier zum reinhören:



Talking Hetz

Liebe Maybritt Illner und lieber Volker Wilms,
liebe Anne Will und lieber Andreas Schneider,
lieber Frank Plasberg und lieber Georg Diedenhofen,
liebe Sandra Maischberger und lieber Theo Lange,

ihr seid allesamt sehr kluge Menschen. Das meine ich völlig ironiefrei. Ich halte euch für gebildet und clever, empathisch und ambitioniert. Ihr Moderatoren, die ihr wöchentlich euer Gesicht hinhaltet für eine steile These eurer Redaktion, die ihr diskutieren lasst. Dabei keineswegs übertrieben neutral, sondern immer mit Augenmass und dem Versuch, gesunden Menschenverstand als Massstab für die Diskussion zwischen Kontrahenten qua Partei oder Interessengemeinschaft anzuwenden. Das ist heavy, da ist es auch nicht immer einfach, die Streithähne und -hennen auseinander zu halten. Die machen einen vermutlich bisweilen etwas kirre, wenn man da zwischen denen sitzt und sich fragt, warum eigentlich immer alle aufeinander los gehen müssen, anstatt zu versuchen, konstruktive Lösungsansätze zu finden.

Und ihr, jeweilige Redaktionsleiter, habt auch alles andere als einen einfachen Job: Immer der Versuch ein Thema zu finden, das am Puls der Zeit liegt. Die genau richtige Gästemischung zusammenstellen, die gerne spitz formulieren, aber nicht nur Radaubrüder sind. Oder Promis finden, die eine klar umrissene Meinung haben und sich nicht unterbuttern lassen in einer Diskussion, die aber für die Zuschauer auch noch interessant genug sind, um dranzubleiben - auch nicht ganz einfach (und geht in den allermeisten Fällen auch furchtbar schief).

Euer Geschäft ist zynisch und das wisst ihr und das versucht ihr nach jeder Aufzeichnung abzustreifen. Ihr konzentriert euch dann auf das, was gut war an der Sendung. Und wenn dann da mal einer ein bisschen ausgeflippt ist, dann ist das natürlich auch gut für euch. Oder wenn da jemand dabei war, so far from reality, dass sich alle anderen Diskussionsteilnehmer aufgeregt haben - das findet ihr herrlich. Das sind dann in der Quotenanalyse sicher die Peaks. Und deswegen ladet ihr solche Leute immer gerne ein. Und eine verlässliche Quelle für solche Leute ist die AfD.

Da regen sich alle so schön drüber auf, wenn die ihre Deutschlandfahnen auf ihre Armlehne legen. Wenn die sich aus ihren kruden Schiessbefehl-Formulierungen winden, nur um dann was ganz anderes zu erzählen. Jeder Demokrat erschrickt vor deren gefühlter, andauernder Hetze, die aber natürlich nie so gemeint war, wenn man mal nachhakt. Die AfD ist wie ein Politclown, der mit einem Maschinengewehr plötzlich in die Menge ballert und den Menschen, die sich erschrocken zu Boden geworfen haben, dann den Vogel zeigt und sagt: “Waren doch nur Platzpatronen!”. Das ist sexy für Fernsehmacher, auf eine ganz morbide Art und Weise.

Talkshowmacher, ich möchte euch gerne zurufen: Lasst das! Ladet die nicht mehr ein! Ihr müsst keine Sendungen machen, die “Warum ist die AfD so erfolgreich?” heissen, wenn deren Vertreter wöchentlich, täglich, stündlich eure Sender als Plattformen für ihre anti-gemeinschaftlichen Thesen nutzen dürfen. Denn ihr macht sie so groß, ihr macht sie so wichtig. Ihr gebt ihnen Unmengen an Raum, sich selbst zu inszenieren. Gerade eure Talkshows sind ein perfekter Hort für die, ihre Thesen schnell rauszuposaunen. Ist schon mal jemand aufgefallen, wie Frauke Petry in ihren Sätzen jedes vierte, fünfte Wort verschluckt oder zusammenzieht und verkürzt? Ich denke, weil sie so schnell wie möglich, so viele seltsame Inhalte ihrer Partei wie möglich unterbringen will - darauf ist sie perfekt konditioniert: Vor dem Widerspruch, der natürlich immer schnell kommt, wenn sie mit aufgeschlossen (ich möchte fast sagen: normal) denkenden Menschen diskutiert, noch ganz viel eigenes unterbringen, das ist die Devise. Und das klappt. Weil ihr ihr und ihresgleichen immer und immer wieder ein Podium bietet.

Bitte. Ladet keine AfD-Menschen mehr ein. Man muss nicht mit denen reden, denn ihre Dialogbereitschaft ist gleich Null. Die wollen nur Plattform. Und die muss man ihnen ja nicht geben. Sie werden nicht verschwinden, wir müssen mit denen klar kommen, aber wir müssen ihnen ja nicht den Rücken stärken. Bitte, auch wenn die Versuchung groß ist: Ladet die nicht mehr ein. Ihr könnt das. Ihr schafft das. Ihr habt ja auch schon 100.000 Diskussionen über Flüchtlinge produziert, ohne einen Flüchtling einzuladen. Dann schafft ihr das mit der AfD auch. Bitte. Für den Frieden im Land. Nehmt mal eure Verantwortung ernst.

Danke.



Hinnehmen müssen

Ich will hier nicht der Partypooper sein, aber ich befürchte, ich muss. Ich lese eure Texte, eure Sorge und ich freue mich darüber, dass ihr alle viel besser als ich artikulieren könnt, was mich sorgt, was mich umtreibt. Aber je mehr ich lese und je mehr ich auch von denen lese, wird mir etwas bewusst.

All unsere Aufrufe verhallen im Nichts. Wir preachen nur zum Choir. Wenn wir argumentativ versuchen, die AfD auseinander zu nehmen, so gelingt uns das relativ gut. Ein Blick in die regionalen Parteiprogramme reicht um zu erkennen, dass die Partei und ihre Mitglieder ein Gemischtwarenladen aus Fremdenfeindlichkeit, Nostalgie und Freiheitsphobie sind. So wenig überraschend das auch sein mag. Auch ihre Strategien in Lärmen und Aufmerksamkeit generieren und dann doch nicht alles so gemeint haben, aber immer mit der Zwinker-Hintertür - auch keine neuartige Vorgehensweise. Wenn man ihren Anhängern zuruft, dass die AfD auch nur Posten und Pensionen haben will - also das, was sie den “etablierten” vorwirft - zucken die nur mit den Schultern und sagen: “Na und, wollen doch alle!”. Also nicht nur die Partei, sondern auch ihre Anhänger machen sich die Welt, wie sie ihnen gerade in den Kram passt. Alle Unlogik und Unwägbarkeit zum Trotz. Wenn in einer Zeitung etwas kritisches über andere Parteien steht, kann man sie gerne teilen. Wenn in einer Zeitung etwas kritisches über die AfD steht, ist sie die Lügenpresse und wird sofort deabonniert. Und dass es sich dabei um ein und dieselbe Zeitung handeln kann, ist dabei für die Anhänger kein Widerspruch.

Man denkt sich in einen Wahn, in ein Wir-gegen-Alle-Gefühl. Im Grunde genommen ist die AfD die “Die Böhsen Onkelz” der Politik. Alle ächten uns, alle hassen uns - das macht uns nur noch stärker. Wir charten, wir machen Konzerte für Hunderttausende von Menschen - aber niemand erkennt das an. Ähnlich wie Wahlerfolge und große Demos - aber alle machen sich noch über uns lustig. Ein “Jetzt erst Recht”, das aus einem “Wir” entsteht. Und der Hauptantrieb ist Wut.

Wut ist von allen Gefühlsregungen so ziemlich die irrationalste. Fakten werden lästig, Widerworte werden persönliche Angriffe. Wer wütend ist, ist nicht mehr erreichbar. Und das weiss die AfD und nährt deswegen nur noch diese Wut. Damit hält sie die Anhänger im Würgegriff. Damit hat sie Erfolg. Wenn die Onkelz morgen eine Platte machen, auf der sie die Schönheit der Liebe besingen und wie sehr sie Einhörner und Zuckerwatte lieben - die Verkäufe wären wohl überschaubar und die Reaktionen der Fans vorhersehbar. Wut ist der Kitt, der all diese Menschen zusammenhält. Wut lässt sich leicht abschöpfen, gerade bei denen, die sich übervorteilt fühlen. Wer die Wut kontrolliert, kontrolliert die Wütenden.

Deswegen werden all eure Argumente, all eure “Jetzt aber mal wirklich!”-Anreden, all eure richtigen und wichtigen Einwände im Nichts verhallen. Diese Leute sind wütend und werden wütend gehalten - mindestens bis zur Bundestagswahl - und sind deswegen für nichts rationales empfänglich. Sie wollen Merkel jetzt endlich diesen Denkzettel verpassen, weil sie als Kanzlerin für ihr persönliches Leid verantwortlich ist. Darum geht es. Um mehr nicht. Und wenn die AfD jetzt behaupten würde, die Renten kürzen zu müssen oder beige Jacken zu verbieten, was wohl einen Großteil ihrer Anhänger empfindlich treffen würde, es wäre egal. Sie hat sich positioniert als Wutventil gegen die Regierung und wir können nichts, gar nichts dagegen tun (ausser andere, normale Parteien als noch größeres Ventil zu positionieren, aber so tief Rechts will niemand fallen…).

Es ist ein hilfloses Gefühl, ich weiß. Und bis es so weit ist, werden noch viele Texte gegen sie verfasst, vielleicht viele Torten auf sie geworfen und viele Menschen werden sich gegen die Partei und ihr krudes Weltbild stellen. Und das mit Recht. Aber sie wird weiterhin Wahlsiege einfahren.

Und dann vom politischen Alltag zerrieben.

Nachwort: Mir ist bewusst, dass mein vorletzter Text fast das gleiche Thema und die gleiche Theorie artikulierte, aber manchmal will man dieselben Sachen nochmal anders formulieren.



Angst

Man stelle sich folgendes Bild vor, meinetwegen als gezeichnete Karikatur (meine Zeichen-Skills sind zu schlecht, deswegen muss ich das beschreiben): Eine Menschenmenge. Mit Zöpfen und Lederhosen. Sie stehen um einen Mann in zerfetzten Klamotten herum. Sie brüllen ihn an. “DAS LAND IST VOLL!” und “JAJA, EUCH LÄSST MAN KLAUEN!” und “IHR MOSLEMS HASST DOCH ALLE UNGLÄUBIGEN!” und “ENTSCHULDIGE DICH MAL FÜR DIE TERRORISTEN, DU LIEST DOCH AUCH DEN KORAN!” und “EUCH SCHIEBT MAN HINTEN UND VORNE ALLES REIN - ICH WILL AUCH WAS UMSONST!” und “NA WARTE! WENN HIER EINE BOMBE HOCHGEHT - UND DAS KANN NICHT MEHR LANGE DAUERN - DANN WISSEN WIR DASS IHR DAS WART!”
Und ganz hinten, in der letzten Reihe, stehen ein paar Typen mit Deutschlandfähnchen und werfen Granaten und Molotov Cocktails in die andere Richtung und kichern.

Die Hysterie hierzulande ist ausser Kontrolle geraten. Mit Argusaugen werden alle Menschen beobachtet, die nicht deutsch aussehen. Wenn sie im Baumarkt einen Großeinkauf machen, geht man davon aus, dass sie das Schlimmste im Schilde führen. Bevor irgendeine Erkenntnis gewonnen wurde, übertreffen sich die Sensationsmedien schon mit Horrorvisions-Schlagzeilen a la “Rosenmontagszug abgesagt?”, auch wenn die Polizei alles relativiert (sogar im selben Artikel…). Aber einmal Schlagzeile, schon in den Köpfen. Den Geist kriegt man nie mehr zurück in die Flasche. Und schon hat man wieder einen Strich mehr auf der “böser Ausländer”-Liste.

Zynisch gesagt: Manche Menschen, vor allem von rechts, wünschen sich so sehr einen Anschlag von Islamisten hierzulande, damit sie behaupten können, Recht gehabt zu haben, dass sie vor allem anderen die Augen zumachen. Denn der Terrorismus ist schon längst da.

Aber er kommt von Deutschen.

Eine Granate auf ein Haus zu werfen oder ein Haus anzuzünden, in dem man Menschen vermutet, die man vertreiben und/oder umbringen will - das ist Terror, das ist Terrorismus, das ist gelebter Rassismus, das ist Faschismus, das ist es, was die Geschichtsbücher uns versucht haben beizubringen, was nie mehr passieren darf. Passiert im Moment täglich. In diesem Land. Nichts, wovor ich mich mehr fürchte, als ein wiedererstarken einer Bewegung und einer Idee, die vor allem alles vernichten will, was anders ist als sie.

Und der Nährboden dafür? Ist täglich zu sehen. Pegida, AfD, CSU-Köpfe, die führende Rechtsnationale aus Europa offiziell zu sich einladen und immer wieder Facebook: In jeder Gruppe, auf jeder Wall, immer wieder tauchen sie auf. Die Angstpostings. Die Panikmachen. Das Reinfallen auf die Lautsprecher. Der Neid von denen, die nix haben, auf die, die noch weniger haben. So entsteht Angst. So entsteht Wut. So entsteht Feigheit.

So entsteht Terror. Hausgemacht.