Die große Show der Unterhaltung

Ich liebe Fernsehen.

Hört man heutzutage auch nicht mehr oft. “Fernsehen ist tot”, rufen sie. “Die Zukunft heisst YouTube”, sagen sie. “Die Menschen wollen gucken, wann sie wollen”, heißt es. Ich wundere mich etwas über so viel Fundamentalismus, habe selten verstanden, warum man vor entweder-oder Entscheidungen gestellt wird, gerade in Bezug auf Medien. Haben doch die letzten Jahrzehnte bewiesen, dass nicht das eine das andere zwangsläufig verdrängen muss. Absgesehen davon: Erstaunlich viele YouTube-Stars können es erstaunlich wenig aushalten, nicht so schnell wie möglich im Fernsehen oder Kino aufzutauchen. Der “Webvideopreis” hat sich neulich voller Stolz mit einer ausführlichen Pressemeldung damit gebrüstet, auch endlich im (sogar öffentlich-rechtlichen) Fernsehen ausgestrahlt zu werden. Klar, das funktioniert auch alles andersrum: Böhmermann und Joko und Klaas strahlen mindestens genauso sehr ins Netz, wie auf dem Sender, wenn nicht sogar noch ein bisschen mehr. Und holen so ihre Zuschauer zum TV. “Wechselwirkung” ist hier wohl das Zauberwort, nicht “Nein, du darfst nur eins!”. Wer jemals Germanys Next Top Model oder Tatort oder Dschungelcamp mit geöffnetem Twitteraccount geguckt hat, weiß um die Bereicherung dank des sogenannten “Second Screen”.

Ich seh hier also eine Menge Potential für Gemeinsamkeit, statt dem Kampf sich zu ersetzen. Eigentlich.

Der Standpunkt der sogenannten Netzgemeinde ist in tausenden Beiträgen ausführlich dokumentiert: Beeindruckende Serienproduktionen von zum Beispiel Netflix oder Amazon Prime scheinen die These des Netzes als neuer Inhaltegenerator zu stützen. Dem lässt sich schön einfach das Fernsehen als großer, träger Apparat gegenüberstellen, der Innovationen verhindert, wo es nur geht. So weit, so einseitig. Dass die Produktion fiktiver Inhalte aufwendig ist und eine ganze Menge verlangt, geschenkt. Dass kaum eine Serie, die irgendein Streaming-Anbieter produziert, ohne zweit- und drittverwertung auf DVD und im FERNSEHEN auskommt, wird dann gern mal ignoriert oder “vergessen”. Aber darum soll es gar nicht gehen.

Mich interessiert vor allem mein “Fachgebiet”: Die Show.

Da ist das Netz ja im Grunde genommen keine Gefahr. Moderierte Shows eignen sich einfach kaum als Onlineinhalte. Man konsumiert sie am liebsten zu mehreren, man sieht sie gern auf einem grösseren Bildschirm (Fernseher), sie sind klassische Couch-Formate. Nun wird auch im Internet und auf Youtube moderiert und das ist ja auch alles gut und richtig und schliesslich mache ich das selber auch. YouTube ist eine Plattform für moderierte Inhalte, aber die Form funktioniert anders. Die Zielgruppe ist zu bestimmt 80% einfach jung. Die Dauer der Formate ist meistens kurz. Und der Produktionsaufwand im Gegensatz zu Fernsehshows dann doch meistens deutlich geringer.

Was machen aber Fernsehshows, was machen Fernsehsender?

Der öffentliche Untergang von Wetten dass…? hat viele geschockt. Vielleicht gar nicht so sehr, weil ein legendäres Format sich selbst überlebt hat, sondern weil der Verfall vor aller Augen durchexerziert wurde. Es gab keine Sekunde, in der Markus Lanz zu beneiden war. Die Kritik war zu großen Teilen unfassbar übertrieben (Man erinnere sich an Tom Hanks, der sich ein bisschen ironisch-belustigt über die Sendung ausgelassen hat, nachdem er dort zu Gast war und gleich von allen deutschen Medien deswegen lustvoll selbstzerfleischend als Kronzeuge aufgerufen wurde, wie unfassbar lächerlich das Ausland angeblich “Wetten dass” fände…) und die Show hat er nie in den Griff bekommen. Alleine den Mut, dieses Monstrum von Show zu übernehmen, muss man ihm hoch auf die Eiergröße anrechnen. Aber das Ende kam dann trotzdem nicht überraschend und die letzte Ausgabe war tatsächlich von Anfang bis Ende so verfahren und daneben, dass man ganz froh war, als es zu Ende war.

Nun ist das Ende von Deutschlands letzter, legendärer Samstag-Abend-Show oft genug als Symbol für das Ende dieser Art von Fernsehen umgedeutet worden. Aber wie konnte es so weit kommen? Ist das Internet schuld? Weil die Kids heute lieber Dagi und Bibi gucken, als alte Männer, die alberne Spiele moderieren?

Ja und nein. Ja, weil ich es an meiner Tochter beobachte. Hatte sie zu Gottschalk-Zeiten noch Spaß daran, mit Papa auf der Couch zu sitzen und atemberaubende Wetten zu gucken, liess das mit Lanz deutlich nach. Auch wenn ich sie noch jedes Mal gefragt habe. Aber ich musste dann immer alleine gucken. Ich weiß, da kamen eine Menge Faktoren zusammen: Als ich in die Pubertät kam, haben mich Familienshows auch nicht mehr so richtig gekickt, eher die Sendungen, die meine Eltern für doof hielten, die aber am darauffolgenden Montag Schulhofgespräch Nummer Eins waren. “Alles Nichts Oder” dürfte da eine Pionierrolle einnehmen. Sei es, wie es ist: Den Sendungen laufen die Zuschauer demnach nicht weg, oder besser: Nicht mehr als früher auch. Die gehen nur woanders hin. Aber, frei nach Loriot, wo laufen sie denn? Hin?

Und da fallen einem ad hoc erstmal zwei Formate ein, beide auch noch beim selben Sender: “Schlag den Raab” und “Joko und Klaas - Duell um die Welt”. Warum wird denn lieber das (von jungen Menschen vor allem) geguckt, als das neue Superquiz mit Johannes B. Kerner? Warum schalten nicht so viele Frank Plasbergs Quiz des Körpers, der Wissenschaft, der Tiere, der Nadelbäume, der Gesteinsarten, der Briefmarken ein, wie die Pro Sieben Formate? Beim Plasberg, da sitzen doch immer die richtigen (gleichen) Stars! Die Ferres! Der Liefers! Der Rohde! Die Rakers! Der Pocher! Alles absolute A-Liga. Das wollen die Leute doch! Bei Raab und den anderen beiden sind nie Promis! Das geht doch nicht!

Ironie off. Natürlich brauchen Raab und Joko und Klaas keine Stars, denn sie sind selbst die Stars ihrer Shows. Ihre Konzepte drehen sich nur um sie selber und sind dabei doch so unterhaltend und frisch, dass bei ARD und ZDF vermutlich regelmässig Taschentücher gezückt werden. Wer sollte eine Sendung, die so viel Aktivität und Kampfgeist von ihren Protagonisten verlangt (und vom Zuschauer, bis zum Ende dranzubleiben) denn in der ARD moderieren? Man müsste einen neuen Moderator suchen, aber da hat dort niemals jemand Bock drauf, also ist es wieder Pilawa. Der leidenschaftsloseste Moderator im deutschen Fernsehen. “Schlag den Pilawa”: Die Show wäre nach einer halben Stunde vorbei und der Kandidat hätte jedes Mal gewonnen. 5000 Euro und eine Tasse mit dem Logo der Show. Oder Kerner würde zusammen mit Klaus Kleber das “Duell um die Welt” im ZDF machen: Johannes Baptiste müsste sich trauen, von einem Klettergerüst zu springen, während es Klebers Aufgabe wäre, einen Böller in einen Briefkasten zu werfen. Aber begleitet von Warnhinweisen, dass doch bitte nicht nachzumachen.

Klar, falsches Personal in falsche Shows zu stecken ist ein einfaches Spiel. Ich mag ja sogar die Art von Plasberg oder Kerner. Aber worauf ich hinaus will, ist etwas anderes: Das “Geheimnis” für den Erfolg der Kollegen ist nicht das sie lauter, krasser, schlimmer oder wilder als alle Anderen sind. Das wird immer so behauptet und mag oberflächlich gesehen auch so sein. Aber es gibt einen anderen, meines Erachtens nach triftigeren Grund. Spielen wir als Beispiel ein wenig 80er Jahre Samstagabend-Show-Bingo. Ich sage den Titel einer Samstagabend-Show und der geneigte Leser möge an sich selbst beobachten, was er damit assoziiert:

“Auf los gehts los”

“Die verflixte Sieben”

“Wetten dass…?!?”

“Einer wird gewinnen”

“Vier gegen Willi”

“Flitterabend”

“Geld oder Liebe”

Na? Fällt was auf? Die ersten Dinge, die mir da in den Kopf kamen, waren:
Blacky Fuchsberger, Rudi Carell, Thomas Gottschalk, Kulenkampff, Mike Krüger und sein Hamster, Michael Schanze, Jürgen von der Lippe. Man hat die Shows nicht nur der Show wegen geguckt. Jede Show hatte ihren Moderator. Hatte ihre Seele. Hatte ihren Menschen, der die Sendung verkörperte, lebte, erfüllte. Ein Mensch, ein Format. Und die Moderatoren stiegen und fielen gemeinsam mit ihren Sendungen. Die Samstagabendshow hatte Persönlichkeit.

Wieviele verschiedene Shows moderiert Plasberg? Pilawa? Kerner? Keine Ahnung, aber so viele wie möglich. Sendungen ohne Gesicht, ohne persönliche Note. Sendungen, die jeder andere Moderator jederzeit exakt genauso moderieren kann. Bloss kein Risiko mehr eingehen. Alles schön glatt unter dem Radar laufen lassen. Hat irgendwer den “großen Spiele-Abend” im ZDF gesehen? Eine Show, in der einfach die ganze Zeit nur räumlich-riesige Versionen bekannter Brettspiele gespielt wurden? Mit Ferres, Ceylan und co als Kandidaten? Moderiert von Kerner mit Til Schweigers Tochter Emma als Assistentin? Ich hab mir das angesehen und konnte wirklich nur noch fragen, wen das ZDF mit dieser lieblosen Scheisse von Show eigentlich verarschen möchte.

“Aber die Quote war gut!”

Deine Mudder war auch gut! Die Sendung war die endgültige Kapitulation vor allem, was Fernsehen mal ausgemacht hat. Originalität? Bitte nicht. Dynamik? Wir möchten niemand überfordern. Charme? Braucht man beim Einwohnermeldeamt auch nicht. Spannung? Ach komm, bitte, es wird nicht besser. Witz? Ey, der eine Moment, in dem Bülent Ceylan seine Haare aufgemacht hat und Veronika Ferres so lustig geguckt hat, dass war echt witzig!

Die Privaten müssen sich jetzt übrigens nicht die Hände reiben, denn auch da: Joko und Klaas und Raab dürfen nur deswegen machen, was sie wollen, weil sie sich dieses Recht erspielt haben, aber wo sind andere Moderatoren bei Pro Sieben? Gibts nicht? Braucht man ja erst wieder, wenn man die durchgenudelt hat? Produziert auch noch jemand anders Spielshows bei RTL ausser Jauch? Nein? Dieter Bohlen forever, weil der ja noch so lustig ist? Kann der Hartwich (so gut ich den eigentlich finde) neben Dschungel, Lets Dance und Supertalent nicht auch gleich RTL Aktuell mitmoderieren?

Wenn Jürgen von der Lippe damals bei “Geld oder Liebe” Bands angekündigt hat, dann hat der gebrannt und voller Leidenschaft die Acts teilweise bis zu zehn Minuten lang angesagt und gelobt, herausgearbeitet, was diesen Künstler jetzt so besonders macht. Und am Montag danach wurden in den Plattenläden die Fächer jener Künstler leer gekauft, weil vermutlich wenig so mitreissen kann, wie echte Leidenschaft (etwas, dass ich mit “Endlich gute Musik” als Buchform versucht habe). Wofür brennt Kerner? Was liebt er, was vermittelt er mir? Haben die Supermärkte nach der großen Spielenacht Bonaqua und Gutfriedwurst Engpässe? Ich glaube nicht. Haben die Kaufhausabteilungen und Toys R Usse dieses Landes leere Brettspielregale? Ich fürchte nein. Wer sollte die nach dieser, aus allen Poren Langeweile ausstrahlende, Show noch spielen wollen, ausser die Ferres und sadistische Wärter in Guantanamo, während sie die Insassen zwingen zuzugucken (Was übrigens EINDEUTIG gegen die Genfer Konventionen verstösst…)?

Die (vor allem öffentlich-rechtliche, aber bisweilen auch private) Samstagabendshow ist nicht tot, weil die keiner mehr sehen will. Sondern weil die keiner mehr richtig machen will.

“Ja, meckern, dass können die Deutschen gut. Immer rumkritisieren. Denk dir doch was besseres aus! Du bist doch nur neidisch, weil du nix mehr im Fernsehen machst!”

Ernsthaft? Ich will eine Show, die einem Moderator “gehört”, die sein Spielplatz ist, sein Terrain, seine Sandbox. Die er zu seinem Zirkus macht und in der nach seinen Regeln gespielt wird. Ich will Moderatoren, auf die ich mich freue, sie einmal im Monat zu sehen. Ich will auch mal andere Kandidaten in den Sendungen, die trotzdem berühmt und lustig sind. Ich will, dass diese Sendungen ganz viele Sachen miteinander verknüpfen. Ich will nicht nur ein schnödes Hashtag pro Show, ich will dass sich Redaktionen ausdenken, wie sie Online Communitys einbinden können. Ich will die große Annette Frier Show einmal im Monat, in der sie mit ihren Gästen singt, Sketche vor Publikum spielt und mit Kandidaten absurde Spiele spielt. Ich will Böhmermann mit dem Neomagazin jeden Abend der Woche nach Lanz und nicht nur einmal hinter Aspekte, wo die meisten schon eingeschlafen sind. Ich will eine lustige Spielshow mit Ina Müller. Ich will ein absurdes Quiz mit Amiaz (kennt man eventuell durch die Vox-Show “Wer weiß es - wer weiß es nicht?”). Ich will Showtreppen. Fernsehballett. Big Bands. Das muss alles nicht altbacken sein, das kann man alles auch modern machen. Und mittendrin Caro Korneli. Und Jan Köppen. Ich will, dass neben Schauspielern YouTuber auf den Couchen sitzen, denn Stars sind Stars. Die Arroganz, Stars der Jugend nicht anzuerkennen, darf man sich gerne schnell wieder abgewöhnen, wenn man auch Zuschauer unter 50 haben will. Ich will, verdammt nochmal, wieder Begeisterung auf dem Bildschirm sehen. Ich will Nova Meierhenrich eine Charity Gala moderieren sehen. Ich will das Jeannine Michaelsen “Verstehen sie Spaß” übernimmt und die dringend notwendige Redaktion selber mitbringt. Auf das sie, vor allem im Live-Teil, auch Menschen unter 100 anzusprechen versuchen. Ich will auch eine wirklich lustige Show für Luke Mockridge. Ich verlange ein aktuelles Quiz für Micky Beisenherz. Und Kai Pflaume will ich auch behalten, aber seine Show soll verdammt nochmal wieder “Dalli Dalli” heissen, weil es “Dalli Dalli” ist. Ich will selber eine Show mit Musik machen, ich will auch eine tägliche Late Night Show haben, weil ich die Menschen liebe und ich will die Beatsteaks als Studioband. Ich will Gäste und Musikacts wie Frederik Lau, Michael Gwisdek, Kurt Krömer, Bilderbuch, Haftbefehl, LeFloid, Gronkh, Uwe Wöllner, Olli Schulz, Joy Denalane, Prag, meine beste Freundin Chiara Schoras, Anke Engelke, Dagi Bee, Bibi und wie sie alle heissen, in deutschen Shows, statt Ferres, Fischer und Konsorten. Die haben jetzt Fernsehpause. Ich will eine ehrliche Show, das muss kein Widerspruch in sich sein. Ich will, dass das Fernsehen wieder den Menschen Platz macht, die Bock drauf haben. Die ihren Job lieben und nicht an ihm kleben. Ich will ein Fernsehen, dass keine Angst hat vor irgendetwas Neuem, sondern die Arme öffnet, auch auf die Gefahr hin, dass ein oder andere Mal dabei auf die Fresse zu fallen (Remember “Nase vorn”?). Aber die Momente, in denen es sich auszahlt, gleichen alles wieder aus. Ich will eine Show, nach der ich gut gelaunt mit Freunden ausgehe. Oder fröhlich ins Bett. Ich will wieder Fernsehmomente, die man bereut verpasst zu haben, als sie live waren. Ich will wieder Fernsehen, über das man spricht. Ich glaube nicht, dass das tot ist. Ich glaube nur, dass das (ausser im Moment vielleicht Böhmermanns Redaktion) niemand mehr machen will.

Ich brenne für dieses Medium. Und ich gebe nicht eher Ruhe, ehe ich ihm nicht ein bisschen Seele, ein bisschen Feuer, ein bisschen Leidenschaft zurückgegeben habe. Gegen die Marktforscher und Innovationsverhinderer dieser Welt und für die Unterhaltung. Denn Fernsehen kann viel mehr, als Sicherheitsdenker daraus machen. Frei nach Biohazard:

Fernsehen’s for you and me - not the fuckin industry.



Die Donots sind back…äh…zurück!

Die Menschen entwickeln die aussergewöhnlichsten Spleens, wenn sie seit 20 Jahren zusammen sind. Manche entdecken plötzlich wagemutige Hobbys wie Fallschirmspringen oder Golf, andere entwickeln obszessive Leidenschaften für solche Dinge wie Nahrung und beschäftigen sich plötzlich mit Molekularküche, wiederum andere suchen sich eine junge Geliebte. Und dann gibt es diejenigen, die plötzlich deutsch sprechen.

Die Donots, seit über 20 Jahren im Geschäft - was man ihnen, unverschämterweise, nicht ansieht - haben beschlossen, mal was anderes auszuprobieren und ihr neues Album “Karacho” mit ausschliesslich deutschen Texten bestückt. Nun kommen die ja aus Ibbenbüren, einer kleinen westfälischen Bergbaustadt im Norden NRWs, mit Stadtteilen, die auf Namen wie “Püsselbüren”, “Dickenberg” oder “Uffeln” hören und einem Flüsschen, bei dessen Benennung die Entdecker nicht weit im Alphabet gekommen sind, weswegen sie es “Aa” nannten. Kein Scheiss.

In so einem Spannungsfeld zwischen Kohle, Schiefer, Fachwerk und dem jährlichen Kartoffelfest “Tolle Knolle” erwartet man sicher einiges. Ruhe, Gelassenheit, Sicherheit, Geborgenheit würde mir da als Erstes einfallen. Ich bin ja in Wesseling aufgewachsen, einer Kleinstadt zwischen Köln und Bonn, ich kenne das Leben in westdeutschen Kleinstädten also gut. Aber von solchen Orten aus den Punkrock erobern, eine zwei Dekaden währende, stetig wachsende Karriere hinlegen und sich dann nochmal neu erfinden? Das ist mehr als bemerkenswert. Das sind die Donots.

Vielleicht liegt das alles auch in ihrem Naturell, denn, ganz im Ernst, es gibt auf dem ganzen Planeten keine freundlichere Band als diese, geht gar nicht. Die Männer sind total offen, uneitel, sich für nix zu schade und gehen trotzdem ihren Weg. Wenn es so etwas wie Karma gibt, dann wird ihr Erfolg niemals versiegen und sie immer erfolgreicher und glücklicher. Es ist wirklich so, dass man sich wünscht, die würden alle bei einem einziehen, einfach weil es so unheimlich angenehm ist, wenn die um einen herum sind (oder man selbst in ihrer Nähe sein kann). Doch genug der Liebeserklärung. Wichtig ist, was kann das neue Album “Karacho” (Amazon-Partner-Link) und wie gut tut der Sprachenwechsel?

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Wir machen es einfach so: ich zähle erstmal das Negative auf und danach konzentrieren wir uns nur noch auf das Positive am Album. Dann haben wir nämlich die Kritikpunkte aus den Füßen und brauchen uns über den Rest nur noch freuen.

Erster Kritikpunkt: “Junger Mann zum Mitleiden gesucht”. Das Wortspiel ist eigentlich ganz okay, aber der Song als Ganzes, also ich weiß ja nicht. Das Lied klingt wie “I will survive”, da ist so eine Dramagitarre, die durch das Riff zieht, die find ich schwierig. Und textlich will da bei mir leider auch kein Funke überspringen. Ich hab so ein bisschen das Gefühl, die Titelzeile war zuerst da und die gefiel und dann wurde versucht, da einen Text drumrum zu spinnen, der halbwegs passt und Sinn macht. Let’s call it a filler.

Zweiter Kritikpunkt: “Immer noch”. Dudes, seriously? Ein Countrysong? Nach Texas Lightning und dieser Countrysängerin mit der kehligen Stimme und diesem Hit, in dem sie alles so schnell sang? Nachdem sich sogar Taylor Swift nach Jahren vom Country abgewendet hat? The Boss Hoss? Und es ist ja nicht so, als wäre alles schlecht daran. Ich mag dann und wann nochmal einen guten, alten Dolly Parton Song und “Eastbound & Down” ist, trotz akustischer Überstrapazierung als “Circus Halligalli” Titelsong, immer noch ein Knallerlied (Jerry Reed hat eh ein paar ganz gute Nummern gemacht…). Aber das Genre ist auserzählt, da muss nix Neues kommen. Das tut mir ein bisschen weh. Vielleicht ist es auch nur deutscher Country, der mich schmerzt, das weiß ich nicht. Aber ich sehe vor meinem geistigen Auge sofort die “Ibbenbürer Westerngemeinde”, wie sie zu dem Lied von “ihren” Jungs squaredanced und das freut mich sehr für die, aber ich muss das nicht hören.

Nun hab ich mir die Platte auf Vinyl gekauft, schönes Artwork, dickes Doppelvinyl. Der eine Song ist auf der ersten, der andere auf der zweiten Schallplatte und diese Besonderheit ist Glück, denn jede Platte auf der Welt hat ihren Aussetzer. Hier ist es eben einer pro Vinyl. Dadurch absolut verkraftbar und problemlos auszuhalten, denn: Der Rest des gesamten Albums ist großartig.

Der Sprachenwechsel hat super funktioniert, vielleicht war das sogar genau die richtige Idee, vor allem nach dieser langen Zeit. Die Texte, die Ingo schreibt, sind auf eine gute Art bildlich. Das jahrelange schreiben auf Englisch hat dafür gesorgt, dass er irgendwie anders mit Worten in Texten umgeht, als deutsche Songwriter. Seine Worte sollen klingen, sollen einen gewissen Sound haben. Die Aussage ist nicht egal, aber seine Worte sind eben nicht nur Inhaltscontainer, sondern auch Rhythmus, Metronom, Geräusch. Das wirkt manchmal ungewöhnlich, aber das funktioniert super. Schon im Opener “Ich mach nicht mehr mit”, direkt ein Hitfavorit auf der Platte, gibt es die Zeile “Komm lebt doch mein Leben ohne mich”, über die man direkt stolpert. Aber der Song treibt weiter und kommt irgendwann zu der trotzigen Kind vor der Supermarktkasse-Zeile: “Die will ich hier nicht, will ich nicht, nicht nicht nicht nicht!”. Das funktioniert super, Worte wie Maschinengewehr-Salven. Jedes “nicht” ein Treffer. Danach folgt sofort der (erste?) Anti-Pegida-Song “Dann ohne mich”, mit so schönen Textzeilen wie “Der Dumme hängt die Flagge stets am höchsten” oder “Der kleine Mann, die große Meinung - die Dummheit feiert ihr Comeback.”. Herrlich. Man will immer nur “Ja, Mann! Amen, Bruder!” rufen. Mein Lieblingslied auf “Karacho” heißt “Kopf bleibt oben” und lässt sich schön mit folgender Textzeile zusammenfassen:

“Denn: Lieber falsches Pferd als hohes Ross - die Welt sagt Nein, das Herz sagt doppelt Doch!”

Es werden Bilder gezeichnet vom glücklichen Nachts betrunken durch die Straßen ziehen mit Herzensmenschen (”Hansaring, 2:10 Uhr”) oder es sich bequem zu machen, in der Nische des ewigen nicht-verstanden-werdens (”Problem, kein Problem”). Manchmal wird es mir etwas zu Hosig, wie bei “Du darfst niemals glücklich sein”, aber das kann man easy verknuspeln. Man spürt einfach, bei den ganzen Liedern, bei den Dingen die sie unbedingt erzählen wollen - die haben das Herz am rechten Fleck.

Musikalisch macht das ebenfalls große Freude. Moderner Punkrock, viele schöne “Oooooh”-Chöre, die ich uns schon alle im Publikum mitgröhlen sehe und höre. Tolle Riffs, bisschen englisch, weiß auch nicht, warum ich das so empfinde. Mich erinnert das einfach an so modernen, britischen Punkrock. Geil ist zum Beispiel auch “Kaputt”, das nach NDW klingt. Könnte fast ein Ideal-Song sein. Oder das schon erwähnte “Problem, kein Problem”, übrigens das Einzige nicht von Ingo, sondern von Gitarrist Guido, gesungene Stück auf dem Album, welches schon fast ein Reggae-Gefühl vermittelt, sehr leicht, fluffig, poppig. Passt trotzdem zum Rest. Sehr.

Was soll ich sagen: Das zehnte Studioalbum der Donots ist eine Überraschung und auch keine. Der Sprachwechsel funktioniert Eins A. Die Platte macht Spaß und bietet einige Hymnen für diesen Sommer. Meine wird “Kopf bleibt oben” sein. Und was daran keine Überraschung ist?

Vielleicht können schlechte Menschen gute Platten machen. Bestimmt sogar. Aber gute niemals eine schlechte. It’s Karma, Baby.



3 Shades of beruhigt euch mal

Ich habe als Kind wahnsinnig gerne die Tom Sawyer und Huckleberry Finn Fernsehserie geguckt. Die war spannend und schön, aufregend und angenehm und die Titelmusik war so schön. Eines schönen Sommertages (das lief ja im Kinderferienprogramm), hat meine Mutter es nicht geschafft, mich zum spielen rauszuschicken und ich sass wieder vor der Glotze. Die Folge war spannend. Die Helden wurden eingeschlossen und mussten sich irgendwie retten. Einer von beiden, ich glaube Tom, hat unter der Tür seines Gefängnisses eine Zeitung geschoben, mit einem Stock im Schloss rumgestochert, den Schlüssel somit auf die Zeitung fallen lassen, die Zeitung mit dem Schlüssel wieder zu sich in den Raum gezogen und ZACK, konnte er sich befreien. Etwas cooleres hatte ich bis dato noch nicht gesehen.

Als die Sendung zu Ende war, ging ich in das Zimmer meiner Schwester. Ich war allein zu Hause, meine Mutter war einkaufen oder so und der Rest der Familie ausgeflogen. Das Zimmer meiner Schwester hatte, im Gegensatz zu meinem, einen Schlüssel. War abschliessbar. Also perfekt, um das eben gesehene nachzuspielen. Ich hab mir noch einen Stock aus dem Garten mitgenommen und die Tageszeitung vom Küchentisch. Dann hab ich mich in dem Zimmer eingeschlossen. Auf dem Boden war Teppich verlegt, der ziemlich bündig mit der Tür abschloss. Da war nur ein kleiner Spalt. Ich drückte den Zimmerschlüssel mit aller Kraft mühsam durch diesen Spalt nach draussen. Dann friemelte ich die Zeitung unter der Tür durch. Als ich mich dann mit dem Stock am Schloss zu schaffen machte, dämmerte mir langsam, dass ich irgendwo einen Denkfehler gemacht hatte. Ach du Kacke. Ich hab mich eingeschlossen und den Schlüssel aus dem Zimmer unerreichbar verbannt.

Mein sechsjähriger Kopf wusste sofort was Sache war: Ich würde hier oben elendig verhungern. Sie würden nur noch mein Skelett finden und sich wundern, warum der Schlüssel vor der Tür lag und eine halb zerrissene und zerknüddelte Zeitung daneben. Ich nahm die letzten Kraftreserven meines bald vorbei gehenden Lebens in meinem selbst gewählten, schon seit zehn Minuten bestehenden, Exil zusammen und klopfte und rief und schrie so laut ich konnte. Meine Mutter war doch da und rettete mich. Ich beschloss, in Zukunft mehr Gedanken an mögliche Versuchsaufbauten zu verschwenden.

Nun, warum muss ich wieder an diese Episode denken? Deswegen: 50 Shades of Grey.

Der Hype um die gerade angelaufene Verfilmung ist endlos und ein schöner Marketing-Coup, aber die Kritik am Sujet und am Film ist, vermutlich auch ausgelöst durch den Marketing-Terror, oftmals so übers Ziel hinaus. Dazu super redundant und sich in ihrer vermeintlichen Originalität fühlend super unoriginell. Ich habe mittlerweile 37mal irgendwo gelesen, dass es wohl deswegen ein SM-Film sei, weil es so eine Qual ist, ihn ganz anzusehen. Höhöhö. Anderen ist er zu flach, zu wenig Fetisch, zu viel gesülze und der Klischeebegriff “Hausfrauenporn” taucht auch in schöner Regelmäßigkeit auf. Dazu die Meldung, dass weltweit Baumärkte ihr Sortiment an Kabelbindern aufstocken, weil ein Run darauf befürchtet wird, weil die sich wohl in dem Film damit fesseln. Ich kann mir schon genau vorstellen, wie süffisant jeder Mensch angeguckt wird, der heute im Baumarkt Kabelbinder kaufen muss. Zwinker zwinker, wa?

Und ebenfalls nicht fehlen dürfen die Mahner und Warner, was der Laie bei solchen Fesselungen ja alles falsch machen könne! Das Buch und der Film sei superkontraproduktiv, das habe doch nix mit echtem SM zu tun, schlimm sei das. Jetzt kichern wieder alle, wenn sie eine Peitsche sehen.

Okay, People, seriously, you have to calm down.

Ich gehe davon aus, dass das Leben die Menschen erfahrener macht. Wirklich. Eine Geschichte wie “50 Shades of Grey” ist ja eben nicht Kinderferienprogramm, sondern eher Erwachsenenferienprogramm. Und da sollten die meisten doch auch schon ihr Tom Sawyer Schlüsselmoment gehabt haben, um zu wissen: Nein, man kann nicht alles im wahren Leben eins zu eins so nachmachen, wie man es in einem Film gesehen hat. Klar, ein paar Pfeifen gibt es immer, aber die werden vermutlich auch nicht auf Warnungen in Interviews anspringen, die muss man einfach als verloren akzeptieren. Das sind die Gleichen, die auch schon vorher die Feuerwehr rufen mussten, weil sie die Handschellenschlüssel verloren oder aus Versehen verschluckt haben. Sexuelle Spielarten wie SM bringen das eben so mit sich, dass sie auch falsch gemacht werden können, aber ausser maximal in peinliche Erklärungsnot zu kommen und vielleicht eine taube Hand (ja, schon gut, es gab sicher auch zwei, drei schlimmere Fälle auf der Welt), wird da wohl nicht viel mehr passieren. Und dieses Risiko ist ja, nicht zu vergessen, auch ein Reiz dieses Spiels.

Fazit Eins: Lasst die Leute ausprobieren und ihre kleinen Fehler machen. Niemand wird sich sofort unter die Decke hängen.

Dann diese Interviews mit Szene-Menschen, die jetzt aufstöhnen, dass ihre Clubs und Nischen nun von Hausfrauen belästigt würden, die denken, sie müssten nur eine Beate Uhse Peitsche schwingen und das sei dann schon SM. Und was die alle für falsche Vorstellungen hätten. Rhabarber Rhabarber Rhabarber. Ansonsten, wenn gerade keine 50 Shades Saison ist, lese ich immer von Problemen der Akzeptanz. Ach, die Leute würden das immer so falsch verstehen, man müsse sich verstecken, könne das nicht ausleben. Dann kommt die Chance, die eigenen Präferenzen einer breiteren Akzeptanz zuzuführen, dann ist es auch wieder doof.

Wenn ich durch Beobachtungen und das lesen von Berichten irgendetwas gelernt habe, dann dass die unterschiedlichen Spielarten, die sich unter dem Label Sado-Maso versammeln, so vielfältig sind, wie beispielsweise unter dem Label “Sex zu zweit” oder “Kamasutra”. DEN SM gibt es nicht. Was in 50 Shades gemacht wird, ist eine Version, die quasi auch nur für diese zwei Charaktere ist. Das kann man nicht nachspielen. Das ist bei jedem Menschen anders. Man könnte halt einfach genau darauf hinweisen und sich freuen, dass das Thema nun im Mainstream ist und nicht mehr ganz hinter verschlossenen Schlafzimmer oder Folterkammer Türen. Aber nein: Die Angst, dass einem jemand das Spielzeug wegnimmt, überwiegt immer bei Hypes.

Fazit Zwei: Begrüsst die Neuankömmlinge. Die haben vielleicht ein bisschen Angst. Auch vor euch.

Und das noch: Ich mache ja jetzt seit mehreren Jahren Filmkritik. Da durfte ich mir auch schon einiges anhören, ganz oft dass ich absichtlich Doofes gut und Gutes doof finden würde, nur um eine “andere” Meinung zu haben. Das ist natürlich totaler Kokolores. Aber meine Idee von Kritik mag eine andere sein, als sie die meisten haben. Ich bin der Überzeugung, dass es keine objektive Kritik geben kann. Wie soll das gehen? Kritik muss sich immer an Massstäben abarbeiten, die sich jemand angeeignet hat und wenn es keine selbst gefundenen sind, dann solche, die von anderen formuliert wurden, also auch schon wieder subjektiv. Was soll das auch sein, “objektive Kritik”? Warum verlangen Menschen das? Das macht hinten und vorne keinen Sinn. Nun, warum weicht meine Meinung manchmal von der anderer Kritiker ab? Weil ich mich relativ früh für einen, meiner Meinung nach, recht konstruktiven Ansatz der Kritik entschieden habe: Ich versuche in jedem Film, selbst wenn er mich nicht interessiert, als allererstes herauszufinden, was mir gefallen hat. Was fand ich originell, was hab ich so vielleicht noch nie gesehen, was gibt es Besonderes von dem Film zu berichten? Durch diesen Ansatz lässt sich natürlich auch in der grottigsten Trashkomödie noch ein Moment finden, den man nicht ganz scheisse finden kann. Es sorgt aber interessanterweise auch dafür, dass man manch große Blockbuster nicht so prickelnd finden kann, weil einem genau dann auffällt, dass da wirklich gar nichts originelles mehr drin stattfindet, auch wenn es auf den ersten Moment so wirkt. Ich weiß wovon ich rede, denn ich hab damals den ersten Hobbit verrissen, so ziemlich aus diesen Gründen und mir eine Menge Fanboy-Ärger damit eingehandelt. Aber ich kann und konnte den Film nicht anders bewerten.

Bei “50 Shades of Grey” ist sich gefühlt die komplette Presse einig, dass es sich um seichte Scheisse handelt, die mal ein bisschen härter tut, aber doch eigentlich nur eine Schmonzette sei. So. Fucking. What. Was soll das denn sonst sein? Ein Film, in dem sich ein Paar zwei Stunden lang die Fresse poliert? Wer es bitterer, härter, vielleicht sogar konsequenter will, der kann sich ja nachwievor die “Geschichte der O” mit Udo Kier auf DVD holen. Toller, sexy Film, aber das kann ich doch von 50 gar nicht erwarten. Das ist ein Date Movie, ein Kuschelfilm. Kein bisschen mehr. Warum muss ich mich darüber so aufregen? Jeder will den anderen im sich lustig machen überbieten. Ich aber rufe der Filmkritik zu: Guckt doch mal, was vielleicht interessant war!

Fazit Drei: Alle Kritiker finden den Film scheisse. Wir haben es verstanden. Ist gut jetzt.

Wenn ich also jetzt den Schlüssel wegwerfe, dann weiß ich was ich mache. Meistens zumindest.



Der Tag, an dem der Spiegel mich verlor

Ich plane schon seit längerer Zeit einen Text über den Spiegel. Ich habe nämlich mittlerweile ein sehr seltsames Verhältnis zu dieser Zeitschrift.

Erstmal ist da viel Geborgenheit und eine Art Heimatgefühl. Mein Vater hat immer den Spiegel gelesen. Die Ausgaben türmten sich, an beliebigen Stellen aufgeschlagen, auf seinem Nachttisch. Sobald ich lesen konnte, vor allem längere Texte, durchblätterte ich die Ausgaben alle in der Hoffnung, mal einen Text zu finden, der mich als Kind interessieren könnte. Zum Beispiel über das Sesamstraßenjubiläum oder über Disneyland. Auch E.T. hat es damals, wenn ich mich recht entsinne, sogar auf den Titel geschafft.

Ich kam mir dann ganz erwachsen vor, wenn ich die Texte las und nicht verstand, weil es ja meistens um Sachverhalte ging, deren Erklärung nicht unbedingt kindgerecht erfolgte. Zumindest nicht im Spiegel. Wenn ich damit fertig war, suchte ich meistens die versteckte Maus auf der Kinderseite in der Brigitte meiner Mutter (die sie aber nicht lange las).

Der Spiegel ist also für mich Teil meiner Sozialisation. Und damit irgendwie ein Teil von mir. Die Marke Spiegel war für mich immer moralisch integer, politisch mit meiner Weltsicht weitesgehend kompatibel, ein Medium dem ich vertrauen konnte. Dafür mussten wir nicht immer einer Meinung sein, im Gegenteil. Ich hab mit dem Spiegel auch gelernt, Diskussionen zu verstehen und andere Meinungen auszuhalten. Auch als ich begann, mich für politische Zusammenhänge deutscher Nachkriegsgeschichte zu interessieren, konnte der Spiegel mich begeistern. Die Spiegel-Affäre hat so viel mit Rückgrat und Aufrichtigkeit zu tun, wer, ausser Familie Strauss vielleicht, könnte sich ihr und ihrer Strahlkraft (und damit auch Augsteins Charisma, das ja unmittelbar damit verwoben war) entziehen?

Und auch bei aller Kritik über Verflachung etc. ist selbst Spiegel Online noch Taktgeber und Meinungsführer und erste Informationsquelle, wenn es etwas seriöser als Boulevard sein soll. Also auch im Internet.

Aber irgendwann fing das alles an anders zu werden. Keine Ahnung warum. Vielleicht liegts an mir. Ich habe das Gefühl, zorniger zu werden. Das mag am Internet liegen, ich glaube dort sehe ich viel mehr Dinge, die mich empören, bekomme mehr mit. Das ist gut, weil ich informierter bin, weil viele Ungehörigkeiten nicht mehr einfach so deswegen passieren können, weil niemand hinguckt. Das ist aber auch schlecht, weil der nächste Aufreger immer nur einen Klick entfernt ist und ich mich wirklich dazu erziehen musste, nicht mehr auf alles anzuspringen, mir nicht mehr jeden Schuh anzuziehen und mich nicht mehr über alles so aufzuregen, dass es mir schlaflose Nächte bereitet. Das funktioniert auch weitesgehend. Es gibt Quellen, die klicke ich zum Beispiel gar nicht mehr an. Bei der deutschen Huffington Post weiß ich zum Beispiel vorher, dass dort schlecht recherchierte Texte von Laien stehen, die nur Klicks generieren wollen. Brauch ich nicht, informiert mich nicht, klick ich nicht. Ähnlich zum Beispiel bild.de. Da steht nichts, was ich wissen muss. Also klicke ich es nicht an. Ich würde mich nur ärgern und die mit Klicks dafür belohnen. Meine Verweigerung ist kein “Seh ich nicht, ist also nicht da!”, sondern die einzige Sanktion, die ich gegen falsche Information habe. Ein Werbeempfänger weniger. So weit, so gut. Fair game.

Nun ist es für mich weder besonders schwer noch entbehrungsreich auf die Bild oder ein schlecht ins deutsche übertragene Konzept zu verzichten. Aber wenn es eine Marke betrifft, zu der ich seit der Kindheit Vertrauen aufgebaut habe, sieht die Sache schon wieder anders aus.

Beim Spiegel lief es schlecht. Auflagenschwund. Die Leute lesen weniger gedrucktes. Was tun? Nun, von den unzähligen Möglichkeiten und Personalien, für die man sich hätte entscheiden können, entschied man sich für die seltsamste/unlogischste/unpassendste/unwahrscheinlichste/AugsteinammeistenimGrabrotierenlassendste: Man holte den stellvertretenden Chefredakteur der Bildzeitung. Was hat dieser Move bedeutet? Dass der Spiegel boulevardesker werden sollte? Krawalliger? Lauter? Unrecherchierter? Bunter?

Lustig aber: Meine Sorge um “meinen” Spiegel war so groß, dass ich, im Gegensatz zu vorher, wieder anfing das Heft regelmäßig zu kaufen, um nachzusehen, ob noch alles in Ordnung war. Tatsächlich schien sich der Einfluss Blomes in Grenzen zu halten. Ja, es wurde tatsächlich hier und da etwas lauter und krawalliger und unrecherchierter. Man erinnere sich an das unsägliche “Stoppt Putin”-Cover bei dem, ungeachtet dessen vielleicht richtiger Aussage, Unglücksopfer zu Ausrufezeichen umfunktioniert wurden, was im Boulevard noch üblich sein mag, aber für das Hamburger Magazin schon ein ziemlicher Haufen dampfender Kacke war. Es war mir etwas unverständlich, warum man seine Reputation für vielleicht ein paar Heftchen mehr am Kiosk, so aufs Spiel setzte, aber in der Verzweiflung probiert man ja vieles aus und ich tat es als Faux-pas ab.

Die letzten Wochen waren bestimmt von innerredaktionellen Streitereien beim Spiegel, in dem es um die Mitarbeiter und die Führungsspitze ging. Verhärtete Fronten, teils verständlich, teils nicht. Aber wenn man es pathetisch runterbrechen wollte, ging es um Kapital vs. Journalismus. Und die Journalisten haben sich durchgesetzt, auch wenn das vielleicht ihren finanziellen Untergang (oder besser: den ihrer journalistischen Heimat) bedeuten kann. Aber das fand und finde ich ja irgendwie gut. Das hat einen leichten Augstein-Duft, der da wieder über Hamburg zu wehen schien. Die letzten Titelgeschichten waren fast alle seichter Müll, aber in den Heften waren immer wieder tolle Texte und Interviews. Ich war irgendwie wieder down mit dem Spiegel. Hab meiner besten Freundin Texte rausgerissen, die sie lesen sollte. Und jetzt das.

Im aktuellen Heft, 7/15, befindet sich ein Text namens “Gut gegen Böse” von Matthias Bartsch und Jürgen Dahlkamp. Darin geht es um den Prozess gegen Sanel M. Den Jungen, der angeklagt ist, Tugce Albayrak totgeschlagen zu haben. Und um “neue” Erkenntnisse aus diesem Gerichtsprozess. Deswegen startet der Text, nach einer knackigen Einleitung, die nochmal die Aufstellung der Tatnacht beschreibt, auch mit einem Absatz, der mich sofort hat stocken lassen. Dort steht:

“Ein Gerichtsprozess ist allerdings keinem Idealbild verpflichtet, nur der Wahrheit. Er muss nicht den Wunsch der Öffentlichkeit bedienen, die Chancen und Probleme des Einwanderungslandes Deutschland auf zwei idealtypische Figuren herunterzubrechen, Gut gegen Böse. Er muss aufklären was wirklich passiert ist.”

Häh? Did i miss a fucking Meeting with the Wahrheit? Warum muss das so betont werden? Ich dachte wir wären uns weitesgehend einig, dass das so ziemlich die Definition von Rechtsstaat sei und deswegen eigentlich nicht so einer besonderen Erwähnung bedarf, wenn man über einen Prozess schreibt. Sonst könnte man auch schreiben: “Es kann nicht allen gefallen, was Anwälte sagen, aber sie handeln im Sinne ihrer Mandanten.” oder “Eine Autoreifenfabrik ist kein gemeinnütziger Verein, weswegen man auf ihrem Gelände in der Regel eher keine Greenpeacezentrale errichten kann.”. Überhaupt hat der ganze Absatz so etwas, was man sonst eher aus den letzten Folgen “Britt” kennt, wenn der Nackenschnitzeltragende Typ seiner Frau, die am Lügendetetktor hängt, sabbelnd zuruft: “Ey Schantall, jetzt SAG DEN WAHRHEIT!”. Aber schon bald wird klar, warum der Text so ein Intro bekommen hat.

Es geht weiter mit der Analyse der Ermittlungsakten und schnell beteuert man zwar, dass Tugce das Opfer und Sanel der Täter sei, aber. Laut dem, was die Spiegelautoren da lasen, haben sich “Tugces Mädchen-Clique und Sanels Jungen-Gruppe” nichts an “derben Beleidigungen” geschenkt. Da durchfährt den Hamburger Altbaubewohner-Journalisten ein leichter Schauer. Junge Mädchen, die beleidigt werden und dann zurück beleidigen? Das ist aber keine hanseatische Höflichkeit. Das ist ja ganz schön rau. Bislang war man wohl davon ausgegangen, dass Tugce kein normales, selbstbewusstes Mädchen war, sondern eine Nonne, die im Engelskostüm in den Mc Donalds geschwebt kam, Sanel streng ermahnte und dann schweigend wieder abzog, wie es sich, höhöhö, für eine Frau ja nunmal auch gehört.

Dann heißt es sogar, das sich im Prozess die “Akzente verschieben” könnten, von Zivilcourage zu Courage, weil sich Tugce nichts sagen liess von irgendwelchen dahergelaufenen Haiopeis. “Auch auf die Gefahr hin, dass die dann durchdrehen.” Das steht da. Im Spiegel.

Dann geht es noch um die Verkettung unglücklicher Umstände, die zu Tugces Tod geführt haben. Ja, es war schon ein großes Pech. Gut, angefangen hat alles damit, dass ein Typ sie einfach geschlagen hat, aber das war ja vielleicht auch einfach nur großes Pech, wenn man das so in seinem beheizten Hamburger Büro mit Blick auf die Speicherstadt, in der Ermittlungsakte liest. Was folgt ist die Beschreibung der Geschehnisse im Mc Donalds, basierend auf der Aussage der beiden Mädchen, die von Sanel und seinen Spacken belästigt wurden und zu deren Schutz Tugce eingriff. Die beiden Mädchen hätten ausgesagt, dass sie zwar genervt gewesen seien von den Belästigungen, aber große Angst hätten sie nicht gehabt. Nur ein Bisschen. Dann sei Tugce dazu gekommen und hätte den Jungs gesagt, sie sollen sich “verpissen” (das stand so als Zitat in dem Spiegel-Text). “Verpissen”, aggressiver geht es ja wohl nicht mehr. Dieser Begriff ist ja wohl eine Art Bankrotterklärung an die Zivilcourage, wenn es nach Bartsch und Dahlkamp geht. Ich übertreibe? Ich zitiere einfach mal den im Text folgenden Satz:

“Hatte sie recht? Ganz sicher. War das jetzt Zivilcourage? Sicher. Aber nötig?”

Ich denk mir das nicht aus, das steht da original so. Ja, mein Gott, ist ja nett das sie sich einmischt, aber das muss doch nicht sein. Die Mädchen waren doch sicher und die Junges wären bestimmt auch so wieder gegangen. Man muss sich doch nicht überall einmischen. Wenn eine Frau auf der Strasse geschlagen wird, dann ist das sicher schlimm. Aber sie kann ja was böses gesagt haben wie “verpissen” oder sich unnötig irgendwo eingemischt haben. Dann muss sie auch mit Gegenwind rechnen. Der Papst findet schlagen ja auch okay. Von da ist es nur noch ein kurzer Schritt zu denken, die Autoren könnten auch meinen, dass eine Frau im kurzen Rock ja selber Schuld sei, wenn Männer sie belästigen.

Sarkasmus beiseite. Der Text geht die Akte weiter durch, berechnet Alkoholwerte und ob die was mit der ganzen Sache zu tun haben könnten. Es wird zitiert, das Tugce angeblich “Halt die Klappe, du kleiner Hurensohn” zu Sanel gerufen haben sollte, als sie gerade ging, weswegen er nochmal zurück gekommen sein und ihr den tödlichen Schlag verpasst haben soll, der, so weiter im Text, wahrscheinlich nur tödlich war, weil Tugce einen zu festen Ohrring trug und ihre Schädeldecke an der Seite, auf die sie stürzte, dünner war als an anderen Stellen. Man kann es sich nicht ausdenken, was das alles bedeuten soll. Die Redakteure nennen es, sollte das alles stimmen, eine “verhängnisvolle Verkettung von Zufällen”. Und schliessen folgendermassen:

“So aber wurde es eine Nacht, die ein Menschenleben gekostet hat. Und die aus einem Täter einen Töter machte, dessen Leben jetzt endgültig im freien Fall ist.”

Fazit also: Der arme Sanel. Er konnte ja nicht anders, er musste Tugce ja schlagen. Sie hat immerhin “verpissen” und “Hurensohn” zu ihm gesagt. Ist also gar nicht die tolle Heldin, zu der sie gemacht wurde. Nänänänänä. So, jetzt lass mal in die Kantine. Hoffentlich ist nicht wieder Veggi-Day.

So oder so ähnlich muss es sich abgespielt haben. Die Chefredaktion freut sich, hui, endlich mal ein anderer Blick auf die ganze Geschichte, endlich mal die Möglichkeit sich von den anderen abzusetzen, endlich wieder eine Story, über die soch diese ganzen dummen Gutmenschen aufregen werden. Und da wir noch den Absatz mit der Wahrheit reingenommen haben, kann keiner was sagen. Wir suchen ja nur nach der Wahrheit, alles andere interessiert uns nicht, auch wenn es unbequem sein kann.

Unbequem bedeutet beim Spiegel übrigens ein paar Leserbriefe (in der gleichen Ausgabe druckt man vorne, auch nicht ohne Stolz, eine ganze Seite mit Leserbriefen ab, die den Spiegel für sein groteskes Griechenbashing auf dem letzten Cover kritisieren) und Forumstrolle, vielleicht mal ein böser Tweet.

Ein Text, der Zivilcourage kleinzureden versucht, der sexistische Klischees von Anno Tobak bemüht und vertritt, gespickt mit etwas latentem Rassismus, das ganze mit einem Kritik vorwegnehmenden Absatz zu entschärfen versucht und natürlich halbseitig bebildert mit einem schönen Mädchen. Wow.

Ein so metertiefes Absinken unter vor Jahren selbst aufgestellten Qualitätsstandards, hätte ich zumindest dem Spiegel niemals zugetraut. Der Verkaufsgedanke ist in der Redaktion angekommen.

Die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Aber Abonnent werd ich dann wohl jetzt doch erstmal lieber nicht. Ich will ja den Spiegel und kein Heft, dessen Texte anscheinend mittlerweile von texanischen Kleinstadtsherrifs geschrieben werden.



Fünfzehntausend

Ich hab mich total vertan. Im ersten Moment, als ich gehört habe, dass 10.000 Menschen durch Dresden marschieren und meinen, für Deutschland zu demonstrieren, habe ich mich total erschrocken. Vor der großen Zahl. Vor der großen Ahnungslosigkeit. Vor dem großen Hass.

Eine Woche später waren sogar 5000 Demonstranten mehr dabei, aber plötzlich hatte ich gar keine Angst mehr. Es wurde sogar noch besser: Ich hab mir die angeguckt, hab alles gelesen, was ich in die Finger bekam, gehört, geschaut. Und was soll ich sagen: Ich musste plötzlich total lachen. Denn sind wir doch mal ehrlich: Diese Fremdenfeindlichkeit, die sich da endlich mal für jeden sichtbar entlädt, die ist doch total absurd. Aus dem letzten Jahrtausend. Ein Anachronismus, der sich jetzt noch einmal aufbäumt, so wie Plateauschuhe von Buffalo, aber das kann man doch beim besten Willen nicht ernst nehmen.

Ich gucke mir diese Menschen an und denke: Ich kann ja niemandem verbieten, für dumme Dinge auf die Straße zu gehen, dumme Dinge nachzuplappern oder dumme Dinge zu glauben, nur weil sie so dumm sind, dass es jedem denkenden und empathischen Menschen schwer fällt, zu glauben, dass das überhaupt mal jemand so formuliert hat oder irgendjemand ernsthaft glauben kann.

“Man muss die Sorgen ernst nehmen” heißt es und zuerst habe ich genauso gedacht. Aber einen Scheiß muss man. Man muss den Pegida Demonstranten die kalte Schulter zeigen. Den Rücken zudrehen. Ich muss niemanden bekehren, ich verlange Selbstverantwortung von meinen Mitmenschen. Dialog kann sich nicht immer nach dem dümmsten Menschen im Raum richten, sonst geht es nicht voran.

Die Pegida ist ein Witz. Und wenn morgen 20.000 durch Dresdens Straßen ziehen. Dann sind das eben 20.000 Idioten. Warum sollte es nicht so viele dumme Menschen geben und warum sollten die sich nicht versammeln, um ihre Dummheit gemeinsam zu zelebrieren? Das macht doch total Sinn.

Wir müssen keinen Dialog mit denen suchen. Wir haben alle Türen offen gehalten. Die möchten nicht reden. Das ist okay. Aber dann sollen die auch die Fresse halten, wenn man über sie redet, denn offensichtlich wollen sie es nicht anders (man kommt so natürlich auch schneller in die Opferrolle). Sie sind argumentativ widerlegt, faktisch widerlegt und ethisch widerlegt. Wenn sie jetzt, zwei Tage vor Weihnachten, mit so vielen auf die Straße gehen, um gegen Mitmenschlichkeit zu demonstrieren, dann haben sie selber zu verantworten, eben jene Idioten zu sein, die an der “Wahrheit” so sehr interessiert sind, wie die AfD an einem gerechten und sozialen Staat. Nämlich gar nicht.

Ich habe kein Mitleid mehr für die Demonstranten. Nur Verachtung. Pegida, ihr seid wirklich eine der lächerlichsten Veranstaltungen, die jemals durch deutsche Straßen gezogen ist. Ihr seid nicht das Volk, ihr seid nicht Deutschland, ihr seid nicht mal Demokraten. Ihr seid einfach ein Haufen sehr vieler, sehr dummer Menschen. Das ist eigentlich alles.

Macht bitte weiter. Werdet mehr und mehr. Nichts ist schöner, als Idioten bei der Selbstentblössung zuzusehen.



Zehntausend

10.000 Menschen sind durch Dresden gelaufen, um gegen eine Religion zu demonstrieren. 10.000 Menschen, die sich Sorgen machen. 10.000 Menschen, die vielleicht Angst haben. 10.000 Menschen, die so viel Angst haben, dass sie deswegen auf die Straße gehen. Unter diesen Menschen war bestimmt ein Bäcker, bei dem sich die Leute morgens ihr Brot und ihre Zeitung holen. Darunter war bestimmt eine Kassiererin, bei der man seine Lebensmittel bezahlt. Mindestens einer in dieser Menge war sicher Lehrer, vielleicht für Physik. Bestimmt war auch eine Polizistin dabei. Eine Metzgerin. Ein Verwaltungsfachangestellter. Ein Versicherungsvertreter. Eine Zahnärztin. Ein Automechniker. Eine Putzfrau. Eine Buchhändlerin. Eine Dolmetscherin. Ein Koch. Ein Bauer. Eine Straßembahnfahrerin. Ein Bauarbeiter. Ein Programmierer. Eine Rentnerin. Eine Schauspielerin. Ein Musiker.

Selbstbewusst marschieren sie durch die Straßen, rufen “Wir sind das Volk” und fühlen sich auch so. Fühlen sich ungerecht behandelt. Glauben, die Welt besser zu machen, sie vor sich selbst zu schützen. Meinen den Finger in die Wunde zu legen, mit Informationen, die sie sich zusammen gesucht haben, von Menschen veröffentlicht, die wollten dass es genau zu dem kommt, wie es jetzt ist. Sie handeln aus Notwehr. Unverstanden und bisweilen sogar belächelt von einer Politik, die nur noch wegducken als Strategie kennt. Einer Arbeitswelt, die ein solches Verhalten adaptiert. Mitten in einem Sturm aus Informationen, in denen zuerst der gehört wird, der am lautesten ist oder am abstrusesten, was bei Informationen ungefähr den gleichen Effekt hat.

10.000 Menschen gehen auf die Straße, weil sie die Welt nicht mehr verstehen. Weil sie aufgehetzt, instumentalisiert und vor den Karren gespannt werden. Diesen Menschen wurde ein einfaches Feindbild konstruiert, dass sie dankend angenommen haben. Sie müssen die Schuld für ihre Misere nicht mehr in komplexen Zusammenhängen suchen, in einer Politik, die sie vergessen hat. Sie haben einen Sündenbock auf dem Silbertablett serviert bekommen: Der schlechte Asylant.

Rhetorik aus der Zeit, in der die ersten Asylbewerberheime brannten, taucht plötzlich wieder auf der Oberfläche auf. “Wirtschaftsflüchtlinge”, “Das Boot ist voll”, “Scheinasylanten”, “Die wollen sich doch hier nur durchfressen!” oder, mit Hinblick auf die menschenunwürdige Unterbringung vieler Asylsuchender hierzulande: “Denen geht es hier doch gut! Die kriegen mehr als Hartz IV!”.

Die Saat ist aufgegangen, die Hetze hat gezogen. All die Menschen, die seit Jahren Resentiments schüren, nennen wir sie mal BroSaPi, können sich nun die Hände reiben. Ausgerechnet auch noch in Dresden! Vor wenigen Wochen noch haben wir gefeiert, dass die Menschen hierzulande seit 25 Jahren nicht mehr fliehen müssen, nicht mehr alles zurück lassen müssen, um bei Null anzufangen. Nicht mehr Arbeit, Freunde, Familie verlassen müssen, um frei zu sein. Frei leben zu können. Und da war nicht mal ein Krieg, da waren keine zerstörten Heime. Da war totale Unfreiheit. Eingesperrtheit. Und die wurde gemeinsam aufgebrochen, friedlich niedergerungen.

Nun gehen die Menschen mir den gleichen Sprüchen wie damals auf die Straße. Aber alles ist anders. Sie kämpfen nicht für sich, sondern gegen Andere. Sie sind nicht beseelt von einem “Alles ist möglich”-Gefühl, sondern von einem “Nichts geht mehr”. Vielleicht kann ich diese Menschen verstehen. Aber vielleicht ist das Verständnis auch fehl am Platz. Mir macht es Angst, wenn 10.000 Menschen gegen Fremde auf die Straße gehen. Da kann am Ende nichts Gutes bei rauskommen.

Pegida, ihr mögt ein Querschnitt aus dem Volk sein, aber ihr seid nicht das Volk.

Ihr seid die Gefahr.



Es gibt nur cool und uncool und wie Edgar Wasser sich fühlt.

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Edgar Wasser, Deutschrap-Indie-Phänomen der letzten Jahre. Ich sag extra nicht Underground, denn so Underground ist er gar nicht mehr. Klar, vom Mainstream ist er noch meilenweit entfernt, aber auch nur aus freiem Willen. Wasser möchte kein Teil einer Industrie sein, die er scheiße findet und die für ihn nur scheiße produziert. Aber er möchte einen Teil vom Kuchen haben, den diese Industrie ungerechtfertigterweise nur für sich und ihre Big Player beansprucht. Deswegen ist die Zeit der Gratis-Online-Tapes zwar nicht vorbei, aber sie wird mal kurz ausgesetzt und eine käuflich erwerbbare EP wird zwischengeschoben, namentlich die „Tourette-Syndrom EP“ (Amazon-Partnerlink). Vielleicht um mal zu testen, ob das jemand kauft, vielleicht um endlich mal ein kaufbares Solowerk anbieten zu können: Es spielt keine Rolle, was der Grund für die vermutlich längste EP* aller Zeiten ist, Hauptsache sie ist. Und wie!

Nämlich äußerst gelungen: Deutschrap hat es gerade ein bisschen schwer, obwohl er so boomt. Oder vielleicht gerade deswegen. Überall kommen irgendwelche Acts um die Ecke, die man gut oder anstrengend finden kann, aber meistens bleibt irgendwas auf der Strecke. Vielleicht so was wie Haltung oder so, keine Ahnung. Ich bin ein Kind des 90er Raps. Des Boombap. Des Rucksacks. Da war Gangsta die Ausnahme und wenn, dann sowieso nur aus Amerika cool. Vor allem wegen der Authentizität. Hier hat nur gerappt, wer auch was zu sagen hatte. Das klingt missverständlich, ich meine das nicht nur inhaltlich. Auch technisch, grammatikalisch, wieauchimmer. Heute gibt es, dank größerer Auswahl, auch mehr großartige Acts, aber wo viel Licht, da auch viel durchschnittliche Scheiße und noch mehr Zeug, bei dem man froh ist, dass der Interpret überhaupt ein bisschen Taktgefühl hat. Man muss sich die Perlen mühsam raussuchen, Konsens ist schon lange kein guter Ratgeber mehr, wenn man sein Hörer-Glück im Deutschrap finden will.

Deswegen dieser Text, diese Lobeshymne auf Edgar Wasser. Auf seiner Platte beweist er auf jeden Fall wieder perfekt, was ihn zu so einem Ausnahmerapper macht: Die Stimme immer leicht am Anschlag der Aufregung, aber immer bedacht, nicht darauf reinzufallen, sondern eher durch diese ständige Angespanntheit ordentlich zu representen und den eigenen Aussagen Nachdruck zu verleihen.

Andererseits ist das große Motto der Platte „Glaubt mir doch nichts!“. Wasser möchte gehört werden, hält mit seiner Meinung zu Rap, Politik und öffentlichen Diskussionen nicht hinterm Berg, aber spannt jedes Mal ein Netz über den doppelten Boden, so meta, dass man manchmal auf dem Kopf stehend hinten wieder raus kommt.

Der Opener des Albums beispielsweise: In „Bad Boy“ rappt er als letzte Zeile einer jeden Strophe: „Es wär toll wenn ihr respektiert, dass man euch hier nicht respektiert.“ In einem Lied über Frauen im (deutschen) Hip-Hop. Das ganze Lied ist in seiner triefenden Ironie ein klarer Real Talk Track über den grotesk übertriebenen Sexismus im Rapgame, ebenso schmerzhaft wie perfekt auf den Punkt gebracht. Das kann Rap auch, muss man eben nur wollen.

Und Edgar Wassser will. Er gibt einen Fick auf Beliebtheitswerte, Wasser macht Rap, der sich wie Notwehr anfühlt, Notwehr gegen die Bescheuertheit dieser Welt. Und macht sich nichts vor, nicht auch selber Teil davon zu sein. Der Track „Faust“ beginnt mit einer ewigen Sample-Zusammenstellung aus seinen eigenen Tracks, in denen er unbedacht den Begriff „behindert“ oder „Spasst“ benutzt hat, nur um sich dann im Lied Gedanken darüber zu machen, wie sehr diese Begriffe eigentlich mit Bedeutung aufgeladen sind und wie das eigentlich so ist mit der Deutungshoheit. Um dann auch wieder im fast schmerzhaften Refrain zu landen, der da lautet: „Diskriminierung ist nicht cool, du Spasst, Diskriminierung ist behindert…“.

Edgar Wasser geht gerne dahin, wo es wehtut, doch wenn anderen Interpreten, von denen man das behauptet, dort mit umherzeigenedem Zeigefinger rumlaufen, baut sich Edgar Wasser erstmal die Hängematte auf, um zu gucken, wie lange er es in der Unerträglichkeit aushält.

Aktuellstes Beispiel: Der Track, den er am Releasetag des Albums rausgehauen hat und in dem er sich selbst zerpflückt für all die Widersprüche, die den Menschen nunmal so innewohnen. So selbstreflektiert ist kein anderer deutscher Rapper. Nicht einmal Max Herre:


(Selbstkritik-Direktlink)

Die Beats auf der Platte sind größtenteils ziemlich dope. Es gibt kleine Qualitätsschwankungen, aber die sind vernachlässigbar, schätze ich. Es pumpt schön und größtenteils geschmackssicher gesampled aus den Boxen. Geht voll klar, Kopfnicker.

Ich hab keine Ahnung ob Edgar Wasser die Rettung des Deutschrap ist. Vermutlich nicht. Weil er das gar nicht sein will. Aber, und das ist ja das gemeine, genau das könnte dafür sorgen, dass er es doch ist. Für mich auf jeden Fall die Rapplatte des Jahres. Auf genau so was hab ich gewartet.

*Eine EP ist etwas zwischen Single und Album. Meistens so um die fünf Tracks. Edgars EP hat 18 Tracks.



Weezers unglaubliche Popreise: „Everything will be allright in the End“

Weezer sind wieder da. Und mittlerweile kann man keinen Text mehr über die Band schreiben, ohne auch auf die Kritik an ihr einzugehen. Man ist also sozusagen zur Meta-igkeit gezwungen. Deswegen bringen wir es schnell hinter uns, damit wir uns ganz auf die neue Platte konzentrieren können:

Alle Pinkerton-Fans können sich jetzt schon mit etwas anderem beschäftigen. Den Rentals oder irgendwelchen anderen Lo-Fi-Noise-Pop-Acts, denn auch „Ewbaite“,wie der aktuelle Albumtitel abgekürzt wird, ist nicht die Platte, auf die ihr gewartet habt. Ich zweifele auch ganz erheblich daran, dass diese Platte jemals erscheinen wird. Weezer mit Pinkerton zu verwechseln ist ein beliebter, oft gemachter Fehler.

Pinkerton, das zweite Album der Band, war ein Stilbruch. Vielleicht ein Ausbruch. Auf jeden Fall ein Bruch. Der auf dem ersten Album etablierte, spezielle Weezer-Sound, der die ganze Welt begeisterte, war plötzlich wieder weg. Stattdessen viel Geschrei, wenig Metalreferenzen und ein Verzicht auf jegliche Cleanliness. Als würde sich jemand auskotzen. Klar, ein nach wie vor harmonisch wertvolles auskotzen, aber eben auch eine Verweigerung, dem selbst geschaffenen Mythos mehr Futter zu geben. Vielleicht war es Frust, vielleicht war es Langeweile, vielleicht die sture Lust aufs ausprobieren. Aber gleich nach diesem Album fanden Weezer zu ihrem ihnen so eigenen Sound zurück, besannen sich auf ihre alte Stärke und beschlossen wieder wie Weezer klingen zu wollen und nicht wie Indie-Band XY. Denn, ganz ehrlich, auch wenn ich das Album toll finde: Pinkerton könnte von jeder Indie-Band sein. Dafür braucht man Weezer wirklich nicht. Und schließlich klangen Weezer auf den sechs Alben nach Pinkerton auch wieder viel mehr nach dem blauen Album. Man darf also beruhigt davon ausgehen, dass die Band einen Sound hat, den sie machen will und der nicht wie auf dem zweiten Album klingt. Es bleibt die Ausnahme. Einigen wir uns also darauf, dass es Weezer-Fans und Pinkerton-Fans gibt. Aber Menschen, die meinen Fans der Band zu sein und die dennoch sagen, dass nach dem zweiten Album kein gutes mehr kam, sollten es doch wie Bassist Matt Sharp machen und nach Pinkerton die Band verlassen. (Übrigens: Beef scheint da nicht zu bestehen. Cuomo grüßt Sharp in den Credits des aktuellen Albums als „Awesome Musician“)

So. Puh. Die vermutlich nötigste und längste Einleitung, die man zu einer Plattenkritik schreiben kann und im Fall der Band auch leider muss. Nun aber, versprochen, kommen wir zum aktuellen Album: Everything Will Be Alright in the End
(Amazon-Partner-Link)

weezer

Das, wie schon zuvor das blaue und das grüne, von Ric Ocasek, Frontmann der Cars, produzierte Album soll eine Rückbesinnung sein. Auf alte Stärken. Auf alte Spielfreude. Auf publikumsteasende Nicht-Publikumsteasung. Auf Rivers Cuomos Songwriterqualitäten. Hat das hingehauen oder ging das daneben? Dem kommt man nur mit der beliebtesten Art der Plattenkritik auf die Spur: Die Track by Track-Analyse. Lets go:

Ain´t Got Nobody – Das Lied beginnt mit einem Filmsample. Alter Punkrockstyle. Ein tiefes, langes Ein-Ton-Riff mit diversen Sprachsamples, ein Tap-Taptap-Klatschen und von hinten schleicht sich plötzlich die Hook-Zeile an, um wie eine welle über einem zu brechen und mit dem fröhlich-verzweifelten Refrain wegzuspülen. Die Strophen eher mollig, rein verzweifelt. Und dann ein herrlich schräges Gitarrensolo mit einem kurzen „Nä Nänänä Nä“-Moment. Dazu am Ende noch Dupdupudp-Adlibs. Es ist ein bisschen vollgestopft mit tollen Ideen. Da geht die einzelne leicht unter. Aber, klar: Lieber ein zu volles als zu leeres Lied. Depri-Electro-Projekte mit zwei Menschen und Null Ideen hat die Welt nun wirklich schon genug.

Back To The Shack – Vergangenheitsbewältigung. In diesem Lied entschuldigt sich Cuomo für alles, was selbsternannte Weezer-Fans der Band in den letzten Jahren vorgeworfen haben. Nun ja. Ich für meinen Teil halte das für ein bisschen zu devot und sehe nicht wirklich, wofür sich die Band zu entschuldigen hat. Vorzuwerfen hat sie sich nichts, außer Sachen auszuprobieren. Aber wer von seiner Band immer nur den selben Kram vorgesetzt bekommen möchte, der sollte doch lieber bei Pink Floyd bleiben. Aber wie dem auch sei, sehen wir es als Handreichung, doch wieder mit auf den Weezer-Bandbus zu steigen. Der Song ist dabei vielleicht die typischste, klassische Rocknummer auf dem Album und vielleicht, ganz vielleicht, ist das ja auch die leise Ironie an der Sache: Ihr wollt nichts Neues? Hier habt ihr das älteste, was wir können.

Eulogy For A Rock Band – Hier kommt man der Schrägheit einer Pinkerton vielleicht noch am nächsten: Es rumpelt sehr ungelenk aus den Boxen, fast bedrohlich. Dazu ein Text, der mit den Worten „Goodbye Heroes“ beginnt. Rivers verabschiedet sich. Von einer Rock Band, die er offensichtlich geliebt hat. Und dann geht es in den Refrain, der fast die Anmutung eines 50er Jahre Liedes hat, in dem jemand seine Verflossene besingt: Adios, wir werden dich vermissen, aber die Zeit geht weiter und wir werden immer deine alten Lieder singen. Drama, Trauer aber auch Aufbruch und tiefe Liebe. Das kann Cuomo ja mit am Besten: Das große Drama im Rock suchen.

Lonely Girl – Es punkrockt aus den Boxen, im klassischsten Weezer-Sinn. Tiefes Grundriff, lieblicher Gesang, schöne Basslinie und ein typischer „Ich bin so alleine“-Text. Das ist weder originell, noch will es das sein. Solche Lieder entstehen in Studio Sessions und ich halte die nicht für Füller, sondern für eine Art Raumspray oder Räucherstäbchen: Vielleicht nimmt man das nicht so bewusst wahr, als das man drüber stolpern würde, aber es verbreitet eine angenehme Note im Raum. Aber klar: Das ist vielleicht der verzichtbarste Song des Albums. Vielleicht aber auch nicht. Mal weiterhören…

I´ve Had It Up To Here – Diese Abrechnung mit Fans, die nur Energie sucken und einer Band andauernd erklären wollen, wie sie zu klingen habe (Haben wir hier etwa einen roten Faden?), hat Cuomo nicht alleine geschrieben, sondern zusammen mit Justin Hawkins, Sänger von The Darkness. Und damit dürfte auch schon das Rätsel gelöst sein, warum Rivers zu Beginn des Songs in so ein herrliches Falsett springt. Die Gitarre klingt fast, für Weezer-Verhältnisse, funky, auf eine seltsame Art und weise. Überhaupt: die ganze Komposition dieses Songs ist ein seltsame Achterbahn, vielleicht um die eigene künstlerische Autonomität, um die es ja geht, noch mehr in den Vordergrund zu stellen. Ich mag diese Reise sehr. Vielleicht einer der stärksten Songs des Albums und deswegen auch perfekt positioniert nach „Lonely Girl“. Fallhöhe schaffen, dass ist das Erste, was man auch beim Drehbuch schreiben lernt. Das gilt für die Dramaturgie einer Tracklist natürlich ebenso.

The British Are Coming – Das war einer der Songs, die schon vorab die Runde gemacht haben, um Lust auf das Album zu machen. Und ich war sofort Feuer und Flamme. Hier beweist Cuomo wieder im besten Sinne seine Harmoniesucht, was Akkordfolgen betrifft. Eine wunderschöne Rockmelancholie mit einem metaphorischen Eroberungstext. Und einem klassischen Rocksolo an einer Stelle, die man nicht kommen sieht. Wenn die Engländer kommen, dann bitte so.

Da Vinci – Das Lied fängt so an (übrigens als Opener der zweiten Seite des Vinyls), dass die Menschen, die Weezer dafür hassen, nicht mehr die Pinkerton-Band zu sein, bestimmt im Strahl kotzen müssen: Mit einer beschwingten Gitarre und einem fröhlichen Pfeifen. Pfeifen! Das darf man doch nicht! Keine Rockband pfeift mehr auf ihren Platten! Das ist doch so Asbach! Wer pfeift denn noch ernsthaft?

Die Antwort? Weezer! Und zwar auf die Leute, die pfeifen für unadäquat halten. Denn es geht hier um einen wunderbaren Popsong, um eine Liebeserklärung. Der Sänger des Songs ist so unglaublich begeistert von seiner neuen Liebe, er ist so beschwingt und erstaunt über so ein überirdisches Wesen, dass er nicht nur, wie im Refrain, sagt, wie unfassbar und unbeschreibbar seine Liebe ist, sondern das er auch beschwingt durch die Straßen läuft und wer hat da keine schöne Melodie pfeifenderweise auf den Lippen? Mehr als nachvollziehbar. Und zum Ende steigert sich das ganze Lied in ein harmonisches Noise-Gewitter, gerade so als würde man den Pinkerton-Fans, die nach dem pfeifen sofort entnervt das Lied geskippt haben, die lange Nase zeigen. Herrlich.

Go Away – Eigentlich ist es etwas traurig, dass es nicht öfter passiert. Ja, das die Band sogar vielleicht eine Sängerin fest dabei hat. Aber sei es, wie es ist: Weezer Songs eignen sich seltsamerweise auffällig oft für Duetts, vor allem mit weiblichen Konter-Parts. In diesem Fall ist es die Sängerin Bethany Cosentino von der Band Best Coast. Und wie die wenigen Male zuvor, ergänzt sich auch ihre Stimme perfekt mit der von Rivers Cuomo. Vielleicht ist es auch einfach seine immer leicht brüchige Stimme, die so oft wie am Anschlag klingt, die sich so gut mit diesen schönen, ganz leicht verrauchten Frauenstimmen verbinden lässt. In Go away, einem klassischen Schlussmach-Song, ist es auf jeden Fall schön durch den abwechselnden Gesang der Beiden das Gefühl zu bekommen, beide Seiten zu hören. Mehr Duette!

Cleopatra – Der Song hat mehrere Besonderheiten. Textlich geht es um jemanden, der sich endlich von Kleopatras Bann lossagen will. Ähm. Ja. Aber die Vermutung liegt nahe, dass die Geschichte eher ein Mittel zum Zweck ist. Dazu aber gleich. Beginnen wir mit dem Anfang des Lieds: Akkustikgitarre, Mundharmonika. Wer sich schon in Richtung Folk wähnt, der wird bitter enttäuscht. Nach der ersten Strophe geht es gleich ziemlich direkt in den Stromgitarrenrefrain. Und da kommen wir zu den Besonderheiten:

1.) Cuomo scheint seine Zeile „You can´t control me no more, Cleopatra!“ einfach durchzusingen, ohne jede Rücksicht. So wie Kleopatra ja auch geherrscht haben soll. Das führt dazu, dass Pat Wilson am Schlagzeug einen Beat auslassen muss, um wieder in den Rhythmus zu kommen. Dieser bewusste Stolperer fällt sofort auf. Herrlich. Ich mag das, wenn sich Popsongs den Luxus leisten, irgendein im besten Sinne “störendes” Element zu haben, das sie besonders macht.
2.) Singt er immer „Cleopatra, Patra, Patra“, was inhaltlich wenig Sinn macht, aber halt super klingt und somit, vermutlich zur Lösung des Textes führt: Es ging anscheinend nicht so sehr darum, unbedingt ein Lied über die Pharaonin geschrieben zu haben, sondern darum, dass dieser Name so einen tollen Klang hat, mit dem sich so schön rumspielen lässt. Und das hat er dann einfach gemacht. Ein großartig trockenes Gitarrensolo, dass zu einem zweistimmigen Classic Rocksolo wird, tut sein übriges. Super Song.

Foolish Father – Vater Cuomo singt, an eine Frau gerichtet, sie möge doch ihrem dummen Vater vergeben. Im Streit zu leben und auseinander zu gehen ist doch Scheisse. Und ausserdem: Everything will be alright in the end. Das singt am Ende des Lieds ein Mädchen-Chor. Zyniker mögen dem Lied Naivität vorwerfen. In Wirklichkeit ist es doch wunderschön. Eine Versöhnungs-Hymne. Ein Appell für die eigene Familie. Dafür, das alle mal Fehler machen, mehr oder weniger. Aber das ein liebender Vater auch mal ein Narr sein kann, vielleicht sogar sein muss. Kinder begreifen so etwas meistens erst sehr spät und erschrecken dann. Aber hey, egal wie er einem vorkommt: Er ist noch der gleiche Vater, der damals mit einem irgendwelchen Unsinn gemacht hat, den die Mutter nicht sehen wollte. Darum geht es in dem Lied und wer bei dem Ende nicht wenigstens eine leichte Gänsehaut bekommt, der sollte vielleicht mal die eigene Abgebrühtheit überdenken. Macht Spaß die abzulegen. Echt!

The Futurescope Trilogy: I. The Waste Land II. Anonymus III. Return To Ithaka – Sie ist wieder da: Die Rock Oper! In diesem Fall ein dreigeteiltes Lied mit zentralem Gesangsstück, welches wiederum “Let it be”-Flair verströmt. Nun, wer ein Album macht, dass sich auf so vielen Metaebenen mit dem Themenkomplex „Rock“ beschäftigt, der muss so eine Platte natürlich auch episch beenden. Wobei man es hier einfach mit einem längeren Song zu tun hat, der in seinen kurzen Breaks einfach dreigeteilt wurde. Aber wie dem auch sei: Durch die Titelgebung und die Aufteilung macht sich durchaus pathetisches Epos-Feeling breit und da muss man natürlich sagen: Besser hätte man so eine Platte auch nicht beenden können. Die Gitarren geben noch mal alles, im dritten Teil wird noch mal das große Solo ausgepackt, um den Zuhörer dann ganz in Ruhe in die Ruhe zu entlassen. Die Ruhe ohne Rivers, ohne Weezer, ohne das jemand einem sagt, dass „Everything will be alright in the end“.

Was soll ich sagen: Man muss diese Band lieben, um sie zu verstehen. Und genauso wie ich mich wundere, wenn ich sehe das es noch Fans von den Spin Doctors gibt, so wundern sich wohl vor allem hierzulande viele Menschen, wenn man zugibt Weezer-Fan zu sein. Aber ich kann es nur noch einmal und immer wieder betonen: Das Songwriting von Rivers Cuomo ist unglaublich. So viele Harmonien, die mich berühren, so viel Mut zum Pathos, auch wenn es manchmal peinlich sein mag, so eine Liebe zu Pop und Rock gleichermaßen und zu versuchen, dass in jedem einzelnen Lied unterzubringen: Das ist das Größte, was man musikalisch versuchen kann. Man muss vielleicht daran scheitern, aber es so konsequent auszuprobieren, zeugt von so viel Liebe und Überzeugung, eines Tages den Schlüssel zu finden, dass ich gar nicht anders kann, als mich davor zu verneigen. Ich mag mit dem Herz eines Fans sprechen, aber ich spreche aus tiefster Überzeugung:

Weezer sind meine Beatles.



Der jüdische Patient - Oliver Polak versteht mich anscheinend

Ich mag Oliver Polak. Nicht nur finde ich sein Stand-Up extrem lustig. Wir sind uns auch schon ein paar Mal “privat” über den Weg gelaufen und ich hab mich jedes Mal gefreut, ihn zu treffen. Ob es ihm allerdings umgekehrt genauso ging, kann ich nur ahnen. Ich glaube, ich habe ihn nicht sehr gestört, einmal hat er sich sogar gefreut mich zu sehen. Ansonsten aber haben wir es irgendwie nicht so richtig geschafft, zu connecten. Immer auch eher zu meinem Bedauern, hatte ich das Gefühl.

Nun hat Polak ein Buch geschrieben (Der jüdische Patient, Amazon-Partnerlink) über eine sehr spezielle Zeit in seinem Leben: Nachdem er, nach seiner ersten Tour und Lesereise, total ausgebrannt in seiner Bude lag und für nichts mehr so richtig zu begeistern war, beschloss er, dass vielleicht ein kurzer Aufenthalt in der psychiatrischen Abteilung des örtlichen Krankenhauses ihm endlich einmal wirklich helfen kann. Aus dem geplanten kurzen Aufenthalt wurden mehrere Wochen, ja, Monate. Monate in denen er auf eine sehr spezielle Art zurück ins Leben fand, oder besser, in den Alltag. Er hatte eine Ruhepause genommen, eine Auszeit um sich wirklich klar zu werden, was er eigentlich will. Und, lucky us, hat er diese Zeit literarisch verarbeitet und vermutlich nichts weniger, als eines der meiner Meinung nach, besten Bücher des Jahres darüber geschrieben (welches ich übrigens begeistert an einem halben Sonntag verschlang, weil ich es nicht mehr weglegen konnte…).

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Dabei ist meine Begeisterung eventuell sogar ein kleines Bisschen egoistisch, denn an den meisten Stellen im Buch dachte ich nur: Ja, genau! Ich konnte so viele Dinge so gut nachvollziehen. Auch die schlimmen, die einsamen, die frustrierten. Ich hatte manchmal regelrecht Angst davor, denn in letzter Konsequenz würde das bedeuten, dass ich mich doch vielleicht auch einmal einweisen lassen muss. Oder? Das hab ich mir zumindest bei Teilen des Buches gedacht. Für viele andere Passagen möchte man Polak einfach nur knutschen. Seine Liebeserklärung an Udo Jürgens und die ganze darauffolgende Geschichte ist so rührend und nah, dass sie schon fast ein eigenes Buch wert wäre. Überhaupt: Begegnungen. Sie sind das große Thema des Buches. Polak trifft persönliche Helden oder solche, die es sein könnten. Genauso wie arme Würste die sich vor allem durch seine Erzählungen oder Anmerkungen offenbaren. Während um ihn herum das Irrenhaus tobt, scheint er, der sich gerade als „irre“ hat einliefern lassen, das ruhige Auge des Wirbelsturms zu sein.

Das angenehme an Oliver Polaks Schreibstil ist diese seltsame Beiläufigkeit, mit der er sein ganzes Leben erzählt. Man hat das Gefühl, ganz en passant erzähle er von seinem schwierigen Verhältnis zu seiner Mutter oder die Familiengeschichte der jüdischen Polaks in der Nähe von Oldenburg, kurz nach dem Krieg bis heute. Dieses Nähe, diese Distanzlosigkeit ist es, die einem, so abgedroschen das auch klingen mag, Geschichte näher bringt, sie begreifbar macht. In einer Zeit, in der Hitler sowieso nur noch zu einer Witzfigur verkommen ist (inklusive einer Parodie von Polak selbst in einem KIZ-Video), ist es umso wichtiger, diese beschissene Zeit, in der deutsche Nachbarn jüdische Nachbarn auf Befehl getötet haben (oder deutlich seltener gegen Befehl versteckt und gerettet), greifbarer zu machen, näher zu bringen. Und da tritt Polak die Tür auf und sagt: Guck mal, das haben deine beschissenen Vorfahren meinen Vorfahren angetan. Einfach so, weil ihnen jemand gesagt hat, dass sie das machen sollen. Da muss man schlucken. Und das soll man auch.

In den Momenten, in denen Oliver Polak ganz klar Stellung bezieht, in seinem Buch, Ungerechtigkeit benennt, ohne da irgendeine falsche Scham an den Tag zu legen, in diesen Momenten ist „Der jüdische Patient“ unfassbar stark. Da will man mit dem Buch einschlagen. High Five. Aber auch in den stillen, leidenden Momenten, in den Phasen, in denen dem Protagonisten klar wird, wie wichtig Liebe ist, was sie bedeutet, was sie kann und was sie nicht kann, entwickelt das Buch einen Sog. Einen anderen, aber ebenso großartigen. Und der ganze Gossip, die ganzen Anekdoten, nach denen man den Autor alle ausfragen will („Wer war das?!?!?!“), machen das Erlebnis perfekt. Vielleicht ist nicht alles wichtig, was da drin steht. Vielleicht ist es sehr Ich-bezogen. Vielleicht ist „Der jüdische Patient“ auch nur eine der längsten und kompliziertesten Liebeserklärungen, die es gibt. Vielleicht ist es aber auch das alles zusammen. So oder so, das ist ein wirklich tolles Buch und ich bin froh, das gelesen zu haben. Und wer weiß: Vielleicht connecten wir ja nächstes Mal mehr oder danach oder danach. Vielleicht auch nicht, es wäre gar nicht mehr so schlimm. Ich weiß ja jetzt, wie ähnlich wir uns sind. Da versteht man sich blind.



Bitte nur Gedenken, wo es gut aussieht.

In Berlin wird 25 Jahre Mauerfall gedacht und dafür haben sich die Künstler Christoph und Marc Bauder, vermutlich im Auftrag des Berliner Stadtmarketings, etwas besonderes ausgedacht (denn besondere Jubiläen erfordern besondere Aktionen): Entlang der ehemaligen Grenze, also der Berliner Mauer, zieht sich eine Spur beleuchteter Ballons, die am Sonntag Abend um 19 Uhr losgelassen werden und in den Berliner Abendhimmel entschweben und somit den Fall der Mauer und den Sieg der Freiheit signalisieren. Dazu spielen die Philharmoniker am Brandenburger Tor Beethovens Ode an die Freude. Ein großer Festakt, neben Wowereit stehen wohl auch Gauck, Gorbatschow und Walesa auf der Bühne, um die ersten Ballons zu verabschieden. So weit, so üblich changierend zwischen “ganz gute Idee” und “woher kommt eigentlich die Angst vor Originalität”.

Aber und das ist ein großes, fettes “aber”, weil ich einerseits zwar keinen Bock habe, der Partypooper zu sein, andererseits aber so wütend darüber bin, dass ich mal wieder mein Blog dafür nutze, es loszuwerden: Ist es bei der Planung der Aktion eigentlich folgendermassen abgelaufen?

“Du, super Idee, wir stellen Ballons dann am gesamten Grenzweg entlang auf!”
“Boah, das gibt super Bilder!”
“Ja, gut, wir mögen die Idee. Eine Frage: Muss es denn die ganze Grenze sein? Also, seien wir doch mal ehrlich, die Hostels und Touristen, die befinden sich ja eher im Stadtkern…”
“Ja und die Logistik, wenn wir die Ballons wirklich entlang der kompletten Grenze aufstellen würden…”
“Ja, eben, die machen die ja überall kaputt!”
“Das kann man gar nicht bewachen!”
“Und was das wieder kostet!”
“Und es ist ja eigentlich auch egal, es geht ja eher um die Geste. Die Menschen aus den anderen Vierteln, die zwar auch durch die Mauer getrennt waren, aber die nicht so wichtig sind, die sind ja herzlich eingeladen, in die Innenstadt zu kommen und sich dort die Lichtgrenze anzusehen!”
“Ja, eben! Hach, Lichtgrenze ist so ein schöner Begriff. Da weht doch gleich so ein Hauch von André Heller durch die Stadt…!”
“Also abgemacht: wir sagen, die Ballons stünden auf dem Weg der ehemaligen Mauer und verschweigen einfach dezent, dass es nicht durch ganz Berlin geht. Dann findet das jeder toll.”
“Juchuh! Ich hol schon mal das Helium!”
“Ja, aber sei vorsichtig, Klaus!”

Ungefähr so muss es sich abgespielt haben. Für mich nutzt dieses ganze Aktion die Mauer, ihre Gewalt, ihre Toten und das wichtige Andenken an sie, als einen Ort des Terrors, nur aus um ein bisschen hippes Stadtmarketing zu betreiben. “Hey, Berlin ist eine verrückte Stadt, die macht alles anders. Guckt mal, wo hier überall Ballons stehen. Übrigens: Heute haben auch die Geschäfte auf!”

Und das mag kleinlich sein, aber wenn die Ballons die GESAMTE BERLINER Grenze entlang gestanden hätten (so, wie ich es zuerst verstanden hatte), hätte ich das derbe gefeiert, als eine Aktion, die die Mauer einreisst, die die Stadtteile zusammenführt und ihre Freude darüber vermitteln will, dass diese verkackte Mauer nicht mehr steht. Eine Aktion für Berlin eben, die damalige zerteilte Stadt. So aber kann ich die Ernsthaftigkeit in dieser Frage der Beteiligten nur anzweifeln und muss sagen, hier wurde halt versucht, einen weiteren schicken Selfie-Spot für den innerstädtischen Hostel-Ring anzulegen, aber mit aufrichtigem Gedenken, zu einem sehr erfreulichen Jubiläum, hat das nichts zu tun. Da feier ich den Mauerfall lieber wieder, wie immer, im Stillen für mich und freue mich, dass wir ein Land sind und über all die fantastischen Menschen, die ich ohne die Wiedervereinigung nie getroffen hätte.

Das kann mir kein verhunztes Stadtmarketing der Welt nehmen.