Ehrlich gesagt hab ich gar keine Lust mehr auf diese Kackdiskussion. Ich hab mich da auch sehr bewusst rausgehalten in letzter Zeit, obwohl man da eigentlich jeden Tag was zu schreiben könnte. Aber dieser neue “offene Brief”, der mit viel TamTam die Diskussion wieder um zehn Schritte zurückwirft und einen konstruktiven Dialog erneut erschwert bis unmöglich macht, lässt mir keine andere Wahl als mich zu wehren. Denn wenn mir etwas an allem Beiträgen von allen Seiten am meisten auf den Keks geht, dann ist es dieses Wiederkäuen von Dingen, die nicht stimmen. Und natürlich das nicht-weiterdenken von Positionen. Erwachsen sein sieht anders aus. Insofern ist folgender Text bitte als notwendige Selbstverteidigung und Positionierung zwischen den Stühlen zu verstehen:
Piraten!
Ich tu alles was ich kann, euch zu verteidigen, aber ihr macht es mir nicht unbedingt leichter. Am lautesten rufen eure Blindschleichen, die denken sich ganz clever auszudrücken und am Ende des Tages nur für noch mehr Missverständnisse sorgen. An dem Begriff “geistiges Eigentum” gibt es wenig zu rütteln, weil das nur eine Begrifflichkeit ist. Das ist doch wirklich erstmal scheissegal wie man kreative Leistung nennt. Wenn ihr euch so an dem Begriff stört, dann nennt es meinetwegen “orange-karierte Glasbaisers” oder “Aachener Glitzerpimmel” oder wie auch immer, das spielt doch überhaupt keine Rolle. Wie man so sehr an so einem sinnlosen Nebenkriegsschauplatz festhalten kann, der die momentane Debatte auch noch unnötig auflädt, Trennschärfen verwischt und on Top auch noch zusätzliche easy Angriffsfläche bietet, ist mir ein Rätsel. Wenn ihr Call of Duty spielt, zieht ihr eurer Figur doch auch nicht zuerst mal ein schönes Neonoutfit an, damit die Heckenschützen euch besser treffen können. Wie kann man nur so verbohrt sein. Fuck the Begrifflichkeiten, arbeitet lieber an Realitäten. So weit ihr da was machen könnt.
Und, bitte, lasst euch verdammt noch mal nicht so vorführen. Ich weiss das ihr alle keine Medienprofis seid und das erwartet ja auch niemand. Gerade wenn man einen ungewöhnlichen Standpunkt hat, wird man in einer Talkshow schonmal schnell Kanonenfutter. Auch eure Freiheit, das jeder so sein kann wie er will, mag niedlich wirken, für euch vielleicht sogar authentisch, aber dieser ganze Zirkus da draussen ist ein Spiel. Um Codes, man kann das auch coolness nennen. Und das ist ja relativ einfach.
- Barfuss in Latschen bei Jauch sitzen: Nicht cool.
- Verängstigt bei Lanz sitzen, weil einen vier Menschen ohne Ahnung gleichzeitig angreifen: Nicht cool.
Ja, das ist oberflächlich, but guess what: Weder Lanz noch Jauch noch sonst irgendwelche Talkshows sind an inhaltlicher Tiefe interessiert. Da geht es ums Schlagzeilen generieren. Und wenn da einer seine Zehennägel präsentiert, dann ist das die Schlagzeile, egal was der sagt. Das müsst ihr nicht gut finden, das könnt ihr auch gerne ändern wollen. Aber durchs reine ignorieren geht nix weg. Isso.
Bringt mich aber vom Thema ab: Kreative. Urheber. Verwerter. Gema. Urheberrecht. Verwertungsrecht. Google. YouTube. Böse. Diebstahl. Raubkopie. Kein Raub. Abmahnung. Pfründe abstecken. Felle davon schwimmen. Ausnutzen. Selbstvermarktung. Crowdfunding.
Ich schwöre, wenn ich noch einen von euch mit solchen Begriffen sinnlos in einer Talkshow oder einem offenen Brief im Netz hantieren höre oder sehe, kotze ich sofort. Ich kann diese ganze, hundertausendmal durchgkaute Scheisse nicht mehr hören. Wir, die wir wissen was ihr meint, wissen was ihr meint. Die, die nicht wissen was ihr meint, wissen es auch noch nicht, wenn ihr es ihnen zum zwanzigsten Mal sagt. Ganz einfach. Oder ich erklärs mal so: Flieg nach China. Geh zu einem Chinesen. Sag: “Adventskranzkerzenlichterglanz.” Der wird dich komisch angucken. Sags ihm noch mal. Er wird dich wieder komisch angucken. Sag es ihm ein weiteres Mal. Er wird dich immer noch komisch angucken. Sags ihm noch zwanzig Mal, sag es ihm 24 Stunden am Stück. Sag es ihm ein ganzes Jahr. Es wird nicht ein einziges Mal der Moment kommen in dem er sagt: “Ach so! Adventskranzkerzenlichterglanz!”. Vielleicht ist jetzt klar, worauf ich hinaus will. Erkennt doch mal an, das es da draussen Missverständnisse gibt und räumt die aus dem Weg!
Ach so: Die paar Pfeifen und Trolle bei euch, die immer stammeln das Künstler sich gefälligst neue Verwertungsmodelle aussuchen sollten, dass es kein Recht darauf gäbe mit seiner kreativen Arbeit Geld zu verdienen und dass die Künstler ja vom T-Shirt-Verkauf leben könnten, distanziert euch doch mal klar von denen. Das ist nämlich ultra-kontraproduktiv, was die machen. Auf die stürzt man sich, weil man dann am Besten ein “Piraten gegen Urheber” konstruieren kann, das ist spannender zu verkaufen. Wenn aber klipp und klar gemacht wird, dass das nicht Piratenmeinung ist, ganz unmissverständlich, dann kommt man in der Debatte vielleicht schon einen guten Schritt weiter.
Kreative!
Was ihr da macht, mit euren ganzen offenen Briefen, diesen ganzen Kriegserklärungen, dieses auf-sein-Recht-pochen, das ist so ungemütlich, unversöhnlich, ungenau und dumm, das es mir die Kehle zuschnürt.
Dabei ist es mir sogar egal, ob sich nun bereits erfolgreiche Künstler beschweren oder solche, die vielleicht mal erfolgreich werden oder waren. Das spielt alles keine Rolle. Aber dieses ewige: “Es gibt ein Recht und das muss nur mal richtig angewendet werden!” ist reaktionäre Kackscheisse. Das verweigern einer Realität, die sich trotz eines schwammigen Gesetzes weiterentwickelt hat, sogar darüber hinweggesetzt hat. Und alles was euch dazu einfällt, ist: Es gibt aber dieses Gesetz und das soll jetzt endlich einmal eingehalten werden! Ernsthaft?
Um meine Position nochmal klar zu machen, nochmal explizit auszusprechen:
Kreative sollen mit ihrer Arbeit das verdienen können, was sie wert ist. Sie sollen nicht nur Nebenprodukte dieser Arbeit (Merch etc.) als einzige Einnahmequelle haben. Nicht mal als Haupteinnahmequelle. Die muss nachwievor der Platten/CD/Download-Verkauf sein, um mal bei der Musik zu bleiben.
Nun ist das aber in der Realität nicht mehr so einfach, weil jedes digitale Gut beliebig oft vervielfältigt werden kann. Also können auch beliebig viele unbezahlte Kopien erstellt und verteilt werden. Das ist doof. Und dafür muss eine Lösung gefunden werden. Die Kulturflatrate ist da vielleicht ein erster Ansatz (Wie ich da immer höre: “Ja, aber das ist dann so kompliziert da einen Verteilungsschlüssel zu finden” Das ist natürlich nicht kompliziert, aber man muss es auch wollen…).
Die Lösung, die “die Kreativen” dafür bislang anbieten ist:
Äh.
Ach so, genau: Die Gesetze sollen durchgesetzt werden. Sprich: Jeder soll für jede Kopie, die er hat, bezahlen. Also kurz: Internet abschalten oder wenigstens komplett überwachen. Das geht doch sicherlich. Ach, darüber müssen sich die Künstler auch ihren Kopf nicht zerbrechen, das haben gefälligst die Anderen zu tun.
Ich versteh euch ja im Grunde genommen: Ihr habt dieses Lied aufgenommen und jetzt möchtet ihr die Liebe dafür in Geld ausgezahlt bekommen und der Gedanke ist ja durchaus erstmal richtig und berechtigt. Und auch das Verleger und Verlags-Bashing ist natürlich größtenteils totaler Quatsch, weil die ja auch was machen. Der Apparat kümmert sich ja um den ganzen Scheiss, den ein Künstler gar nicht machen will - geschweige denn alleine stemmen kann. Wie Rechtsfragen, PR, Vertrieb, Logistik und nicht zu vergessen die finanzielle Vorleistung, die man selber ja gar nicht auf Täsch hätte (und damit mein ich noch nicht mal den Vorschuss, der einem ja noch ermöglichen soll, sein Werk in Ruhe und stressfrei fertig stellen zu können…). Ausserdem halte ich Verlage als Filter nachwievor für Richtig und wichtig. Ja, jeder kann alles überall veröffentlichen. Aber bei einem Verlag weiß ich mit Sicherheit, dass da vorher nochmal 4,5 Leute draufgeguckt haben und das ein qualitatives Mindestmass erfüllt (ob es mir nachher gefällt steht ja auf einem anderen Blatt) wird. Für diese Sicherheit zahle ich als Kunde gern.
Ich lass mir aber als Kunde nicht gern sagen, was ich mit den Sachen zu tun hab, die ich gekauft hab. Ich kann gar nicht zählen wie oft ich in letzter Zeit die Aussage gehört habe, dass ich ein Buch für mich kaufen soll. Das die Weitergabe schon ein zahlender Leser weniger sei. Ja, das ist richtig. Und wenn ihr mir daraus einen Strick drehen wollt, dann verschenke ich nur noch Bücher aus meinem Besitz oder aus Antiquariaten, denn das ist ja wohl die Höhe. Auch werde ich Freunden nach wie vor CDs brennen von Platten, die mir gefallen (MIx-CDs/Mixtapes nehme ich ausdrücklich aus der Diskussion raus, denn wenn ihr auch noch was gegen die habt, dann habt ihr wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank). Vielleicht kaufen sie die dann, vielleicht reicht ihnen meine gebrannte Version. All diese Freiheiten nehme ich mir. Ich werde auch nachwievor Videos auf Lieblingslieder schneiden, weil ich das als Hommage an das Lied verstehe.
Mich regt am meisten auf, dass ihr euch nicht informiert. Dass ihr zu Tausenden offene Briefe unterschreibt in denen immernoch behauptet wird, jemand wolle das Urheberrecht abschaffen. Jemand wolle das Künstler nichts mehr verdienen. Das ist Bullshit und entweder dreist gelogen oder naiv uninformiert. Und ich weiss nicht, welche von beiden Varianten ich schlimmer finden soll.
Ich lese von Kreativen, die ich schätze, die ich für intelligent halte, für souverän, für zum Teil Intellektuell. Und ihr beschwert euch über Dinge, die so niemand gemeint hat? Ihr wollt die Piraten aufhalten? Aber von was denn bitte schön? Ja, die haben gerade Erfolg, aber die werden die nächsten 10 Jahre nirgendwo an einer Regierung beteiligt sein, was sollen die also ändern? Und wie? Warum muss sich eigentlich gefälligst alles nach euch richten? Warum analysiert ihr nicht die Situation und sagt: “Ey, lass uns alle gemeinsam eine Lösung finden, denn dann profitieren wir auch alle!”? Warum erkennt ihr nicht, wie dringend es ist, eine p r a k t i k a b l e Lösung zu finden?
An Alle!
Warum muss diese ganze beschissene Scheiss-Pseudo-Debatte in diesen verfickten Nachbarschaftskrieg ausarten? Ich würd euch am liebsten alle einsperren und erst wieder rauslassen, wenn ihr bereit seid euch die Hand zu geben. Ich will mich nicht mehr schämen müssen, kreativ zu sein. Bitte. Keine Scheingefechte mehr. Sondern konstruktiv sein. Das macht Spaß!
Lasst uns überlegen und brainstormen! Alle Vorstellungen sind erlaubt! Keine Schere im Kopf! Und irgendwann haben wir dann den Weg gefunden, wie sich keiner vom Anderen verarscht vorkommt. Wie jeder profitiert. Wie sich Werke verbreiten und der Künstler trotzdem nicht nur von Nudelsuppen leben muss (ausser natürlich er möchte das gern…). Wie der Konsument aus dem reichen Schatz an Kreativität schöpfen kann, den es auf der Welt gibt und wie wir Kreative die Menschen berühren und bewegen. Oder einfach nur erfreuen.
Ach, das wird schön.






































